Der Staat rappt zurück

Yotuel, Gente De Zona, Descemer Bueno, Maykel Osorbo, El Funky: Patria y Vida (2021)

„Schluss mit den Lügen
Mein Volk will Freiheit und keine Doktrinen mehr
Wir rufen nicht mehr ‚Heimat oder Tod!‘
Sondern ‚Heimat und Leben!'“

Yotuel u.a.: Patria y Vida
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Am 19. April 2018 endet die Ära Castro. Mit Miguel Díaz-Canel wählt die Nationalversammlung Kubas erstmals einen Staatschef, der nach der Revolution geboren wurde. Eine seiner ersten Amtshandlungen ist die Unterzeichnung des Dekrets mit der Nummer 349, das die Kunstfreiheit weiter einschränkt. Alle Kulturveranstaltungen müssen nun genehmigt werden, selbst solche, die in Privaträumen stattfinden, von Konzerten über Dichterlesungen bis hin zu Malwettbewerben.

Kurz bevor das Dekret in Kraft tritt, im Dezember 2018, werden mehrere Künstler bei Protesten vor dem Ministerium für Kultur verhaftet. Unter ihnen ist die Performancekünstlerin Tania Bruguera. Die Tate Modern, an der gerade eine ihrer Installationen läuft, solidarisiert sich.

Der Staat erhöht den Druck. Konzerte werden willkürlich abgesagt. Immer wieder greift sich die Polizei einzelne Rapper, Künstlerinnen und Aktivisten heraus und verhaftet sie, oft nur für ein paar Stunden – die UN dokumentiert die Repressionen. Die Kunstszene lässt sich jedoch nicht einschüchtern. Einige treten in den Hungerstreik, andere organisieren Demonstrationen und gründen Initiativen für die Meinungs- und Kunstfreiheit, etwa das „Movimiento San Isídro“, benannt nach einem Stadtteil Havannas, in dem viele Künstler leben.

Anfang 2021 schreibt Yotuel Romero, Sänger der kubanischen Rap-Combo Orishas, einen Protestsong. Bislang war er nichts als Systemkritiker in Erscheinung getreten. Nun prangert er, unterstützt von fünf weiteren Musikern, die Versorgungslage in dem seit Jahrzehnten vom Handelsembargo gebeutelten Land an, die sich mit der Covid-Pandemie und dem Einbruch des Tourismus dramatisch zugespitzt hat. Sie beklagen mangelnde Meinungsfreiheit, staatliche Willkür und Polizeigewalt. Im Refrain singen sie: „Wie rufen nicht mehr ‚Patria o muerte‘, sondern ‚Patria y vida’“ – nicht „Vaterland oder Tod“, sondern „Vaterland und Leben“. Allein das ist eine Provokation. Mit dem Schlachtruf „Patria o muerte!“ leitete Ché Guevara der Legende nach im Dezember 1956 die kubanische Revolution ein.

In Kuba, wo das Internet langsam und teuer ist, kursiert das Lied rasend schnell auf USB-Sticks. Eine Kommentatorin der staatlichen Nachrichtenagentur ACN schreibt, der Song sei „annexionistische Kotze, die denen in den Mund gelegt wurde, die angeblich und fälschlicherweise die kubanische Kultur repräsentieren.“ In anderen staatlichen Medien lautet der Vorwurf: Das sind alles Söldner, bezahlt aus dem Ausland. Gemeint ist vor allem Miami, wo eine große und einflussreiche Community von Exilkubanern lebt, unter ihnen viele nervige Anti-Kommunisten und Trump-Wähler. In Miami wurde der Song produziert. Zwei Rapper des Movimiento San Isídro schickten ihre Gesangsparts aus Havanna.

Und der Staat schlägt mit gleichen Waffen zurück: Er rappt. In einem abstrusen Video des Innenministeriums singen junge Polizisten erst in Zivil, später im Uniformhemd: „An alle, die glauben, sie könnten unseren Ruf durch eine Konterrevolution beflecken: Fickt Euch! Es heißt ‚patria o muerte‘, nicht wie Du sagst ‚patria y vida‘.“ Im Hiphop würde man das einen Diss-Track nennen. Ein paar Zeilen später die dringliche, in sozialistischen Staaten bekannte Aufforderung zur Selbstkritik: „Ich lade Dich ein, die Welt durch meine Augen zu sehen. Dann erkennst Du, wie der Verrat in das Herz eindringt und es ganz auffrisst.“

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Ein zweiter Song richtet sich an andere musikalische Geschmäcker. In fast schon religiöser Verzückung strahlt die Sängerin einer flotten Popballade: „Die Revolution wird noch 62.000 Jahrtausende bestehen!“ Der Titel des Songs sucht die Synthese: „Patria o muerte – für das Leben!“

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Im Juli 2021 gehen in San Antonio de los Baños, einer Kleinstadt unweit von Havanna, tausende Kubanerinnen und Kubaner auf die Straße, um gegen die Regierung zu demonstrieren. Rasend schnell verbreitet sich die Nachricht auf der Insel, Proteste in anderen Städten folgen, zwischenzeitlich schaltet die Regierung das Internet ab. Es sind die größten Proteste seit 1994. Und im Großen wiederholt sich die Rhetorik, die der Staat schon in der Reaktion auf Yotuels Song aufgeboten hatte: Die Proteste seien alle aus den USA gesteuert. Der Ausruf „Patriy y Vida“ hallt da schon längst als Sprechchor durch die Straßen.

Martin Kaluza, Juli 2021

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