Eine Band stellt EU-Pässe aus

Bilderbuch: Europa 22 (2019)

„Ein Leben ohne Grenzen.
Eine freedom zum Verschenken.
Eine Freiheit nicht zu denken.“

Bilderbuch: Europa 22

Im Frühjahr 1989 baut Ungarn die Zäune und Sicherungen an seiner Grenze zu Österreich ab. Tausende DDR-Bürger nutzen die Gelegenheit zur Flucht in den Westen, Monate bevor die Berliner Mauer fällt. Als die Außenminister Ungarns und Österreichs Ende Juni den Grenzzaun symbolisch durchschneiden wollten, müssen ihre Mitarbeiter suchen, um überhaupt noch ein geeignetes Stück zu finden.

Maurice Ernst, Sänger der österreichischen Indie-Pop-Band Bilderbuch, ist damals ein Jahr alt. Das Europa, in dem er aufwachsen wird, strotzt vor Optimismus und Freude über die die neugewonnene Freiheit. Mit Schwung schreitet die europäische Einigung voran. Die EU wächst Schritt für Schritt. 26 Staaten mit zusammen 400 Millionen Bewohnern schließen sich dem Schengener Abkommen an und bauen die Grenzen untereinander ab.

Ich schließe meine Augen / Und fahr geradeaus / Ich rausche wie ein Wasser / Nichts hält mich mehr auf“ – In „Europa 22“ singt Ernst über dieses grenzenlose Europa und beschwört die Freiheit, nicht groß darüber nachdenken zu müssen.

Die Band veröffentlich den Song 2019. Die Welle der Öffnung ist längst verebbt. Das Denken wird nationalstaatlicher, Europas Optimismus hat Schrammen bekommen.

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In der Flüchtlingskrise 2015 liegt die Schengen-Idee plötzlich auf Eis. Deutschland führt Kontrollen an der Grenze zwischen Bayern und Österreich ein. Österreich, Dänemark, Schweden und Norwegen folgen. Die EU-Kommission genehmigt die Kontrollen vorübergehend, besteht aber darauf, den Schengen-Status bald wiederherzustellen.

In ganz Europa wittern Rechtspopulisten und EU-Kritiker Morgenluft. Ausgerechnet Ungarn, ein Vorreiter der europäischen Öffnung, hat mit Victor Orbán einen Ministerpräsidenten, der sich explizit gegen die Flüchtlingspolitik der EU-Kommission stellt. Bei den österreichischen Präsidentschaftswahlen setzt sich Ende 2016 der grüne Kandidat Alexander Van der Bellen nur knapp gegen den Rechtspopulisten Norbert Hofer durch. Kurz zuvor haben die Bürger des Vereinigten Königreichs für einen EU-Austritt gestimmt.

Mit dem Song „Europa 22“ will die Band Bilderbuch ein Zeichen setzen. Sie besingt die Freiheit, auf der Autobahn bei Tempo 120 von Land zu Land zu reisen und dabei auf die elektrisierend blauen Schilder zu schauen. Und bei dem Song lässt sie es nicht bewenden.

Wenn man so einen Song liegen hat, muss man sich überlegen: Verleiht man dem etwas mehr Tiefgang mit einem Video, mit einer Aktion, mit einem Foto?“, sagt Maurice Ernst in einem Radiointerview. Die Idee, die Köpfe der Musiker für die Pressearbeit in EU-Pässe zu montieren, spinnen sie schnell weiter: „Hey, das könnte doch jeder machen! Jeder, der einen EU-Pass haben möchte, könnte da ein Selfie hochladen.“ Die „EU-Pässe“ der Band sind online in weniger als einer Minute erstellt.

Die Idee kommt bei den Fans an, über 30.000 basteln sich den Pass und verbreiten ihn über die sozialen Medien. Ein paar deutsche Prominente tun es ihnen gleich: TV-Komiker Jan Böhmermann zum Beispiel, Justizministerin Katarina Barley und Außenminister Heiko Maas. „Es hat uns überrascht, dass sich Politiker so weit hinaus trauen und mit unserer Agenda als Band identifizieren wollen“, sagt Ernst. „Da bekommt es mit einem Kribbeln zu tun.“

Zum EU-Pass der Band: http://bilderbucheuropa.love

(Text: Martin Kaluza, März 2019)

Triumphale Rückkehr

Wolf Biermann: Ballade von den verdorbenen Greisen (1989)

„Wir wollen dich nicht ins Verderben stürzen,
du bist schon verdorben genug.
Nicht Rache, nein, Rente!
Im Wandlitzer Ghetto
und Friede deinem letzten Atemzug.“

Wolf Biermann: Ballade von den verdorbenen Greisen

5.000 Menschen stehen in dicken Winterjacken in der Messehalle in Leipzig, weil sie nicht verpassen wollen, was auf der Bühne passiert: Wolf Biermann sitzt mit seiner Gitarre auf einer Kiste, sein Hemd verwegen aufgeknöpft. Radio und Fernsehen übertragen das Konzert in Ost und West.

Biermann hat einen neuen Song im Gepäck. Schon nach der ersten Zeile: „Hey Krenz, du fröhlicher kalter Krieger, ich glaube dir nichts, kein einziges Wort!“ bricht das Publikum in jubelnden Applaus aus. Biermann unterbricht den Song. „Ihr dürft nicht da reinklatschen. Ihr müsst doch davon ausgehen, dass der Genosse Krenz, um den uns nicht alle Völker beneiden, dass der jetzt am Fernsehapparat sitzt. Und dann muss er doch wenigstens den Text verstehen.“

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Es ist der 1. Dezember 1989, drei Wochen zuvor ist die Mauer gefallen, Leipzig war mit seinen Demonstrationen ein wichtiger Schauplatz der friedlichen Revolution. Für Biermann ist der Auftritt eine triumphale Rückkehr: Es ist sein erster öffentlicher Auftritt in der DDR seit 25 Jahren.

