Noize MC: „Kooperative ‚Schwanensee’“ (2022)
„Ich will Ballett sehen
Noize MC: „Kooperative ‚Schwanensee’“
Lasst die Schwäne endlich tanzen!
Vor Angst um seinen ‚See‘ soll der Opa zittern!“

Wenn die Lage in der UdSSR ernst wird, strahlt das Staatsfernsehen Tschaikowskis Ballett „Schwanensee“ aus. 1982 bekommen die Zuschauer es nach dem Tod des Staatschefs Leonid Breschnew zu sehen, ebenso nach dem Tod seiner Nachfolger Juri Andropow 1984 und Konstantin Tschernenko 1985. Als 1991 der alte Sowjetapparat versucht, den Erneuerer Michail Gorbatschow von der Macht zu putschen, läuft das Stück in Dauerschleife. Das hat sich ins kollektive Gedächtnis eingegraben.
2022, nach dem Überfall auf die Ukraine, fordert der russische Rapper Noize MC: „Ich will Ballett sehen, lasst die Schwäne tanzen!“ Jeder in Russland versteht die Anspielung. Denn wenn Schwanensee läuft, könnte das ja bedeuten, dass es wieder ein großes Staatsbegräbnis gäbe. Und wenn geputscht werden würde, gegen wen wohl? Kurzum: Die Zeilen sind ein Aufruf zum Umsturz.
Seinem Programmwunsch stellt Noize MC gegenüber, was stattdessen im Staatsfernsehen läuft. Das ist vor allem dröhnende Propaganda, die den Krieg gegen die Ukraine verherrlicht und rechtfertigt. „Ich würde gern mit dir reden“, singt Noize MC, „aber der Fernseher ist zu laut!“
Eine Zeile taucht in dem Song mehrfach auf: „Wo wart ihr die letzten acht Jahre, verdammte Unmenschen!?“ Das ist eine rhetorische Frage aus dem Werkzeugkasten der Staatspropaganda aus dem Jahr 2022. Sie unterstellt den Kritikern der Ukraine-Invasion, sie würden ignorieren, dass im Donbas seit 2014 (dem Jahr der Krim-Annektierung) ein Völkermord an der russischen Minderheit betrieben werde. Die Behauptung, die als komplett widerlegt gilt, dient Putins Apparat als Rechtfertigung für den Angriff auf das Nachbarland. Einen Fernsehmoderator und Scharfmacher spricht Noize MC direkt an: „Verschwinde vom Bildschirm, Solowjow!“
Der Song ist voller Andeutungen. Etwa: Aus Angst um seinen „See“ – gemeint ist die exklusive, als „See-Kooperative“ bekannte Urlaubssiedlung in Putins engstem Umfeld – soll Opa zittern. Opa? Für Putin, der sich bevorzugt als jugendlich-stark inszeniert, eine doppelte Kränkung.
Noize MC ist ein Star, er tritt in Litauen auf, in Südkorea, in Japan und Indonesien, in den USA und Kanada. Und er war schon immer ein kritischer Geist. Er hat sich schon vor 2022 gegen den stetig köchelnden Donbas-Krieg ausgesprochen. Nach dem Überfall auf die Ukraine geht er nach Litauen ins Exil. Der Song „Schwanensee-Kooperative“ wird im Mai 2025 in Russland als „extremistisch“ eingestuft und verboten.
Von den russischen Behörden wird Noize MC als „ausländischer Agent“ eingestuft. Damit ist er nicht allein. Im Januar 2025 spielt er auf einem großen Festival mit lauter anderen „ausländischen Agenten“ vor 10.000 Fans in London, Frankfurt und anderswo.
Die Musik aus dem Exil findet in Russland ihre Hörer. Am 11. Oktober 2025 spielt die Band „Stoptime“ um die Sängerin Naoko ein Straßen-Konzert vor einem U-Bahn-Eingang in Sankt Petersburg – Putins Heimatstadt; das hatte sie schon öfter getan, und auch andere Bands haben den Sommer über auf den Straßen kritische Lieder gespielt. Sie erreichen ein paar Dutzend oder hundert Menschen vor Ort, einige reisen extra an, weil sie das mit eigenen Augen sehen wollen. Videos von den Auftritten verbreiten sich über die sozialen Medien. Darunter ist auch eines, bei dem Band und Publikum lauthals den Schwanensee-Song von Noize MC singen.
Doch am 16. Oktober werden die Mitglieder der Band festgenommen und für zwei Wochen unter Arrest gestellt. Eine Welle der Solidarität für Naoko und ihre Band setzt ein, auch in Russland. Der Schlagzeuger kommt wieder frei, Sängerin Naoko, bürgerlich Diana Loginowa, und Gitarrist Alexandr Orlow müssen zwei weitere Male in Haft, ehe sie schließlich Ende November das Land verlassen. Die junge Generation, die permanent der Staatspropaganda ausgesetzt ist und die gar keinen anderen Machthaber kennt als Putin, ist ihm lange nicht so geschlossen ergeben, wie er sich das wünschen würde – trotz aller Propaganda.
Martin Kaluza, 2026