Say It Loud! Folge 2: Arbeit & Geld

Ihr beautiful people!

Im vergangenen Jahr haben Jo Ambros und ich eine Bühnenshow gestartet, in der sich alles um Protestsongs, Revolutionslieder, Arbeiter- und überhaupt engagierte Songs dreht – und das in der schönsten Lese- und Auftrittslocation im ganzen Prenzlauer Berg! Jo spielt Gitarre, ich lese Texte aus meinem Blog, wir schauen Videos, quatschen, und gesungen wird möglicherweise auch. 

Am 9.2.23 nehmen wir uns in „Say It Loud!“ den Themenkonplex Arbeit & Geld vor. Wir hören Gewerkschaftslieder, nicken wissend zu Songs über harte Arbeit und schlechte Bezahlung, und wir tanzen die Inflation. Über allem steht wie immer die Frage, wie die Message in den Song kam.

Kommt alle! 
(Bringt Geld mit)

*

joambros.net
daspolitischelied.de

Donnerstag, 9.2.2023 um 20 Uhr

REH, Kopenhagener Str. 17, 10437 Berlin
Eintritt 8 Euro

Feminismus auf dem Dancefloor

Eurythmics & Aretha Franklin: „Sisters Are Doin‘ It For Themselves“ (1985)

„We got lawyers, doctors, politicians, too (…)
Sisters are doin‘ it for themselves
Standin‘ on their own two feet
And ringin‘ on their own bells

Eurythmics & Aretha Franklin: „Sisters Are Doin‘ It For Themselves“
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Schon mit dem ersten Hit der Eurythmics fällt Annie Lennox auf. Im Video zu „Sweet Dreams (Are Made of This)“ trägt die Sängerin kurze, knallorange gefärbte Haare und einen Männeranzug. Ein gefälliges Popstar-Lächeln spart sie sich. Mit dem androgynen Look wird Lennox 1983 aus dem Stand zur Ikone: Sie schafft es, alle Blicke auf sich zu ziehen, aber gleichzeitig entzieht sie sich dem männlichen Blick. Lennox selbst erklärt: „Es ging darum zu sagen: Ich bin weiblich, aber ich habe eine maskuline Seite, und diesen Teil von mir will ich nicht leugnen.“

In der Zeit ihres künstlerischen Durchbruchs interessiert sich Lennox für die Bewegung der Suffragetten, die in Großbritannien und den USA Anfang des 20. Jahrhunderts mit Protestmärschen und Hungerstreiks das Frauenwahlrecht erkämpft hatten. Und sie stellt sich selbst eine Aufgabe: „Die Herausforderung lautete, einen Popsong zu schreiben, der im Radio gespielt wird und trotzdem eine feministische Hymne ist. Eines Morgens habe ich den Text in einem Rutsch geschrieben.“

Der neue Song heißt „Sisters Are Doin‘ In For Themselves“, „Die Schwestern machen das für sich selbst“. Früher habe man gesagt, hinter jedem stehe Mann stehe eine starke Frau, schreibt Lennox. Doch die Zeiten haben sich geändert, die Frauen stehen nun für sich selbst und ihre eigenen Anliegen ein. Sie lassen die Küche hinter sich, und man muss sich nur umsehen: Die Ärztinnen, Anwältinnen und Politikerinnen sind schon da. Das Ganze verpacken die Eurythmics in einen munteren Popsong, der auf den Dancefloor.

Lennox findet von Beginn an, dass eine zweite Stimme dem Song guttun würde. Auf der Suche nach einer Duettpartnerin holen sich die Eurythmics zunächst eine Abfuhr: Tina Turner mag den Song nicht singen, der Inhalt ist ihr zu feministisch. Aretha Franklin hingegen sagt zu. Annie Lennox muss nur noch Franklins Bedenken ausräumen, ob es in dem Song etwa um weibliche Selbstbefriedigung gehe.