Egon Krenz ist als Honecker-Nachfolger zu diesem Zeitpunkt Staatschef der DDR. An ihn adressiert singt Biermann: „Du hast ja die Panzer in Peking bejubelt, ich sah dein Gebiss beim Massenmord.“ Und weiter: „Du bist unsere Stasi-Metastase am kranken Körper der Staatspartei.“ Das Publikum jubelt und lacht.

Biermann widmet Politbüromitglied Kurt Hager, Stasi-Chef Erich Mielke, TV-Agitator Karl-Eduard von Schnitzler und – „na, da fehlt doch noch einer“ – Erich Honecker jeweils eine Strophe und fordert im Refrain: „Nicht Rache, nein, Rente!“

Biermann, in Hamburg als Sohn von Kommunisten geboren, war mit 16 Jahren in die DDR übergesiedelt. Bereits ab 1964 – damals hatte er gerade seine ersten Songs geschrieben – durfte Biermann nicht mehr in der DDR auftreten. Platten nahm er heimlich auf und ließ die Aufnahmen in den Westen schmuggeln. In seinen zornigen, beißend-ironischen Liedern teilt er gegen den Kapitalismus ebenso aus wie gegen den korrumpierten Sozialismus. Er wird zum Star der Linken im Westen und zur Schlüsselfigur der DDR-Opposition. In seiner Wohnung in der Chausseestraße 131 in Berlin gehen Intellektuelle ein und aus, DDR-Dissidenten, aber auch Westdeutsche wie Udo Lindenberg.

Sein erstes öffentliches Konzert nach dem Auftrittsverbot spielt Biermann am 13. November 1976 in der Bundesrepublik, in der Kölner Sporthalle. Am 16. November lässt die DDR ihn nicht mehr einreisen und entzieht ihm die Staatsbürgerschaft. Die Ausbürgerung ist ein Schock. Für DDR-Führung wird sie zum Eigentor. Sie zieht eine Welle offener Solidarität unter Schriftstellern und anderen Intellektuellen nach sich und gilt als Anfang vom Ende der DDR.

Als Biermann 13 Jahre später in der Messehalle in Leipzig singt, ist die Mauer zwar gefallen, aber die DDR besteht noch. Mit der Ballade von den verdorbenen alten Männer trifft Biermann am 1. Dezember 1989 den Nerv des Publikums. Doch der Beifall fällt deutlich gedämpfter aus, als er von der Idee eines „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ singt. Biermann ist gegen die Wiedervereinigung, wünscht sich eine Alternative zur Bundesrepublik. Mit Biermanns erstem DDR-Konzert nach 25 Jahren schließt sich ein Kreis. Doch was die Zukunft bringt, ist noch völlig offen.

(Text: Martin Kaluza, Januar 2019)

Die Rapperin der Geflüchteten

M.I.A.: Borders (2015)

„Borders – what’s up with that?
Your privilege – what’s up with that?
Boat people – what’s up with that?
The new world – what’s up with that?“

M.I.A.: Borders

Ein starkes Bild folgt auf das nächste: In langen Schlangen ziehen Menschen durch die Wüste. An einem hohen Drahtzaun klettern sie empor und formen das Wort LIVE. Hunderte stehen in sandfarbenen Kaftanen dicht zusammen, so arrangiert, dass sie das Bild eines Dampfers abgeben. In ihrer Mitte sticht eine Frau heraus: Die Rapperin Mathangi Arulpragasam. Bekannter ist die aus Sri Lanka stammende Londonerin unter dem Künstlernamen M.I.A. Sie hat die Flüchtlingskrise des Jahres 2015 mit starken, ästhetisierenden Bildern in ein Popmusikvideo übersetzt. „Grenzen“, singt sie. „Was ist damit eigentlich?“

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Als das Video erscheint, geht ein tragisches und politisch bewegtes Jahr zu Ende. 1,3 Millionen Menschen flüchteten 2015 aus Syrien und Afghanistan, aus dem Irak und aus afrikanischen Staaten nach Europa. 4.000 Menschen ertranken im Mittelmeer. Das politische Klima hat sich aufgeheizt, ein Riss geht durch die EU, entlang der Frage, welches Land wie viele Geflüchtete aufnimmt.

Ich bin selbst Flüchtling“, sagt M.I.A. in einem Interview mit dem Fernsehsender Al Jazeera. „Als Teil des multikulturellen Britannien bin ich so etwas wie ein Vorzeigekind geworden. Ich kann mich nicht hinstellen und ihnen sagen: ‚Bleibt weg!‘ Ich will dazu beitragen, dass Multikulturalismus und Integration funktionieren und nicht als Problem gesehen werden.“

Geboren ist die Tochter tamilischer Eltern in London. Dort hatte ihr Vater Arul Pragasam in den siebziger Jahren und nach Schulungen bei der PLO die „Eelam Revolutionary Organization of Students“ (EROS) gegründet. Die Rebellengruppe tritt für einen unabhängigen tamilischen Staat im Norden Sri Lankas ein. Die meist hinduistischen Tamilen stellen ein Achtel der Inselbevölkerung, während die überwiegend buddhistischen Singhalesen drei Viertel ausmachen.

1983 bricht ein Bürgerkrieg aus, Regierungstruppen wie Rebellen gehen mit äußerster Brutalität vor. Auf Seiten der Tamilen gilt das besonders für die Tamil Tigers, sie rekrutieren Kindersoldaten und versetzen die Insel mit Selbstmordattentaten in Angst und Schrecken. Während sich auch EROS-Mitglieder den Tamil Tigers anschließen, sucht Mathangis Vater als Vermittler zwischen Regierung und Rebellen die Deeskalation – erfolglos. Mutter und Tochter bringen sich in Sicherheit, zunächst in Indien, später gehen sie zurück nach London – als Flüchtlinge.

