Apokalyptischer Strandhit

Righeira: „Vamos a la playa“ (1983)

„Vamos a la playa
La bomba estalló
Las radiaciones tostan
Y matizan de azul“

Righeira: „Vamos a la playa“
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Es ist noch ein bisschen früh in der Saison, als Manuel Fraga Iribarne und Angier Biddle Duke gemeinsam am Strand Quitapellejos baden gehen. Die Badegäste kommen erst ab Mai, und jetzt ist gerade mal März. Doch die beiden Herren sind nicht zu Spaß hier. Fraga ist spanischer Tourismusminister unter Diktator Franco, Biddle Duke der US-amerikanische Botschafter in Spanien. Vor den Augen von Fotografen und Reportern wollen sie mit ihrem Gang in die Wellen des Mittelmeers zeigen, dass hier alles in Ordnung ist. Hier kann man ohne Bedenken baden! Würden sie es sonst selbst tun?

Am 17. Januar 1966, zwei Monate vor dem hochrangigen Strandtermin, stießen 10.690 Meter über dem Küstenort Palomares ein B-52-Langstreckenbomber und ein Tankflugzeug bei einem verunglückten Andockmanöver zusammen und stürzten ab. Damals, in der Hochphase des Kalten Kriegs, sind nuklear bestückte US-Bomber ständig in der Luft, um die Abschreckung aufrecht zu erhalten.

Wäre auch nur eine der vier Wasserstoffbomben explodiert, die an Bord der B-52 waren, der Küstenabschnitt wäre komplett verwüstet worden. Sie haben die viertausendfache Sprengkraft der Hiroshima-Bombe.

Allerdings bleibt der Küstenort Palomares nicht komplett verschont, denn auch so werden mehrere Kilo radioaktives Plutoniumdioxid frei. Es tritt aus den Zündern der Bomben aus und verteilt sich als Staub.

Die spanische Regierung räumt zunächst nur einen Unfall ein, verschweigt aber, dass überhaupt radioaktives Material an Bord war. Auch die USA würden die Sache am liebsten unter den Teppich kehren. Als entlang der Küste jedoch ständig US-Soldaten in Schutzanzügen unterwegs sind, weil sie eine der vier Bomben noch nicht gefunden haben, lässt sich das Problem nicht mehr verheimlichen, und Franco schickt seinen Minister zum Strandgang mit dem US-Botschafter.

Siebzehn Jahre später liefern die italienischen Popmusiker Stefano Rota und Stefano Righi vermutlich unbeabsichtigt den perfekten Soundtrack zu dem Strandtermin.

Die Titelzeile „Vamos a la playa, oh, oh-o-o-o oh!“ versteht 1983 in ganz Europa jeder. Der Song wird mit seinen Synthies und dem programmierten Schlagzeug zu einem frühen Vertreter der Italo-Disco-Welle – trotz des spanischen Textes. Die Single verkauft sich 3 Millionen mal. Das Pop-Duo ist selbst ein bisschen überrascht von dem Erfolg. Ein eigenes Video haben sie gar nicht produziert, bis heute ist das bekannteste ein Auftritt aus der deutschen Popmusik-Sendung „Formel eins“ mit überdrehten Farben.

Der Text des Songs ist bei weitem nicht so unbeschwert, wie es der sommerliche Refrain suggeriert: „Vamos a la playa! Die Bombe ist hochgegangen, die Strahlung britzelt und färbt alles blau.“ Die zweite Strophe lautet: „Vamos a la playa, alle mit Hut, der radioaktive Wind bringt die Frisuren durcheinander.“ Und die dritte: „Vamos a la playa, endlich ist das Meer sauber. Keine stinkenden Fische mehr, nur noch fluoreszierendes Wasser.“ Voilà, alles gut! Das ist perfekt zugespitzter 80er-Jahre-Endzeit-Zynismus.

„Ich wollte einen postatomaren Strandsong schreiben, in dem vor allem elektronische Instrumente vorkommen“, erzählt Righi in einem Interview. Erst im Rückblick habe er selbst erkannt, dass es um die Gefahr eines möglichen Atomkrieges zwischen den USA und der UdSSR gegangen sei, die wie ein Damoklesschwert über allen hing.

