Der militärisch-industrielle Komplex

Bob Dylan: Masters of War (1963)

„You fasten the triggers
For the others to fire
Then you sit back and watch
When the death count gets higher
You hide in your mansion
As the young people’s blood
Flows out of their bodies
And is buried in mud“

Bob Dylan: Masters of War
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Am 17. Januar 1961 hält Dwight D. Eisenhower nach zwei Amtszeiten seine Abschiedsrede als Präsident der USA. Seine Präsidentschaft war geprägt vom Kalten Krieg und massiver Aufrüstung auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs. Das Wettrüsten nahm zu Beginn seiner Präsidentschaft Fahrt auf: USA und UdSSR bauten Atombomben, die zunächst nur von Langstreckenbombern aus abgeworfen werden konnten. 1957 bauten die Sowjets die erste Interkontinentalrakete der Welt. 1958 drohten sie, West-Berlin der DDR einzuverleiben – eine Spannung, die die Supermächte zunächst lösen konnten, durch eine Vereinbarung über den Kurs der „friedlichen Koexistenz“.

In seiner Abschiedsrede warnt Eisenhower nun zum Erstaunen vieler Zuhörer vor dem, was er den „militärisch-industriellen Komplex“ nennt: Obwohl er selbst Generalstabschef der Armee gewesen war, sieht in den Verflechtungen von Rüstungsindustrie und Politik eine Gefahr für die demokratischen Institutionen. Er fürchtet, dass ein massiv aufgerüstetes Land Konflikte vorschnell militärisch auszutragen bereits ist statt diplomatische Lösungen zu suchen.

Eisenhower sagt: „Nur wachsame und informierte Bürger können die angemessene Verknüpfung der gigantischen industriellen und militärischen Verteidigungsmaschinerie mit unseren friedlichen Methoden und Zielen erzwingen, so dass Sicherheit und Freiheit zusammen wachsen und gedeihen können.“

Eine Woche nach Eisenhowers Rede zieht Robert Zimmermann, ein Junge aus dem kargen Norden der USA, nach New York und mischt mit seiner Gitarre die Musikkneipen und Bars der Folk-Szene auf. Unter seinem Künstlernamen Bob Dylan spielt der 21-Jährige die Songs seines Vorbilds Woody Guthrie. Bald schreibt er eigene Lieder, politisch und engagiert. „The Ballad of Donald White“ oder „The Death of Emmett Till“ sind, ganz der Folk-Tradition folgend, um das Schicksal einer bestimmten Person herum gestrickt.

Doch Dylan will sich weiter entwickeln und schreibt neue Songs. Er wagt den Blick auf das Große Ganze: „Blowin‘ in the Wind“, das sein größter Hit werden wird, ist ein Schrei nach Freiheit und nach Frieden, und damals so ungewöhnlich, dass er auch von der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung angenommen wird.

Dylan verfasst, inspiriert von Eisenhowers Rede, einen noch expliziteren Antikriegssong, die Melodie entlehnt er dem Folksong „Nottamun Town“: In „Masters of War“ klagt Dylan gegen Kriege, die von den jungen Menschen nicht gewollt werden; er wettert gegen die Schreibtischtäter, die ungerührt zuschauen, während andere sterben; er ätzt gegen den Zynismus der Kriegsgewinnler, für die Menschenleben nichts zählen. In der letzten Strophe wünscht er ihnen den Tod und malt sich aus, er würde ihrem Sarg folgen und auf dem Grab stehen, um sicher zu gehen, dass sie tot sind.

Solche boshaften Gedanken sind eigentlich nicht Dylans Stil. Man kann sie als Rollenprosa lesen und als erschütterte Feststellung, was die Hilflosigkeit angesichts des Krieg aus friedlichen Menschen macht – sie wünschen den Kriegsherren den Tod. Man könnte auch sagen: Die letzte Strophe malt aus, wie das Gift, vor dem Eisenhower gewarnt hatte, seine Wirkung auch im Privaten entfaltet.

Kurze Zeit später wird Dylans Song zunächst zum Soundtrack der Kuba-Krise und zum Protestlied gegen den Vietnamkrieg. Der schwelt zwar bereits seit 1955, doch zum Trauma für die US-amerikanische Gesellschaft wird er erst 1965, als die USA sich aktiver als bisher am Krieg beteiligen und Nordvietnam bombardieren. Der militärisch-industrielle Komplex hat einen fatalen Weg eingeschlagen, der zehn Jahre später mit einem verlorenen Krieg enden wird.

Martin Kaluza, Juni 2022

Gesang der Gesänge

Mikis Theodorakis und Maria Farantouri: Die Mauthausen-Kantate (1965)

„Die ich liebe ist schön, so unsagbar schön
Ich seh sie vor mir in ihrem Sommerkleid
Mit einem Kamm im dunklen Haar
Man hat sie fortgebracht, und keiner sieht, wie schön sie ist
Man hat sie fortgebracht, und keiner sieht, wie schön sie ist
Man hat sie fortgebracht, und keiner weiß, wohin“

Mikis Theodorakis und Maria Farantouri: Asma Asmathon
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Am 6. April 1941 überfällt die Wehrmacht Griechenland. Die grausame Besatzung dauert bereits zwei Jahre an, als der junge Grieche Iakovos Kambanellis bei dem Versuch, in die Schweiz zu fliehen, in Österreich verhaftet wird. Er wird ins Konzentrationslager Mauthausen bei Linz gebracht und bleibt dort bis zum Tag der Befreiung am 5. Mai 1945.

Kambanellis bleibt sogar noch länger auf dem Gelände als er müsste. Er und andere wollen diejenigen Juden nicht allein zurücklassen, die auf ihre Ausreise nach Palästina warten. In dieser Zeit verliebt er sich in Jannina, eine jüdische Litauerin.