M.I.A. rappt aus der Perspektive von Migranten und Nicht-Weißen in westlichen Ländern, sie singt für Frauen, die um ihre Rechte kämpfen, und sie scheut die Provokation nicht. Ihre Musik ist global, sie wird für Grammys und einen Oscar nominiert, ihre Songs sind im Kinoerfolg „Slumdog Millionaire“ zu hören. 2012 singt M.I.A. mit Madonna in der Halbzeitshow des Super Bowl. Dafür, dass sie ihren Mittelfinger Richtung Kamera streckt, verklagt die Football-Liga NFL den Fernsehsender auf Schadenersatz in Millionenhöhe.

M.I.A. nutzt ihre Bekanntheit. „Ich bin die einzige Tamilin, die in den westlichen Medien vorkommt, und ich habe die Möglichkeit zu berichten, was in Sri Lanka passiert“, sagt sie Anfang 2009 im US-Fernsehen. „Dort findet gerade ein Völkermord statt!“ In Sri Lanka bringt ihr das vor allem bei Angehörigen der singhalesischen Mehrheit Kritik ein. In den Kommentarspalten ihrer Online-Videos hinterlassen regierungstreue Trolle Hassbotschaften. Selbst die deutsche Band MIA bekommt irrtümlicherweise von der blinden Wut etwas ab.

Santhush Weeraman, Sänger der bekanntesten Popgruppe Sri Lankas, wirft M.I.A. vor: „Ich habe großen Respekt für ihre Kreativität, aber es gibt keinen Völkermord in Sri Lanka. Sie nutzt ihren Ruhm aus und denkt sich Geschichten über Sri Lanka aus. Das sind alles Lügen und Humbug.“

Das allerdings lässt sich leicht widerlegen. 2008 hatte Präsident Mahinda Rajapakse einen Vernichtungsfeldzug gegen die Tamil Tigers begonnen, der einem UN-Bericht zufolge 40.000 Zivilisten das Leben kostete. Ebenso wahr ist, dass auch die Tamil Tigers Kriegsverbrechen begangen haben. Im Mai 2009 sind die Rebellen besiegt, der Bürgerkrieg beendet. Nach Versöhnung sieht es lange nicht aus. Erst als Rajapakse 2015 in den Wahlen unterliegt und die Macht an Maithripala Sirisena abgibt, entspannt sich die politische Lage im Land – die Anschläge vom April 2019 zeigen, wie brüchig der Frieden noch immer ist.

Der Text von „Borders“ richtet sich an die Social Media-Generation. M.I.A. ruft eine Reihe Schlagworte auf: „Grenzen“ und „Dein Privileg“, auch Slang wie „being bae“ oder das im Kampf um gleichgeschlechtliche Ehe beliebte Motto „love wins“. Wie ein Mantra schließt sie an jedes die offen und so gar nicht belehrend gestellte Frage an: „What’s up with that?“ – Was ist denn nun damit?

M.I.A. spricht im Interview auf Al Jazeera über „Borders“:

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(Text: Martin Kaluza, Dezember 2018)

Gesang des Gastarbeiters

Ozan Ata Canani: Deutsche Freunde (1978)

„Und die Kinder dieser Menschen
Sind geteilt in zwei Welten
Ich bin Ata und frage euch
Wo wir jetzt hingehören“

Ozan Ata Canani: Deutsche Freunde

Anfang der 1960er Jahre brummt die Nachkriegswirtschaft der Industriestaaten Westeuropas, und ganz besonders die der Bundesrepublik. Das einzige, was den Aufschwung aufzuhalten droht, ist der Mangel an Arbeitskräften. Die Türkei leidet in der gleichen Zeit unter massenhafter Arbeitslosigkeit und Armut. 1961 schließen die beiden Staaten ein Abkommen über die Anwerbung ausländischer Arbeitnehmer. Bis zum offiziellen Anwerbestopp zwölf Jahre später zieht es 867.000 Arbeitnehmer aus der Türkei nach Westdeutschland.

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Ozan Ata Canani, 1963 in Maras geboren, ist Kind eines türkischen Arbeiters und kommt mit 12 Jahren nach Deutschland. Nach dem Anwerbestopp ist es für Türken und andere EU-Ausländer kaum noch möglich, saisonweise in Deutschland zu arbeiten. Viele der Arbeiter lassen sich deshalb fest in der Bundesrepublik nieder und holen ihre Familie nach.

Canani widmet sich neben der Schule der Musik. Er spielt Saz, eine Laute mit langem, schmalen Hals, die auch „Baglama“ genannt wird. Bald schreibt er seine ersten Songs – oft auf Türkisch, aber genauso gerne auf Deutsch. Damit gilt er als der Erfinder des türkischen Songs in deutscher Sprache.

Der junge Musiker singt über das, was er kennt: die Lebensbedingungen von Einwanderern in Deutschland. Ein Satz des Schweizer Schriftstellers Max Frisch hat es ihm besonders angetan: „Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kommen Menschen.“ Er stammt aus einer Rede, die Frisch schon 1965 gehalten hatte, in der Schweiz war es damals um italienische Gastarbeiter gegangen.

Canani ist gerade einmal 15 Jahre alt, als er um das Frisch-Zitat herum den Song „Deutsche Freunde“ strickt. Er zählt die Länder auf, aus denen die Menschen gekommen sind, „aus Türkei, aus Italien, aus Portugal, Spanien, Griechenland, Jugoslawien“. Sie kommen „Als Schweißer, als Hilfsarbeiter/Als Drecks- und Müllarbeiter/Stahlbau- und Bahnarbeiter/Sie nennen uns Gastarbeiter/Unsere deutsche Freunde“. Jede Strophe endet ironisch mit der Zeile: „Freunde, Freunde, sie haben haben am Leben Freude.“

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Und vierzig Jahre vor Mesut Özils Rücktritt aus der Deutschen Fußballnationalmannschaft und der anschließenden #metwo-Debatte stellt Canani die Frage nach der Identität der zugewanderten Kinder. Er richtet sie direkt an die deutschen Freunde: „Und die Kinder dieser Menschen/Sind geteilt in zwei Welten/Ich bin Ata und frage euch/Wo wir jetzt hingehören“. Die Richtung der Frage ist wichtig: Fragen Deutschstämmige die Gastarbeiterkinder, wo sie hingehören, schwingt darin – wie im Fall Özil – die Forderung nach einem klaren Bekenntnis mit. Doch Canani fragt sinngemäß zurück: Welchen Platz seid ihr denn bereit, uns einzuräumen?