Aretha Franklin, eine Generation älter als Annie Lennox, hatte 1967 mit „Respect!“ einen ihrer größten Hits und gilt seitdem weltweit als Fürsprecherin der Frauen- und der Bürgerrechtsbewegung. Das Video zeigt im Wechsel die Sängerinnen auf der Bühne und eine Kollage von Filmschnipseln. Sie reichen von Frauen, die von einem Steinzeitmann mit Keule an den Haaren herumgeschleift werden, bis hin zu Frauen, die als Mechanikerin, Ärztin, Astronautin arbeiten. Einige Passagen sind dem britischen Nouvelle Vague-Film „Nur ein Hauch Glückseligkeit“ von 1962 entliehen.

Ein Detail im Video zu „Sisters“ wird von vielen weißen Fans übersehen, doch das schwarze Publikum erkennt das Signal sofort: Franklin trägt an der linken Hand einen schwarzen Handschuh – ein Erkennungszeichen der Black-Power-Bewegung, das zurückgeht auf die Siegerehrung des 200-Meter-Laufs bei den Olympischen Spielen von 1968 in Mexiko. Damals reckten der Sieger Tommie Smith und der Drittplatzierte John Carlos ihre Faust mit Handschuh in den Himmel. Dass Aretha Franklins im Video auch einen trägt, ist eine Erinnerung, dass sich der Kampf für Frauenrechte nicht vom Kampf gegen Rassismus trennen lässt.

2022, vier Jahre nach Franklins Tod, veröffentlicht das FBI Akten, aus denen hervorgeht, dass sie wegen ihrer Nähe zur Bürgerrechtsbewegung 40 Jahre lang überwacht wurde.

Martin Kaluza, Januar 2023

Friedensengel, auf den Kopf gestellt

Panzerballett: Ein bisschen Frieden (2009)

„Ein bisschen Frieden, ein bisschen Sonne
Auf dieser Erde, auf der wir wohnen
Ein bisschen Frieden, ein bisschen Freude
Ein bisschen Wärme, das wünsch ich mir“

Panzerballett: Ein bisschen Frieden
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Am 24. April 1982 ist die englische Kleinstadt Harrogate Schauplatz des größten europäischen Songwettbewerbs. Der Abend ist schon fast schon rum, nur noch der Song aus Deutschland steht aus, da betritt Nicole Hohloch, eine 17-jährige Abiturientin aus dem Saarland, die Bühne. Im biederen Pünktchenkleid sitzt sie fast schüchtern auf der Bühne, klammert sich an eine riesige, weiße Gitarre, das blonde Haar wallt über die Schultern. „Ein bisschen Frieden“ heißt ihr Song – und sieht sie nicht selbst ein bisschen aus wie ein Friedensengel?

Der Song passt in die Zeit. Drei Wochen zuvor ist der Krieg zwischen dem Gastgeberland und Argentinien um eine Inselgruppe im südwestlichen Atlantik eskaliert. Gleichzeitig liegt Angst vor dem Atomkrieg liegt in der Luft. Die Sowjetunion hatte Mitte der siebziger Jahre mit SS20-Mittelstreckenraketen aufgerüstet. Kanzler Helmut Schmidt drängte auf den „Nato-Doppelbeschluss“. Die Vereinbarung sah Verhandlungen mit dem Warschauer Pakt über die Begrenzung von Mittelstreckenraketen vor. Sollten die jedoch scheitern, würde die Nato mit eigenen Raketen atomar nachrüsten.

„Ich weiß, meine Lieder, die ändern nicht viel“, singt Nicole. Sie wirkt dabei nicht wie die zeittypische Friedensaktivistin. Die 400.000 jedenfalls, die keine zwei Monate später in Bonn gegen die Nachrüstung und den Besuch des US-Präsidenten Ronald Reagan demonstrieren, sehen ganz anders aus. Nicht so bieder. Nicht so katholisch. Und im Gegensatz zu Bands wie Bap und dem Künstler Joseph Beuys tritt Nicole bei der großen Friedensdemo gar nicht auf. Und warum eigentlich fordert sie nur „ein bisschen“ Frieden?

