Der Staat rappt zurück

Yotuel, Gente De Zona, Descemer Bueno, Maykel Osorbo, El Funky: Patria y Vida (2021)

„Schluss mit den Lügen
Mein Volk will Freiheit und keine Doktrinen mehr
Wir rufen nicht mehr ‚Heimat oder Tod!‘
Sondern ‚Heimat und Leben!'“

Yotuel u.a.: Patria y Vida
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Am 19. April 2018 endet die Ära Castro. Mit Miguel Díaz-Canel wählt die Nationalversammlung Kubas erstmals einen Staatschef, der nach der Revolution geboren wurde. Eine seiner ersten Amtshandlungen ist die Unterzeichnung des Dekrets mit der Nummer 349, das die Kunstfreiheit weiter einschränkt. Alle Kulturveranstaltungen müssen nun genehmigt werden, selbst solche, die in Privaträumen stattfinden, von Konzerten über Dichterlesungen bis hin zu Malwettbewerben.

Kurz bevor das Dekret in Kraft tritt, im Dezember 2018, werden mehrere Künstler bei Protesten vor dem Ministerium für Kultur verhaftet. Unter ihnen ist die Performancekünstlerin Tania Bruguera. Die Tate Modern, an der gerade eine ihrer Installationen läuft, solidarisiert sich.

Der Staat erhöht den Druck. Konzerte werden willkürlich abgesagt. Immer wieder greift sich die Polizei einzelne Rapper, Künstlerinnen und Aktivisten heraus und verhaftet sie, oft nur für ein paar Stunden – die UN dokumentiert die Repressionen. Die Kunstszene lässt sich jedoch nicht einschüchtern. Einige treten in den Hungerstreik, andere organisieren Demonstrationen und gründen Initiativen für die Meinungs- und Kunstfreiheit, etwa das „Movimiento San Isídro“, benannt nach einem Stadtteil Havannas, in dem viele Künstler leben.

Anfang 2021 schreibt Yotuel Romero, Sänger der kubanischen Rap-Combo Orishas, einen Protestsong. Bislang war er nichts als Systemkritiker in Erscheinung getreten. Nun prangert er, unterstützt von fünf weiteren Musikern, die Versorgungslage in dem seit Jahrzehnten vom Handelsembargo gebeutelten Land an, die sich mit der Covid-Pandemie und dem Einbruch des Tourismus dramatisch zugespitzt hat. Sie beklagen mangelnde Meinungsfreiheit, staatliche Willkür und Polizeigewalt. Im Refrain singen sie: „Wie rufen nicht mehr ‚Patria o muerte‘, sondern ‚Patria y vida’“ – nicht „Vaterland oder Tod“, sondern „Vaterland und Leben“. Allein das ist eine Provokation. Mit dem Schlachtruf „Patria o muerte!“ leitete Ché Guevara der Legende nach im Dezember 1956 die kubanische Revolution ein.

In Kuba, wo das Internet langsam und teuer ist, kursiert das Lied rasend schnell auf USB-Sticks. Eine Kommentatorin der staatlichen Nachrichtenagentur ACN schreibt, der Song sei „annexionistische Kotze, die denen in den Mund gelegt wurde, die angeblich und fälschlicherweise die kubanische Kultur repräsentieren.“ In anderen staatlichen Medien lautet der Vorwurf: Das sind alles Söldner, bezahlt aus dem Ausland. Gemeint ist vor allem Miami, wo eine große und einflussreiche Community von Exilkubanern lebt, unter ihnen viele nervige Anti-Kommunisten und Trump-Wähler. In Miami wurde der Song produziert. Zwei Rapper des Movimiento San Isídro schickten ihre Gesangsparts aus Havanna.

Und der Staat schlägt mit gleichen Waffen zurück: Er rappt. In einem abstrusen Video des Innenministeriums singen junge Polizisten erst in Zivil, später im Uniformhemd: „An alle, die glauben, sie könnten unseren Ruf durch eine Konterrevolution beflecken: Fickt Euch! Es heißt ‚patria o muerte‘, nicht wie Du sagst ‚patria y vida‘.“ Im Hiphop würde man das einen Diss-Track nennen. Ein paar Zeilen später die dringliche, in sozialistischen Staaten bekannte Aufforderung zur Selbstkritik: „Ich lade Dich ein, die Welt durch meine Augen zu sehen. Dann erkennst Du, wie der Verrat in das Herz eindringt und es ganz auffrisst.“

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Ein zweiter Song richtet sich an andere musikalische Geschmäcker. In fast schon religiöser Verzückung strahlt die Sängerin einer flotten Popballade: „Die Revolution wird noch 62.000 Jahrtausende bestehen!“ Der Titel des Songs sucht die Synthese: „Patria o muerte – für das Leben!“

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Im Juli 2021 gehen in San Antonio de los Baños, einer Kleinstadt unweit von Havanna, tausende Kubanerinnen und Kubaner auf die Straße, um gegen die Regierung zu demonstrieren. Rasend schnell verbreitet sich die Nachricht auf der Insel, Proteste in anderen Städten folgen, zwischenzeitlich schaltet die Regierung das Internet ab. Es sind die größten Proteste seit 1994. Und im Großen wiederholt sich die Rhetorik, die der Staat schon in der Reaktion auf Yotuels Song aufgeboten hatte: Die Proteste seien alle aus den USA gesteuert. Der Ausruf „Patriy y Vida“ hallt da schon längst als Sprechchor durch die Straßen.

Martin Kaluza, Juli 2021

Die Vertreibung der Krimtataren

Jamala: 1944 (2016)

„When strangers are coming
They come to your house
They kill you all and say
We’re not guilty
Not guilty“

Jamala: 1944
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In den frühen Morgenstunden des 18. Mai 1944 schwärmen 30.000 Sicherheitskräfte des sowjetischen Innenministeriums und des Ministeriums für Staatssicherheit auf der Krim aus und suchen die Häuser auf, in denen krimtatarische Familien wohnen. Sie reißen Frauen, Kinder und Alte aus dem Schlaf und geben ihnen eine viertel Stunde Zeit, sich vor den Häusern zu versammeln. 200.000 Krimtataren werden gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Wer sich weigert, wird gleich erschossen.

