Protest gegen die Macho-Kultur

Miss Bolivia: Paren de matarnos (2017)

„Si tocan a una nos tocan a todas
El femicidio se puso de moda
El juez de turno se fue a una boda
La policía participa en la joda“

Miss Bolivia: Paren de matarnos

Chiara Páez, ein 14-jähriges Mädchen aus der Kleinstadt Rufino in der argentinischen Provinz Santa Fe, ist im dritten Monat schwanger, als sie am 9. Mai 2015 nicht mehr nach Hause kommt. Bereits am nächsten Tag wird ihre Leiche gefunden. Páez wurde von ihrem 16-jährigen Freund ermordet, dem Vater des ungeborenen Kindes.

Das Land ist erschüttert. Unter dem Namen „Ni Una Menos“ („Nicht eine weniger“) schließen sich Frauen und feministische Initiativen zusammen und planen einen Protestmarsch. Auch die Gewerkschaften beteiligen sich. Vier Wochen nach Páez’ Tod versammeln sich 300 000 Menschen vor dem Kongress in Buenos Aires, um gegen Gewalt gegen Frauen zu protestieren.

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Die argentinische Musikerin Paz Ferreyra, die unter dem Künstlernamen Miss Bolivia auftritt, spricht der Bewegung mit einem Song aus dem Herzen: „Wenn ihr eine von uns anfasst, fasst ihr alle an. Der Femizid ist in Mode gekommen. Der diensthabende Richter ist auf einer Hochzeit. Die Polizei macht mit bei dem Mist.“ Die Strophen sind aus Sicht einzelner Frauen geschrieben. Im Refrain schließen sie sich zum Plural zusammen: „Hört auf, uns umzubringen!“

Das Demonstrationsmotto „Ni Una Menos“ geht auf eine Zeile der mexikanischen Schriftstellerin und Aktivistin Susana Chávez zurück. 1995 hatte sie gegen Morde an Frauen in Ciudad Juárez protestiert: „Ni una muerta más!“ („Nicht eine einzige weitere Tote!“) In der Grenzstadt waren über Jahre Hunderte Frauen ermordet worden. Die offensichtliche Untätigkeit von Polizei und Justiz stieß international auf Kritik. 2011 wurde die couragierte Dichterin selbst Opfer eines Mordes.

Die Demonstration in Buenos Aires, die Chávez’ Worte vier Jahre später aufgreift, wird zum Beginn einer Bewegung. Erst in Argentinien, schließlich in ganz Lateinamerika und darüber hinaus. Lange galten Morde an Frauen als „Einzelfälle“, als „Privatsache“, als „Beziehungstat“. Doch nun wird im Land über die Macho-Kultur diskutiert, die Frauen als minderwertig ansieht. In dem Land, das seit dem Zusammenbruch des Finanzsystems 2001 in der Krise steckt, ist es für Frauen doppelt schwer, finanziell unabhängig zu sein.

Miss Bolivias Song diagnostiziert der Gesellschaft, dass sie nur fügsamen Frauen einen Wert beimisst: „Ich sollte immer Ja sagen/Sie haben mich umgebracht, seit ich geboren bin/Sie haben mich versklavt/Ich sollte waschen und waschen und gebären“. Verónica Gago, Professorin für Sozialwissenschaften und Mitglied der „Ni Una Menos“-Initiative, sieht die Protestmärsche und Streiks gegen die Macho-Kultur in der Tradition der Mütter von der Plaza de Mayo, die Ende der 1970er Jahre gegen den Staatsterrorismus der Militärregierung demonstrierten: „Sie sind ein Vorbild. Damals traten Frauen als politische Protagonistinnen auf. Ihre Taktik, zum Beispiel Straßen zu besetzen, ist bis heute ein wichtiges Mittel.“

Am 3. Juni 2016, zum Jahrestag der ersten Großdemonstration, versammeln sich erneut 200 000 Menschen in Buenos Aires, diesmal unter dem Motto „Vivas nos queremos!“ („Wir wollen uns lebendig!“) Im selben Jahr ruft das Bündnis zu Frauenstreiks auf, an denen sich zwei Jahre später bereits Frauen in 57 Ländern beteiligen.

(Text: Martin Kaluza, Dezember 2019)

Die Stadt des Lichts

Maurice Chevalier: Paris sera toujours Paris (1939)

„Paris sera toujours Paris!
La plus belle ville du monde
Malgré l’obscurité profonde
Son éclat ne peut être assombri“

Maurice Chevalier: Paris sera toujours Paris

Als der Zweite Weltkrieg beginnt, bleibt die Lage in Paris erst einmal ruhig. Zwar erklären Frankreich und Großbritannien Deutschland nach dem Angriff auf Polen am 3. September 1939 den Krieg. Doch entlang der Saar und der Maginot-Linie denken weder deutsche noch französische Soldaten daran, zu schießen. Monate dauert dieser seltsame Zustand, der als „Sitzkrieg“ in die Geschichte eingehen wird. In Frankreich wähnt man sich für einen Krieg gewappnet. Hatte man nicht schon den letzten gewonnen?

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Die Stadtverwaltung von Paris verpackt unterdessen Statuen, um sie zu schützen. Museen hängen Bilder ab, nachts werden Straßen und Häuser verdunkelt. An die Bevölkerung werden Gasmasken verteilt, die Bewohner nötigt man, bei Probealarm ihre Zeit in Kellern zu verschwenden – im Pyjama. Am 24. November 1939 nimmt ein sonniger Entertainer mit Strohhut einen beschwingten Song über all das auf. Maurice Chevalier singt: „Paris wird immer Paris bleiben! / Die schönste Stadt der Welt / Trotz tiefer Finsternis / Kann ihr Glanz nicht verdunkelt werden“. Die Kriegsvorbereitungen können der Stadt überhaupt nichts anhaben. Der Song wird zum Hit des Herbstes 1939.