Doch immerhin, das muss man an dem Abend in Harrogate ihr und Grandprix-Dauerteilnehmer Ralph Siegel lassen: Nicole und ihr Song sind eine Botschaft an die Europäischen Nachbarn. Von einem Deutschland, das einen solch harmlosen Engel ins Finale schickt, muss sich nun wirklich niemand mehr fürchten. Und es würde sicher auch keine Inseln im Südatlantik angreifen.

Das Lied gewinnt mit großem Vorsprung, es bekommt von allen Ländern Punkte – mit der Ausnahme Luxemburgs. In der Wiederholung singt Nicole es viersprachig auf Deutsch, Französisch, Englisch und Niederländisch.

Das Lied wird ein Nummer-1-Hit und sticht 1982 unter den hedonistischen Krachern an der Spitze der Charts – „Polonäse Blankenese“, „Skandal im Sperrbezirk“, „Der Kommissar“, „Ich will Spaß“ und „Adios Amor“ – deutlich hervor.

Wir spulen vor ins Jahr 2009. Auftritt Jan Zehrfeld. Der 1977 geborene Münchner hatte zunächst Cello gelernt und dann auf Jazz- und Metall-Gitarre umgeschult. Ein guter Teil des Repertoirs seiner Band Panzerballett besteht aus Coverversionen bekannter Songs, die Zehrfeld komplett gegen den Strich bürstet. Seine Technik, Songs zu bearbeiten, bezeichnet er als „Verkrassung“. In den meisten Fällen ist das einfach ein Spaß auf hohem Niveau.

Doch als er sich den Nicole-Song von 1982 vornimmt, passiert etwas Magisches: „Ein bisschen Frieden“, nun gesungen von Conny Kreitmeier, wird aller Spuren von Naivität beraubt.

Martin Kaluza, Dezember 2022

Diversität, aktualisiert

Billy Bragg: Sexuality (1991/2021)

„I’ve had relations with girls from many nations
I’ve made passes at girls from all classes
And just because you’re gay I won’t turn you away
If you stick around I’m sure that we can find some common ground

Sexuality – Strong and warm and wild and free
Sexuality – Your laws do not apply to me“

Billy Bragg: Sexuality
Popsong Jahrgang 1991: Billy Braggs „Sexuality“
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Mitte der 1980er Jahre, auf dem Höhepunkt der AIDS-Epidemie, herrscht in der britischen Öffentlichkeit eine homophobe Stimmung. Die konservative Regierung tut wenig, die Lage zu entschärfen. Im Gegenteil, 1988 tritt das Gesetz „Section 28“ in Kraft, das öffentlichen Einrichtungen die „Förderung der Homosexualität“ verbietet – an Schulen und in Behörden darf nur negativ über sie berichtet werden.

1991 nimmt sich der Protestsänger Billy Bragg sich des Themas an. Er war durch seine vom Punkrock inspirierten Auftritte bekannt geworden, hatte die Bergarbeiterstreiks der 80er Jahre mit E-Gitarre und viel Zorn in der Stimme unterstützt. Jetzt möchte er poppiger klingen, zugänglicher. Bragg findet, dass Sexualität einen fröhlichen, lustvollen Song verdient hat. Zusammen mit Johnny Marr, dem Gitarristen der legendären Indieband „The Smiths“, schreibt er „Sexuality“. Bragg singt, er habe mit Mädchen aus vielen Ländern Beziehungen gehabt und mit Frauen aller sozialen Klassen geflirtet. Beschwingt fährt er fort: „And just because you’re gay I won’t turn you away / If you stick around maybe we can find some common ground“.