Zurück in Griechenland wird er oft gebeten, von seiner Gefangenschaft im Vernichtungslager zu berichten. Doch es dauert fast zwanzig Jahre, bis er Texte über seine Erlebnisse veröffentlicht. Er hat das Gefühl, in den vielen Zeitungsberichten über KZs und in den Nürnberger Prozessen sei schon alles gesagt. Was soll er da noch beitragen?

Kambanellis findet schließlich einen eigenen Zugang: Er schreibt einen Roman über die Gefangenschaft und die Zeit unmittelbar nach der Befreiung. In „Die Freiheit kam im Mai“ benennt er die Grausamkeiten, und er beschreibt auch Momente der Wärme – etwa die Sonntage, an denen sich die getrennt untergebrachten männlichen und weiblichen Gefangenen über den Zaun hinweg anschauten, ohne etwas sagen zu dürfen, und all ihre Liebe und ihr Verlangen in Blicken ausdrückten.

Neben dem Roman verfasst Kambanellis einen Zyklus aus vier Gedichten über Mauthausen. Im ersten, Asma Asmathon, besingt der Protagonist die Schönheit der Frau, in die er verliebt ist und die er verzweifelt sucht. Kambanellis entlehnt die Zeile „Und keiner hat gewusst, dass sie so schön ist“ dem Hohelied Salomons. Sein Protagonist fragt: „Ihr Mädchen von Dachau, ihr Mädchen von Auschwitz, habt ihr meine Geliebte gesehen?“ Sie antworten: „Wir sahen sie auf einem großen Platz / Sie trug eine Nummer auf dem Arm / Und einen Stern auf dem Herzen.“

1965 vertont der Komponist Mikis Theodorakis die Gedichte. Er ist international bekannt, seit er für den Spielfilm Alexis Sorbas den Sirtaki erfunden hat. Die Mauthausen-Gedichte sind ihm eine Herzensangelegenheit, als Widerstandskämpfer erlebte er während der Besatzung im Zweiten Weltkrieg selbst Gefangenschaft und Folter. Nach dem Krieg kämpfte er als Partisan im Griechischen Bürgerkrieg und wurde auf der berüchtigten Gefängnisinsel Makronissos interniert. Und es war nicht seine letzte Gefangenschaft: 1967, nach der Machtübernahme des Militärs, wird Theodorakis in Griechenland verhaftet – während die Mauthausen-Kantate in London aufgeführt wird. Seine Musik wird von der Junta verboten. Erst 1970 darf er, nach einer Welle der internationalen Solidarität, nach Paris ausreisen. 1974, nach dem Ende der Diktatur, kehrt er zurück, als Volksheld.

Die Aufnahme der Mauthausen-Kantate mit der jungen Maria Farantouri wird weltbekannt. Der Komponist und die Sängerin führen sie in hunderten von Konzerten auf. Eines der bewegendsten: 1988 dirigiert Theodorakis die Kantate auf dem Gelände der Gedenkstätte Mauthausen auf Griechisch, Deutsch und Hebräisch.

Mikis Theodorakis führt die Mauthausen-Kantate 1988 auf dem Gelände der Gedenkstätte auf.
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Martin Kaluza, April 2022

Der Teufelskreis der Mauer

Anaϊs Mitchell: Why We Build the Wall (2006)

„Why do we build the wall
My children, my children
Why do we build the wall?

Why do we build the wall?
We build the wall to keep us free
That’s why we build the wall
We build the wall to keep us free“

Anaϊs Mitchell: Why We Build the Wall
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Im Herbst 2016 feiert ein ungewöhnliches Musical seine Premiere in New York. Anaϊs Mitchell, eine freundlich-verhuschte Folk-Sängerin aus Vermont, hat den antiken Mythos von Orpheus und Eurydike für die Gegenwart adaptiert: Die Welt ist von Umweltzerstörung und Dürren geplagt. Eurydike liebt den idealistischen Orpheus, der arm ist wie sie, weil das Land so wenig hergibt.

Hades, der König der Unterwelt, verspricht ihr das Paradies, wenn sie ihm folgt, und sie erliegt der Versuchung und verlässt Orpheus. Dort angekommen erfährt Eurydike, worin ihr Schicksal besteht: Sie ist als billige Arbeitskraft eingeplant. Von dem angeblichen Wohlstand bekommt sie nicht viel ab.

Zum ersten Mal führte Mitchell ihre Folk-Oper „Hadestown“ 2006 im Stadttheater von Barre auf, einer Kleinstadt mit 9000 Einwohnern zwischen Boston und Montreal. Da war sie frisch mit dem Studium fertig. 2010 veröffentlichte Mitchell ein Konzeptalbum mit den Songs, auf dem prominente Freunde wie Justin Vernon von der Band Bon Iver und Ani di Franco mitsingen. Mit der Dramaturgin Rachel Chavkin schreibt sie schließlich die neue Bühnenfassung, die 2016 am „Off-Broadway“ aufgeführt wird.

Den Zuschauern der Premiere bleibt vor allem bei einem Song der Atem stehen: “Why We Build the Wall”. Wie in einem Gospel schwört Hades seine Untergebenen auf den Bau einer Mauer ein. Geradezu hypnotisch singen sie sich im Frage-und-Antwort-Stil in einen Teufelskreis: Warum bauen wir die Mauer? Wir bauen die Mauer, um den Feind fernzuhalten. Der Feind ist Armut. Die Armen wollen Arbeit. Wir haben Arbeit, solange wir an der Mauer bauen. Die Mauer wird niemals fertig werden.