Stalin wirft den Krimtataren vor, sie würden mit den Nazis kollaborieren. Doch tatsächlich kämpfen die meisten Männer im wehrfähigen Alter in den Reihen der Roten Armee gegen Nazi-Deutschland. Ihre Familien werden unterdessen in Viehwaggons eingepfercht und nach Zentralasien verschleppt, nach Usbekistan, Kirgisien und Sibirien. Fast die Hälfte von ihnen überlebt die Strapazen der Deportation nicht.

1983 kommt in der westkirgisischen Stadt Osch Susana Jamaladinowa zur Welt. Sie ist Urenkelin einer der Deportierten. Als Susana sechs Jahre alt ist und der frische Wind der Perestrojka durchs Land weht, verurteilt der Oberste Sowjet das Verbrechen an ihrem Volk und erlaubt die Rückkehr auf die Krim. In den neunziger Jahren zieht auch Susanas Familie in die angestammte Heimat. Mit offenen Armen werden sie nicht empfangen. Viele Krimtataren müssen ohne Wasser und Strom leben. In ihre ehemaligen Siedlungen an der Südküste dürfen sie nicht zurück.

Im Jahr 2016 singt Susana Jamaladinowa unter dem Künstlernamen Jamala im Finale des Eurovision Song Contests über die Deportation ihrer Landsleute. 200 Millionen Menschen hören, wie sie zunächst auf Englisch von Fremden singt, die in Häuser einbrechen und die Bewohner ermorden. Im Refrain wechselt sie die Sprache: „Yaşlığıma toyalmadım / Men bu yerde yaşalmadım“. Es sind die ersten Zeilen, die bei einem ESC auf Krimtatarisch gesungen werden. Sie bedeuten: „Ich konnte meine Jugend dort nicht verbringen / Weil ihr mir mein Land wegnahmt“.

Die Statuten des Wettbewerbs lassen eigentlich keine Songs mit politischen Botschaften zu. Aber Jamala argumentiert, es gehe in dem Song um die Geschichte ihrer Familie, und jedes Wort sei wahr. Die Organisatoren sehen das auch so.

Dennoch hört am Abend des ESC-Finales niemand die Geschichte des Songs, ohne an die Annexion der Krim durch Russland zu denken, die erst zwei Jahre zurückliegt. Die krimtatarische Bevölkerung war in dieser Zeit besonders Häufig Zielscheibe von Repressalien. Noch in der Woche vor dem ESC-Finale hatte sich ihre Lage zugespitzt: Die russische Polizei verhaftete den Mediziner und Politiker Ilmi Umerow, den stellvertretenden Chef der Medschlis, der Vertretung der Krimtataren. Umerow ist erklärter Gegner der Krim-Annexion. Der russische Geheimdienst wirft ihm vor, er habe Aufrufe erlassen, die die territoriale Integrität der Russischen Föderation gefährdeten. Amnesty International hingegen sieht in ihm einen gewaltfreien politischen Gefangenen.

Jamala gewinnt mit ihrem Song den Wettbewerb. Knapp – und vor allem Dank der Stimmen der Jury. In der Wertung der Zuschauer liegt der russische Song vorn. Russland boykottiert daraufhin den nächsten ESC – nach Kiev mag man keinen Teilnehmer schicken.

Martin Kaluza, April 2021

Drei Streik-Klassiker

„Wo ist das Politische Lied, wo sind die Protestsongs, wo ist die Revolution in der Musik?“ fragt sich Gitarrist Jo Ambros im Jahr 2020. „Was ist die gesellschaftliche Funktion von Musik, was ist meine gesellschaftliche Aufgabe als Musiker? Bin ich nur Schmuck, Unterhaltung, trage zur Kontemplation bei? Oder muss ich mich als öffentliche Person äußern, positionieren, in Stellung bringen?“

Die Fragen nimmt Jo zum Anlass, eine Reihe alter Songs neu zu interpretieren. Er spielt die „Internationale“ als Reggae, „We Shall Overcome“ als Rockungetüm, das Streiklied „Bread and Roses“ als schwebende Ballade. Sein Trick ist, die Songs instrumental zu spielen. So führt er uns vor, dass gute Protestlieder die Zeit nicht nur wegen ihrer Texte und wegen ihres Anliegens überdauern – sondern dass in den besten auch eine großartige Melodie steckt.

Zu seiner CD „Bread and Roses“ habe ich – wir kennen uns schon lange – die Linernotes geschrieben. Hier sind drei Liveversionen von Songs aus dem Album, aufgenommen im Deutschen Bauernkriegsmuseum in Böblingen. „Die Internationale“, „Bread and Roses“ und „We Shall Overcome“ haben einen verwandten Ursprung. Alle drei sind aus der Arbeiterbewegung heraus entstanden, als Gewerkschafts- und Streiklieder (auf dem Album sind auch andere Themen vertreten).

Die Internationale:

T Eugène Pottier
M Pierre Degeyter

Mitte Juni 1888 setzt sich Pierre Degeyter mit seinem Akkordeon hin, um einen Text zu vertonen. Ein Arbeiterlied soll es werden, und der Autor Eugène Pottier hatte ganz offensichtlich die Marseillaise im Kopf gehabt, als er den Text schrieb, denn die Versmaße gleichen sich auffällig. Bestellt ist ein Stück mit „lebendigem und mitreißendem Rhythmus“. Von einem Gewerkschafterchor wird es bei einer Versammlung der Zeitungsverkäufer in Lille am 23. Juli uraufgeführt. Die Erstauflage der Partitur erscheint in 6.000 heimlich gedruckten Exemplaren. Titel: „Die Internationale“.
1896 wird das Lied zur offiziellen Hymne der Revolutionäre, drei Jahre später schließen sich alle sozialistischen Organisationen Frankreichs an. 1910 erklärt der Internationale Kongress von Kopenhagen es zum Lied aller Arbeiter, und 1919 erklärt Lenin die „Internationale“ zur Nationalhymne der Sowjetunion. 1928, vierzig Jahre nach seiner Entstehung, dirigiert Pierre Degeyter persönlich den Chor auf dem VI. Kongress der Kommunistischen Internationale in Moskau, mit Tränen in den Augen.