Der Ton ist in der aufgeheizten Situation bewusst freundlich-leger: „Nur weil du gay bist, werde ich dich nicht wegschicken. Wenn wir etwas Zeit miteinander verbringen, finden wir bestimmt eine Menge Gemeinsamkeiten.“

Dreißig Jahre später ändert Billy Bragg genau diese Zeilen. Bei seinen Auftritten singt er im November 2021: „And just because you’re ‚they‘ I won’t turn you away, if you stick around I’m sure that we can find the right pronouns“. Frei übersetzt heißt das: „Nur weil du dich nicht auf ein Geschlecht festlegen lässt, werde ich dich nicht wegschicken. Wenn wir etwas Zeit miteinander verbringen, finden wir bestimmt die passenden Pronomen.“ In den Ansagen ruft er Unterstützung von Stonewall auf, einer der wichtigsten Initiativen, die sich für die Rechte von LGBTQ- Personen einsetzen.

Update dreißig Jahre später: 2021 spielt Billy Bragg „Sexuality“ mit aktualisiertem Text.
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In den Sozialen Medien muss Bragg zum Teil Kritik einstecken. Steht er nicht mehr an der Seite der Schwulen? Auch wird er von einer feministischen Fraktion kritisiert, die sich von Transgender-Frauen bedroht fühlt – und die ihnen zum Beispiel das Recht abspricht, Frauentoiletten zu nutzen.

Der Musiker erklärt sich ausführlich in einem Gastbeitrag in der linken Wochenzeitung „New Statesman“. Dass er den Songtext geändert habe, sei „Ausdruck meiner Allyship mit der Trans- und nicht-binären Community“. Allyship – der in neueren linken Debatten geläufige Ausdruck überschneidet sich in vielen Aspekten mit dem, was alte Linke unter Solidarität verstehen.

In den letzten 30 Jahren, schreibt Bragg, habe es viele Fortschritte gegeben. Schwule und Lesben genießen mittlerweile die gleichen Rechte und den gleichen Schutz wieder alle anderen auch – Section 28 ist Geschichte. Doch trotz all der Fortschritte gäbe es eine marginalisierte Gruppe, deren Legitimität auch in liberalen Kreisen mitunter in Frage gestellt werde: Transgender-Frauen.

„Ich lasse die Gay Community nicht verschwinden, wenn ich den Text von ‚Sexuality‘ ändere, sondern ich aktualisiere ihn angesichts der veränderten Zeiten, in denen wir leben. Ich hoffe, dass ich andere Angehörige meiner Generation ermutige, mit ihrem liebgewonnenen Verständnis von Inklusion dasselbe zu tun.“

Martin Kaluza, Oktober 2022

Aussöhnung am Konzertflügel

Barbara: Göttingen (1964)

Et lorsque sonnerait l’alarme
S’il fallait reprendre les armes
Mon cœur verserait une larme
Pour Göttingen, pour Göttingen

Barbara: Göttingen
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„Paris besingt man immer wieder / Von Göttingen gibt’s keine Lieder“, singt Monique Andrée Serf. Damit stellt sie das beklagte Manko auch schon wieder ab. Serf hat sich in die Stadt im südlichen Niedersachsen verliebt, obwohl sie sie erst gar nicht besuchen wollte. Am Ende schreibt sie ein Chanson über Göttingen, das heute in Frankreich jeder mitsingen kann.

Frühling 1940, der letzte Zug verlässt die Stadt Blois, die neunjährige Monique ist an Bord. Ihre Tante soll sie in Sicherheit bringen, die Mutter winkt am Bahnsteig. Nach hundert Kilometern hält der Zug auf freier Strecke in der Ebene von Châtillon-sur-Indre einfach an, die Lok wird abgekoppelt. Die Reisenden sind auf sich selbst gestellt, man erlaubt den Kindern, bei den umliegenden Höfen etwas zu Essen zu besorgen.

Am fünften Tag erscheinen drei Jagdflugzeuge am Himmel und beschießen die Waggons. Monique erkennt die Hakenkreuze unter den Flügeln. Es gibt Tote und Verletzte. „Ich kann mich nicht mehr dran erinnern, wie wir aus dieser Hölle herauskamen“, schreibt sie in ihren Memoiren.