„Ich musste meine Jacke etwas enger ziehen, um die Gänsehaut loszuwerden“, schreibt Charles Isherwood, Musical-Kritiker der New York Times, über den Song. „Ich brauche Ihnen wahrscheinlich nicht zu erklären, warum.“

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Der Song wirkt wie ein direkter Kommentar zu Donald Trumps Präsidentschaftswahlkampf, der gerade die USA aufwühlt: Trump will eine „wunderschöne Mauer“ entlang der mexikanischen Grenze bauen, die illegale Einwanderung verhindern und Arbeitsplätze schaffen soll. Es ist als hätte Mitchell das geahnt. Ihr Song ist da bereits zehn Jahre alt.

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Als der britische Protestsänger Billy Bragg den Song ebenfalls 2016 in Chicago spielt, erinnert er das Publikum daran, dass zur gleichen Zeit die französische Polizei den “Calais Dschungel” räumt, eine von Geflüchteten errichtete Zeltsiedlung am Eingang des Eurotunnels. Und die EU, zu der das Vereinigte Königreich damals noch gehört, gewährt der Türkei Milliardenhilfen dafür, dass sie Geflüchtete etwa aus Syrien davon abhält, in die EU einzureisen.

Mit der Off-Broadway-Premiere ist die Geschichte noch nicht zu Ende. 2019 wird „Hadestown“ am großen Broadway gespielt und gewinnt den Tony Award für das beste Musical und die beste Musik.

Martin Kaluza, Februar 2022

Die Grenzen ausloten

Danger Dan: Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt (2021)

„Juristisch wär die Grauzone erreicht
Doch vor Gericht machte ich es mir wieder leicht
Zeig mich an und ich öffne einen Sekt
Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“

Danger Dan: Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt
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Der Journalist und Aktionskünstler Jean Peters, Mitglied der subversiven Aktionskunstgruppe Peng Kollektiv, hat Gleichgesinnte zum Salon eingeladen: Freunde, Kunstschaffende, Medienleute. Bei Käse und Wein fragen sie sich, warum eigentlich linke Künstlerinnen und Künstler nicht konsequenter den legalen Spielraum ausloten, um ihre Anliegen zu vertreten.

Peters, ein Mann mit vielen Pseudonymen, liebt öffentlichkeitswirksame Protestaktionen. 2016 bewarf er, als Clown verkleidet, die AfD-Politikerin Beatrix von Storch mit einer Torte. Gerade erst hat er ein Buch über subversiven Widerstand geschrieben: „Wenn die Hoffnung stirbt, geht’s trotzdem weiter“.

Unter den Gästen seines subversiven Salons ist Daniel Pongratz, mit dem Peters mal eine WG hatte. Pongratz rappt unter dem Namen Danger Dan im Hiphop-Trio Antilopen Gang. Am nächsten Morgen schreibt er einen Songtext, der, wie im Salon besprochen, Grenzen auslotet: „Also jetzt mal ganz spekulativ / Angenommen, ich schriebe mal ein Lied / In dessen Inhalt ich besänge, dass ich höchstpersönlich fände / Jürgen Elsässer sei Antisemit“.

Elsässer, das muss man wissen, hatte 2014 Jutta Dittfurth verklagt, weil sie ihn einen „glühenden Antisemiten“ genannt hatte. Pongratz reizt noch weitere Figuren der rechten und neurechten Szene, den Publizisten Götz Kubitschek, Alexander Gauland. Verschwörungsfanatiker Ken Jebsen bekommt eine eigene Strophe, denn der hatte 2015 Danger Dans Band wegen eines Songs verklagt – und verloren. Jede Strophe endet mit einem vorweggenommenen Triumph: „Klag mich an und ich öffne einen Sekt / Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt.“

Im Interview mit dem Spiegel erzählt Pongratz, dass er den Text drei befreundeten Juristen gegeben habe.

Danger Dan trägt den Text nicht als Rap-Song vor, sondern er macht daraus eine Klavierballade, ganz in der Tradition der großen Spötter wie Georg Kreisler, Tom Lehrer oder Franz Josef Degenhardt. Im Video dazu sitzt er vor einem leeren Theatersaal in Bomberjacke am Flügel.

In der dritten Strophe wechselt der Song in den Indikativ: „Jürgen Elsässer ist Antisemit, Kubitschek hat Glück, dass ich nicht Bogen schieß“, „Gauland wirkt auch eher wie ein Nationalsozialist“. Und dann direkt weiter: „Faschisten hören niemals auf, Faschisten zu sein, man diskutiert mit ihnen nicht, hat die Geschichte gezeigt.“

In einem furiosen Schlussteil rät Danger Dan, Staat und Polizeiapparat nicht zu trauen, schließlich habe der Verfassungsschutz den NSU mit aufgebaut und die Polizei den Asylbewerber Oury Jalloh gefesselt und angezündet. Er stellt den Staat auf die Probe: Wenn schon Polizei und Verfassungsschutz beim Schutz vor rechter Gewalt versagen, dann werden doch die Gerichte standhaft bleiben? „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt.“

Schon zuvor im Video hantierte Danger Dan mit einem Maschinengewehr und Patronen. Nun singt er: „Und wenn du friedlich gegen die Gewalt nicht ankommen kannst / Ist das letzte Mittel, das uns allen bleibt, Militanz.“ Mit der Kalaschnikow in der Hand gesungen klingt das wie eine Drohung, doch der Text bewegt sich geradezu aufreizend nah am Grundgesetz: „Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.“

Am Ende des Videos wird Danger Dan mit Tomaten, Eiern und Torten beworfen – eine kleine Referenz an seinen tortenwerfenden Mitbewohner. Mit ernster Miene hält der Sänger stand, verbeugt sich vor leerem Saal und tritt von der Bühne ab. Ende des Stücks.