Die USA haben nach dem Unfall tausende Tonnen verseuchten Boden zur Entsorgung abtransportiert. Die Bewohner der Region werden über Jahre regelmäßig zu gesundheitlichen Untersuchungen nach Madrid eingeladen. Die genauen Resultate bekommen sie nicht mitgeteilt, nur, dass sie gesund seien. Bis heute fordern Umweltaktivisten und Bewohner der Region Palomares, den nach wie vor verseuchten Boden weiter zu dekontaminieren.

Martin Kaluza, 2026

Die Jugend trotzt der Propaganda

Noize MC: „Kooperative ‚Schwanensee’“ (2022)

„Ich will Ballett sehen
Lasst die Schwäne endlich tanzen!
Vor Angst um seinen ‚See‘ soll der Opa zittern!“

Noize MC: „Kooperative ‚Schwanensee’“
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Wenn die Lage in der UdSSR ernst wird, strahlt das Staatsfernsehen Tschaikowskis Ballett „Schwanensee“ aus. 1982 bekommen die Zuschauer es nach dem Tod des Staatschefs Leonid Breschnew zu sehen, ebenso nach dem Tod seiner Nachfolger Juri Andropow 1984 und Konstantin Tschernenko 1985. Als 1991 der alte Sowjetapparat versucht, den Erneuerer Michail Gorbatschow von der Macht zu putschen, läuft das Stück in Dauerschleife. Das hat sich ins kollektive Gedächtnis eingegraben.

2022, nach dem Überfall auf die Ukraine, fordert der russische Rapper Noize MC: „Ich will Ballett sehen, lasst die Schwäne tanzen!“ Jeder in Russland versteht die Anspielung. Denn wenn Schwanensee läuft, könnte das ja bedeuten, dass es wieder ein großes Staatsbegräbnis gäbe. Und wenn geputscht werden würde, gegen wen wohl? Kurzum: Die Zeilen sind ein Aufruf zum Umsturz.

Seinem Programmwunsch stellt Noize MC gegenüber, was stattdessen im Staatsfernsehen läuft. Das ist vor allem dröhnende Propaganda, die den Krieg gegen die Ukraine verherrlicht und rechtfertigt. „Ich würde gern mit dir reden“, singt Noize MC, „aber der Fernseher ist zu laut!“

Eine Zeile taucht in dem Song mehrfach auf: „Wo wart ihr die letzten acht Jahre, verdammte Unmenschen!?“ Das ist eine rhetorische Frage aus dem Werkzeugkasten der Staatspropaganda aus dem Jahr 2022. Sie unterstellt den Kritikern der Ukraine-Invasion, sie würden ignorieren, dass im Donbas seit 2014 (dem Jahr der Krim-Annektierung) ein Völkermord an der russischen Minderheit betrieben werde. Die Behauptung, die als komplett widerlegt gilt, dient Putins Apparat als Rechtfertigung für den Angriff auf das Nachbarland. Einen Fernsehmoderator und Scharfmacher spricht Noize MC direkt an: „Verschwinde vom Bildschirm, Solowjow!“

Der Song ist voller Andeutungen. Etwa: Aus Angst um seinen „See“ – gemeint ist die exklusive, als „See-Kooperative“ bekannte Urlaubssiedlung in Putins engstem Umfeld – soll Opa zittern. Opa? Für Putin, der sich bevorzugt als jugendlich-stark inszeniert, eine doppelte Kränkung.

Noize MC ist ein Star, er tritt in Litauen auf, in Südkorea, in Japan und Indonesien, in den USA und Kanada. Und er war schon immer ein kritischer Geist. Er hat sich schon vor 2022 gegen den stetig köchelnden Donbas-Krieg ausgesprochen. Nach dem Überfall auf die Ukraine geht er nach Litauen ins Exil. Der Song „Schwanensee-Kooperative“ wird im Mai 2025 in Russland als „extremistisch“ eingestuft und verboten.

Von den russischen Behörden wird Noize MC als „ausländischer Agent“ eingestuft. Damit ist er nicht allein. Im Januar 2025 spielt er auf einem großen Festival mit lauter anderen „ausländischen Agenten“ vor 10.000 Fans in London, Frankfurt und anderswo.

Die Musik aus dem Exil findet in Russland ihre Hörer. Am 11. Oktober 2025 spielt die Band „Stoptime“ um die Sängerin Naoko ein Straßen-Konzert vor einem U-Bahn-Eingang in Sankt Petersburg – Putins Heimatstadt; das hatte sie schon öfter getan, und auch andere Bands haben den Sommer über auf den Straßen kritische Lieder gespielt. Sie erreichen ein paar Dutzend oder hundert Menschen vor Ort, einige reisen extra an, weil sie das mit eigenen Augen sehen wollen. Videos von den Auftritten verbreiten sich über die sozialen Medien. Darunter ist auch eines, bei dem Band und Publikum lauthals den Schwanensee-Song von Noize MC singen.