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We Shall Overcome:

Anfang des 20. Jahrhunderts singen amerikanische Bergarbeiter während eines Streiks „We Will Overcome“. 1945 singen ihn Tabakarbeiterinnen in South Carolina, ebenfalls als Streiklied. Seit 1959 schließlich steht „We Shall Overcome“ vor allem für die amerikanische Bürgerrechtsbewegung, die, angeführt von Martin Luther King, friedlich für die Aufhebung der gesetzlich festgeschriebenen „Rassentrennung“ kämpft. Pete Seeger und Joan Baez machen den Song in der Popmusik bekannt.
Aber wer hat das Lied geschrieben? Meist wird die Hymne „I’ll Overcome Someday“ des Methodistenpredigers und Gospelkomponisten Charles Albert Tindley als Vorbild genannt. 2012 legte Musikproduzent Isaias Gamboa nahe, der Protestsong gehe auf die Hymne „If My Jesus Wills“ von Louise Shropshire zurück, die später mit Martin Luther King befreundet war. Sicher ist: Einer der bekanntesten Protestsongs überhaupt hat seinen Ursprung im Gospel – und er hat sich, bevor die ganze Welt ihn kennen lernte, mehrfach gewandelt.

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Bread and Roses:

T James Oppenheim 
M Caroline Kohlsaat

„Die Arbeiterin braucht Brot, aber sie braucht auch Rosen!“ 1911 bringt die Frauenrechtlerin und Gewerkschafterin Rose Schneiderman in einer Streikrede auf den Punkt, woran es Textilarbeiterinnen in New York mangelte: Brot – das steht für gerechten Lohn, erträgliche Arbeitszeiten und Sicherheit am Arbeitsplatz. Und Rosen – damit ist ein menschenwürdiges Leben außerhalb der Betriebe gemeint. Solidarität in den Gewerkschaften müssen sich die meist frisch eingewanderten Arbeiterinnen, die zum Teil wenig Englisch sprechen und als Lohndrückerinnen abgestempelt werden, erst erkämpfen.
1912 steht Schneidermans Zitat auf den Bannern des Streiks von 20.000 Textilarbeiterinnen in Lawrence (Massachusetts), der als „Bread and Roses Strike“ in die Geschichte der Arbeiterbewegung eingeht. James Oppenheim schreibt um den Slogan herum ein Gedicht, 1917 komponiert Caroline Kohlsaat die Musik. Manchmal wird Martha Coleman als Komponistin genannt – möglicherweise ist das dieselbe Person. Nach dem 2. Weltkrieg vertonen erst Mimi Fariña (Joan Baez‘ Schwester) und später Folksänger John Denver den Song erneut. Das Lied steht für zwei politische Bewegungen: Es wird in der Frauen- und in der internationalen Gewerkschaftsbewegung gesungen.

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Mehr dazu: joambros.de/revolutionslieder/

Die Spur der Züge

Steve Reich: Different Trains (1988)

„Lots of cattle wagons there
They were loaded with people
They shaved us
They tattooed a number on our arms
Flames going up to the sky – it was smoking“

Steve Reich: Different Trains
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Stephen Michael Reich ist vielleicht der bedeutendste zeitgenössische Komponist Amerikas. Eines seiner bekanntesten Werke ist tief mit seiner Biografie und seiner jüdischen Identität verwoben. Reich ist ein Scheidungskind – seine Eltern trennen sich, als er ein Jahr alt ist. Die Mutter zieht nach Los Angeles und arbeitet dort als klassische Sängerin. Der Vater, ein Anwalt, bleibt in New York.

Weil sich beide um den Jungen kümmern wollen, reist er oft mit dem Zug zwischen den Städten hin und her, begleitet von seiner Gouvernante. Für Stephen, 1936 geboren, sind die viertägigen Fahrten ein Abenteuer. Fast 50 Jahre später erinnert sich Reich an die Reisen: „Gott weiß, warum mir die Zugreisen meiner Kindheit im Kopf herumschwirrten. Ich erinnerte mich an den typischen Sound, den amerikanische Züge hatten. Ich dachte an all die musikalischen Stücke, die mit Zügen zu tun hatten, an ‚Night Train‘, ‚Soultrain‘, ‚Chattanooga Choo Choo‘. In unserer Musik gibt es eine Kultur von Zügen.“

Die Erinnerung an die Züge seiner Kindheit beunruhigt Reich: „Diese Fahrten waren damals aufregend und romantisch. Doch heute schaue ich zurück und mache mir bewusst, dass ich als Jude in andere Züge hätte steigen müssen, wenn ich zu dieser Zeit in Europa gewesen wäre.“ Einmal sagt er: „Es gibt ein Foto aus dem Warschauer Getto von einem kleinen Jungen, sechs oder sieben Jahre alt. Er hat eine Mütze auf und kurze Hosen an. Er sieht genauso aus wie ich in dem Alter.“

Mit einem Tonbandgerät besucht er sein über 70 Jahre altes Kindermädchen Virginia. Er lässt sich von ihren gemeinsamen Zugfahrten erzählen. Als Nächstes nimmt er ein Gespräch mit Lawrence Davis auf, einem über 80-jährigen pensionierten Schaffner, der auf der Strecke New York–Los Angeles arbeitete. Schließlich besorgt sich Reich Sprachaufnahmen dreier Holocaust-Überlebender, die nun in den USA leben: Rachella, Paul und Rachel. Aus ihren Erzählungen hört er die Sprachmelodie einzelner Sätze heraus und notiert sie als Noten. Er arrangiert daraus kurze, rhythmisch wiederkehrende Tonfolgen als Musik für ein Streichquartett. Bei Konzerten spielt ein Tonband die Stimmen ab, dazu das Pfeifen von Zügen, kreischende Bremsen, Sirenen.