Martin Kaluza, Februar 2022

Mietendrama

Genesis: Get ´Em Out By Friday (1972)

„I think I’ve fixed a new deal
A dozen properties – we’ll by at five and sell at thirty four
Some are still inhabited
It’s time to send the winkler to see them
He’ll have to work some more“

Genesis: Get ´Em Out By Friday
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Den entscheidenden Tipp bekommt Peter Rachman von seiner Lieblingsprostituierten. Nirgends könne sie ein Zimmer mieten, weder für ihre Geschäfte noch zum Wohnen. Rachman, der als polnischer jüdischer Einwanderer nach dem zweiten Weltkrieg noch einen Lebensunterhalt sucht, mietet fortan Wohnungen, um sie an Leute weiterzuvermieten, die sonst auf dem Wohnungsmarkt keine Chance haben. Es ist der Beginn einer steilen Karriere im Immobilienbusiness.

Rachmans Mieten sind überteuert, doch seine Kundschaft ist dankbar. Denn ob Prostituierte oder Einwanderer aus der Karibik – Rachman tritt ihnen ohne Vorbehalte gegenüber.

Rachman operiert in Paddington, North Kensington und Notting Hill. Er beginnt, über Hypotheken finanziert, heruntergekommene Mietshäuser zu kaufen. Da die Mieten für unmöblierte Wohnungen gedeckelt sind, will er die alten Mieter loswerden. Einige bewegt er mit Abfindungen zum Auszug. Andere werfen das Handtuch, weil Rachman die Häuser verfallen lässt und die freien Wohnungen mit viel zu vielen Menschen vollstopft, bevorzugt mit Einwanderern von den Westindischen Inseln. Wenn sie bis spät in die Nacht laute Musik hören: Rachman ist es recht. Er kauft bei Entrümplern billigste Tische, Sessel und Schränke und vermietet die Wohnungen zu einem Vielfachen neu – denn für möblierte Wohnungen gilt der Deckel nicht.

Binnen elf Jahren baut Rachman ein Geflecht aus 33 Firmen auf, die seine Immobiliengeschäfte verschleiern, investiert in Nachtclubs, freundet sich mit Schauspielern an und fährt im Rolls Royce durch die Gegend. Er ist nicht der einzige Großvermieter, der Mieter systematisch vergrault, doch er ist der schillerndste.

1972 schreibt die Prog-Rock-Band Genesis einen Song über die Wohnungsmisere. „Get ‚em out by Friday“ handelt von der alleinerziehenden Mrs. Barrow und ihrer Tochter Mary. Im Verlauf des achteinhalbminütigen Gentrifizierungsdramoletts schlüpft Sänger Peter Gabriel abwechselnd in die Rollen des Vermieters, seines Angestellten, der Mutter.

Die Geschichte spielt in Harlow, einem Vorort nördlich von London, dort steht das erste Wohnhochhaus des Landes. Das Wohnungsunternehmen Styx Enterprises schickt seinen Entmietungsexperten, den „Winkler“. Er schüchtert Mrs. Barrow so gründlich ein, dass sie ihm anbietet, freiwillig die doppelte Miete zu zahlen. Doch der „Winkler“ will sie bis Freitag raus haben. Er lockt sie mit Geld: Für vierhundert Pfund Entschädigung ziehen Mutter und Tochter in einen neuen Wohnblock mit Zentralheizung, in dem sie sich überhaupt nicht wohl fühlen. Sie sind noch nicht eingezogen, da wird die Miete schon erhöht.

Der Schlusspart des Songs spielt in der Zukunft, im Jahr 2012. Die Miethaie haben sich mit der Gentechnik verbündet. Sie setzen durch, dass Menschen nur noch vier Fuß groß sein dürfen – etwa einen Meter zwanzig. Die Idee: So passen doppelt so viele Menschen in die gleiche Anzahl Wohnungen. Und die Eigentümer kassieren doppelt.

Peter Rachman, das reale Vorbild für den Vermieter aus dem Song, stirbt 1962 an einem Herzinfarkt als Millionär. Das Oxford Dictionary führt den Begriff „Rachmanism“ bis heute – als Synonym für die „Ausbeutung und Einschüchterung von Mietern durch skrupellose Vermieter“.

Martin Kaluza, Januar 2022

Der Staat rappt zurück

Yotuel, Gente De Zona, Descemer Bueno, Maykel Osorbo, El Funky: Patria y Vida (2021)

„Schluss mit den Lügen
Mein Volk will Freiheit und keine Doktrinen mehr
Wir rufen nicht mehr ‚Heimat oder Tod!‘
Sondern ‚Heimat und Leben!'“

Yotuel u.a.: Patria y Vida
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Am 19. April 2018 endet die Ära Castro. Mit Miguel Díaz-Canel wählt die Nationalversammlung Kubas erstmals einen Staatschef, der nach der Revolution geboren wurde. Eine seiner ersten Amtshandlungen ist die Unterzeichnung des Dekrets mit der Nummer 349, das die Kunstfreiheit weiter einschränkt. Alle Kulturveranstaltungen müssen nun genehmigt werden, selbst solche, die in Privaträumen stattfinden, von Konzerten über Dichterlesungen bis hin zu Malwettbewerben.

Kurz bevor das Dekret in Kraft tritt, im Dezember 2018, werden mehrere Künstler bei Protesten vor dem Ministerium für Kultur verhaftet. Unter ihnen ist die Performancekünstlerin Tania Bruguera. Die Tate Modern, an der gerade eine ihrer Installationen läuft, solidarisiert sich.