Doch am 16. Oktober werden die Mitglieder der Band festgenommen und für zwei Wochen unter Arrest gestellt. Eine Welle der Solidarität für Naoko und ihre Band setzt ein, auch in Russland. Der Schlagzeuger kommt wieder frei, Sängerin Naoko, bürgerlich Diana Loginowa, und Gitarrist Alexandr Orlow müssen zwei weitere Male in Haft, ehe sie schließlich Ende November das Land verlassen. Die junge Generation, die permanent der Staatspropaganda ausgesetzt ist und die gar keinen anderen Machthaber kennt als Putin, ist ihm lange nicht so geschlossen ergeben, wie er sich das wünschen würde – trotz aller Propaganda.

Martin Kaluza, 2026

19.5.26 Demo-Tape auf der re:publica26

This or That? Der Protestsong der Herzen

Bob Dylan oder Beyoncé? Feine Sahne Fischfilet oder Ikkimel? Fatima Çalışkan & ich laden ein zu einem musikalischen Streitgespräch als Spiel: politische Lieblingssongs, Publikums-Voting und ein gemeinsames Singalong zum Schluss.

Es ist sozusagen die Spielshow-Edition unseres politischen Song-Salons „Demo-Tape“, eigens für die re:publica entwickelt.

Kommt alle!

Wann und wo?

re:publica 26, Station Berlin

19.05.26, 20:00–21:15, Stage 7

Mehr:

This or That? Der Protestsong der Herzen

Schon vorbei:

27.9.25 Demo-Tape Nr. 1 – mit Shila Behjat

22.11.25 Demo-Tape Nr. 2 – mit Anke Stelling

24.1.26 Demo-Tape Nr. 3 – mit Mohamed Amjahid

14.3.26 Demo-Tape Nr. 4 – mit Simon Meier-Vieracker

Die Resilienz der Kriegskinder

Franz-Josef Degenhardt: „Zündschnüre-Song“ (1975)

„Und als von tausend Jahren
nur elf vergangen waren
im letzten Jahr vom Krieg
da lag die Welt in Scherben
und Deutschland lag im Sterben
und schrie noch Heil und Sieg“

Franz-Josef Degenhardt: „Zündschnüre-Song“
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1944, irgendwo im Ruhrgebiet, es ist kaum noch zu übersehen, dass Deutschland den Krieg verlieren wird. Zwischen abgestellten Zügen, Schrebergärten und Kaninchenställen leben Fänä und seine Freunde. Dreizehn, vierzehn Jahre sind sie alt, wachsen ohne Väter auf, denn die sind entweder im Krieg, gefallen oder im KZ ermordet worden. Sie selbst sind noch zu jung für die Flak. Immerhin müssen sie nicht zur Schule. Die ist zerbombt.

Franz-Josef Degenhardt kennt man vor allem als Liedermacher, sein Song Spiel nicht mit den Schmuddelkindern fehlt in keiner Folk-Liedersammlung. 1973 veröffentlicht Degenhardt, der zudem als linker Rechtsanwalt arbeitet, seinen ersten Roman, Zündschnüre.

Jedes Kapitel ist einem anderen Kind gewidmet, das sich irgendwie durchschlagen und eine Haltung entwickeln muss. Fänä und seine Kumpanen (und eine Kumpanin) stehlen einen Eisenbahnwaggon mit 600 Litern Wein, transportieren Sprengstoff, überbringen Nachrichten, schmuggeln verfolgte Menschen aus der Stadt, brechen in einen Lagerraum der Wehrmacht ein und erbeuten dort kartonweise Kondome — nichts Essbares. »Ein Buch, das man mit der gleichen Spannung und dem gleichen Vergnügen liest wie Mark Twains Geschichten von Huck Finn und Tom Sawyer«, schrieb damals die ZEIT.