Monique ist Jüdin und muss sich den ganzen Krieg über immer wieder vor den Deutschen in Sicherheit bringen, den Wohnort wechseln, mal mit, mal ohne Eltern. Aber sie hat Glück: Sie muss nicht hungern, nie den Judenstern tragen, niemand aus der Familie wird deportiert.

Zwanzig Jahre nach Abzug der Deutschen sitzt sie am Klavier in der Pariser Bar Ecluse und singt unter dem Künstlernamen Barbara ihre ersten eigenen Chansons. „Das Chanson“, sagt sie, „gehört zum Alltag eines jeden. Das ist sein Sinn, seine Stärke. Es ist sozial, satirisch, revolutionär, anarchistisch, fröhlich, nostalgisch.“

Nach einem Auftritt spricht ein Mann aus dem Publikum sie an. Er stellt sich vor als Gunther Klein, Leiter des Neuen Theaters in Göttingen und fragt, ob sie nicht dort einmal auftreten möchte. Ein Auftritt ausgerechnet in Deutschland? Barbara erbittet einen Tag Bedenkzeit.

Am 4. Juli 1964 reist sie nach Göttingen und ärgert sich, dass sie zugesagt hat. Auf der Bühne steht ein Klavier, hoch und klobig, nicht der vereinbarte Flügel. Am Tag zuvor hätten die Klaviertransporteure gestreikt, sagt Klein entschuldigend. Die Sängerin probiert Sitzpositionen aus. Sie will unbedingt ihr Publikum sehen, doch mit dem hohen Ding geht das nicht. So kann sie nicht auftreten.

Eine alte Dame rettet die Vorstellung, indem sie ihren Konzertflügel zur Verfügung stellt. Zehn Studenten, die alle gut Französisch sprechen, tragen ihn quer durch die Stadt. Das Konzert beginnt mit über zwei Stunden Verspätung, das Publikum jubelt nach jedem Lied. Barbara ist gerührt, verlängert ihr Gastspiel um eine Woche und schreibt am letzten Abend im Garten des Theaters die ersten Zeilen eines Chansons über Göttingen.

Sie schreibt über blonde Kinder und die Rosen, für die die Stadt bekannt ist, über Melancholie und Märchen – sie hat das Wohnhaus der von ihr verehrten Gebrüder Grimm besucht. Kühn und symbolträchtig reimt Barbara „France“ auf „Hans“. Später nimmt sie auch eine deutsche Fassung des Liedes auf: „Was ich nun sage, das klingt freilich / Für manche Leute unverzeihlich / Die Kinder sind genau die gleichen / In Paris, wie in Göttingen“.

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Das Lied, das fast genau ein Jahr nach der Unterzeichnung des Élysée-Vertrags entstanden ist, wird zu einer Ikone der deutsch-französischen Aussöhnung. Barbara singt es bei jedem ihrer Konzerte: „Lasst diese Zeit nie wiederkehren / Und nie mehr Hass die Welt zerstören / Es wohnen Menschen, die ich liebe / In Göttingen, in Göttingen.“

Martin Kaluza, Oktober 2022

Ein Lied aus dem spanischen Bürgerkrieg reist nach Südamerika

Rolando Alarcón: El Quinto Regimiento (1968)

„El dieciocho de julio
En el patio de un convento
El pueblo madrileño
Fundó el quinto regimiento“

Trad.: El Quinto Regimiento
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Am 17. Juli 1936 putscht das Militär gegen die Zweite Spanische Republik, der Bürgerkrieg beginnt. Am Tag darauf gründet die kommunistische Partei einen paramilitärischen Verband, 150.000 Mann stark, um Madrid zu verteidigen. Seine Gründung und sein Führungspersonal werden umgehend in einem Song verewigt: „El Quinto Regimiento“ – „Das fünfte Regiment.“

Die Melodie ist zusammengesetzt aus zwei Volksliedern. Die Strophen stammen aus „El Vito“, der Refrain aus „Anda, jaleo“. Auf einer der bekanntesten Aufnahmen von „Anda, jaleo“ ist übrigens der Dichter Federico García Lorca zu hören, 1931 begleitete er die Sängerin La Argentinita am Klavier.