Der Staat erhöht den Druck. Konzerte werden willkürlich abgesagt. Immer wieder greift sich die Polizei einzelne Rapper, Künstlerinnen und Aktivisten heraus und verhaftet sie, oft nur für ein paar Stunden – die UN dokumentiert die Repressionen. Die Kunstszene lässt sich jedoch nicht einschüchtern. Einige treten in den Hungerstreik, andere organisieren Demonstrationen und gründen Initiativen für die Meinungs- und Kunstfreiheit, etwa das „Movimiento San Isídro“, benannt nach einem Stadtteil Havannas, in dem viele Künstler leben.

Anfang 2021 schreibt Yotuel Romero, Sänger der kubanischen Rap-Combo Orishas, einen Protestsong. Bislang war er nichts als Systemkritiker in Erscheinung getreten. Nun prangert er, unterstützt von fünf weiteren Musikern, die Versorgungslage in dem seit Jahrzehnten vom Handelsembargo gebeutelten Land an, die sich mit der Covid-Pandemie und dem Einbruch des Tourismus dramatisch zugespitzt hat. Sie beklagen mangelnde Meinungsfreiheit, staatliche Willkür und Polizeigewalt. Im Refrain singen sie: „Wie rufen nicht mehr ‚Patria o muerte‘, sondern ‚Patria y vida’“ – nicht „Vaterland oder Tod“, sondern „Vaterland und Leben“. Allein das ist eine Provokation. Mit dem Schlachtruf „Patria o muerte!“ leitete Ché Guevara der Legende nach im Dezember 1956 die kubanische Revolution ein.

In Kuba, wo das Internet langsam und teuer ist, kursiert das Lied rasend schnell auf USB-Sticks. Eine Kommentatorin der staatlichen Nachrichtenagentur ACN schreibt, der Song sei „annexionistische Kotze, die denen in den Mund gelegt wurde, die angeblich und fälschlicherweise die kubanische Kultur repräsentieren.“ In anderen staatlichen Medien lautet der Vorwurf: Das sind alles Söldner, bezahlt aus dem Ausland. Gemeint ist vor allem Miami, wo eine große und einflussreiche Community von Exilkubanern lebt, unter ihnen viele nervige Anti-Kommunisten und Trump-Wähler. In Miami wurde der Song produziert. Zwei Rapper des Movimiento San Isídro schickten ihre Gesangsparts aus Havanna.

Und der Staat schlägt mit gleichen Waffen zurück: Er rappt. In einem abstrusen Video des Innenministeriums singen junge Polizisten erst in Zivil, später im Uniformhemd: „An alle, die glauben, sie könnten unseren Ruf durch eine Konterrevolution beflecken: Fickt Euch! Es heißt ‚patria o muerte‘, nicht wie Du sagst ‚patria y vida‘.“ Im Hiphop würde man das einen Diss-Track nennen. Ein paar Zeilen später die dringliche, in sozialistischen Staaten bekannte Aufforderung zur Selbstkritik: „Ich lade Dich ein, die Welt durch meine Augen zu sehen. Dann erkennst Du, wie der Verrat in das Herz eindringt und es ganz auffrisst.“

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Ein zweiter Song richtet sich an andere musikalische Geschmäcker. In fast schon religiöser Verzückung strahlt die Sängerin einer flotten Popballade: „Die Revolution wird noch 62.000 Jahrtausende bestehen!“ Der Titel des Songs sucht die Synthese: „Patria o muerte – für das Leben!“

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Im Juli 2021 gehen in San Antonio de los Baños, einer Kleinstadt unweit von Havanna, tausende Kubanerinnen und Kubaner auf die Straße, um gegen die Regierung zu demonstrieren. Rasend schnell verbreitet sich die Nachricht auf der Insel, Proteste in anderen Städten folgen, zwischenzeitlich schaltet die Regierung das Internet ab. Es sind die größten Proteste seit 1994. Und im Großen wiederholt sich die Rhetorik, die der Staat schon in der Reaktion auf Yotuels Song aufgeboten hatte: Die Proteste seien alle aus den USA gesteuert. Der Ausruf „Patriy y Vida“ hallt da schon längst als Sprechchor durch die Straßen.

Martin Kaluza, Juli 2021

Die Vertreibung der Krimtataren

Jamala: 1944 (2016)

„When strangers are coming
They come to your house
They kill you all and say
We’re not guilty
Not guilty“

Jamala: 1944
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In den frühen Morgenstunden des 18. Mai 1944 schwärmen 30.000 Sicherheitskräfte des sowjetischen Innenministeriums und des Ministeriums für Staatssicherheit auf der Krim aus und suchen die Häuser auf, in denen krimtatarische Familien wohnen. Sie reißen Frauen, Kinder und Alte aus dem Schlaf und geben ihnen eine viertel Stunde Zeit, sich vor den Häusern zu versammeln. 200.000 Krimtataren werden gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Wer sich weigert, wird gleich erschossen.

Stalin wirft den Krimtataren vor, sie würden mit den Nazis kollaborieren. Doch tatsächlich kämpfen die meisten Männer im wehrfähigen Alter in den Reihen der Roten Armee gegen Nazi-Deutschland. Ihre Familien werden unterdessen in Viehwaggons eingepfercht und nach Zentralasien verschleppt, nach Usbekistan, Kirgisien und Sibirien. Fast die Hälfte von ihnen überlebt die Strapazen der Deportation nicht.

1983 kommt in der westkirgisischen Stadt Osch Susana Jamaladinowa zur Welt. Sie ist Urenkelin einer der Deportierten. Als Susana sechs Jahre alt ist und der frische Wind der Perestrojka durchs Land weht, verurteilt der Oberste Sowjet das Verbrechen an ihrem Volk und erlaubt die Rückkehr auf die Krim. In den neunziger Jahren zieht auch Susanas Familie in die angestammte Heimat. Mit offenen Armen werden sie nicht empfangen. Viele Krimtataren müssen ohne Wasser und Strom leben. In ihre ehemaligen Siedlungen an der Südküste dürfen sie nicht zurück.