Die Jugendlichen, die gar nichts anderes kennen als den Krieg, entwickeln eine Art solidarischer Resilienz. Und sie stehen für eine Hoffnung, dass diejenigen, die lange scheinbar vergeblich gekämpft haben, doch ihre Spuren hinterlassen. Den menschlichen Blick und die Hoffnung hat Degenhardt, der wie seine Protagonisten im Ruhrgebiet aufwuchs, in den Zündschnüre-Song fließen lassen: »Und wie sie kämpften, litten / und lachten, liebten, stritten / in Solidarität, // das wird man dann noch lesen, / wenn das, was sonst gewesen, / ein Mensch nicht mehr versteht.«

Martin Kaluza, März 2026

Ein Song für die Unsichtbaren

Xenia Rubinos: „Mexican Chef“ (2016)

„Brown walks your baby
Brown walks your dog
Brown raised America in place of its mom
Brown cleans your house
Brown takes your trash
Brown even wipes your granddaddy’s ass“

Xenia Rubinos: „Mexican Chef“
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Xenia Rubinos ist in Brooklyn unterwegs, um Besorgungen zu machen. Die Restaurants, die entlang der Straße liegen, bereiten sich auf den Abend vor, als der Musikerin etwas auffällt: Es sind vor allem Latinos, die im Hintergrund als Köche, Helfer und Barpersonal arbeiteten. Die vorderen Gasträume hingegen werden von weißen Kellnern hergerichtet. „Ich sah immer wieder die gleiche Szene,“ erklärt sie in einem Interview. „Von hinten war komplett andere Musik zu hören: Ranchera, mexikanische Musik, und Bachata. Vorne lief aktuelles Zeug, irgendwelche Indie-Musik.“

Rubinos muss lachen. Auf dem Weg nach Hause gehen ihr Reime durch den Kopf, sie überlegt, eine Kurzgeschichte zu schreiben. Als sie später mit ihrem Schlagzeuger Marco Buccelli im Proberaum sitzt, wird aus der Idee binnen zwei Stunden ein Song. Zu einem rohen Funk-Beat skandiert Rubinos: „French bistro, Dominican chef / Italian restaurant, Boricua chef / Chinese takeout, Mexican chef / Nouveau America, bachata in the back“.

„Boricua“ ist eine Selbstbezeichnung der Puerto Ricaner. Und „Bachata“, das ist eine Tanzmusik aus der Dominicanischen Republik, in der ganzen Karibik so populär wie hierzulande Schlager. Xenia Rubinos, in Connecticut geboren, hat selbst Wurzeln in der Karibik. Ihr Vater ist Kubaner, die Mutter Dominikanerin.

In Strophen, die an Kinderreime erinnern, zählt Rubinos auf, wie Arbeitskräfte aus Lateinamerika, und generell People of Color, den Laden am Laufen halten: Braun führt deinen Hund gassi, Braun putzt das Haus, Braun wischt deinem Opa den Hintern ab. Braun hat Amerika großgezogen, als die Mama nicht da war. Wir bauen die Ghettos und reißen sie wieder ab. „Wir dachten, der Song wäre ein Witz. Ich dachte, er wäre ein Witz,“ sagt Rubinos. „Aber er ist eine Art Gruß an die unsichtbaren Arbeitskräfte, die unsere Stadt am Laufen halten.“

Das Kostüm, das Rubinos in dem Video trägt, erinnert an Judy Garlands Performance des Songs „Get Happy“ aus dem Film „Summer Stock“ von 1950. Rubinos: „Sie singt dort vor allem übers Sterben, aber sie tut es in einem völlig überdrehten fröhlichen Song und tanzt dabei so, dass man das leicht übersehen kann.“

Eine zweite Inspiration für das Video ist die kubanische Sängerin La Lupe, die Königin des Latin-Soul. La Lupe, ein Freigeist und ein unchoreografiertes Naturtalent, streut in ihre Tanzeinlagen gern Bewegungen ein, als würde sie Wäsche waschen, ihren Schmuck fortwerfen oder ihren Kragen zurechtzupfen.

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In „Mexican Chef“ singt Rubinos zwei Zeilen auf Spanisch: „Toma chocolate / paga lo que debes“. Das heißt wörtlich: „Trink deine Schokolade, zahl, was du schuldig bist.“ Sie stammen aus dem Song „El Bodeguero“, „Der Lebensmittelhändler“, der kubanischen Band Orchesta Aragón. In den USA hat Nat King Cole ihn in den 1950er Jahren bekannt gemacht. Die Zeilen sind in Lateinamerika zum geflügelten Wort geworden: Wenn du genießt, musst du auch die Verantwortung übernehmen. Das ist mehr als ein Wink. In Xenia Rubinos‘ Song werden sie zum Aufruf, die Arbeitskräfte aus dem Globalen Süden angemessen zu behandeln.