Canani macht sich in der deutsch-türkischen Musikszene einen Namen. Er schließt sich der Band „Die Kanaken“ an, 1979 gewinnt er den Liedermacherwettbewerb der Stadt Duisburg „Kleiner Mann – was tun?“ Für den WDR nimmt eine handvoll Songs auf und tritt sogar in Alfred Bioleks Fernsehsendung „Bio’s Bahnhof“ auf. Doch allmählich gerät „Deutsche Freunde“ in Vergessenheit.

Der Berliner Autor Imran Ayata und der Münchner Künstler Bülent Kullukcu kramen den Song nach Jahrzehnten hervor, als sie ein ganzes Album mit Liedern von Musikern aus der ersten Generation von Einwanderern in Deutschland zusammenstellen. Da es keine gute Aufnahme von „Deutsche Freunde“ gibt, bitten sie Canani 2013, den Titel noch einmal neu einzuspielen. Er erscheint auf dem Sampler „Songs of Gastarbeiter Vol. 1“. Der Song erinnert daran, dass man schon 1978 das hätte tun können, was die #metwo-Debatte im Jahr 2018 einforderte: einfach mal zuhören.

Ozan Ata Canani hat unterdessen seinen Platz gefunden. Er lebt in Leverkusen und arbeitet in der Elektrobranche. Seit sein Song über die deutschen Freunde neu veröffentlicht wurde, tritt er wieder regelmäßig auf.

(Text: Martin Kaluza, Oktober 2018)

Schockvideo aus dem Irrenhaus

Childish Gambino: This is America (2018)

„This is America
Don’t catch you slippin‘ up
Don’t catch you slippin‘ up
Look what I’m whippin‘ up“

Childish Gambino: This is America

Der beschwingte Gospelchor, der zu hören ist, wirkt seltsam zum Bild der verlassenen Fabrikhalle. Ein Mann sitzt auf einem Stuhl und spielt fröhliche Folk-Arpeggien. Dazu tanzt Childish Gambino mit nacktem Oberkörper, grimassierend und mit unheimlich überzogenen Bewegungen. Dann geht alles ganz schnell: Der Gitarrist hat nun einen Sack über dem Kopf, Gambino zieht eine Pistole aus dem Hosenbund und schießt ihm in den Kopf. „This is America“, singt er, und die Musik kippt an dieser Stelle in einen düsteren Trap-Beat.

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Gambino singt und tanzt weiter auf die Kamera zu, gibt die Waffe an einen herbeigeeilten Helfer weiter, der sie auffällig sorgfältig in ein rotes Tuch legt. Um den Erschossenen kümmert sich niemand. „Das ist Amerika. Lass dich bloß nicht erwischen. Guck, was ich angerichtet hab!“

Der Song und das Video gehen so verstörend weiter wie sie begonnen haben. Gambino tanzt in ruckartigen Bewegungen, einzelne Posen sind an Jim Crow angelehnt, eine Karikatur, mit der Weiße im 19. Jahrhundert Schwarze als singende, tanzende und dümmliche Menschen verhöhnten. Bei seinem Tanz wird Gambino fröhlich umschwirrt von einem Ballett junger Leute in Schuluniformen.

Der Beat wechselt zurück ins Beschwingte, bevor der nächste Gewaltausbruch stattfindet: Gambino trifft auf einen Gospelchor und mäht alle Mitglieder mit einem Maschinengewehr nieder. Wieder wird die Waffe sorgfältig in einem roten Tuch entgegengenommen.

Childish Gambino, der bürgerlich Donald Glover heißt, ist kein unbekannter Künstler. Mit seinen ersten Rap-Alben hatte er moderaten Erfolg, ein großer Wurf war ihm noch nicht geglückt. Glover, Sohn eines Postangestellten und einer Pflegerin, wuchs unter Zeugen Jehovas auf, studierte an der Tisch School of the Arts Drehbuch. Er kreierte die Sitcom „Atlanta“ um einen erfolglosen jungen Rapper, spielt dort selbst eine der Hauptrollen und gewann den Golden Globe.

Das Video zu „This is America“ drehte Glover mit Hiro Murai, einem der Regisseure der Serie. Sie trafen einen Nerv: Bereits am Tag der Veröffentlichung wurde es 3 Millionen mal angeklickt, zwei Monate später waren es über 300 Millionen. Und das, obwohl das Video kein leicht verdaulicher Pop ist.

Glover und Murai haben viele Bezüge und Seitenhiebe kunstvoll hineinkodiert, die ein düsteres Gesamtbild der US-Gesellschaft zeichnen. Der Angriff auf den Gospelchor erinnert an den Anschlag von Charleston, wo 2015 ein weißer US-Bürger eine Kirche stürmte und während der Bibelstunde neun Afroamerikaner ermordete.

Andere Hinweise sind versteckter. So sieht der Mann, der am Anfang des Videos erschossen wird, dem Vater von Treyvon Martin ähnlich, dem schwarzen Teenager, der vor acht Jahren von einem privaten Wachmann in einer Gated Community grundlos verfolgt und ermordet wurde.

Es ist kein Zufall, dass Childish Gambino das Video am 4. Mai 2018 veröffentlichte. An diesem Tag hielt die US-Waffenlobbyorganisation NRA ihre Jahreshauptversammlung ab.

Wer sich das Video mehrmals anschaut, entdeckt immer neue Details: Versteckt im Hintergrund der Tanzszene reitet ein Ritter der Apokalypse durchs Bild, jemand stürzt sich von einer Balustrade. Das ist bittere Satire: Rapper,Tänzer, afroamerikanische Entertainer, sie sind Teil der Unterhaltungsindustrie, die von den Misständen im Land ablenkt. Das ist die Rolle, die Amerika ihnen zugesteht.

