Der Kunst-Star singt gegen die Nachrüstung an

Joseph Beuys: Sonne statt Reagan (1982)

„Wir wollen Sonne statt Reagan
ohne Rüstung leben!
Ob West, ob Ost,
auf Raketen muss Rost!

Joseph Beuys: Sonne statt Reagan

Als US-Präsident Ronald Reagan zum Nato-Gipfeltreffen nach Deutschland kommt, versammeln sich 400.000 Menschen auf den Rheinwiesen im Bonner Stadtteil Beuel. Allerdings nicht, um ihm zuzujubeln. Am 10. Juni 1982 protestiert ein breites Bündnis aus Linken und Gewerkschafterinnen, aus eher unpolitischen Bürgern und Christen gegen die Nachrüstungspläne der Nato. Es ist die bislang größte Demo in der Geschichte der Bundesrepublik. Die westdeutsche Friedensbewegung steht auf ihrem Höhepunkt.

Während des Musikprogramms steigt ein Mann mit Filzhut auf die Bühne: Der Kunst-Star Joseph Beuys greift sich das Mikrofon. Begleitet von der sozial engagierten Band Bap setzt er nicht etwa zu einer Rede an, sondern er singt: „Wir wollen Sonne statt Reagan! / Ohne Rüstung leben / Ob West, ob Ost / Auf Raketen muss Rost!“

Externer Link: Wenn Sie auf das Bild klicken, öffnet sich in einem neuen Tab ein youtube-Link mit dem Song

Angst vor dem Atomkrieg liegt in der Luft. Die Sowjetunion hatte Mitte der siebziger Jahre massiv mit atomaren Mittelstreckenraketen des Typs SS-20 aufgerüstet. SPD-Kanzler Helmut Schmidt sah das Gleichgewicht der atomaren Abschreckung in Gefahr und drängte gemeinsam mit dem britischen Premier James Callaghan und Frankreichs Staatschef Valéry Giscard d’Estaing den damaligen US-Präsidenten Jimmy Carter zum „Nato-Doppelbeschluss“. Die Vereinbarung vom 12. Dezember 1979 sah Verhandlungen mit dem Warschauer Pakt über die Begrenzung von Mittelstreckenraketen vor. Sollten die jedoch scheitern, würde die Nato mit eigenen Mittelstreckenraketen atomar nachrüsten.

Die Friedensbewegung weigert sich zu glauben, dass noch mehr Raketen Europa sicherer machen würden. Allein in der Bundesrepublik sind ohnehin bereits 7.000 Atomraketen stationiert.

Joseph Beuys ist schon lange politisch engagiert. Mehr noch: Er versteht den Beitrag der Kunst zur Gestaltung der Gesellschaft als soziale Plastik. Beuys setzt sich für direkte Demokratie ein und zählt 1979 zu den Gründungsmitgliedern der Grünen. Einmal trifft Beuys den Dalai Lama, für den er eigens eine Fettecke anfertigt. Allerdings bleibt das Gespräch, in dessen Verlauf fast ausschließlich Beuys redet und in dem er unter anderem ankündigt, China einen Wirtschaftsplan für Tibet vorzuschlagen, folgenlos.

Den Reagan-Song hatte Beuys am 19.4.1982 im Auftrag der Grünen aufgenommen und als Single veröffentlicht. Die Musik schrieb Bap-Gitarrist Klaus Heuser. Der Text, der manchmal irrtümlich Beuys zugeschrieben wird, stammt von dem Werbetexter Alain Thomé, auch Drummer Manfred Boecker hat dazu beigetragen.

So entschieden der Refrain auftritt, so diplomatisch umschiffen die Strophen gleich mehrere Klippen. Dem Vorwurf des Antiamerikanismus kommt der Song zuvor, indem er sich auf einer Seite mit dem amerikanischen Volk verortet: „Dieser Reagan kommt als Mann der Rüstungsindustrie / but the people of the States don’t want it – nie!“ Ebensowenig soll er als Anbiederung an die Sowjets missverstanden werden: „Er will die Säcke im Osten reizen / die auch nicht mit Atomen geizen.“

Mit dem Song tritt Beuys einen Monat nach der Friedensdemo sogar in der populärsten Musiksendung der ARD auf. Bei „Bananas“ hüpft er, das Mikrofon schwingend, hinter Band und Schlagzeug auf und ab.