Sein Stück „Different Trains“ hat drei Sätze: „Amerika – vor dem Krieg“ steht für Reichs Reisen zwischen den Elternteilen. In „Europa – während des Krieges“ kommen die Holocaust-Überlebenden zu Wort. Im dritten Satz, „Nach dem Krieg“, ist Pauls Stimme zu hören: „Und der Krieg war vorbei.“ Rachella fragt: „Bist du sicher?“

Reich, der Philosophie und an der New Yorker Juilliard School Komposition studiert hat, ist bekannt für die Montage sich wiederholender kleiner Melodiesegmente. Er hat die Stilrichtung der Minimal Music geprägt.

In den letzten Jahren hat er die bislang rein instrumentale Musik um Sprache ergänzt. Seine Stücke werden in Konzertsälen und Museen aufgeführt. „Ich liefere keine Interpretation des Holocaust“, sagt er. „Ich präsentiere Menschen, die über ihr eigenes Leben sprechen. Die Musik folgt dem, wie sie sprechen. Wenn ‚Different trains‘ funktioniert – und danach sieht es aus –, dann liegt es daran, dass die dokumentarische Realität und die musikalische Realität eins sind.“

Martin Kaluza, Februar 2021

2020 in einem Song zusammengefasst

Anderson .Paak: Lockdown (2020)

„You should have been downtown
The people are risin‘
We thought it was a lockdown
They opened the fire
Them bullets was flyin‘
Who said it was a lockdown?
Goddamn lie!“

Anderson .Paak: Lockdown
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Am 25. Mai 2020 nehmen vier Polizeibeamte in Minneapolis den 46-jährigen Afroamerikaner George Floyd fest. Der Kassierer eines Ladens hatte die Polizei gerufen und angegeben, der Mann habe mit einem gefälschten 20-Dollar-Schein einkaufen wollen. 17 Minuten nachdem das erste Einsatzfahrzeug eintrifft, liegt Floyd leblos am Boden. Einer der Beamten kniet auf seinem Hals und hat ihm acht Minuten lang die Luft abgedrückt.

Eine Passantin hat den Todeskampf des unbewaffneten Mannes dokumentiert: sein Flehen, den gleichgültigen Blick des Polizisten, die Bitten der Zeugen, er solle von dem wehrlosen Mann ablassen. Über zwanzig Mal presst Floyd hervor: „I can’t breathe“ – „Ich kriege keine Luft“. Das Video ist kaum zu ertragen.

In Minneapolis und im ganzen Land ziehen Menschen, vor allem schwarze US-Bürger, auf die Straße, um gegen die Polizeigewalt zu protestieren, die einfach nicht enden will. Eine über viele Jahre aufgestaute Wut entlädt sich in Ausschreitungen. „I can’t breathe“ steht auf den Plakaten und „Black Lives Matter“ – „Die Leben von Schwarzen zählen“. Rund um den Globus finden aus Solidarität Demonstrationen statt.

Die Proteste fallen mitten in die Zeit der Covid19-Pandemie. Die USA haben längst Italien als das Land mit der höchsten Infektionszahl abgelöst. Rund 1,7 Millionen Infizierte und über 100.000 Tote zählen die USA Ende Mai. Während die Neuinfektionen in den meisten europäischen Ländern stark zurückgehen, sind sie in den USA noch immer hoch. Die Infektionen treffen besonders häufig Afroamerikaner. US-Präsident Trump betreibt eine irrlichternde Politik und droht Gouverneuren, die Maßnahmen zum Schutz ihrer Bürger verordnen.

Der Sänger, Rapper und Schlagzeuger Anderson Paak schließt sich den Protestmärschen an. Er arbeitet gerade an einem Song, der eigentlich fast fertig ist. Paak hält inne, um die Ereignisse auf sich wirken zu lassen, und schreibt einen neuen Text. Der Musiker beschreibt einen Wendepunkt: „Time heals all / but you’re out of time now“ – „Die Zeit heilt alle Wunden, doch die Zeit läuft nun ab“. „Ich habe gemerkt, dass das Problembewusstsein zunimmt“, erklärt er in einem Interview. „Die Leute lassen sich nicht mehr vormachen, alles sei ok. Es ist einfach so offensichtlich. Sie haben genug!“

Den Song „Lockdown“ veröffentlicht Paak am 18.6., dreieinhalb Wochen nach George Floyds gewaltsamem Tod. Paak singt über die Proteste und Covid, über Arbeitslosigkeit und die Polizei, die mit Gummigeschossen und Tränengas gegen die Demonstranten vorgeht. Mit seinem Song fängt er einen Moment ein, in dem alles zusammen kommt: Polizeigewalt, Rassismus, die Kriminalisierung der legitimen Black Lifes Matter-Proteste, die Pandemie. 2020 in a nutshell.

Während die große Mehrheit friedlich demonstriert, nehmen Ausschreitungen und Plünderungen in der Berichterstattung einen großen Raum ein. Paak zeigt in wenigen Worten, wie bequem und einseitig das ist: „Stayin‘ quiet when they killin‘ niggas, but you speak loud / When we riot, got opinions from a place of privilege.“ („Du bleibst stumm, wenn Schwarze ermordet werden, doch du erhebst deine Stimme, wenn wir randalieren. Deine Meinung zeigt, wie gut du es hast.“) Aus „Lockdown“ spricht die Hoffnung, dass nun endlich über den Rassismus und die Brutalität gesprochen wird, unter denen Afroamerikaner seit langem leiden.