Im September 1939, ein halbes Jahr nach Ende des Bürgerkriegs, legt der französische Frachter „Winnipeg“ mit 2200 spanischen Flüchtlingen an Bord in der chilenischen Hafenstadt Valparaiso an. Der Dichter und Konsul Pablo Neruda hatte die Fahrt des französischen Frachters in Paris organisiert.

Als der chilenische Liedermacher Rolando Alarcón dreißig Jahre später ein ganzes Album über den Spanischen Bürgerkrieg aufnimmt – darunter auch „El Quinto Regimiento“ – sind die Passagiere der „Winnipeg“ und die Lieder, die sie mitbrachten, längst in Südamerika heimisch geworden.

Martin Kaluza, Oktober 2022

Die großen Fragen

Bob Dylan: Blowin‘ in the Wind (1963)

„How many times can a mountain exist
Before it’s washed to the sea?
Yes, ’n‘ how many years can some people exist
Before they’re allowed to be free?“

Bob Dylan: Blowin‘ in the Wind
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Robert Zimmermann, ein Junge aus dem kargen Norden der USA, geht mit 21 Jahren nach New York und mischt in den Bars und Musikkneipen die Folk-Szene auf. Unter seinem Künstlernamen Bob Dylan spielt er die Songs seines Vorbilds Woody Guthrie. Bald schreibt er eigene Lieder, politisch und engagiert. „The Ballad of Donald White“ oder „The Death of Emmett Till“ sind, ganz der Folk-Tradition folgend, um das Schicksal einer bestimmten Person herum gestrickt.

An einem Abend schreibt er in der Musikkneipe praktisch in einem Rutsch einen neuen Text zur Melodie eines traditionellen Gospels („No More Auction Block“), aber diesmal geht es nicht um eine einzelne Person oder Begebenheit, sondern er zoomt zurück und betrachtet das große Ganze. Und er stellt große Fragen:

Wie oft müssen die Kanonenkugeln noch fliegen, bevor sie für immer abgeschafft sind? Wie lange halten Menschen es aus zu existieren, ohne frei zu sein? Wie oft kann ein Mensch einfach wegsehen? „Die Antwort, mein Freund, weiß ganz allein der Wind.“ Die Friedensbewegung singt den Song genauso wie die Bürgerrechtsbewegung. „Blowin‘ in the Wind“ wird zu einem der bekanntesten Protestsongs aller Zeiten.

Martin Kaluza, September 2022

Friedensappell aus dem Bett

John Lennon & Yoko Ono with Plastic Ono Band (1969)

„All we are saying is give peace a chance“

John Lennon & Yoko Ono with Plastic Ono Band: Give Peace a Chance
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1969, lange bevor der Ausdruck „Bedroom Recording“ sich in der Musikwelt etabliert, nehmen John Lennon und Yoko Ono einen Song gewissermaßen im Bett auf. Während ihrer Flitterwochen laden der Sänger und die Konzeptkünstlerin zu „Sleep ins“, bei denen sie sich zwischen Decken und Kissen filmen und interviewen lassen. Als Lennon im Queen Elizabeth Hotel in Montreal von einem Reporter nach dem Sinn dieser Aktionen gefragt wird, antwortet er: „Einfach dem Frieden eine Chance geben!“ Er wiederholt den Satz. Und dann noch einmal und immer öfter. Für das nächste Sleep in bestellt er ein Tonbandgerät und Mikrofone und lädt noch mehr Leute ein: den Dichter Allen Ginsberg etwa, den Psychiater und LSD-Aktivisten Timothy Leary, die Sängerin Petula Clark und den Comedian und Gitarristen Tommy Smothers. Vor laufenden Kameras nimmt er einen Song auf, der so eingängig ist, dass jeder den Refrain sofort mitsingen kann: „All we are saying is give peace a chance!“