Martin Kaluza, Februar 2026

Ein Held für jede Weltanschauung

„Wir sind des Geyers schwarzer Haufen“ (1919)

„Wir sind des Geyers schwarzer Haufen, heio-heio
Und wollen mit Tyrannen raufen, heio-heio
Spieß voran, drauf und dran
Setz auf’s Klosterdach den roten Hahn!“

„Wir sind des Geyers schwarzer Haufen“
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Am Ostermontag 1525 lassen aufständische Bauern den Grafen Ludwig von Helfenstein und seine Begleiter vor den Toren der Stadt Weinsberg durch die Spieße laufen. Die „Weinsberger Bluttat“, ein Höhepunkt des Bauernkriegs, zieht die Rache des Adels nach sich.

Seit Bauernvertreter in Memmingen in Zwölf Artikeln Religionsfreiheit, das Jagdrecht und die Abschaffung der Leibeigenschaft gefordert haben, erobern Bauernheere in Süddeutschland, der Schweiz und Tirol Klöster und Burgen – angestachelt auch dank eines neuen Mediums, des Buchdrucks. Bis zur Französischen Revolution wird in Europa es keinen größeren Volksaufstand geben.

Der an der Weinsberger Bluttat beteiligte Anführer Florian Geyer entstammt einer reichen Familie aus dem unterfränkischen Giebelstadt. Der kriegserfahrene Adlige hat die Mittel, eine eigene Streitmacht aufzustellen und auszubilden. Sie ist von weitem an ihrer schwarzen Kleidung zu erkennen. Warum Geyer die Seiten wechselte und sich den Bauern anschloss? Möglich, dass er es aus Überzeugung tat. Vielleicht handelte er aber schlicht eigennützig, weil die erstarkenden Fürsten und Städtebünde Raubritter wie ihn zunehmend überflüssig machten.

Von ihm berichtet das Lied „Wir sind des Geyers schwarzer Haufen“ in bis zu 13 ziemlich brutalen Strophen. Als es geschrieben wird, ist Geyer fast 400 Jahre tot – und längst mythisch überhöht. Es entsteht 1919 im Umfeld der Bündischen Jugend, der überwiegend völkisch-national eingestellten Jugendbewegung, die aus Pfandfindern und Wandervogel hervorgegangen war.

Der Text ist aus mehreren Quellen zusammengetragen. Der größte Teil leitet sich aus dem Gedicht „Der arme Kunrad“ des dichtenden Offiziers Heinrich von Reder aus dem Jahr 1888 ab. Die Zeilen „Als Adam grub und Eva spann / Wo war denn da der Edelmann?“ stammen aus dem Englischen Bauernaufstand von 1381 und tauchen auch in anderen Liedern auf. Die Passage „Wir wollen’s Gott im Himmel klagen, dass wir die Pfaffen nicht dürfen totschlagen“ wird Niklas Böhm zugeschrieben, einem Viehhirten, der 1476 die Menschen zur Wallfahrt aufrief, ihnen Ablass von ihren Sünden versprach und die soziale Gleichheit der Menschen verkündete.

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Im 19. Jahrhundert beginnen die Deutungskämpfe um den Bauernkrieg. Friedrich Engels erklärt ihn zum Klassenkampf, Geyer ist für ihn ein Vorläufer des proletarischen Revolutionärs. Der Literaturnobelpreisträger Gerhart Hauptmann schreibt sich in einem langen Epos Geyer als einigenden Helden zurecht. Bei der Kritik fällt das Stück durch, und sein Gegenspieler Thomas Mann ätzt: Auf die Bühne hätten eigentlich die geknechteten und revoltierenden Bauern gehört, und nicht der abtrünnige Ritter. Im 20. Jahrhundert vereinnahmen die Nazis Geyer. Der Bauernstand ist nach völkischer Lehre eine der Urkräfte des deutschen Volkes, da lässt sich ein solcher Held gut einbauen.

In der DDR sieht man in Geyer einen Kämpfer gegen den Feudalismus, benennt Straßen, Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften (LPGs) und ein Grenzregiment nach ihm. „Wir sind des Geyers schwarzer Haufen“ steht in Liederbüchern der Nationalen Volksarmee.

Es scheint, als würde sich jede politische Weltanschauung ihren Geyer zurecht interpretieren. Und so kommt es, dass Heino, der grenzgruselige Kitschsänger der bundesrepublikanischen Konservativen, ein Lied aufnimmt, das bereits der kommunistische Sänger und Schauspieler Ernst Busch sang und von dem Hanns Eisler eine Chorfassung schuf.