Im Mai 1940 greifen die deutschen Truppen schließlich an. Frankreich kapituliert binnen Wochen, am 14. Juni marschieren die Besatzer in Paris ein. Chevalier spielt zunächst weiter Revuen im Casino de Paris. In seinen Erinnerungen schreibt er: „Paris ist keineswegs trist.“ Doch schon bald gerät der Entertainer in die Klemme: „Die deutschen Behörden versprechen mir den größten Triumph, den man sich vorstellen könne, wenn ich ein Engagement in der Scala in Berlin annähme.“

Chevalier weigert sich, sagt aber einen anderen Auftritt zu: ohne Presse, ohne Ankündigung. Er singt vor französischen Kriegsgefangenen im Lager Alten-Grabow, in dem er selbst im Ersten Weltkrieg gesessen hatte. Chevalier handelt aus, dass als Gegenleistung zehn französische Gefangene frei gelassen werden. Im besetzten Paris spielt er nicht mehr.

Eine Zeitung erfährt von dem Auftritt, die Gerüchte überschlagen sich. Es heißt, Chevalier habe eine Tournee durch Deutschland gemacht. In einem Londoner Radiosender wird er, der im besetzten Frankreich geblieben ist, von einem Franzosen der Kollaboration bezichtigt. Mit Mühe kann Chevalier seinen Ankläger überzeugen, dass die Gerüchte nicht stimmen.

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1944 wird Paris befreit. Chevalier tritt wieder auf. In alter Leichtigkeit repräsentiert er noch Jahrzehnte lang den Pariser Charme, dreht dutzende Filme und gewinnt 1959 den Ehrenoscar. Casimir Oberfeld, der Komponist des Paris-Songs, erlebt das erneute Erstrahlen des Glanzes nicht mehr. Er stirbt Anfang 1945 in Auschwitz bei einem Todesmarsch.

„Paris sera toujours Paris“ hat eine Coda. 2014 geht die Sängerin Zaz mit dem legendären Quincy Jones ins Studio – ein Star, der auch Michael Jacksons „Thriller“ produziert hatte. Sie nehmen Chevaliers Stück für ein Album mit Paris-Songs auf. Das Video ist süßlich auf nostalgischen Charme getrimmt.

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Nur Monate später erschüttern Anschläge erst auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo, später auf Cafés, Supermärkte und die Konzerthalle Bataclan die Stadt. In einem Interview erinnert sich Zaz: „Das war schrecklich, und in meiner Umgebung kennt jeder ein Opfer. Aber wenn uns das von der Kultur abhalten würde, hätten die ja gewonnen. Nein, diese Leute gewinnen auf keinen Fall. Ich sehe nur noch Menschen, die sich nicht unterkriegen lassen, die weitermachen – für die Freiheit.“

Martin Kaluza, Dezember 2019

Des Kaisers Rede als Reggae

Bob Marley: War (1976)

„Until the philosophy which holds one race superior
And another inferior
Is finally and permanently
Discredited and abandoned
Everywhere is war“

Bob Marley: War

Am 4. Oktober 1963 hält der äthiopische Kaiser Haile Selassie I. in New York vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen ein flammendes Plädoyer für den Weltfrieden. Afrika ist gerade voller Hoffnung. Allein im Jahr 1960 haben 17 Staaten ihre Unabhängigkeit erklärt. Nur wenige Monate vor seiner Rede durfte der Kaiser die Gründung der Organisation für Afrikanische Einheit erleben, und zwar in Addis Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens. Die Geschichte des Landes ist einzigartig – es ist der einzige afrikanische Staat, der niemals kolonisiert worden ist.

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In seiner Rede lobt Haile Selassie die Anstrengungen von US-Präsident John F. Kennedy, die Rassendiskriminierung in den USA zu beenden. Gleiches fordert er auch für Afrika: „Bis die Ideologie, nach der eine Rasse der anderen überlegen ist, endgültig und dauerhaft verdammt und abgeschafft ist (…) und bis die Hautfarbe eines Menschen nicht mehr Bedeutung hat als die Farbe seiner Augen (…), wird der afrikanische Kontinent keinen Frieden kennen.“ Er zielt mit diesen Sätzen insbesondere auf Staaten wie Angola, Mosambique und Südafrika, wo noch immer Rassentrennung herrscht. 13 Jahre später, 1976, wird die Rede des äthiopischen Kaisers zum Hit. Der Reggaemusiker Bob Marley vertont die Ansprache, ändert Details und ersetzt die Worte „kein Frieden“ durch ein stärkeres Wort: Krieg. Der Song „War“ ist ihm so wichtig, dass er ihn fortan auf fast allen Konzerten spielt.

Bob Marley, aufgewachsen in den Slums von Kingston, ist gerade mit seinem Hit „No Woman, No Cry“ zum Weltstar aufgestiegen – dem ersten übrigens, der aus einem Land der Dritten Welt stammt. Er singt gegen die andauernde Ausbeutung der Schwarzen an, gegen Kolonialismus und Hunger, er fordert soziale Gerechtigkeit und macht sich für ein schwarzes Selbstbewusstsein stark.