Im Jahr 2016 singt Susana Jamaladinowa unter dem Künstlernamen Jamala im Finale des Eurovision Song Contests über die Deportation ihrer Landsleute. 200 Millionen Menschen hören, wie sie zunächst auf Englisch von Fremden singt, die in Häuser einbrechen und die Bewohner ermorden. Im Refrain wechselt sie die Sprache: „Yaşlığıma toyalmadım / Men bu yerde yaşalmadım“. Es sind die ersten Zeilen, die bei einem ESC auf Krimtatarisch gesungen werden. Sie bedeuten: „Ich konnte meine Jugend dort nicht verbringen / Weil ihr mir mein Land wegnahmt“.

Die Statuten des Wettbewerbs lassen eigentlich keine Songs mit politischen Botschaften zu. Aber Jamala argumentiert, es gehe in dem Song um die Geschichte ihrer Familie, und jedes Wort sei wahr. Die Organisatoren sehen das auch so.

Dennoch hört am Abend des ESC-Finales niemand die Geschichte des Songs, ohne an die Annexion der Krim durch Russland zu denken, die erst zwei Jahre zurückliegt. Die krimtatarische Bevölkerung war in dieser Zeit besonders Häufig Zielscheibe von Repressalien. Noch in der Woche vor dem ESC-Finale hatte sich ihre Lage zugespitzt: Die russische Polizei verhaftete den Mediziner und Politiker Ilmi Umerow, den stellvertretenden Chef der Medschlis, der Vertretung der Krimtataren. Umerow ist erklärter Gegner der Krim-Annexion. Der russische Geheimdienst wirft ihm vor, er habe Aufrufe erlassen, die die territoriale Integrität der Russischen Föderation gefährdeten. Amnesty International hingegen sieht in ihm einen gewaltfreien politischen Gefangenen.

Jamala gewinnt mit ihrem Song den Wettbewerb. Knapp – und vor allem Dank der Stimmen der Jury. In der Wertung der Zuschauer liegt der russische Song vorn. Russland boykottiert daraufhin den nächsten ESC – nach Kiev mag man keinen Teilnehmer schicken.

Martin Kaluza, April 2021

Drei Streik-Klassiker

„Wo ist das Politische Lied, wo sind die Protestsongs, wo ist die Revolution in der Musik?“ fragt sich Gitarrist Jo Ambros im Jahr 2020. „Was ist die gesellschaftliche Funktion von Musik, was ist meine gesellschaftliche Aufgabe als Musiker? Bin ich nur Schmuck, Unterhaltung, trage zur Kontemplation bei? Oder muss ich mich als öffentliche Person äußern, positionieren, in Stellung bringen?“

Die Fragen nimmt Jo zum Anlass, eine Reihe alter Songs neu zu interpretieren. Er spielt die „Internationale“ als Reggae, „We Shall Overcome“ als Rockungetüm, das Streiklied „Bread and Roses“ als schwebende Ballade. Sein Trick ist, die Songs instrumental zu spielen. So führt er uns vor, dass gute Protestlieder die Zeit nicht nur wegen ihrer Texte und wegen ihres Anliegens überdauern – sondern dass in den besten auch eine großartige Melodie steckt.

Zu seiner CD „Bread and Roses“ habe ich – wir kennen uns schon lange – die Linernotes geschrieben. Hier sind drei Liveversionen von Songs aus dem Album, aufgenommen im Deutschen Bauernkriegsmuseum in Böblingen. „Die Internationale“, „Bread and Roses“ und „We Shall Overcome“ haben einen verwandten Ursprung. Alle drei sind aus der Arbeiterbewegung heraus entstanden, als Gewerkschafts- und Streiklieder (auf dem Album sind auch andere Themen vertreten).

Die Internationale:

T Eugène Pottier
M Pierre Degeyter

Mitte Juni 1888 setzt sich Pierre Degeyter mit seinem Akkordeon hin, um einen Text zu vertonen. Ein Arbeiterlied soll es werden, und der Autor Eugène Pottier hatte ganz offensichtlich die Marseillaise im Kopf gehabt, als er den Text schrieb, denn die Versmaße gleichen sich auffällig. Bestellt ist ein Stück mit „lebendigem und mitreißendem Rhythmus“. Von einem Gewerkschafterchor wird es bei einer Versammlung der Zeitungsverkäufer in Lille am 23. Juli uraufgeführt. Die Erstauflage der Partitur erscheint in 6.000 heimlich gedruckten Exemplaren. Titel: „Die Internationale“.
1896 wird das Lied zur offiziellen Hymne der Revolutionäre, drei Jahre später schließen sich alle sozialistischen Organisationen Frankreichs an. 1910 erklärt der Internationale Kongress von Kopenhagen es zum Lied aller Arbeiter, und 1919 erklärt Lenin die „Internationale“ zur Nationalhymne der Sowjetunion. 1928, vierzig Jahre nach seiner Entstehung, dirigiert Pierre Degeyter persönlich den Chor auf dem VI. Kongress der Kommunistischen Internationale in Moskau, mit Tränen in den Augen.