Der Refrain gibt die ganze Zerrissenheit der Lage wieder: „Du hättest in der Stadt sein müssen / die Menschen lehnen sich auf / wir dachten, es wäre Lockdown / sie haben auf uns geschossen“. „Ob es Gummigeschosse sind, scharfe Munition oder das Hinknien auf dem Hals eines Typen – wir sollten doch eigentlich drinnen sein, wir sollten sicher sein, wir sollten doch versuchen, durch die Pandemie zu kommen“, sagt Paak. „Aber aus irgendwelchen Gründen werden jeden Tag People of Color auf der Straße getötet. Dafür ist immer noch Zeit, trotz Lockdown.“

Anderson .Paak erzählt die Entstehungsgeschichte des Songs
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Martin Kaluza, Dezember 2020

Politisch wider Willen

Pharrell Williams: Happy (2013)

„Clap along if you feel like a room without a roof
Clap along if you feel like happyness is the truth
Clap along if you know what happyness is to you
Clap along if you feel like that’s what you wanna do“

Pharrell Williams: Happy
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Donald Trump ist zu Scherzen aufgelegt. Auf einer Tagung der Future Farmers of America in Indianapolis berichtet er, jemand hätte ihm gesagt, seine Haare sähen heute irgendwie anders aus. „Ich sagte ihm: Ich habe heute morgen unter dem Flügel der Präsidentenmaschine eine Pressekonferenz gegeben, eine sehr unerfreuliche Konferenz.‘ Der Wind blies, es regnete, und ich war klatschnass. Deshalb sieht es heute so aus. Ich meinte: ‚Vielleicht sollte ich diesen Termin absagen, weil ich einen Bad-hair-day habe.’“

Trump ist im Wahlkampf, in weniger als zwei Wochen die Wahlen zum Repräsentantenhaus an, die „Midterm“-Wahlen. Am gleichen Abend tritt der US-Präsident noch auf einer Wahlkampfveranstaltung in Murphysboro in Illinois auf. Sein Team beschallt die Arena mit „Happy“, dem gut gelaunten Welthit des Popstars und Produzenten Pharrell Williams.

Der eingängige Song ist eine Hymne an die Lebenslust. Im dazugehörigen Video tanzen Menschen aus aller Welt und jeden Alters. Das Video, von dem Williams sogar eine 24-Stunden-Version produziert, feiert, was die Menschen eint. In jeder einzelnen Hinsicht repräsentiert der Song das genaue Gegenteil zu der provokativen, spaltenden, von Hass getriebenen Rhetorik und Politik unter Trump.

Doch heute, am 27. Oktober 2018, ist es besonders unpassend, den Song zu spielen. Am Vormittag war ein 46-jähriger Attentäter in die Tree of Life-Synagoge in Pittsburgh eingedrungen und hatte elf Menschen erschossen. Er hatte gezielt den Sabbat gewählt, den besucherreichsten Tag. Zuvor hatte er auf dem unter Rechtsradikalen populären sozialen Netzwerk Gab Hassbotschaften verbreitet und seine Tat unmittelbar angekündigt.

Pharrell Williams wehrt sich gegen die Vereinnahmung seines Songs. Über seinen Anwalt schickt er dem Präsidenten eine Unterlassungsaufforderung. Darin heißt es: „Am Tag des Massenmords an 11 Menschen durch einen verwirrten ‚Nationalisten‘ spielten Sie dem Publikum einer politischen Veranstaltung in Indiana den Song ‚Happy‘ vor. Es ist nichts Fröhliches an der Tragödie, die unser Land am Samstag traf, und Sie hatten keine Erlaubnis, den Song zu diesem Anlass zu spielen.“

Williams ist nicht der erste Musiker, der mit Trumps Kampagnen nichts zu tun haben will. Auch Neil Young, R.E.M., Aerosmith, Adele, Elton John, Queen, Earth, Wind & Fire, die Beatles, Rihanna und Guns N‘ Roses wollten nicht, dass ihre Songs dort gespielt werden.

Der Unwillen der Musiker trifft auch andere Politiker. 2005 ließen die Rolling Stones der CDU befremdet ausrichten, die Band hätte ihr nicht erlaubt, auf Parteitagen „Angie“ zu spielen. Die Elektropop-Band MGMT verklagte Nicolas Sakorzys Partei UMP, weil sie den Song „Kids“ im Wahlkampf nutzte. Und selbst Barack Obama, der sonst von vielen Musikern unterstützt wird, erhielt 2008 eine Abfuhr: Sam Moore, eine Hälfte des Soul-Duos Sam & Dave, bat ihn, den Song „Hold On I’m Coming“ nicht mehr auf Wahlveranstaltungen zu spielen.

Rechtlich können Musiker wenig ausrichten. Die Kampagnenteams kaufen von den Verwertungsgesellschaften ASCAP und BMI, die in Deutschland etwa der GEMA entsprechen würden, Lizenzpakete für unzählige Songs.

Im Juli 2020 setzt schließlich die Artist Rights Alliance (ARA) einen offenen Brief auf. Über 50 Musiker und Bands – von den Rolling Stones über Adele bis zu Rihanna – fordern klare Regeln für Republikaner und Demokraten gleichermaßen: Wer einen Song für Kampagnen nutzen will, soll grundsätzlich um Erlaubnis fragen.