Dass Marley die Rede Haile Selassies vertont, ist eine politische Botschaft, aber auch eine religiöse. Der Musiker ist bekennender Anhänger der Rastafari, einer in den 1930er Jahren in Jamaika aus dem Christentum entstandenen Religion, die an die Wiederkehr des Messias glaubt. Und die ist nach Überzeugung der Rastafari bereits eingetreten: Sie verehren Haile Selassie als ihren Erlöser und lebendigen Gott auf Erden. Der Name ihrer Bewegung leitet sich aus dem Prinzennamen ab, den er vor seiner Krönung führte: Ras Tafari Makonnen. „Ras“ bedeutet in der Landessprache Äthiopiens „Kopf“ und ist ein Ehrentitel. Haile Selassie lehnt es übrigens zeit seines Lebens ab, „Jah“ zu sein, der Messias. Das aber tut der Verehrung keinen Abbruch.

Als „War“ veröffentlicht wird, ist der Kaiser bereits Geschichte. 1974 wurde er bei einem Militärputsch abgesetzt. Im Jahr darauf verstarb er. Heute vermutet man, dass er mit einem Kissen erstickt wurde. Selassies Grab wird nie gefunden. 1997, inzwischen ist auch Marley seit 16 Jahren tot, veröffentlicht ein jamaikanisches Plattenlabel eine neue Version von „War“, auf der die Stimme Haile Selassies zu hören ist: Zu Marleys Musik ist ein Mitschnitt der UN-Rede von 1963 im Original zu hören, auf Amharisch, Selassies Muttersprache.

(Text: Martin Kaluza, Juli 2019)

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Dieses Land wurde nie verkauft

Yothu Yindi: Treaty (1991)

„This land was never given up
This land was never bought and sold
The planting of the Union Jack
Never changed our law at all.“

Yothu Yindi: Treaty

Zufällig erfährt eine Handvoll Ältester des Yolngu-Volkes im Jahr 1963, dass die Regierung ihr Land auf der Gove-Halbinsel im äußersten Norden Australiens zum Bauxit-Abbau freigeben will. Die Aborigines wollen das nicht hinnehmen. In zweifacher Ausfertigung reichen sie eine Petition ein: Sie malen sie mit Ocker auf eine Baumrinde und fügen ihr eine maschinengetippte englische Übersetzung bei. Die „Yolngu Bark Petition“ gilt heute als Meilenstein im Kampf um Landrechte. Die Yolngu verklagen das Bergbauunternehmen NABALCO und das Commonwealth of Australia, verlieren aber den Prozess. Der Richter sieht keine Möglichkeit, die Landrechte der Yolngu unter australischem Recht anzuerkennen. Doch die Initiative zeigt Wirkung: 1977 tritt der „Aboriginal Land Rights Act“ in Kraft. Die Aborigines im Landesteil Northern Territory bekommen einen großen Teil ihres Landes zurückübertragen und können dort die Vergabe von Schürfrechten selbst verhandeln.

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1988 begeht Australien das 200-jährige Jubiläum der Ankunft der „First Fleet“ – den Beginn der Kolonisierung durch die britische Krone. Der Sohn eines der Autoren der Yolngu Bark Petition nimmt das zum Anlass für eine neue Initiative: Galarrwuy Yunupingu fordert Wiedergutmachung für den gescheiterten Prozess gegen die Mine. Als er Premierminister Robert Hawke auf den Jubiläumsfeiern im Örtchen Barunga eine Erklärung überreicht, versichert der: „Es wird einen Vertrag zwischen dem Australien der Aborigines und dem weißen Australien geben.“

Drei Jahre vergehen. Nichts passiert. Nun wird ein drittes Familienmitglied aktiv: Bakamana Yunupingu, Bruder des Verfassers der Barunga-Erklärung und Sohn des Autors der Rindenpetition, ist Sänger und Gitarrist in der Band Yothu Yindi. Seine Mitmusiker sind Aborigines und weiße Australier, sie spielen traditionelle Lieder und Popsongs. Yunupingu wird ungeduldig.

„Wann kommt der Vertrag? Welche Form hat er? Ich schrieb den Song ‚Treaty‘ als eine freundliche Erinnerung an uns alle“, sagt er später in einem Interview. Er singt: „This land was never given up/This land was never bought and sold.“ Und er singt einige Passagen in Yolngu-Matha, seiner Muttersprache. Bevor er als Sänger bekannt wurde, war er der erste indigene Schuldirektor Australiens. Er hatte eine eigene bikulturelle Lehrmethode entwickelt, die Aborigine-Kindern nicht die eigene Herkunft abtrainieren will, sondern nach Art beider Kulturen unterrichtet. In „Treaty“ singt er nun: „Now two rivers run their course/Seperated for so long/I’m dreaming of a brighter day/When waters will be one“. „Treaty“ wird zum ersten Hitparadenerfolg, in dem eine Aborigine-Sprache zu hören ist. Bekannter als das Original wird der Dance-Remix, in der die politisch scharfen Textpassagen aber nicht vorkommen.

Trotzdem kommt die Botschaft an, eine ganze Generation tanzt zu den Zeilen „Treaty yeah, treaty now!“ Der Guardian nannte den Remix einmal ein „trojanisches Pferd im Kulturkampf“. 1992 wird Yunupingu, wie vier Jahre zuvor sein um Landrechte kämpfender Bruder, zum Australier des Jahres gewählt. Er wird Ehrendoktor der Queensland University. Seine Band tourt um den Globus, tritt bei der Sydney-Olympiade und den Paralympics auf. Als Yunupingu 2013 stirbt, ist „Treaty“ in Australien längst zur inoffiziellen Hymne der Versöhnung geworden.