Am Ende des Videos steht ein Filmzitat, das an den Horrorfilm „Get Out“ erinnert: Mit angstgeweiteten Augen rennt Glover einen dunklen Tunnel entlang, doch vor den gesichtslosen Gestalten, die ihn verfolgen, scheint es kein Entrinnen zu geben. Er ist gefangen im Irrenhaus aus Gewalt, Rassismus und Entertainment.

(Text: Martin Kaluza, Juli 2018)

Den geilen Leuten Mut machen

Feine Sahne Fischfilet: Zuhause (2018)

„Zuhause heißt –
wenn dein Herz nicht mehr so schreit
Zuhause heißt –
wenn die Angst der Freundschaft weicht
Zuhause heißt –
wir schützen uns, alle sind gleich
Zuhause heißt –
wenn dein Herz nicht mehr so schreit“

Feine Sahne Fischfilet: Zuhause

Wenn man jung ist und links, kann man es leichter erwischen als in Mecklenburg-Vorpommern aufzuwachsen. Dort hat die AfD bei der Landtagswahl 2016 über 20 Prozent der Stimmen geholt, die Zahl rechtsextremer Gewalttaten ist in den letzten Jahren stetig gestiegen. Auf Schulhöfen werden CDs mit Rechtsrock verteilt. Jugendliche, die nicht ins Weltbild der Rechtsextremen passen, wachsen mit deren Einschüchterungsversuchen auf.

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Die Punkrockband Feine Sahne Fischfilet, 2006 von Schülern gegründet, hätte es sich einfach machen können und nach Hamburg oder Berlin ziehen, weg von dem Ärger. „Bleiben oder gehen“ hieß eines ihrer Alben, und sie haben sich fürs Bleiben entschieden. Auf keinen Fall wollen sie sich einschüchtern lassen. „Ich würde mich immer auf die geilen Leute konzentrieren, die es überall gibt“, sagt Sänger Jan „Monchi“ Gorkow.

Wenn der Begriff nicht so nach Schlagerband klingen würde, könnte man sagen: Feine Sahne Fischfilet ist heimatverbunden. Ihr Song „Zuhause“ beschreibt eine solidarische Alternative zum manchmal schwierigen Heimatbegriff. Vor allem klingt „Zuhause“ nicht nach Abgrenzung zu Fremden: Dort, wo die Band sich zuhause fühlt, soll sich jeder wohlfühlen. Und dazu gehört, dass man sich gegenseitig schützt.

Auch als die Band schon längst auf großen Bühnen spielt, tingelt sie weiter durch Dörfer und Kleinstädte und zeigt den „geilen Leuten“, dass sie nicht allein sind. Vor der Landtagswahl 2016 in Mecklenburg-Vorpommern macht sie ihnen mit der Kampagne „Noch nicht komplett im Arsch“ Mut. In Anklam organisieren sie ein Konzert, bei dem auch Campino von den Toten Hosen und der Rostocker Rapper Marteria auf der Bühne stehen. Sie ernten Lob von unerwarteter Stelle: Bundesjustizminister Heiko Maas twittert am Tag darauf: „Tolles Zeichen gg Fremdenhass u Rassismus“.

Das gefällt nicht allen. Zunächst einmal antwortet die Band dem Minister: „Auch deine SPD glänzt nur mit Abwesenheit in Regionen wie Anklam.“ Und der CDU-Innenminister des Landes MV findet Maas‘ Verhalten „unanständig der Polizei gegenüber.“

Der Grund: Noch 2011 meinte der Verfassungsschutz Mecklenburg-Vorpommerns in den frühen Texten der Band eine „explizit anti-staatliche Haltung“ zu erkennen, sah sie als „politischen Zusammenschluss“ und als Teil der linksextremistischen Szene. Die Band klagte gegen die Beobachtung, erst seit 2015 taucht sie nicht mehr im Bericht auf.

Es ist absurd, dass wir da drin standen“, sagt Monchi in einem Interview auf dem Nachrichtenkanal Tagesschau 24. Das Misstrauen zwischen Staat und Band ist durchaus gegenseitig: „Dieser Verfassungsschutz hat damals mehr über uns geschrieben als über alle Nazibands in Mecklenburg-Vorpommern zusammen, mehr als über den NSU – und der hat in Rostock gemordet, der hat in Stralsund Banküberfälle begangen.“

Die Veröffentlichung ihres jüngsten Albums „Sturm & Dreck“ feierte die Band mit einem Konzert in Loitz, dem 4.500-Seelen-Ort, eine halbe Stunde südwestlich von Stralsund, wo sie gegründet wurde und ihren Proberaum hat.

(Text: Martin Kaluza, Juni 2018)

Tanz die Inflation!

Tabou Combo: Inflación (1975)

„Inflación en general
Inflación es en el mundo
Y el que tiene dinero
Tendrá siempre más y más

Inflación en general
Inflación mata la gente
Y el que no tiene dinero
Será pobre hasta la muerte“

Tabou Combo: Inflación

Haiti 1969, Albert Chancy besingt sein Auto, oder wohl eher das seiner Eltern, einen Toyota. Der junge Mann aus in Petion-Ville, einem Vorort der Hauptstadt Port-au-Prince, hat gerade die „Tabou Combo“ gegründet. Die Musiker sind Teenager, und als sie in einer Talentshow im haitianischen Fernsehen den ersten Platz belegen, sind sie mit einem Schlag im ganzen Land bekannt.

In der Karibik sind eigentlich große Tanzorchester üblich. Die Tabou Combo ist mit 12 Leuten vergleichsweise sparsam besetzt. Weniger Bläser, dafür eine dominante elektrische Rhythmus-Gitarre. Die Band singt auf Englisch, Spanisch, Französisch und Kreolisch. Sie bedient sich bei Merengue und französischen Quadrilles, sie mischt hypnotische Karnevalstrommeln mit amerikanischem Soul-Funk. „Konpa“ heißt der neue Stil, der schnell zum nationalen Kulturgut wird, die Tabou Combo ist sein bekanntester Vertreter.