Martin Kaluza, Oktober 2020

Trauer und Wut

Azzi Memo: Bist du wach? (2020)

„Überall Missgunst, Ausgrenzung und Rassismus
Der Struggle endet niemals, es geht in die falsche Richtung
Jeden Tag wird’s schlimmer, unsre Welt zerbricht in Trümmern
Werden ohne Grund gehasst, was erzähl‘ ich meinen Kindern?“

Mortel in: Aizzi Memo – Bist Du wach?
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Am Abend des 19. Februar 2020 steht das Handy von Mehmet Seyitoglu nicht mehr still. Ein Freund schreibt ihm: „Wo bist du gerade, lass‘ dich draußen besser nicht blicken, da dreht einer komplett durch!“ Auf twitter kursieren schon Gerüchte, er sei Opfer eines Anschlags geworden. Seyitoglu hat in ganz Deutschland Fans: Sie kennen ihn als Rapper Azzi Memo.

Gegen 22 Uhr erschießt an diesem Abend ein 42-jähriger Attentäter vier junge Menschen in einer Shisha-Bar in Hanau. Er fährt weiter in den Stadtteil Kesselstadt und ermordet auf einem Parkplatz und in einem Kiosk mit angeschlossenem Café weitere fünf Menschen. Der Attentäter geht gezielt vor: Alle Opfer haben einen Migrationshintergrund. Am Ende fährt er nach Hause, wo er seine Mutter und sich selbst erschießt.

Der Reporter des vom Springer-Konzern neu geschaffenen Kanals „Bild live“ spekuliert in der Nacht der Tat wiederholt über eine „Schießerei“ im kriminellen Milieu – Russen seien es vielleicht gewesen oder Schutzgelderpresser. In den Wochen zuvor hatten Politiker der AfD gegen Shisha-Bars gehetzt, zuletzt im Wahlkampf in Hamburg. Doch schnell ist klar: Der Täter von Hanau ist ein Rechtsextremer mit psychischen Problemen, der aus rassistischen Motiven handelt.

Seyitoglu ist in Hanau aufgewachsen. Er kennt das Viertel, in dem die Shisha-Bar liegt, und er kennt einen guten Teil der Menschen, die dort am 19. Februar den Abend verbracht haben. Unter den Opfern ist der Sohn seines Cousins. Ein Freund wird an der Schulter getroffen und überlebt.

Seyitoglu ist kurdischer Abstammung, kam mit seinen Eltern zunächst in ein Asylbewerberheim in Deutschland, dann zog die Familie in ein hanauer Hochhaus. Er ist das älteste Kind, kümmert sich um die Geschwister und übersetzt für seine Eltern. Er kommt in der Schule ins Schlingern, holt später sein Abitur nach, macht eine Ausbildung als Einzelhandelskaufmann. Unter dem Künstlernamen Azzi Memo beginnt er eine Karriere als Rapper.

Nach dem Anschlag spürt Seyitoglu, dass er etwas unternehmen muss. Er versammelt 17 Rapper und die Sängerin Rola um sich und nimmt mit ihnen den Song „Bist du wach?“ auf. Den Erlös spenden die Musiker der Antonio Amadeu-Stiftung, die den Überlebenden und den Angehörigen der Opfer des Anschlags von Hanau hilft.

In vielen Zeilen bricht hervor, was sich schon lange angestaut hat: Trauer, Fassungslosigkeit, auch Wut. Azzi Memos Part eröffnet den Song mit der Erinnerung an vorangegangene Anschläge in Limburg, Fulda, Kassel, und Halle. Milonair rappt: „Ich dachte, meine Söhne wären sicher hier. 33 Jahre in diesem Land, was ist passiert?“ Und Sinan-G, wie Milonair deutscher Rapper mit iranischen Wurzeln: „So viele Opfer, keiner schafft es mehr sie aufzuzähl’n. Ich würd die Kugeln, die sie trafen, so gern auf mich nehm’n“.

„Die meisten Rassisten werden Rassisten bleiben“, sagt Azzi Memo über den Song. „Gerade ihnen jedoch sollten wir zeigen: wir gehören dazu. Und wir sind mehr als ihr.“

Martin Kaluza, August 2020

Der Kunst-Star singt gegen die Nachrüstung an

Joseph Beuys: Sonne statt Reagan (1982)

„Wir wollen Sonne statt Reagan
ohne Rüstung leben!
Ob West, ob Ost,
auf Raketen muss Rost!

Joseph Beuys: Sonne statt Reagan

Als US-Präsident Ronald Reagan zum Nato-Gipfeltreffen nach Deutschland kommt, versammeln sich 400.000 Menschen auf den Rheinwiesen im Bonner Stadtteil Beuel. Allerdings nicht, um ihm zuzujubeln. Am 10. Juni 1982 protestiert ein breites Bündnis aus Linken und Gewerkschafterinnen, aus eher unpolitischen Bürgern und Christen gegen die Nachrüstungspläne der Nato. Es ist die bislang größte Demo in der Geschichte der Bundesrepublik. Die westdeutsche Friedensbewegung steht auf ihrem Höhepunkt.

Während des Musikprogramms steigt ein Mann mit Filzhut auf die Bühne: Der Kunst-Star Joseph Beuys greift sich das Mikrofon. Begleitet von der sozial engagierten Band Bap setzt er nicht etwa zu einer Rede an, sondern er singt: „Wir wollen Sonne statt Reagan! / Ohne Rüstung leben / Ob West, ob Ost / Auf Raketen muss Rost!“

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Angst vor dem Atomkrieg liegt in der Luft. Die Sowjetunion hatte Mitte der siebziger Jahre massiv mit atomaren Mittelstreckenraketen des Typs SS-20 aufgerüstet. SPD-Kanzler Helmut Schmidt sah das Gleichgewicht der atomaren Abschreckung in Gefahr und drängte gemeinsam mit dem britischen Premier James Callaghan und Frankreichs Staatschef Valéry Giscard d’Estaing den damaligen US-Präsidenten Jimmy Carter zum „Nato-Doppelbeschluss“. Die Vereinbarung vom 12. Dezember 1979 sah Verhandlungen mit dem Warschauer Pakt über die Begrenzung von Mittelstreckenraketen vor. Sollten die jedoch scheitern, würde die Nato mit eigenen Mittelstreckenraketen atomar nachrüsten.