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We Shall Overcome:

Anfang des 20. Jahrhunderts singen amerikanische Bergarbeiter während eines Streiks „We Will Overcome“. 1945 singen ihn Tabakarbeiterinnen in South Carolina, ebenfalls als Streiklied. Seit 1959 schließlich steht „We Shall Overcome“ vor allem für die amerikanische Bürgerrechtsbewegung, die, angeführt von Martin Luther King, friedlich für die Aufhebung der gesetzlich festgeschriebenen „Rassentrennung“ kämpft. Pete Seeger und Joan Baez machen den Song in der Popmusik bekannt.
Aber wer hat das Lied geschrieben? Meist wird die Hymne „I’ll Overcome Someday“ des Methodistenpredigers und Gospelkomponisten Charles Albert Tindley als Vorbild genannt. 2012 legte Musikproduzent Isaias Gamboa nahe, der Protestsong gehe auf die Hymne „If My Jesus Wills“ von Louise Shropshire zurück, die später mit Martin Luther King befreundet war. Sicher ist: Einer der bekanntesten Protestsongs überhaupt hat seinen Ursprung im Gospel – und er hat sich, bevor die ganze Welt ihn kennen lernte, mehrfach gewandelt.

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Bread and Roses:

T James Oppenheim 
M Caroline Kohlsaat

„Die Arbeiterin braucht Brot, aber sie braucht auch Rosen!“ 1911 bringt die Frauenrechtlerin und Gewerkschafterin Rose Schneiderman in einer Streikrede auf den Punkt, woran es Textilarbeiterinnen in New York mangelte: Brot – das steht für gerechten Lohn, erträgliche Arbeitszeiten und Sicherheit am Arbeitsplatz. Und Rosen – damit ist ein menschenwürdiges Leben außerhalb der Betriebe gemeint. Solidarität in den Gewerkschaften müssen sich die meist frisch eingewanderten Arbeiterinnen, die zum Teil wenig Englisch sprechen und als Lohndrückerinnen abgestempelt werden, erst erkämpfen.
1912 steht Schneidermans Zitat auf den Bannern des Streiks von 20.000 Textilarbeiterinnen in Lawrence (Massachusetts), der als „Bread and Roses Strike“ in die Geschichte der Arbeiterbewegung eingeht. James Oppenheim schreibt um den Slogan herum ein Gedicht, 1917 komponiert Caroline Kohlsaat die Musik. Manchmal wird Martha Coleman als Komponistin genannt – möglicherweise ist das dieselbe Person. Nach dem 2. Weltkrieg vertonen erst Mimi Fariña (Joan Baez‘ Schwester) und später Folksänger John Denver den Song erneut. Das Lied steht für zwei politische Bewegungen: Es wird in der Frauen- und in der internationalen Gewerkschaftsbewegung gesungen.

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Mehr dazu: joambros.de/revolutionslieder/

Die Spur der Züge

Steve Reich: Different Trains (1988)

„Lots of cattle wagons there
They were loaded with people
They shaved us
They tattooed a number on our arms
Flames going up to the sky – it was smoking“

Steve Reich: Different Trains
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Stephen Michael Reich ist vielleicht der bedeutendste zeitgenössische Komponist Amerikas. Eines seiner bekanntesten Werke ist tief mit seiner Biografie und seiner jüdischen Identität verwoben. Reich ist ein Scheidungskind – seine Eltern trennen sich, als er ein Jahr alt ist. Die Mutter zieht nach Los Angeles und arbeitet dort als klassische Sängerin. Der Vater, ein Anwalt, bleibt in New York.

Weil sich beide um den Jungen kümmern wollen, reist er oft mit dem Zug zwischen den Städten hin und her, begleitet von seiner Gouvernante. Für Stephen, 1936 geboren, sind die viertägigen Fahrten ein Abenteuer. Fast 50 Jahre später erinnert sich Reich an die Reisen: „Gott weiß, warum mir die Zugreisen meiner Kindheit im Kopf herumschwirrten. Ich erinnerte mich an den typischen Sound, den amerikanische Züge hatten. Ich dachte an all die musikalischen Stücke, die mit Zügen zu tun hatten, an ‚Night Train‘, ‚Soultrain‘, ‚Chattanooga Choo Choo‘. In unserer Musik gibt es eine Kultur von Zügen.“

Die Erinnerung an die Züge seiner Kindheit beunruhigt Reich: „Diese Fahrten waren damals aufregend und romantisch. Doch heute schaue ich zurück und mache mir bewusst, dass ich als Jude in andere Züge hätte steigen müssen, wenn ich zu dieser Zeit in Europa gewesen wäre.“ Einmal sagt er: „Es gibt ein Foto aus dem Warschauer Getto von einem kleinen Jungen, sechs oder sieben Jahre alt. Er hat eine Mütze auf und kurze Hosen an. Er sieht genauso aus wie ich in dem Alter.“

Mit einem Tonbandgerät besucht er sein über 70 Jahre altes Kindermädchen Virginia. Er lässt sich von ihren gemeinsamen Zugfahrten erzählen. Als Nächstes nimmt er ein Gespräch mit Lawrence Davis auf, einem über 80-jährigen pensionierten Schaffner, der auf der Strecke New York–Los Angeles arbeitete. Schließlich besorgt sich Reich Sprachaufnahmen dreier Holocaust-Überlebender, die nun in den USA leben: Rachella, Paul und Rachel. Aus ihren Erzählungen hört er die Sprachmelodie einzelner Sätze heraus und notiert sie als Noten. Er arrangiert daraus kurze, rhythmisch wiederkehrende Tonfolgen als Musik für ein Streichquartett. Bei Konzerten spielt ein Tonband die Stimmen ab, dazu das Pfeifen von Zügen, kreischende Bremsen, Sirenen.

Sein Stück „Different Trains“ hat drei Sätze: „Amerika – vor dem Krieg“ steht für Reichs Reisen zwischen den Elternteilen. In „Europa – während des Krieges“ kommen die Holocaust-Überlebenden zu Wort. Im dritten Satz, „Nach dem Krieg“, ist Pauls Stimme zu hören: „Und der Krieg war vorbei.“ Rachella fragt: „Bist du sicher?“

Reich, der Philosophie und an der New Yorker Juilliard School Komposition studiert hat, ist bekannt für die Montage sich wiederholender kleiner Melodiesegmente. Er hat die Stilrichtung der Minimal Music geprägt.