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Martin Kaluza, Februar 2026

14.3.26 Demo-Tape Nr. 4 – mit Simon Meier-Vieracker

Demo-Tape – Politischer Song-Salon von und mit Fatima Çalışkan & Martin Kaluza

Zwei Gastgeber:innen, ein Gast. Eine Leinwand, ein Klavier. Ein Publikum, das mitsingt: willkommen bei Demo-Tape, dem politischen Song-Salon!

Unser Gast am 14.3.26: Simon Meier-Vieracker, 1980 in Basel geboren, hat halb TikTok mit seiner Leidenschaft für Sprache angesteckt und mischt damit zuletzt auch Instagram auf. In seinem Format #LinguisTikTok erklärt er als @fussballinguist unterhaltsam und fundiert Phänomene der Alltagssprache. Seit 2020 ist er Professor für Angewandte Linguistik an der TU Dresden. 2024 erschien sein Buch Sprache ist, was du draus machst! Darin geht es auch darum, wie sich Politik die Sprache zunutze macht. Zu Demo-Tape, so hören wir, bringt er seine Gitarre mit.

*für Fatima eine Qual, für Martin ein Genuss.

Kommt alle!

Der Ort:

Roter Salon der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

Tickets:

volksbuehne.berlin

Schon vorbei:

27.9.25 Demo-Tape Nr. 1 – mit Shila Behjat

22.11.25 Demo-Tape Nr. 2 – mit Anke Stelling

24.1.26 Demo-Tape Nr. 3 – mit Mohamed Amjahid

24.1.26 Demo-Tape Nr. 3 – mit Mohamed Amjahid

Demo-Tape – Politischer Song-Salon von und mit Fatima Çalışkan & Martin Kaluza

Zwei Gastgeber:innen, ein Gast. Eine Leinwand, ein Klavier. Ein Publikum, das mitsingt: willkommen bei Demo-Tape, dem politischen Song-Salon!

Jede Zeit hat ihre Kämpfe, und jeder Protest seine Songs. Sie erinnern uns an lang vergangene Streiks und an Revolutionen. Manche Songs werden auf der Straße gesungen, andere schaffen es ins Radio. Sie handeln von Kämpfen um Selbstbestimmung, Umweltschutz und besseren Arbeitsbedingungen. Sie erzählen von Unterdrückung und von Widerstand, von Ausgrenzung und vom Zusammenhalt in schweren Zeiten.

Wir wollen über Songs sprechen, die wir am Lagerfeuer gesungen* und auf Festen gelernt haben, für die wir die ersten Griffe auf der Gitarre übten. Über Songs von der Urlaubs-Playlist, die herausstechen, wenn wir doch einmal auf den Text hören. Über abgehangene Klassiker und neue Hey-hör-mal-rein-Schätzchen.

Für jeden Abend laden wir einen Gast ein, der uns ein besonders prägendes Lied mitbringt. Wir sprechen, schauen Videos, und wir machen Musik, am Ende singen wir gemeinsam mit dem Publikum – mit Sir Henry am Klavier.

*für Fatima eine Qual, für Martin ein Genuss.

Der Vorverkauf für die dritte Folge unseres musikalischen Bühnen-Talks mit Gästen und Mitsinggelegenheit hat begonnen. Am 24.1.26 begrüßen wir Autor und Journalist Mohamed Amjahid („Let’s Talk About Sex, Habibi“, „Alles nur Einzelfälle? Das System hinter der Polizeigewalt“) in unserem politischen Song-Salon.

Kommt alle!

Der Ort:

Roter Salon der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

Tickets:

volksbuehne.berlin

Weitere Termine:

14.3.26 Demo-Tape Nr. 4

Schon vorbei:

27.9.25 Demo-Tape Nr. 1 – mit Shila Behjat

22.11.25 Demo-Tape Nr. 2 – mit Anke Stelling

Die Entschuldigung der Mutter

Sade: „Young Lion“ (2024)

„With such a heavy burden
You had to carry all on your own
Forgive me son
I should have known“

Sade: „Young Lion“
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Es ist schon ein paar Jahre her, da bekam Sade, ein Star der 1980er Jahre, der sich inzwischen weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte, von ihrem Gitarristen ein Foto aus New York zugemailt. Jemand hatte über ein Poster der Sängerin den Satz geschrieben: „The bitch sings only when she wants to“ – Die singt nur, wenn sie will. „Was für ein präziser, lustiger Kommentar“, sagte sie dazu. „Er entspricht genau meiner Attitüde.“