Der Song im Dance-Remix:

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(Text: Martin Kaluza, Mai 2019)

Eine Band stellt EU-Pässe aus

Bilderbuch: Europa 22 (2019)

„Ein Leben ohne Grenzen.
Eine freedom zum Verschenken.
Eine Freiheit nicht zu denken.“

Bilderbuch: Europa 22

Im Frühjahr 1989 baut Ungarn die Zäune und Sicherungen an seiner Grenze zu Österreich ab. Tausende DDR-Bürger nutzen die Gelegenheit zur Flucht in den Westen, Monate bevor die Berliner Mauer fällt. Als die Außenminister Ungarns und Österreichs Ende Juni den Grenzzaun symbolisch durchschneiden wollten, müssen ihre Mitarbeiter suchen, um überhaupt noch ein geeignetes Stück zu finden.

Maurice Ernst, Sänger der österreichischen Indie-Pop-Band Bilderbuch, ist damals ein Jahr alt. Das Europa, in dem er aufwachsen wird, strotzt vor Optimismus und Freude über die die neugewonnene Freiheit. Mit Schwung schreitet die europäische Einigung voran. Die EU wächst Schritt für Schritt. 26 Staaten mit zusammen 400 Millionen Bewohnern schließen sich dem Schengener Abkommen an und bauen die Grenzen untereinander ab.

Ich schließe meine Augen / Und fahr geradeaus / Ich rausche wie ein Wasser / Nichts hält mich mehr auf“ – In „Europa 22“ singt Ernst über dieses grenzenlose Europa und beschwört die Freiheit, nicht groß darüber nachdenken zu müssen.

Die Band veröffentlich den Song 2019. Die Welle der Öffnung ist längst verebbt. Das Denken wird nationalstaatlicher, Europas Optimismus hat Schrammen bekommen.

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In der Flüchtlingskrise 2015 liegt die Schengen-Idee plötzlich auf Eis. Deutschland führt Kontrollen an der Grenze zwischen Bayern und Österreich ein. Österreich, Dänemark, Schweden und Norwegen folgen. Die EU-Kommission genehmigt die Kontrollen vorübergehend, besteht aber darauf, den Schengen-Status bald wiederherzustellen.

In ganz Europa wittern Rechtspopulisten und EU-Kritiker Morgenluft. Ausgerechnet Ungarn, ein Vorreiter der europäischen Öffnung, hat mit Victor Orbán einen Ministerpräsidenten, der sich explizit gegen die Flüchtlingspolitik der EU-Kommission stellt. Bei den österreichischen Präsidentschaftswahlen setzt sich Ende 2016 der grüne Kandidat Alexander Van der Bellen nur knapp gegen den Rechtspopulisten Norbert Hofer durch. Kurz zuvor haben die Bürger des Vereinigten Königreichs für einen EU-Austritt gestimmt.

Mit dem Song „Europa 22“ will die Band Bilderbuch ein Zeichen setzen. Sie besingt die Freiheit, auf der Autobahn bei Tempo 120 von Land zu Land zu reisen und dabei auf die elektrisierend blauen Schilder zu schauen. Und bei dem Song lässt sie es nicht bewenden.

Wenn man so einen Song liegen hat, muss man sich überlegen: Verleiht man dem etwas mehr Tiefgang mit einem Video, mit einer Aktion, mit einem Foto?“, sagt Maurice Ernst in einem Radiointerview. Die Idee, die Köpfe der Musiker für die Pressearbeit in EU-Pässe zu montieren, spinnen sie schnell weiter: „Hey, das könnte doch jeder machen! Jeder, der einen EU-Pass haben möchte, könnte da ein Selfie hochladen.“ Die „EU-Pässe“ der Band sind online in weniger als einer Minute erstellt.

Die Idee kommt bei den Fans an, über 30.000 basteln sich den Pass und verbreiten ihn über die sozialen Medien. Ein paar deutsche Prominente tun es ihnen gleich: TV-Komiker Jan Böhmermann zum Beispiel, Justizministerin Katarina Barley und Außenminister Heiko Maas. „Es hat uns überrascht, dass sich Politiker so weit hinaus trauen und mit unserer Agenda als Band identifizieren wollen“, sagt Ernst. „Da bekommt es mit einem Kribbeln zu tun.“

Zum EU-Pass der Band: http://bilderbucheuropa.love

(Text: Martin Kaluza, März 2019)

Triumphale Rückkehr

Wolf Biermann: Ballade von den verdorbenen Greisen (1989)

„Wir wollen dich nicht ins Verderben stürzen,
du bist schon verdorben genug.
Nicht Rache, nein, Rente!
Im Wandlitzer Ghetto
und Friede deinem letzten Atemzug.“

Wolf Biermann: Ballade von den verdorbenen Greisen

5.000 Menschen stehen in dicken Winterjacken in der Messehalle in Leipzig, weil sie nicht verpassen wollen, was auf der Bühne passiert: Wolf Biermann sitzt mit seiner Gitarre auf einer Kiste, sein Hemd verwegen aufgeknöpft. Radio und Fernsehen übertragen das Konzert in Ost und West.

Biermann hat einen neuen Song im Gepäck. Schon nach der ersten Zeile: „Hey Krenz, du fröhlicher kalter Krieger, ich glaube dir nichts, kein einziges Wort!“ bricht das Publikum in jubelnden Applaus aus. Biermann unterbricht den Song. „Ihr dürft nicht da reinklatschen. Ihr müsst doch davon ausgehen, dass der Genosse Krenz, um den uns nicht alle Völker beneiden, dass der jetzt am Fernsehapparat sitzt. Und dann muss er doch wenigstens den Text verstehen.“

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Es ist der 1. Dezember 1989, drei Wochen zuvor ist die Mauer gefallen, Leipzig war mit seinen Demonstrationen ein wichtiger Schauplatz der friedlichen Revolution. Für Biermann ist der Auftritt eine triumphale Rückkehr: Es ist sein erster öffentlicher Auftritt in der DDR seit 25 Jahren.