Martin Kaluza, September 2022

Der Krieg schafft Arbeitsplätze

Elvis Costello: Shipbuilding (1983)

„Is it worth it?
A new winter coat and shoes for the wife
And a bicycle on the boy’s birthday
It’s just a rumour that was spread around town
By the women and children
Soon we’ll be shipbuilding“

Elvis Costello: Shipbuilding
Elvis Costellos Version des Songs.
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Elvis Costello ist mit seiner Band The Attractions auf Tournee in Australien, als ihn die Anfrage erreicht, einen Text zu schreiben. Die Melodie gibt es schon, Robert Wyatt wird die melancholische Ballade singen. Die Nachrichten kennen gerade kaum ein anderes Thema als die Eskalation des Streits zwischen Argentinien und Großbritannien über die kleine Inselgruppe im Südwestatlantik, die von den Briten „The Falklands“ genannt wird und von den Argentiniern „Las Malvinas“.

Als am 2. Mai 1982 ein britisches Atom-U-Boot den argentinischen Kreuzer General Belgrano versenkt, steht auf der Titelseite der Londoner Boulevardzeitung ‚The Sun‘ die Schlagzeile „Gotcha!“ – „Erwischt!“ Bei dem Angriff verloren 323 Menschen ihr Leben. Costello ist entsetzt, über das Ereignis ebenso wie über die Form der Berichterstattung.

Noch während der Tournee schreibt Costello eine Geschichte aus seiner Heimat, ohne die Premierministerin Margaret Thatcher oder auch nur den Falkland-Krieg wörtlich zu erwähnen. Costello stammt aus Birkenhead, einer Industriestadt, die direkt gegenüber von Liverpool am Mersey River liegt und ebenfalls vom Schiffsbau lebt. Doch in den letzten Jahren ging es kontinuierlich abwärts, Werften haben geschlossen, Familien ihren Lebensunterhalt verloren. „1982 hatten die meisten Geschäfte die Stadt verlassen. Du konntest die gesamte Laird Street langlaufen und bist kaum einer Seele begegnet,“ schriebt Costello.

In seinem Songtext stellt er sich vor, wie plötzlich das Gerücht die Runde macht, bald würden die Werftarbeiter wieder Schiffe bauen. Auf den gleichen Schiffen ziehen die Söhne der Arbeiter schließlich in den Krieg – und hoffen, vor Weihnachten zurück zu sein. Schon die allererste Zeile des Songs stellt die entscheidende Frage: Ist es das wert?

Robert Wyatts Version des Songs.
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„Shipbuilding“ wird ein Erfolg für Robert Wyatt, und Costello findet den Song so gelungen, dass er ihn selbst noch einmal aufnimmt.

Mit seiner Band bucht er einen Raum in den AIR-Studios in London, nebenan arbeiten Paul McCartney, Quincy Jones und Michael Jackson an gemeinsamen Songs, zwei Zimmer weiter wechseln sich Duran Duran und Alice Cooper ab. Für seine eigene Version von „Shipbuilding“ wünscht sich Costello ein Trompetensolo. Costello spricht in einem Londoner Jazzclub den legendären Trompeter Chet Baker an, der gerade für magere Gagen durch Europa tingelt. Costello zahlt ihm das Doppelte des in den USA üblichen Tariflohns und bereut später, dass der Produzent Baker einen etwas kitschigen Hall auf die Trompete gelegt hat.

Die Studioaufnahme von Elvis Costello mit Chet Baker an der Trompete.
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Und der Krieg? Ein paar Tage nachdem Costello den Text im Juni 1982 fertig hat, schweigen die Waffen. Als „Shipbuilding“ 1983 erscheint, ist der Falklandkrieg schon vorbei, nach zweieinhalb Monaten. In der kurzen Zeit erlebten die Werften keinen Aufschwung, die jungen Männer waren noch auf den alten Schiffen in den Krieg gefahren. Thatchers innenpolitisches Kalkül geht indessen auf, die Unterhauswahlen 1983 werden der größte Erfolg der konservativen Partei unter ihrer Führung.

