Die Vertreibung der Krimtataren

Jamala: 1944 (2016)

„When strangers are coming
They come to your house
They kill you all and say
We’re not guilty
Not guilty“

Jamala: 1944
Externer Link: Wenn Sie auf das Bild klicken, öffnet sich in einem neuen Tab ein youtube-Link mit dem Song

In den frühen Morgenstunden des 18. Mai 1944 schwärmen 30.000 Sicherheitskräfte des sowjetischen Innenministeriums und des Ministeriums für Staatssicherheit auf der Krim aus und suchen die Häuser auf, in denen krimtatarische Familien wohnen. Sie reißen Frauen, Kinder und Alte aus dem Schlaf und geben ihnen eine viertel Stunde Zeit, sich vor den Häusern zu versammeln. 200.000 Krimtataren werden gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Wer sich weigert, wird gleich erschossen.

Stalin wirft den Krimtataren vor, sie würden mit den Nazis kollaborieren. Doch tatsächlich kämpfen die meisten Männer im wehrfähigen Alter in den Reihen der Roten Armee gegen Nazi-Deutschland. Ihre Familien werden unterdessen in Viehwaggons eingepfercht und nach Zentralasien verschleppt, nach Usbekistan, Kirgisien und Sibirien. Fast die Hälfte von ihnen überlebt die Strapazen der Deportation nicht.

1983 kommt in der westkirgisischen Stadt Osch Susana Jamaladinowa zur Welt. Sie ist Urenkelin einer der Deportierten. Als Susana sechs Jahre alt ist und der frische Wind der Perestrojka durchs Land weht, verurteilt der Oberste Sowjet das Verbrechen an ihrem Volk und erlaubt die Rückkehr auf die Krim. In den neunziger Jahren zieht auch Susanas Familie in die angestammte Heimat. Mit offenen Armen werden sie nicht empfangen. Viele Krimtataren müssen ohne Wasser und Strom leben. In ihre ehemaligen Siedlungen an der Südküste dürfen sie nicht zurück.

Im Jahr 2016 singt Susana Jamaladinowa unter dem Künstlernamen Jamala im Finale des Eurovision Song Contests über die Deportation ihrer Landsleute. 200 Millionen Menschen hören, wie sie zunächst auf Englisch von Fremden singt, die in Häuser einbrechen und die Bewohner ermorden. Im Refrain wechselt sie die Sprache: „Yaşlığıma toyalmadım / Men bu yerde yaşalmadım“. Es sind die ersten Zeilen, die bei einem ESC auf Krimtatarisch gesungen werden. Sie bedeuten: „Ich konnte meine Jugend dort nicht verbringen / Weil ihr mir mein Land wegnahmt“.

Die Statuten des Wettbewerbs lassen eigentlich keine Songs mit politischen Botschaften zu. Aber Jamala argumentiert, es gehe in dem Song um die Geschichte ihrer Familie, und jedes Wort sei wahr. Die Organisatoren sehen das auch so.

Dennoch hört am Abend des ESC-Finales niemand die Geschichte des Songs, ohne an die Annexion der Krim durch Russland zu denken, die erst zwei Jahre zurückliegt. Die krimtatarische Bevölkerung war in dieser Zeit besonders Häufig Zielscheibe von Repressalien. Noch in der Woche vor dem ESC-Finale hatte sich ihre Lage zugespitzt: Die russische Polizei verhaftete den Mediziner und Politiker Ilmi Umerow, den stellvertretenden Chef der Medschlis, der Vertretung der Krimtataren. Umerow ist erklärter Gegner der Krim-Annexion. Der russische Geheimdienst wirft ihm vor, er habe Aufrufe erlassen, die die territoriale Integrität der Russischen Föderation gefährdeten. Amnesty International hingegen sieht in ihm einen gewaltfreien politischen Gefangenen.

Jamala gewinnt mit ihrem Song den Wettbewerb. Knapp – und vor allem Dank der Stimmen der Jury. In der Wertung der Zuschauer liegt der russische Song vorn. Russland boykottiert daraufhin den nächsten ESC – nach Kiev mag man keinen Teilnehmer schicken.

Martin Kaluza, April 2021

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