2024 findet sie es wieder einmal an der Zeit. Einen einzelnen Song nimmt sie auf, 14 Jahre sind seit ihrem letzten Album vergangen. Das Video zu „Young Lion“ zeigt zu einem langen, melancholischen Klavierintro sonnendurchflutete Familienaufnahmen aus dem Garten und dem Urlaub, ungewöhnlich private Bilder. Die Hauptperson in dem Video ist die gleiche wie im Text: Sades Kind, geboren als Tochter Mickailia, inzwischen zum Mann Izaak herangewachsen.

„Junger Mann, es war so schwer für Dich, Du musst Dich so allein gefühlt haben“, singt Sade, und: „Vergib mir, mein Sohn, ich hätte es wissen sollen.“ Der Song ist eine anrührende, öffentliche Entschuldigung an ihren Trans-Sohn, der 2016 sein Geschlecht hatte angleichen lassen. Hätte sie ihn auf seinem Weg nicht viel besser unterstützen können? Der Text basiert auf einem Brief, den die Mutter ihrem Sohn zu dessen 21. Geburtstag geschrieben hatte.

Den Song schrieb Sade eigens für das Benefiz-Album „Transa“ der Red Hot Organization, die seit 1990 Gesundheitsprojekte mit den Mitteln der Popmusik unterstützt. Die Produzentin Massima Bell hatte Sade einen persönlichen Brief geschrieben, nachdem sie gehört hatte, dass sie einen Transgender-Sohn hat.

46 Songs haben die Produzent*innen zusammengetragen und in acht Kapiteln arrangiert. Die auf „Transa“ vertretenen Künstler*innen sind teils selbst trans, teils nicht-binär, teils cis, die Auswahl ist bewusst breit angelegt.

Die Idee, Trans-Menschen ein Album zu widmen, kam Massima Bell, nachdem die Musikerin Sophie bei einem Unfall gestorben war – eine Größe im Musikbusiness, ebenfalls eine Trans-Frau, die zum Beispiel mit Charlie XCX, St. Vincent und Kim Petras zusammengearbeitet hatte. Eine Hommage sollte das Album sein, eine Zelebration der Trans-Community und ihres Beitrags zur Popkultur. Doch dann begann in den USA ein immer stärkerer Backlash gegen Trans-Rechte. Als das Album erscheint, befindet sich das Land mitten im Präsidentschaftswahlkampf. „Wir hatten das so nicht vorhergesehen, aber jetzt fühlt es sich an, als hätte es zu keinem besseren Zeitpunkt erscheinen können,“ sagt Massima Bell.

Dem Rolling Stone erklärt Sades in den USA lebende Sohn Izaak Adu einmal, eine Entschuldigung seiner Mutter wäre überhaupt nicht nötig gewesen. In den sozialen Medien drückt er immer wieder Bewunderung und Dankbarkeit für seine Mutter aus. Und trotzdem ist auch ihm „Young Lion“ eine Herzensangelegenheit. „Ein Song, in dem sich ein Elternteil dafür entschuldigt, sein Kind missverstanden zu haben, kann eine immense Bedeutung für die Trans-Community haben“, sagt er. „Ich hoffe, er bringt Trost und Wertschätzung hervor – und das Gefühl, gesehen und verstanden zu werden.“

Martin Kaluza, Oktober 2025

Dekonstruktion einer Hymne

Jimi Hendrix: „Star Sprangled Banner“ (1969)

„And the Rocket’s red glare,
The Bombs bursting in air
Gave proof through the night
That our flag was still sthere“

Francis Scott Key: „Star Sprangled Banner“
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Die Lage im Vietnamkrieg hat sich zugespitzt. Die groß angelegte Tet-Offensive der Vietcong hat die Stimmung in der US-Öffentlichkeit zum Kippen gebracht. Es wird offensichtlich, dass die USA diesen Stellvertreterkrieg des Kalten Krieges nicht gewinnen können. Sie ziehen bereits Bodentruppen ab, fliegen stattdessen immer mehr Luftangriffe.