Egon Krenz ist als Honecker-Nachfolger zu diesem Zeitpunkt Staatschef der DDR. An ihn adressiert singt Biermann: „Du hast ja die Panzer in Peking bejubelt, ich sah dein Gebiss beim Massenmord.“ Und weiter: „Du bist unsere Stasi-Metastase am kranken Körper der Staatspartei.“ Das Publikum jubelt und lacht.

Biermann widmet Politbüromitglied Kurt Hager, Stasi-Chef Erich Mielke, TV-Agitator Karl-Eduard von Schnitzler und – „na, da fehlt doch noch einer“ – Erich Honecker jeweils eine Strophe und fordert im Refrain: „Nicht Rache, nein, Rente!“

Biermann, in Hamburg als Sohn von Kommunisten geboren, war mit 16 Jahren in die DDR übergesiedelt. Bereits ab 1964 – damals hatte er gerade seine ersten Songs geschrieben – durfte Biermann nicht mehr in der DDR auftreten. Platten nahm er heimlich auf und ließ die Aufnahmen in den Westen schmuggeln. In seinen zornigen, beißend-ironischen Liedern teilt er gegen den Kapitalismus ebenso aus wie gegen den korrumpierten Sozialismus. Er wird zum Star der Linken im Westen und zur Schlüsselfigur der DDR-Opposition. In seiner Wohnung in der Chausseestraße 131 in Berlin gehen Intellektuelle ein und aus, DDR-Dissidenten, aber auch Westdeutsche wie Udo Lindenberg.

Sein erstes öffentliches Konzert nach dem Auftrittsverbot spielt Biermann am 13. November 1976 in der Bundesrepublik, in der Kölner Sporthalle. Am 16. November lässt die DDR ihn nicht mehr einreisen und entzieht ihm die Staatsbürgerschaft. Die Ausbürgerung ist ein Schock. Für DDR-Führung wird sie zum Eigentor. Sie zieht eine Welle offener Solidarität unter Schriftstellern und anderen Intellektuellen nach sich und gilt als Anfang vom Ende der DDR.

Als Biermann 13 Jahre später in der Messehalle in Leipzig singt, ist die Mauer zwar gefallen, aber die DDR besteht noch. Mit der Ballade von den verdorbenen alten Männer trifft Biermann am 1. Dezember 1989 den Nerv des Publikums. Doch der Beifall fällt deutlich gedämpfter aus, als er von der Idee eines „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ singt. Biermann ist gegen die Wiedervereinigung, wünscht sich eine Alternative zur Bundesrepublik. Mit Biermanns erstem DDR-Konzert nach 25 Jahren schließt sich ein Kreis. Doch was die Zukunft bringt, ist noch völlig offen.

(Text: Martin Kaluza, Januar 2019)

Die Rapperin der Geflüchteten

M.I.A.: Borders (2015)

„Borders – what’s up with that?
Your privilege – what’s up with that?
Boat people – what’s up with that?
The new world – what’s up with that?“

M.I.A.: Borders

Ein starkes Bild folgt auf das nächste: In langen Schlangen ziehen Menschen durch die Wüste. An einem hohen Drahtzaun klettern sie empor und formen das Wort LIVE. Hunderte stehen in sandfarbenen Kaftanen dicht zusammen, so arrangiert, dass sie das Bild eines Dampfers abgeben. In ihrer Mitte sticht eine Frau heraus: Die Rapperin Mathangi Arulpragasam. Bekannter ist die aus Sri Lanka stammende Londonerin unter dem Künstlernamen M.I.A. Sie hat die Flüchtlingskrise des Jahres 2015 mit starken, ästhetisierenden Bildern in ein Popmusikvideo übersetzt. „Grenzen“, singt sie. „Was ist damit eigentlich?“

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Als das Video erscheint, geht ein tragisches und politisch bewegtes Jahr zu Ende. 1,3 Millionen Menschen flüchteten 2015 aus Syrien und Afghanistan, aus dem Irak und aus afrikanischen Staaten nach Europa. 4.000 Menschen ertranken im Mittelmeer. Das politische Klima hat sich aufgeheizt, ein Riss geht durch die EU, entlang der Frage, welches Land wie viele Geflüchtete aufnimmt.

Ich bin selbst Flüchtling“, sagt M.I.A. in einem Interview mit dem Fernsehsender Al Jazeera. „Als Teil des multikulturellen Britannien bin ich so etwas wie ein Vorzeigekind geworden. Ich kann mich nicht hinstellen und ihnen sagen: ‚Bleibt weg!‘ Ich will dazu beitragen, dass Multikulturalismus und Integration funktionieren und nicht als Problem gesehen werden.“

Geboren ist die Tochter tamilischer Eltern in London. Dort hatte ihr Vater Arul Pragasam in den siebziger Jahren und nach Schulungen bei der PLO die „Eelam Revolutionary Organization of Students“ (EROS) gegründet. Die Rebellengruppe tritt für einen unabhängigen tamilischen Staat im Norden Sri Lankas ein. Die meist hinduistischen Tamilen stellen ein Achtel der Inselbevölkerung, während die überwiegend buddhistischen Singhalesen drei Viertel ausmachen.

1983 bricht ein Bürgerkrieg aus, Regierungstruppen wie Rebellen gehen mit äußerster Brutalität vor. Auf Seiten der Tamilen gilt das besonders für die Tamil Tigers, sie rekrutieren Kindersoldaten und versetzen die Insel mit Selbstmordattentaten in Angst und Schrecken. Während sich auch EROS-Mitglieder den Tamil Tigers anschließen, sucht Mathangis Vater als Vermittler zwischen Regierung und Rebellen die Deeskalation – erfolglos. Mutter und Tochter bringen sich in Sicherheit, zunächst in Indien, später gehen sie zurück nach London – als Flüchtlinge.