In den letzten Jahren hat er die bislang rein instrumentale Musik um Sprache ergänzt. Seine Stücke werden in Konzertsälen und Museen aufgeführt. „Ich liefere keine Interpretation des Holocaust“, sagt er. „Ich präsentiere Menschen, die über ihr eigenes Leben sprechen. Die Musik folgt dem, wie sie sprechen. Wenn ‚Different trains‘ funktioniert – und danach sieht es aus –, dann liegt es daran, dass die dokumentarische Realität und die musikalische Realität eins sind.“

Martin Kaluza, Februar 2021

2020 in einem Song zusammengefasst

Anderson .Paak: Lockdown (2020)

„You should have been downtown
The people are risin‘
We thought it was a lockdown
They opened the fire
Them bullets was flyin‘
Who said it was a lockdown?
Goddamn lie!“

Anderson .Paak: Lockdown
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Am 25. Mai 2020 nehmen vier Polizeibeamte in Minneapolis den 46-jährigen Afroamerikaner George Floyd fest. Der Kassierer eines Ladens hatte die Polizei gerufen und angegeben, der Mann habe mit einem gefälschten 20-Dollar-Schein einkaufen wollen. 17 Minuten nachdem das erste Einsatzfahrzeug eintrifft, liegt Floyd leblos am Boden. Einer der Beamten kniet auf seinem Hals und hat ihm acht Minuten lang die Luft abgedrückt.

Eine Passantin hat den Todeskampf des unbewaffneten Mannes dokumentiert: sein Flehen, den gleichgültigen Blick des Polizisten, die Bitten der Zeugen, er solle von dem wehrlosen Mann ablassen. Über zwanzig Mal presst Floyd hervor: „I can’t breathe“ – „Ich kriege keine Luft“. Das Video ist kaum zu ertragen.

In Minneapolis und im ganzen Land ziehen Menschen, vor allem schwarze US-Bürger, auf die Straße, um gegen die Polizeigewalt zu protestieren, die einfach nicht enden will. Eine über viele Jahre aufgestaute Wut entlädt sich in Ausschreitungen. „I can’t breathe“ steht auf den Plakaten und „Black Lives Matter“ – „Die Leben von Schwarzen zählen“. Rund um den Globus finden aus Solidarität Demonstrationen statt.

Die Proteste fallen mitten in die Zeit der Covid19-Pandemie. Die USA haben längst Italien als das Land mit der höchsten Infektionszahl abgelöst. Rund 1,7 Millionen Infizierte und über 100.000 Tote zählen die USA Ende Mai. Während die Neuinfektionen in den meisten europäischen Ländern stark zurückgehen, sind sie in den USA noch immer hoch. Die Infektionen treffen besonders häufig Afroamerikaner. US-Präsident Trump betreibt eine irrlichternde Politik und droht Gouverneuren, die Maßnahmen zum Schutz ihrer Bürger verordnen.

Der Sänger, Rapper und Schlagzeuger Anderson Paak schließt sich den Protestmärschen an. Er arbeitet gerade an einem Song, der eigentlich fast fertig ist. Paak hält inne, um die Ereignisse auf sich wirken zu lassen, und schreibt einen neuen Text. Der Musiker beschreibt einen Wendepunkt: „Time heals all / but you’re out of time now“ – „Die Zeit heilt alle Wunden, doch die Zeit läuft nun ab“. „Ich habe gemerkt, dass das Problembewusstsein zunimmt“, erklärt er in einem Interview. „Die Leute lassen sich nicht mehr vormachen, alles sei ok. Es ist einfach so offensichtlich. Sie haben genug!“

Den Song „Lockdown“ veröffentlicht Paak am 18.6., dreieinhalb Wochen nach George Floyds gewaltsamem Tod. Paak singt über die Proteste und Covid, über Arbeitslosigkeit und die Polizei, die mit Gummigeschossen und Tränengas gegen die Demonstranten vorgeht. Mit seinem Song fängt er einen Moment ein, in dem alles zusammen kommt: Polizeigewalt, Rassismus, die Kriminalisierung der legitimen Black Lifes Matter-Proteste, die Pandemie. 2020 in a nutshell.

Während die große Mehrheit friedlich demonstriert, nehmen Ausschreitungen und Plünderungen in der Berichterstattung einen großen Raum ein. Paak zeigt in wenigen Worten, wie bequem und einseitig das ist: „Stayin‘ quiet when they killin‘ niggas, but you speak loud / When we riot, got opinions from a place of privilege.“ („Du bleibst stumm, wenn Schwarze ermordet werden, doch du erhebst deine Stimme, wenn wir randalieren. Deine Meinung zeigt, wie gut du es hast.“) Aus „Lockdown“ spricht die Hoffnung, dass nun endlich über den Rassismus und die Brutalität gesprochen wird, unter denen Afroamerikaner seit langem leiden.

Der Refrain gibt die ganze Zerrissenheit der Lage wieder: „Du hättest in der Stadt sein müssen / die Menschen lehnen sich auf / wir dachten, es wäre Lockdown / sie haben auf uns geschossen“. „Ob es Gummigeschosse sind, scharfe Munition oder das Hinknien auf dem Hals eines Typen – wir sollten doch eigentlich drinnen sein, wir sollten sicher sein, wir sollten doch versuchen, durch die Pandemie zu kommen“, sagt Paak. „Aber aus irgendwelchen Gründen werden jeden Tag People of Color auf der Straße getötet. Dafür ist immer noch Zeit, trotz Lockdown.“

Anderson .Paak erzählt die Entstehungsgeschichte des Songs
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Martin Kaluza, Dezember 2020