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Chancys Eltern sind allerdings der Meinung, Musik sei kein seriöser Lebensunterhalt, sie schicken ihren Sohn 1970 zum Studieren nach Montreal. Die Tabou Combo, ihres Sängers und Gitarristen beraubt, löst sich trotz der Popularität auf – und gründet sich schon ein Jahr später wieder, in New York. Die Band ist am richtigen Ort zur richtigen Zeit: Nirgendwo wurden mehr Calypso-, Mambo- und Salsa-Platten aufgenommen als hier, die Stadt hat bereits Musiker aus Kuba, Panama, Puerto Rico und Trinidad zu Stars gemacht. Die Tabou Combo erspielt sich ein internationales Publikum. Ihr Song „New York City“ wird – das ist zuvor noch keiner Band aus der Karibik gelungen – in Frankreich zum Nummer-Eins-Hit, in Deutschland erreicht das gleichnamige Album immerhin Platz 47.

Der Stern der Tabou Combo geht auf, mit Haiti geht es bergab. 1971, nach dem Tod des seit 1957 regierenden Diktators François „Papa Doc“ Duvalier wird sein 19 Jahre alter Sohn Jean-Claude Duvalier Staatschef. 30.000 Todesopfer fordert „Baby Docs“ Regentschaft. 100.000 gehen, wie die Musiker der Tabou Combo, ins Exil – ein riesiger Brain Drain. Bis Jean-Claude Duvalier 1986 vor einem Volksaufstand an die Côte d’Azur flüchtet, haben er und sein Clan 100 Millionen Dollar Staatsgelder unterschlagen.

Während in Haiti von den Bands erwartet wird, die Errungenschaften der Duvaliers zu besingen, können die Musiker im Exil auch kritische Themen anpacken. 1975, sechs Jahre nach seiner Veröffentlichung, nimmt die Tabou Combo „Toyota“ noch einmal auf. Doch der alte Text kommt den Musikern nicht mehr zeitgemäß vor, ein Toyota ist für die einfachen Bürger Haitis unerschwinglich. Der neue Text, den Roger Eugène auf Spanisch singt, hat nur zwei Strophen, doch die Armutsschere könnte man auch mit vielen Worten nicht besser beschreiben:

„Überall Inflation / Inflation in aller Welt / Und wer Geld hat / wird immer noch mehr davon haben // Überall Inflation / Inflation bringt die Menschen um / Und wer kein Geld hat / bleibt arm, bis er stirbt“.

Ein beherztes „Arrrribaa!“ leitet den langen Tanzpart des Songs ein, denn darum geht es der Band. „Wir wollen, dass die Menschen tanzen und ihre Sorgen vergessen“, sagt Backgroundsänger und Songwriter Yves Joseph. „Inflación“ wird zum Hit.

Die Band gibt es auch 50 Jahre nach ihrer Gründung noch, sie tritt in Frankreich, in den USA und Mexiko auf. Haiti ist nach wie vor eines der ärmsten Länder der Welt. Größter Arbeitgeber sind der Staat und die zahllosen Hilfsorganisationen, Millionen Haitianer sind in den letzten zwanzig Jahren ausgewandert. Die Inflation ist das Land nie losgeworden. Seit 1991 stiegen die Preise um insgesamt 3.616,79 Prozent.

(Text: Martin Kaluza, Mai 2018)

Freiheit unterm Regenschirm

Beyond: 海阔天空 (Under a Vast Sky) (1993)

„Forgive me for being wild and yearning for freedom
Yet fearing someday I might fall down
To give up one’s dream, it isn’t hard to anyone
Never mind if someday there’s only you and me“

Beyond: Under a Vast Sky

Wong Ka Kui ist Sänger der Band Beyond, er ist ein Star des kantonesischen Pop. Den Ruhm allerdings kann er nicht so recht genießen. In Hongkong, sagt er, gäbe es gar keine Musik-, sondern nur eine Entertainmentindustrie. Von Plattenfirmen und Fernsehsendern fühlt er sich in ein Korsett gezwängt. Wong schreibt sich den Ärger von der Seele: „Verzeiht mir, dass ich wild bin und nach Freiheit giere / Trotz der Angst, dass ich eines Tages tief fallen könnte“. „Under a Vast Sky“ wird sein größter Song.

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1993, als die Band das Lied veröffentlicht, ist Hongkong noch britische Kronkolonie. Im Herbst 2014 erlebt der Song einen zweiten Frühling, er wird von zehntausenden Menschen auf der Straße gesungen. Sie fordern mehr Demokratie. Und sie scharen sich um das Lied des freiheitsliebenden Sängers, das eigentlich für eine ganz andere Gelegenheit geschrieben wurde, wie um ein Lagerfeuer.

Wong Ka Kui erlebt die Proteste nicht mehr. 1993, auf dem Höhepunkt seines Ruhms, fällt er der verhassten Entertainment-Industrie zum Opfer. Bei einem Fernsehauftritt in Tokyo fällt er von der Bühne und stürzt, Kopf voran, drei Meter in die Tiefe. Er verliert sofort das Bewusstsein und erliegt später seinen Verletzungen.

Auch die Wiedereingliederung Hongkongs in den chinesischen Staat bekommt Wong nicht mehr mit. 156 Jahre lang war Hongkong britische Kolonie gewesen und hatte sich vom unbedeutenden Fischerort zur boomenden Wirtschaftsmetropole entwickelt. 1984 schlossen Großbritannien und China einen Vertrag, der die Rückgabe für den 1. Juli 1997 festlegte. Dem Prinzip „ein Land, zwei Systeme“ folgend sollte die Stadt 50 Jahre lang den Status einer Sonderverwaltungszone mit vielen Autonomierechten bekommen. Für das Jahr 2017 stellte der Vertrag sogar freie Wahlen in Aussicht. Das hatte es nicht einmal unter den Briten gegeben.