M.I.A. rappt aus der Perspektive von Migranten und Nicht-Weißen in westlichen Ländern, sie singt für Frauen, die um ihre Rechte kämpfen, und sie scheut die Provokation nicht. Ihre Musik ist global, sie wird für Grammys und einen Oscar nominiert, ihre Songs sind im Kinoerfolg „Slumdog Millionaire“ zu hören. 2012 singt M.I.A. mit Madonna in der Halbzeitshow des Super Bowl. Dafür, dass sie ihren Mittelfinger Richtung Kamera streckt, verklagt die Football-Liga NFL den Fernsehsender auf Schadenersatz in Millionenhöhe.

M.I.A. nutzt ihre Bekanntheit. „Ich bin die einzige Tamilin, die in den westlichen Medien vorkommt, und ich habe die Möglichkeit zu berichten, was in Sri Lanka passiert“, sagt sie Anfang 2009 im US-Fernsehen. „Dort findet gerade ein Völkermord statt!“ In Sri Lanka bringt ihr das vor allem bei Angehörigen der singhalesischen Mehrheit Kritik ein. In den Kommentarspalten ihrer Online-Videos hinterlassen regierungstreue Trolle Hassbotschaften. Selbst die deutsche Band MIA bekommt irrtümlicherweise von der blinden Wut etwas ab.

Santhush Weeraman, Sänger der bekanntesten Popgruppe Sri Lankas, wirft M.I.A. vor: „Ich habe großen Respekt für ihre Kreativität, aber es gibt keinen Völkermord in Sri Lanka. Sie nutzt ihren Ruhm aus und denkt sich Geschichten über Sri Lanka aus. Das sind alles Lügen und Humbug.“

Das allerdings lässt sich leicht widerlegen. 2008 hatte Präsident Mahinda Rajapakse einen Vernichtungsfeldzug gegen die Tamil Tigers begonnen, der einem UN-Bericht zufolge 40.000 Zivilisten das Leben kostete. Ebenso wahr ist, dass auch die Tamil Tigers Kriegsverbrechen begangen haben. Im Mai 2009 sind die Rebellen besiegt, der Bürgerkrieg beendet. Nach Versöhnung sieht es lange nicht aus. Erst als Rajapakse 2015 in den Wahlen unterliegt und die Macht an Maithripala Sirisena abgibt, entspannt sich die politische Lage im Land – die Anschläge vom April 2019 zeigen, wie brüchig der Frieden noch immer ist.

Der Text von „Borders“ richtet sich an die Social Media-Generation. M.I.A. ruft eine Reihe Schlagworte auf: „Grenzen“ und „Dein Privileg“, auch Slang wie „being bae“ oder das im Kampf um gleichgeschlechtliche Ehe beliebte Motto „love wins“. Wie ein Mantra schließt sie an jedes die offen und so gar nicht belehrend gestellte Frage an: „What’s up with that?“ – Was ist denn nun damit?

M.I.A. spricht im Interview auf Al Jazeera über „Borders“:

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(Text: Martin Kaluza, Dezember 2018)

Gesang des Gastarbeiters

Ozan Ata Canani: Deutsche Freunde (1978)

„Und die Kinder dieser Menschen
Sind geteilt in zwei Welten
Ich bin Ata und frage euch
Wo wir jetzt hingehören“

Ozan Ata Canani: Deutsche Freunde

Anfang der 1960er Jahre brummt die Nachkriegswirtschaft der Industriestaaten Westeuropas, und ganz besonders die der Bundesrepublik. Das einzige, was den Aufschwung aufzuhalten droht, ist der Mangel an Arbeitskräften. Die Türkei leidet in der gleichen Zeit unter massenhafter Arbeitslosigkeit und Armut. 1961 schließen die beiden Staaten ein Abkommen über die Anwerbung ausländischer Arbeitnehmer. Bis zum offiziellen Anwerbestopp zwölf Jahre später zieht es 867.000 Arbeitnehmer aus der Türkei nach Westdeutschland.

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Ozan Ata Canani, 1963 in Maras geboren, ist Kind eines türkischen Arbeiters und kommt mit 12 Jahren nach Deutschland. Nach dem Anwerbestopp ist es für Türken und andere EU-Ausländer kaum noch möglich, saisonweise in Deutschland zu arbeiten. Viele der Arbeiter lassen sich deshalb fest in der Bundesrepublik nieder und holen ihre Familie nach.

Canani widmet sich neben der Schule der Musik. Er spielt Saz, eine Laute mit langem, schmalen Hals, die auch „Baglama“ genannt wird. Bald schreibt er seine ersten Songs – oft auf Türkisch, aber genauso gerne auf Deutsch. Damit gilt er als der Erfinder des türkischen Songs in deutscher Sprache.

Der junge Musiker singt über das, was er kennt: die Lebensbedingungen von Einwanderern in Deutschland. Ein Satz des Schweizer Schriftstellers Max Frisch hat es ihm besonders angetan: „Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kommen Menschen.“ Er stammt aus einer Rede, die Frisch schon 1965 gehalten hatte, in der Schweiz war es damals um italienische Gastarbeiter gegangen.