Die Friedensbewegung weigert sich zu glauben, dass noch mehr Raketen Europa sicherer machen würden. Allein in der Bundesrepublik sind ohnehin bereits 7.000 Atomraketen stationiert.

Joseph Beuys ist schon lange politisch engagiert. Mehr noch: Er versteht den Beitrag der Kunst zur Gestaltung der Gesellschaft als soziale Plastik. Beuys setzt sich für direkte Demokratie ein und zählt 1979 zu den Gründungsmitgliedern der Grünen. Einmal trifft Beuys den Dalai Lama, für den er eigens eine Fettecke anfertigt. Allerdings bleibt das Gespräch, in dessen Verlauf fast ausschließlich Beuys redet und in dem er unter anderem ankündigt, China einen Wirtschaftsplan für Tibet vorzuschlagen, folgenlos.

Den Reagan-Song hatte Beuys am 19.4.1982 im Auftrag der Grünen aufgenommen und als Single veröffentlicht. Die Musik schrieb Bap-Gitarrist Klaus Heuser. Der Text, der manchmal irrtümlich Beuys zugeschrieben wird, stammt von dem Werbetexter Alain Thomé, auch Drummer Manfred Boecker hat dazu beigetragen.

So entschieden der Refrain auftritt, so diplomatisch umschiffen die Strophen gleich mehrere Klippen. Dem Vorwurf des Antiamerikanismus kommt der Song zuvor, indem er sich auf einer Seite mit dem amerikanischen Volk verortet: „Dieser Reagan kommt als Mann der Rüstungsindustrie / but the people of the States don’t want it – nie!“ Ebensowenig soll er als Anbiederung an die Sowjets missverstanden werden: „Er will die Säcke im Osten reizen / die auch nicht mit Atomen geizen.“

Mit dem Song tritt Beuys einen Monat nach der Friedensdemo sogar in der populärsten Musiksendung der ARD auf. Bei „Bananas“ hüpft er, das Mikrofon schwingend, hinter Band und Schlagzeug auf und ab.

Die Nachrüstung können die Friedensdemos nicht verhindern. Unter Schmidts Nachfolger Helmut Kohl beschließt der Bundestag am 22. November 1983 die Stationierung von 108 Pershing-2-Raketen und 96 Marschflugkörpern in der Bundesrepublik. Doch bald zeigt sich, dass die Sowjetunion sich mit dem Wettrüsten wirtschaftlich übernommen hat. Am 8. Dezember 1987 vereinbaren Reagan und der sowjetische Staatschef Gorbatschow die Doppel-Null-Lösung – ein Durchbruch! Innerhalb von drei Jahren sollen alle in Europa stationierten amerikanischen und sowjetischen Mittelstreckenraketen verschrottet werden.

Martin Kaluza, Juli 2020

Die Befreiung des Hurricans

Bob Dylan: Hurricane (1975)

„Here comes the story of the Hurricane
The man the authorities came to blame
For somethin‘ that he never done
Put in a prison cell, but one time he could-a been
The champion of the world“

Bob Dylan: Hurricane

Am Morgen des 17. Juni 1966 erschießen zwei schwarze Männer in einer Bar in der Kleinstadt Paterson in New Jersey drei Weiße: den Barkeeper und zwei Gäste. Die Polizei hat schnell einen Verdacht. Eine Streife greift Rubin Carter auf, der mit seinem Freund John Artis in einem Dodge Straßenkreuzer unterwegs ist. Beide sind schwarz. Schon bei der ersten Gegenüberstellung ist sich ein schwer verletzter Augenzeuge aus der Bar sicher: Die beiden waren es nicht. Die Polizei lässt Carter und seinen Freund gehen. Vorerst.

Die Kleinstadtpolizisten kennen Carter, seit er ein Kind war – ein oft unbeherrschtes und manchmal gewalttätiges Kind, das seine Eltern in die Obhut der Behörden gaben, als sie nicht mehr weiter wussten mit ihm. Nun ist der schwierige schwarze Junge zu einem recht erfolgreichen Boxer herangewachsen (Spitzname: „Hurricane“) und kurvt in teuren Autos durch die Stadt. So einen ziehen sie nur zu gern aus dem Verkehr.

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Vier Monate nach Carters Freilassung behauptet der vorbestrafte Kriminelle Alfred Bello, er hätte ihn zur Tatzeit in der Nähe des Tatorts gesehen. Das reicht als Belastung. Carter und Artis werden erneut festgenommen, vor Gericht gestellt und von den ausnahmslos weißen Geschworenen des dreifachen Mordes für schuldig befunden: Lebenslang für beide.

Carters Fall wird zum Symbol für eine rassistische Justiz. Doch er gibt sich nicht geschlagen. Im Gefängnis studiert er juristische Fachbücher. Er schreibt seine Autobiographie „Die 16. Runde – vom Herausforderer Nummer eins zur Nummer 45472“. Ein Exemplar schickt er dem Sänger Bob Dylan. Da sitzt er schon acht Jahre im Gefängnis.

Dylan liest das Buch, und bevor ein Monat vergangen ist, besucht er den Häftling. Schwer beeindruckt von der Geschichte und der Persönlichkeit Carters schreibt Dylan einen Song über den Fall, ausgerollt in über 90 Zeilen, halb Moritat, halb Protestsong. „Hurricane“ dauert acht Minuten und ist dem Sänger so wichtig, dass er als Single veröffentlicht wird, in zwei Teilen, auf A- und B-Seite. Der Song verschafft dem fast vergessenen Fall bei einem breiten Publikum neue Aufmerksamkeit.

Dylan startet eine Kampagne für Carters Freilassung. Mit seiner berühmten Tournee „Rolling Thunder Revue“, an der auch Joan Baez, Joni Mitchell, Roberta Flack und der Beat-Dichter Allen Ginsberg mitwirken, gastiert er Ende 1975 sogar in dem Gefängnis, in dem Carter einsitzt.