Im August 1969 versammeln sich unter dem Motto „3 Days of Peace & Music“ 400.000 Hippies zum Woodstock-Festival. Dutzende Bands spielen, am Sonntagabend soll Jimi Hendrix den Höhepunkt bilden. Sein Auftritt wird auf den Montagmorgen verschoben, 9 Uhr bei grellem Tageslicht. Heftiger Regen am Vortag hat die Wiese in Schlamm verwandelt, gerade mal 35.000 Zuschauer haben ausgeharrt.

In einem Medley aus seinen Songs spielt Hendrix ein paar Melodietöne an, die dem Publikum gleich bekannt vorkommen: Es ist der Anfang des Star Sprangled Banner, der US-amerikanischen Nationalhymne. Hendrix spielt sie als Instrumentalversion, doch der Gesang läuft bei jedem im Kopf mit. Die ersten vier Zeilen interpretiert Hendrix laut, verzerrt, in einer rohen Blues-Version, während der langen Noten stimmt er lässig sein Instrument nach.

Dann kippt die Performance: Hendrix lässt einen Ton lange stehen, erzeugt mit dem Tremolohebel der Gitarre ein Heulen, Rückkopplungen springen zwischen seiner elektrischen Gitarre und den Verstärkerboxen hin und her, und Hendrix tut, was man so noch von keinem Gitarristen gehört hatte: Er lässt hohe, singende Töne in die Tiefe stürzen, sie klingen wie Bomber im Sturzflug. Sirenen und markerschütternde Detonationen lassen alle, die innerlich mitgesungen haben, erschaudern, denn genau jetzt käme die Textzeile: „And the Rocket’s red glare, the Bombs burstin in air…“ („Der rote Schein der Raketen und die Bomben, die in der Luft bersten“). Fast anderthalb Minuten dauert die zerstörerische Sequenz, bevor Hendrix sich wieder der bekannten Melodie annähert: „…gave proof through the night that our Flag is still there.“

Hendrix‘ apokalyptisches Gitarrensolo ist der Wecker, der das verbliebene Publikum aus dem idyllischen Peace&Love-Traum des Festivals reißt und in die politische Realität zurück katapultiert.

Seinen Ursprung hat das Star Sprangled Banner im Unabhängigkeitskrieg. Der Dichter Francis Scott Key hatte den Text in der Erleichterung darüber geschrieben, dass die Flagge der USA nach einem britischen Angriff noch immer auf Fort McHenry wehte. Die Melodie entstammt einem englischen Trinklied. Mit seiner Dekonstruktion nimmt Hendrix der Hymne alles Heroische.

Externer Link: Wenn Sie auf das Bild klicken, öffnet sich in einem neuen Tab ein youtube-Link mit dem Song „To Anacreon in Heaven“

Schon zuvor hatte es umstrittene Bearbeitungen des Star Sprangled Banner gegeben. 1941 arrangierte der Komponist Igor Strawinsky die Melodie neu, damit die Töne weniger weit auseinander lagen – das sollte auch Ungeübten das Singen erleichtern. Als er seine Fassung 1944 bei einem Konzert in Boston dirigierte, untersagte ihm die Polizei weitere Aufführungen, weil sie darin eine Verunglimpfung der Nationalhymne sah. Als Affront wurde auch eine Folk-Version des puertoricanischen Songwriters José Feliciano im Jahr 1968 gesehen, die eigentlich als Liebeserklärung gedacht war – zu ungewohnt.

Hendrix hatte das Star Sprangled Banner zum Zeitpunkt seines ikonischen Auftritts auf dem Woodstock-Festival schon seit über einem Jahr im Repertoir. Ein Kommentator schrieb über eine frühere Aufführung in Inglewood, sie sei „bedeutungslos“ und stelle „die billigste Art von Sensationsgier“ dar.

Externer Link: Wenn Sie auf das Bild klicken, öffnet sich in einem neuen Tab ein youtube-Link mit dem Talkshow-Auftritt

Drei Wochen nach dem Woodstock-Auftritt fragt der leidlich aufgeschlossene und populäre Talkshow-Moderator Dick Cavett Hendrix, was denn da los gewesen sei mit dieser Kontroverse um das Star Sprangled Banner. „Keine Ahnung Mann, ich bin Amerikaner, also hab ich’s gespielt. Wir mussten es immer in der Schule singen, also hab ich’s gespielt.“ Das Publikum versteht die Ironie in Hendrix‘ Understatement. Als Cavett seine Interpretation „unorthodox“ nennt, unterbricht Hendrix ihn freundlich: „I think it was beautiful.“

Martin Kaluza, September 2025