Canani ist gerade einmal 15 Jahre alt, als er um das Frisch-Zitat herum den Song „Deutsche Freunde“ strickt. Er zählt die Länder auf, aus denen die Menschen gekommen sind, „aus Türkei, aus Italien, aus Portugal, Spanien, Griechenland, Jugoslawien“. Sie kommen „Als Schweißer, als Hilfsarbeiter/Als Drecks- und Müllarbeiter/Stahlbau- und Bahnarbeiter/Sie nennen uns Gastarbeiter/Unsere deutsche Freunde“. Jede Strophe endet ironisch mit der Zeile: „Freunde, Freunde, sie haben haben am Leben Freude.“

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Und vierzig Jahre vor Mesut Özils Rücktritt aus der Deutschen Fußballnationalmannschaft und der anschließenden #metwo-Debatte stellt Canani die Frage nach der Identität der zugewanderten Kinder. Er richtet sie direkt an die deutschen Freunde: „Und die Kinder dieser Menschen/Sind geteilt in zwei Welten/Ich bin Ata und frage euch/Wo wir jetzt hingehören“. Die Richtung der Frage ist wichtig: Fragen Deutschstämmige die Gastarbeiterkinder, wo sie hingehören, schwingt darin – wie im Fall Özil – die Forderung nach einem klaren Bekenntnis mit. Doch Canani fragt sinngemäß zurück: Welchen Platz seid ihr denn bereit, uns einzuräumen?

Canani macht sich in der deutsch-türkischen Musikszene einen Namen. Er schließt sich der Band „Die Kanaken“ an, 1979 gewinnt er den Liedermacherwettbewerb der Stadt Duisburg „Kleiner Mann – was tun?“ Für den WDR nimmt eine handvoll Songs auf und tritt sogar in Alfred Bioleks Fernsehsendung „Bio’s Bahnhof“ auf. Doch allmählich gerät „Deutsche Freunde“ in Vergessenheit.

Der Berliner Autor Imran Ayata und der Münchner Künstler Bülent Kullukcu kramen den Song nach Jahrzehnten hervor, als sie ein ganzes Album mit Liedern von Musikern aus der ersten Generation von Einwanderern in Deutschland zusammenstellen. Da es keine gute Aufnahme von „Deutsche Freunde“ gibt, bitten sie Canani 2013, den Titel noch einmal neu einzuspielen. Er erscheint auf dem Sampler „Songs of Gastarbeiter Vol. 1“. Der Song erinnert daran, dass man schon 1978 das hätte tun können, was die #metwo-Debatte im Jahr 2018 einforderte: einfach mal zuhören.

Ozan Ata Canani hat unterdessen seinen Platz gefunden. Er lebt in Leverkusen und arbeitet in der Elektrobranche. Seit sein Song über die deutschen Freunde neu veröffentlicht wurde, tritt er wieder regelmäßig auf.

(Text: Martin Kaluza, Oktober 2018)

Schockvideo aus dem Irrenhaus

Childish Gambino: This is America (2018)

„This is America
Don’t catch you slippin‘ up
Don’t catch you slippin‘ up
Look what I’m whippin‘ up“

Childish Gambino: This is America

Der beschwingte Gospelchor, der zu hören ist, wirkt seltsam zum Bild der verlassenen Fabrikhalle. Ein Mann sitzt auf einem Stuhl und spielt fröhliche Folk-Arpeggien. Dazu tanzt Childish Gambino mit nacktem Oberkörper, grimassierend und mit unheimlich überzogenen Bewegungen. Dann geht alles ganz schnell: Der Gitarrist hat nun einen Sack über dem Kopf, Gambino zieht eine Pistole aus dem Hosenbund und schießt ihm in den Kopf. „This is America“, singt er, und die Musik kippt an dieser Stelle in einen düsteren Trap-Beat.

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Gambino singt und tanzt weiter auf die Kamera zu, gibt die Waffe an einen herbeigeeilten Helfer weiter, der sie auffällig sorgfältig in ein rotes Tuch legt. Um den Erschossenen kümmert sich niemand. „Das ist Amerika. Lass dich bloß nicht erwischen. Guck, was ich angerichtet hab!“

Der Song und das Video gehen so verstörend weiter wie sie begonnen haben. Gambino tanzt in ruckartigen Bewegungen, einzelne Posen sind an Jim Crow angelehnt, eine Karikatur, mit der Weiße im 19. Jahrhundert Schwarze als singende, tanzende und dümmliche Menschen verhöhnten. Bei seinem Tanz wird Gambino fröhlich umschwirrt von einem Ballett junger Leute in Schuluniformen.

Der Beat wechselt zurück ins Beschwingte, bevor der nächste Gewaltausbruch stattfindet: Gambino trifft auf einen Gospelchor und mäht alle Mitglieder mit einem Maschinengewehr nieder. Wieder wird die Waffe sorgfältig in einem roten Tuch entgegengenommen.

Childish Gambino, der bürgerlich Donald Glover heißt, ist kein unbekannter Künstler. Mit seinen ersten Rap-Alben hatte er moderaten Erfolg, ein großer Wurf war ihm noch nicht geglückt. Glover, Sohn eines Postangestellten und einer Pflegerin, wuchs unter Zeugen Jehovas auf, studierte an der Tisch School of the Arts Drehbuch. Er kreierte die Sitcom „Atlanta“ um einen erfolglosen jungen Rapper, spielt dort selbst eine der Hauptrollen und gewann den Golden Globe.

Das Video zu „This is America“ drehte Glover mit Hiro Murai, einem der Regisseure der Serie. Sie trafen einen Nerv: Bereits am Tag der Veröffentlichung wurde es 3 Millionen mal angeklickt, zwei Monate später waren es über 300 Millionen. Und das, obwohl das Video kein leicht verdaulicher Pop ist.

Glover und Murai haben viele Bezüge und Seitenhiebe kunstvoll hineinkodiert, die ein düsteres Gesamtbild der US-Gesellschaft zeichnen. Der Angriff auf den Gospelchor erinnert an den Anschlag von Charleston, wo 2015 ein weißer US-Bürger eine Kirche stürmte und während der Bibelstunde neun Afroamerikaner ermordete.