Doch je näher das Jahr rückt, desto deutlicher wird Pekings Desinteresse an freien Wahlen. Im August 2014 beschließt der Nationale Volkskongress, dass der Regierungschef Hongkongs aus vier Kandidaten gewählt wird, die Peking zuvor abgesegnet hat. Dagegen regt sich Protest: Ende September bringt die Demokratiebewegung „Occupy Central“ Zehntausende auf die Straßen. Studenten bestreiken ihre Unis und errichten Protestcamps. Über Wochen sind ganze Straßenzüge gesperrt. Der Regenschirm wird zum Symbol der Bewegung. Wegen des schlechten Wetters – und weil die Demonstranten mit ihm das Tränengas der Polizei abwehren.

Nach zweieinhalb Monaten enden die Proteste. Im Dezember 2014 räumt die Polizei die Camps, eines nach dem anderen. Peking ist keinen Millimeter von seinem Standpunkt abgerückt, gibt sich aber milde und will die Anführer nicht bestrafen. Doch das System vergisst nicht: Im August 2017 werden mit Joshua Wong, Nathan Law und Alex Chow drei Anführer der Proteste zu Gefängnisstrafen zwischen sechs und acht Monaten verurteilt. Die Journalistin Mak Ying-Sheung steht vor Gericht, weil sie – im Auftrag eines Nachrichtenmagazins als Berichterstatterin vor Ort – im November 2014 nicht der polizeilichen Aufforderung gefolgt war, die Demonstration zu verlassen.

Mittlerweile haben auch die Wahlen stattgefunden, an denen sich die Proteste entzündet hatten. Am 1. Juli 2017 wurde Carrie Lam zur neuen Stadtvorsteherin gewählt. Abstimmen durften allerdings nur die knapp 1.200 Mitglieder eines Wahlkomitees, die meisten von ihnen Wirtschaftsvertreter und Peking-treue Lokalpolitiker. Vor dem Gebäude sammelte sich eine Gruppe von Demonstranten. Ihre Forderung: Nicht nur 1.200 Privilegierte sollen wählen dürfen – sondern alle Bewohner Hongkongs.

(Text: Martin Kaluza, März 2018)

Über 200 Jahre Trotz

Hannes Wader: »Trotz alledem« (1977)

„Wir hofften in den Sechzigern
Trotz Pop und Spuk und alledem
Es würde nun den Bonner Herrn
Scharf eingeheizt trotz alledem

Doch nun ist es kalt trotz alledem
Trotz SPD und alledem
Ein schnöder, scharfer Winterwind
Durchfröstelt uns trotz alledem“

Hannes Wader: Trotz alledem

Juli 1977, auf der Freilichtbühne beim Volksfest der KPD-Tageszeitung „Unsere Zeit“ tritt ein hagerer Liedermacher auf. Hannes Wader, Sohn eines Landarbeiters und einer Putzfrau, zupft die Gitarre wie ein amerikanischer Folk-Sänger und singt dazu ein sozialistisches Kampflied nach dem anderen. Er ist gerade erst der KPD beigetreten, der Deutschen Kommunistischen Partei. Beim Song „Trotz alledem“ singt das Publikum besonders begeistert mit.

Der Titel ist ein Dokument der Enttäuschung: Weder die Proteste der 68er noch die sozialdemokratische Regierung haben – so die Wahrnehmung damals – linken Idealen zur Umsetzung verholfen. Wader prangert auch Berufsverbote an, denn besonders Linke und Kommunisten werden in den 1970er Jahren nach dem Radikalenerlass geprüft, bevor man sie Lehrer oder Professoren werden lässt. Das Establishment gibt sich so schnell nicht geschlagen.

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Wader trifft mit dem Song einen Nerv, vor allem beim Seitenhieb gegen die SPD jubelt das Publikum. Der Mitschnitt des Konzerts erscheint unter dem Titel „Hannes Wader singt Arbeiterlieder“. Viele seiner alten Fans kehren ihm zwar den Rücken, weil er der DKP beigetreten ist. Doch das Album wird zum Klassiker – die Zeit nannte es einmal „Urmeter des sozialistischen Liedguts“.

Einen Titel namens „Trotz alledem“ hatte Wader zwei Jahre zuvor schon einmal auf Platte gepresst. Allerdings noch mit einem ganz anderen Text, der von Ferdinand Freiligrath stammte. Und auch das war nicht die erste Fassung des Liedes. Kaum ein Arbeitersong wurde so oft umgedichtet wie „Trotz alledem“. Nicht einmal die Melodie blieb immer die gleiche.

Seine Geschichte begann 1795 in Schottland: „For a‘ that“ war der erste politische Song, den der Nationaldichter Robert Burns an seinen Verleger schickte. Bis dato hatte er vor allem Liebeslieder geschrieben. Nun forderte er die Unabhängigkeit Schottlands und machte sich für die Abschaffung der Sklaverei stark.

Freiligrath übersetzte das Lied 1843 ins Deutsche, voller Hoffnung auf ein demokratisches Deutschland, errichtet nach den Werten der französischen Revolution: „Ob Armut euer Los auch sei / Hebt hoch die Stirn, trotz alledem! / Geht kühn den feigen Knecht vorbei / Wagt’s, arm zu sein trotz alledem!“ Gesungen wurde „Trotz alledem“ nach einer neuen, von Heinrich Jäde komponierten Melodie, später sogar zum Trinklied „Als Noah aus dem Kasten war“.

Im Sommer 1848 war das Feuer des Aufbruchs erstickt, die Revolution gescheitert. Freiligrath goss seine Enttäuschung noch im Juni in einen neuen Text: „Das war ’ne heiße Märzenzeit / Trotz Regen, Schnee und alledem! / Nun aber, da es Blüten schneit / Nun ist es kalt, trotz alledem! / Trotz alledem und alledem / trotz Wien, Berlin und alledem / Ein schnöder, scharfer Winterwind / durchfröstelt uns trotz alledem!“

Hannes Wader katapultiert den Song vor allem durch die Aufnahme von 1977 in jedes politische Lagerfeuerrepertoir. Auch andere Autoren dichten das Lied um: gegen Atomkraft; gegen die Unterdrückung in der DDR; gegen die Abkehr der FDP von der sozial-liberalen Koalition; gegen Technisierung und Überwachung. Ein rechtsradikaler Liedermacher versucht, den Song an sich zu ziehen, so wie die extreme Rechte immer wieder versucht, sich Codes und Rhetorik linker Popkultur anzueignen.