In seiner Autobiographie schreibt Costello, er sei Protestsongs gegenüber immer skeptisch gewesen. Eine Welt ohne „Ohio“ und „Free Nelson Mandela“ mag er sich trotzdem nicht vorstellen. Er fragt sich: „Kann ein Song verändern, was die Menschen denken? Ich bezweifle das, aber ein Song kann dein Herz infiltrieren, und das Herz kann verändern, was du denkst.“ Mit „Shipbuilding“ habe er erreichen wollen, dass die Zuhörer sich weniger einsam fühlen.

Ein paar Jahre später, 1989, schreibt Costello einen expliziteren Song, in dem er sich vorstellt, dass er lange genug lebt, um eines Tages die Erde auf dem Grab einer nur bei ihrem Vornamen Margaret genannten Politikerin fest zu trampeln: „Tramp the Dirt Down“.

Martin Kaluza, August 2022

Lynchmorde in der Südstaatenidylle

Billy Holiday: Strange Fruit (1939)

„Southern trees bear a strange fruit
Blood on the leaves and blood on the root
Black body swinging in the southern breeze
Strange fruit hanging from the poplar trees

Abel Meeropol: Strange Fruit
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Wenn im „Café Society“, dem ersten Jazzclub, in denen schwarze und weiße Gäste Zutritt haben, das Ende des Auftritts von Billy Holiday naht, hören die Kellner auf, die Tische zu bedienen. Das Licht wird ausgeschaltet, bis auf einen einzelnen Spot auf die Sängerin. Der Song, den sie dann singt, beschört eine ländliche Südstaatenidylle, in der die grausamsten Verbrechen stattfinden: „Southern trees bear a strange fruit / Blood on the leaves and blood at the root / Black bodies swinging in the southern breeze / Strange fruit hanging from the poplar trees.“ Sie braucht das Wort „Lynchmorde“ nicht einmal zu erwähnen. Holiday besingt im Jahr 1939 ein Tabuthema: Fast 4.000 wurden in den USA seit Ende des 19. Jahrhunderts gelyncht. 90 Prozent dieser Morde fanden in den Südstaaten statt, vier Fünftel der Opfer waren Afroamerikaner.

Geschrieben hat den Song ein Weißer, der jüdische Lehrer Abel Meeropol, auch bekannt unter dem Pseudonym Lewis Allan und Mitglied der kommunistischen Partei. 1936 stieß er auf ein Foto, dass die Lynchmorde an den schwarzen Teenagern Thomas Shipp und Abram Smith zeigte. Verstört von dem Foto schrieb er das Gedicht „Bitter Fruit“ und veröffentlichte es im Magazin der New Yorker Lehrergewerkschaft. Später komponierte er auch die Melodie und den bot den Song über den Nachtclubbesitzer Billy Holiday an. Die Sängerin hätte ihn gern bei Columbia Records aufgenommen, doch die Firma lehnt den Song ab – zu heikel. 1939 nimmt sie ihn schließlich beim Label Commodore auf, zusammen mit drei weiteren Songs, und der Produzent sagt später über die Aufnahmen, er glaube, das sei die erste wirklich moderne Blues-Session gewesen. Die Band, mit der sie den Song einspielt, ist ihre Band aus dem „Café Society“. Von dessen Bühne aus erobert der düstere Song die Welt.

Abel Meeropol steht in der McCarthy-Ära noch einmal in der Öffentlichkeit: Mit seiner Frau Anne adoptiert er 1953 die Kinder des als angebliche Sowjet-Spione hingerichteten Ehepaars Ethel und Julius Rosenberg.

Martin Kaluza, August 2022