Apokalyptischer Strandhit

Righeira: „Vamos a la playa“ (1983)

„Vamos a la playa
La bomba estalló
Las radiaciones tostan
Y matizan de azul“

Righeira: „Vamos a la playa“
Externer Link: Wenn Sie auf das Bild klicken, öffnet sich in einem neuen Tab ein youtube-Link mit dem Song

Es ist noch ein bisschen früh in der Saison, als Manuel Fraga Iribarne und Angier Biddle Duke gemeinsam am Strand Quitapellejos baden gehen. Die Badegäste kommen erst ab Mai, und jetzt gerade mal März. Doch die beiden Herren sind nicht zu Spaß hier. Fraga ist spanischer Tourismusminister unter Diktator Franco, Biddle Duke der US-amerikanische Botschafter in Spanien. Vor den Augen von Fotografen und Reportern wollen sie mit ihrem Gang in die Wellen des Mittelmeers zeigen, dass hier alles in Ordnung ist. Hier kann man ohne Bedenken baden! Würden sie es sonst selbst tun?

Am 17. Januar 1966, zwei Monate vor dem hochrangigen Strandtermin, stießen 10.690 Meter über dem Küstenort Palomares ein B-52-Langstreckenbomber und ein Tankflugzeug bei einem verunglückten Andockmanöver zusammen und stürzten ab. Damals, in der Hochphase des Kalten Kriegs, sind nuklear bestückte US-Bomber ständig in der Luft, um die Abschreckung aufrecht zu erhalten.

Wäre auch nur eine der vier Wasserstoffbomben explodiert, die an Bord der B-52 waren, der Küstenabschnitt wäre komplett verwüstet worden. Sie haben die viertausendfache Sprengkraft der Hiroshima-Bombe.

Allerdings bleibt der Küstenort Palomares nicht komplett verschont, denn auch so werden mehrere Kilo radioaktives Plutoniumdioxid frei. Es tritt aus den Zündern der Bomben aus und verteilt sich als Staub.

Die spanische Regierung räumt zunächst nur den Unfall ein, verschweigt aber, dass überhaupt radioaktives Material an Bord war. Auch die USA würden die Sache am liebsten unter den Teppich kehren. Als entlang der Küste jedoch ständig US-Soldaten in Schutzanzügen unterwegs sind, weil sie eine der vier Bomben noch nicht gefunden haben, lässt sich das Problem nicht mehr verheimlichen, und Franco schickt seinen Minister zum Strandgang mit dem US-Botschafter.

Siebzehn Jahre später liefern die italienischen Popmusiker Stefano Rota und Stefano Righi vermutlich unbeabsichtigt den perfekten Soundtrack zu dem Strandtermin.

Die Titelzeile „Vamos a la playa, oh, oh-o-o-o oh!“ versteht 1983 in ganz Europa jeder. Der Song wird mit seinen Synthies und dem programmierten Schlagzeug zu einem frühen Vertreter der Italo-Disco-Welle – trotz des spanischen Textes. Die Single verkauft sich 3 Millionen mal. Das Pop-Duo ist selbst ein bisschen überrascht von dem Erfolg. Ein eigenes Video haben sie gar nicht produziert, bis heute ist das bekannteste ein Auftritt aus der deutschen Popmusik-Sendung „Formel eins“ mit überdrehten Farben.

Der Text des Songs ist bei weitem nicht so unbeschwert, wie es der sommerliche Refrain suggeriert: „Vamos a la playa! Die Bombe ist hochgegangen, die Strahlung britzelt und färbt alles blau.“ Die zweite Strophe lautet: „Vamos a la playa, alle mit Hut, der radioaktive Wind bringt die Frisuren durcheinander.“ Und die dritte: „Vamos a la playa, endlich ist das Meer sauber. Keine stinkenden Fische mehr, nur noch fluoreszierendes Wasser.“ Voilà, alles gut! Das ist perfekt zugespitzter 80er-Jahre-Endzeit-Zynismus.

„Ich wollte einen postatomaren Strandsong schreiben, in dem vor allem elektronische Instrumente vorkommen“, erzählt Righi in einem Interview. Erst im Rückblick habe er selbst erkannt, dass es um Gefahr eines möglichen Atomkrieges zwischen den USA und der UdSSR gegangen sei, die wie ein Damoklesschwert über allen hing.

Die USA haben nach dem Unfall tausende Tonnen verseuchten Boden zur Entsorgung abtransportiert. Die Bewohner der Region werden über Jahre regelmäßig zu gesundheitlichen Untersuchungen nach Madrid eingeladen. Die genauen Resultate bekommen sie nicht mitgeteilt, nur, dass sie gesund seien. Bis heute fordern Umweltaktivisten und Bewohner der Region Palomares, den nach wie vor verseuchten Boden weiter zu dekontaminieren.

Martin Kaluza, 2026

Hinterlasse einen Kommentar