Und Hannes Wader? Auch ihn lässt der Song nicht los. 2006 textet er ihn erneut um. Sprachlich ist das neueste „Trotz alledem“ nicht mehr so klar und elegant wie Freiligraths Märzenzeit-Lied und Waders 1977er Fassung. Vielleicht, weil es für ein Kampflied ungewöhnlich dialektisch ist: Wader kritisiert den Kapitalismus, lehnt aber den Sozialismus in der Form ab, wie er real existiert hatte. Aus der DKP war Wader schon 1991 wieder ausgetreten.

Der Blutsonntag von Derry

U2: »Sunday Bloody Sunday« (1983)

„Broken bottles under children’s feet
Bodies strewn across the dead end streets
But I won’t heed the battle call
It puts my back up, puts my back up against the wall“

U2: Sunday Bloody Sunday

Es ist ein Sonntag, der 30. Januar 1972, als 15.000 Menschen in der Bogside, dem katholischen Teil der nordirischen Stadt Derry, für Bürgerrechte, bessere Wohnungen und gegen Diskriminierung protestieren. Die Stadt ist geteilt in privilegierte, protestantische Bewohner britischer Abstammung und verarmte, katholische Iren, die auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt nicht die gleichen Rechte haben.

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Die Atmosphäre ist aufgeheizt. Über Jahre hatte sich der schwelende Konflikt zwischen beiden Seiten verschärft. Plötzlich eskaliert die Situation. Britische Fallschirmjäger eröffnen das Feuer auf Teilnehmer der Demonstration. Die Opfer sind unbewaffnet, einige werden in den Rücken geschossen. 13 sterben gleich, ein weiterer später. „Ich habe keinen Zivilisten schießen sehen. Geschossen hat nur die Armee“, erinnert sich der katholische Priester Edward Daly. „Was mich am meisten entsetzte, war die Kaltblütigkeit der Fallschirmjäger. Sie lachten und machten makabre Witze, als die Menschen zu Boden gingen.“ London hingegen behauptet, die Demonstranten hätten die Armeeangehörigen zuerst angegriffen.

Das Massaker heizt den Bürgerkrieg zwischen Unionisten und Republikanern, zwischen pro-britischen und pro-irischen bewaffneten Gruppen weiter an. In 30 Jahren kostet er 3.500 Menschen das Leben. Das meiste Blut vergießt die IRA, die Irisch-Republikanische Armee. Ihre Bomben gehen nicht nur in Derry und Belfast hoch, sondern auch in Birmingham und Manchester.

Der Konflikt reicht bis ins 17. Jahrhundert zurück, als die englische Krone Siedler aus England und Schottland in den Nordosten Irlands schickte. Die Kolonialgeschichte steckt bis heute im Namen der Stadt, in der sich der Blutsonntag zugetragen hat: Unionisten und Briten nennen sie bei ihrem Kolonialnamen „Londonderry“, Iren und Republikaner beim alten irischen Namen „Derry“. Wer die Stadt nur erwähnt, bekennt Farbe – ob er will oder nicht.

Zehn Jahre nach den Ereignissen von Derry und unzählige Anschläge später nimmt die aus Dublin stammende Band U2 einen Song auf. Die Musik: Ein absteigendes Gitarrenriff in Moll, angetrieben von einer Marschtrommel, darüber die abgehackten Töne einer Violine, die quälend entstellte Inkarnation einer Irish Fiddle. „Ich kann nicht glauben, was ich heute in den Nachrichten gehört habe, und ich kann meine Augen nicht davor verschließen“, singt Bono. Mit einem beschwörenden „Wie lange müssen wir dieses Lied noch singen?“ leitet er in den Refrain über, der so zum Mitsingen anregt, dass das Lied bis heute oft als Partykracher missverstanden wird: „Sunday, bloody sunday! Sunday, bloody sunday!“

Einigen klingt die Marschtrommel zu kämpferisch, sie hören aus dem Song eine Rechtfertigung von Gewalt heraus. Doch die Band bekräftigt, dass das Lied vor allem ein Aufruf zur Versöhnung ist. Bono singt: „Ich werde dem Schlachtruf nicht folgen“.

Auf ein Ende des Bürgerkriegs müssen die Nordiren bis ins Jahr 1998 warten. Dann nämlich unterzeichnen die Staaten Irland und Großbritannien sowie unionistische und nationalistische Parteien Nordirlands das Karfreitagsabkommen. Referenden im Norden und Süden Irlands sichern einen breiten Rückhalt in der Bevölkerung. Die Grenzanlagen zwischen Nordirland und der Republik werden abgebaut. Die Polizei Nordirlands rüstet ab und stellt mehr Katholiken ein. Von der Stadtmauer Derrys verschwinden die Wachtürme. Am 15. Juni 2010 schließlich bittet Premierminister David Cameron im Namen der britischen Regierung um Verzeihung für die Taten der Armee am „Bloody Sunday“.

Als das Vereinigte Königreich sechs Jahre später über den Austritt aus der EU abstimmt, ist die Mehrheit der Nordiren dagegen. Vor allem unter den Katholiken hat die EU ein gutes Image. Was sie an Gleichberechtigung durchgesetzt hat, hätten sie allein London kaum jemals abgetrotzt. Der EU-Austritt Großbritanniens reibt Salz in alte Wunden.

Muss man nun ernsthaft die Grenzanlagen wieder aufbauen, deren Abriss so viel Geduld und so viele Opfer gefordert hatte? Als einen der ersten Punkte klärten die EU und die britische Regierung in den zähen Brexit-Verhandlungen genau diese Frage. Am 4. Dezember 2017 verkündeten die Verhandlungspartner: Eine „harte Grenze“ bleibt Nordirland und Irland erspart.

(Text: Martin Kaluza, Januar 2018)