Carters Fall geht so irrwitzig weiter wie er begonnen hatte. Zwei Monate nach Dylans Gefängnisauftritt räumt Belastungszeuge Alfred Bello in der New York Times ein, dass er gelogen hatte, weil er sich davon Vorteile versprach. Der Surpreme Court von New Jersey hebt das Urteil daraufhin auf. Doch noch 1976 werden Carter und Artis erneut verhaftet, weil die Staatsanwaltschaft erstmals ein Motiv benennt: Der Mord sei die Rache für einen in der gleichen Nacht von Weißen begangenen Mord an einem Schwarzen gewesen.

Diesen Schlag verkraftet Carter nicht mehr, er gibt sich auf. Doch 1980 liest ein Teenager aus Brooklyn sein Buch und mobilisiert kanadische Bürgerrechtler. Dank ihrer Unterstützung erreichen Carters Anwälte die Wiederaufnahme des Verfahrens. Diesmal entscheidet kein Provinzgericht aus New Jersey, sondern ein Bundesrichter. Ende 1985, nach 19 Jahren Haft, kommt Rubin Carter endgültig frei.

Er zieht nach Toronto, setzt sich für zu Unrecht Verurteilte ein und bekommt dafür zwei Ehrendoktorwürden verliehen. Im Februar 2014, kurz vor seinem Tod, schreibt er: „Ich habe 49 Jahre in der Hölle gelebt, und in den letzten 28 Jahren im Himmel.“

Martin Kaluza, April 2020

Ugandas Popstar-Demokrat

Bobi Wine: Dembe (2016)

„We should build useful foundations for Uganda as an example to our children
So they know it no longer requires bloodshed for one to ascend to power
So they know that candidates campaign and the masses pick one
And the winner leads them, the loose congratulates the winner“

Bobi Wine: Dembe

Am 15. August 2018 ist Yoweri Museveni, der Präsident Ugandas, in der Stadt Arua unterwegs, um die Kampagne seines Kandidaten zu unterstützen. Der Abgeordnete Ibrahim Abiriga war ermordet worden, nun finden Nachwahlen statt. Mit Abiriga hat der Präsident, der Uganda seit 1986 regiert, einen loyalen Unterstützer verloren. Museveni bestreitet gerade seine siebte Amtszeit in Folge. Er will die Altersgrenze für Präsidentschaftskandidaten, die einer achten im Weg stehen würde, streichen lassen. Abiriga hatte zu den Befürwortern gezählt.

Auch die Gegner des Präsidenten machen Wahlkampf in Arua. Die Stimmung ist aufgeheizt. Steine fliegen auf das Auto des Staatschefs, die Lage eskaliert, Sicherheitskräfte schießen. Die Kugeln treffen das Auto von Robert Kyagulanyi Ssentamu, einem der schärfsten Gegner des Präsidenten. In den sozialen Medien postet Ssentamu das Foto seines blutüberströmten, leblosen Fahrers. Er schreibt: „Sie dachten, sie hätten mich getroffen.“ Minuten nach der Schießerei wird Ssentamu verhaftet und in ein Militärgefängnis gebracht. Die Polizei behauptet, in seinem Hotelzimmer Gewehre und Munition gefunden zu haben.

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Ssentamu kennt in Uganda jeder. Unter dem Künstlernamen Bobi Wine ist er der größte Popstar des Landes, er gilt als Stimme der Jugend. Bobi Wine singt an gegen Armut und Ungerechtigkeit, und er setzt sich dafür ein, dass Wahlen friedlich und fair verlaufen. Die jungen Leute fordert er auf, Personalausweise zu beantragen, damit sie wählen gehen können. Sein Song „Dembe“ ist ein urdemokratischer Ruf nach funktionierenden Strukturen: „Wir sollten Fundamente bauen, die Uganda nutzen und unseren Kindern ein Vorbild geben, damit sie wissen, dass man kein Blut mehr vergießen muss, um an die Macht zu kommen.“

Und Wine geht selbst in die Politik. 2016 erringt er einen Sitz im Parlament. Auf den Straßen der Hauptstadt Kampala hat er längst einen Spitznamen, der noch mehr verspricht: Ghetto-Präsident.

Seine Festnahme in Arua löst unter Popmusikern weltweit eine Welle der Solidarität aus: Peter Gabriel und Chrissie Hynde, U2 und Coldplay – sie alle protestieren, gemeinsam mit afrikanischen Musikerkollegen wie Angelique Kidjo und Femi Kuti. Der Druck im In- und Ausland ist groß, das Militär lässt Wine frei. Doch er wird gleich wieder verhaftet, diesmal lautet der Vorwurf Landesverrat. Als Bobi Wine erneut freigelassen wird, fliegt er in die USA, um sich in einer Klinik behandeln zu lassen. Sein Körper ist von Haft und Folter schwer mitgenommen.

Bobi Wine lässt sich nicht einschüchtern. Bei den Wahlen 2021 will er wieder kandidieren – diesmal als Präsidentschaftskandidat. „Es ist immer gefährlich, gegen einen Diktator anzutreten,“ sagt er in einem Interview mit der BBC. „Aber es ist gefährlicher, herumzusitzen und sich seinem Schicksal zu fügen.“

Der Sänger weiß, dass auch Präsident Musenevi einst als Hoffnungsträger angetreten war. „Immer, wenn ich Präsident Museveni in den Fernsehnachrichten sehe, frage ich mich, wie ein derart gepriesener Revolutionär willentlich zu einem der am meisten verachteten Diktatoren der Welt werden konnte“, sagt Bobi Wine. „Das ist eine Lektion, die uns daran erinnert, dass uns nur die Idee starker Institutionen vor uns selbst schützen kann.“

Martin Kaluza, Februar 2020