Andere Hinweise sind versteckter. So sieht der Mann, der am Anfang des Videos erschossen wird, dem Vater von Treyvon Martin ähnlich, dem schwarzen Teenager, der vor acht Jahren von einem privaten Wachmann in einer Gated Community grundlos verfolgt und ermordet wurde.

Es ist kein Zufall, dass Childish Gambino das Video am 4. Mai 2018 veröffentlichte. An diesem Tag hielt die US-Waffenlobbyorganisation NRA ihre Jahreshauptversammlung ab.

Wer sich das Video mehrmals anschaut, entdeckt immer neue Details: Versteckt im Hintergrund der Tanzszene reitet ein Ritter der Apokalypse durchs Bild, jemand stürzt sich von einer Balustrade. Das ist bittere Satire: Rapper,Tänzer, afroamerikanische Entertainer, sie sind Teil der Unterhaltungsindustrie, die von den Misständen im Land ablenkt. Das ist die Rolle, die Amerika ihnen zugesteht.

Am Ende des Videos steht ein Filmzitat, das an den Horrorfilm „Get Out“ erinnert: Mit angstgeweiteten Augen rennt Glover einen dunklen Tunnel entlang, doch vor den gesichtslosen Gestalten, die ihn verfolgen, scheint es kein Entrinnen zu geben. Er ist gefangen im Irrenhaus aus Gewalt, Rassismus und Entertainment.

(Text: Martin Kaluza, Juli 2018)

Den geilen Leuten Mut machen

Feine Sahne Fischfilet: Zuhause (2018)

„Zuhause heißt –
wenn dein Herz nicht mehr so schreit
Zuhause heißt –
wenn die Angst der Freundschaft weicht
Zuhause heißt –
wir schützen uns, alle sind gleich
Zuhause heißt –
wenn dein Herz nicht mehr so schreit“

Feine Sahne Fischfilet: Zuhause

Wenn man jung ist und links, kann man es leichter erwischen als in Mecklenburg-Vorpommern aufzuwachsen. Dort hat die AfD bei der Landtagswahl 2016 über 20 Prozent der Stimmen geholt, die Zahl rechtsextremer Gewalttaten ist in den letzten Jahren stetig gestiegen. Auf Schulhöfen werden CDs mit Rechtsrock verteilt. Jugendliche, die nicht ins Weltbild der Rechtsextremen passen, wachsen mit deren Einschüchterungsversuchen auf.

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Die Punkrockband Feine Sahne Fischfilet, 2006 von Schülern gegründet, hätte es sich einfach machen können und nach Hamburg oder Berlin ziehen, weg von dem Ärger. „Bleiben oder gehen“ hieß eines ihrer Alben, und sie haben sich fürs Bleiben entschieden. Auf keinen Fall wollen sie sich einschüchtern lassen. „Ich würde mich immer auf die geilen Leute konzentrieren, die es überall gibt“, sagt Sänger Jan „Monchi“ Gorkow.

Wenn der Begriff nicht so nach Schlagerband klingen würde, könnte man sagen: Feine Sahne Fischfilet ist heimatverbunden. Ihr Song „Zuhause“ beschreibt eine solidarische Alternative zum manchmal schwierigen Heimatbegriff. Vor allem klingt „Zuhause“ nicht nach Abgrenzung zu Fremden: Dort, wo die Band sich zuhause fühlt, soll sich jeder wohlfühlen. Und dazu gehört, dass man sich gegenseitig schützt.

Auch als die Band schon längst auf großen Bühnen spielt, tingelt sie weiter durch Dörfer und Kleinstädte und zeigt den „geilen Leuten“, dass sie nicht allein sind. Vor der Landtagswahl 2016 in Mecklenburg-Vorpommern macht sie ihnen mit der Kampagne „Noch nicht komplett im Arsch“ Mut. In Anklam organisieren sie ein Konzert, bei dem auch Campino von den Toten Hosen und der Rostocker Rapper Marteria auf der Bühne stehen. Sie ernten Lob von unerwarteter Stelle: Bundesjustizminister Heiko Maas twittert am Tag darauf: „Tolles Zeichen gg Fremdenhass u Rassismus“.

Das gefällt nicht allen. Zunächst einmal antwortet die Band dem Minister: „Auch deine SPD glänzt nur mit Abwesenheit in Regionen wie Anklam.“ Und der CDU-Innenminister des Landes MV findet Maas‘ Verhalten „unanständig der Polizei gegenüber.“

Der Grund: Noch 2011 meinte der Verfassungsschutz Mecklenburg-Vorpommerns in den frühen Texten der Band eine „explizit anti-staatliche Haltung“ zu erkennen, sah sie als „politischen Zusammenschluss“ und als Teil der linksextremistischen Szene. Die Band klagte gegen die Beobachtung, erst seit 2015 taucht sie nicht mehr im Bericht auf.

Es ist absurd, dass wir da drin standen“, sagt Monchi in einem Interview auf dem Nachrichtenkanal Tagesschau 24. Das Misstrauen zwischen Staat und Band ist durchaus gegenseitig: „Dieser Verfassungsschutz hat damals mehr über uns geschrieben als über alle Nazibands in Mecklenburg-Vorpommern zusammen, mehr als über den NSU – und der hat in Rostock gemordet, der hat in Stralsund Banküberfälle begangen.“

Die Veröffentlichung ihres jüngsten Albums „Sturm & Dreck“ feierte die Band mit einem Konzert in Loitz, dem 4.500-Seelen-Ort, eine halbe Stunde südwestlich von Stralsund, wo sie gegründet wurde und ihren Proberaum hat.

(Text: Martin Kaluza, Juni 2018)