Der Teufelskreis der Mauer

Anaϊs Mitchell: Why We Build the Wall (2006)

„Why do we build the wall
My children, my children
Why do we build the wall?

Why do we build the wall?
We build the wall to keep us free
That’s why we build the wall
We build the wall to keep us free“

Anaϊs Mitchell: Why We Build the Wall
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Im Herbst 2016 feiert ein ungewöhnliches Musical seine Premiere in New York. Anaϊs Mitchell, eine freundlich-verhuschte Folk-Sängerin aus Vermont, hat den antiken Mythos von Orpheus und Eurydike für die Gegenwart adaptiert: Die Welt ist von Umweltzerstörung und Dürren geplagt. Eurydike liebt den idealistischen Orpheus, der arm ist wie sie, weil das Land so wenig hergibt.

Hades, der König der Unterwelt, verspricht ihr das Paradies, wenn sie ihm folgt, und sie erliegt der Versuchung und verlässt Orpheus. Dort angekommen erfährt Eurydike, worin ihr Schicksal besteht: Sie ist als billige Arbeitskraft eingeplant. Von dem angeblichen Wohlstand bekommt sie nicht viel ab.

Zum ersten Mal führte Mitchell ihre Folk-Oper „Hadestown“ 2006 im Stadttheater von Barre auf, einer Kleinstadt mit 9000 Einwohnern zwischen Boston und Montreal. Da war sie frisch mit dem Studium fertig. 2010 veröffentlichte Mitchell ein Konzeptalbum mit den Songs, auf dem prominente Freunde wie Justin Vernon von der Band Bon Iver und Ani di Franco mitsingen. Mit der Dramaturgin Rachel Chavkin schreibt sie schließlich die neue Bühnenfassung, die 2016 am „Off-Broadway“ aufgeführt wird.

Den Zuschauern der Premiere bleibt vor allem bei einem Song der Atem stehen: “Why We Build the Wall”. Wie in einem Gospel schwört Hades seine Untergebenen auf den Bau einer Mauer ein. Geradezu hypnotisch singen sie sich im Frage-und-Antwort-Stil in einen Teufelskreis: Warum bauen wir die Mauer? Wir bauen die Mauer, um den Feind fernzuhalten. Der Feind ist Armut. Die Armen wollen Arbeit. Wir haben Arbeit, solange wir an der Mauer bauen. Die Mauer wird niemals fertig werden.

„Ich musste meine Jacke etwas enger ziehen, um die Gänsehaut loszuwerden“, schreibt Charles Isherwood, Musical-Kritiker der New York Times, über den Song. „Ich brauche Ihnen wahrscheinlich nicht zu erklären, warum.“

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Der Song wirkt wie ein direkter Kommentar zu Donald Trumps Präsidentschaftswahlkampf, der gerade die USA aufwühlt: Trump will eine „wunderschöne Mauer“ entlang der mexikanischen Grenze bauen, die illegale Einwanderung verhindern und Arbeitsplätze schaffen soll. Es ist als hätte Mitchell das geahnt. Ihr Song ist da bereits zehn Jahre alt.

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Als der britische Protestsänger Billy Bragg den Song ebenfalls 2016 in Chicago spielt, erinnert er das Publikum daran, dass zur gleichen Zeit die französische Polizei den “Calais Dschungel” räumt, eine von Geflüchteten errichtete Zeltsiedlung am Eingang des Eurotunnels. Und die EU, zu der das Vereinigte Königreich damals noch gehört, gewährt der Türkei Milliardenhilfen dafür, dass sie Geflüchtete etwa aus Syrien davon abhält, in die EU einzureisen.

Mit der Off-Broadway-Premiere ist die Geschichte noch nicht zu Ende. 2019 wird „Hadestown“ am großen Broadway gespielt und gewinnt den Tony Award für das beste Musical und die beste Musik.

Martin Kaluza, Februar 2022

2 Gedanken zu “Der Teufelskreis der Mauer

    • Puh, das kann dauern und wäre schade um den Song. Und Sie haben da natürlich ein ganz grundsätzliches Problem von Streaming und Sozialen Medien am Wickel, für das ich auch keine Lösung weiß. Aber: Es gibt den Song auch auf CD bzw. LP, die man unter anderem direkt auf der Website der Künstlerin bestellen kann.

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