Die Nachrüstung können die Friedensdemos nicht verhindern. Unter Schmidts Nachfolger Helmut Kohl beschließt der Bundestag am 22. November 1983 die Stationierung von 108 Pershing-2-Raketen und 96 Marschflugkörpern in der Bundesrepublik. Doch bald zeigt sich, dass die Sowjetunion sich mit dem Wettrüsten wirtschaftlich übernommen hat. Am 8. Dezember 1987 vereinbaren Reagan und der sowjetische Staatschef Gorbatschow die Doppel-Null-Lösung – ein Durchbruch! Innerhalb von drei Jahren sollen alle in Europa stationierten amerikanischen und sowjetischen Mittelstreckenraketen verschrottet werden.

Martin Kaluza, Juli 2020

Weiterbildung für Revolutionäre

Carlos Mejía Godoy: „El Garand“ (1979)

„Entre todos los fusiles
Este Garand es la ley
El cañón de su calibre tiene .30-06
Si usted quiere desarmarlo
Siga al pelo esta instrucción
Levante bien las dos cejas
Pare las orejas y oiga esta canción“

Carlos Mejía Godoy: El Garand

Die Gitarren geben einen flotten Dreivierteltakt vor, wie er auf Dorffesten in Mittelamerika sofort zum Tanzen anregt. Eine männliche Stimme variiert dazu geschickt zwischen lang geschmetterten und fröhlich hüpfenden Tönen. Das Liedchen klingt für europäische Ohren ein bisschen nach Buena Vista, ein bisschen nach Mariachi – volkstümlich lateinamerikanisch. Im Text wird erklärt, wie man das Sturmgewehr Garand M-1 auseinandernimmt und wieder zusammenbaut.

Externer Link: Wenn Sie auf das Bild klicken, öffnet sich in einem neuen Tab ein youtube-Link mit dem Song

„El Garand“ erschien 1979 auf dem Album „Guitarra Armada“ der nicaraguanischen Liedermacher Carlos Mejía und Luis Enrique Godoy. Der Albumtitel ist ein Wortspiel: Er lässt an eine Armada von Gitarren denken, kann aber auch heißen: „die bewaffnete Gitarre“ oder „die zusammengebaute Gitarre“. Veröffentlicht wurde es von der Sandinistischen Nationalen Befreiungsfront FSLN.

Als die „Guitarra Armada“ herauskam, befand sich das Land im Klammergriff des Somoza-Clans, der seit Anastacio Somozas Putsch im Jahr 1937 an der Macht gewesen war. Von den USA protegiert, ließen die Somozas keine Gelegenheit aus, sich zu bereichern. Als Weihnachten 1972 ein Erdbeben die Hauptstadt Managua zerstörte, leitete die Familie im großen Stil internationale Hilfsgelder auf ihre eigenen Konten um. Damit begann ihr Stern zu sinken. Die Sandinistische Nationale Befreiungsfront gewann täglich Unterstützer.

In der zunehmend heißen Phase nahmen die Sandinisten den Truppen der Nationalgarde in Straßenkämpfen immer wieder Gewehre ab. Um die Gewehre nutzen zu können, mussten militärisch unausgebildete Kämpfer geschult werden. Die Hälfte der Bevölkerung Nicaraguas waren damals Analphabeten. Die Musikkassetten der „Guitarra Armada“ erreichte auch diejenigen, die kein Flugblatt hätten lesen können. Das Bildungsziel war klar, der Refrain des Songs „Carabina M-1“ etwa lautete: „Cada mazurquita que aprendas, te digo/ Será un hombre menos para el enemigo“. Das heißt sinngemäß: „Jedes Tänzchen, das du lernst, mein Lieber/ wird den Feind einen seiner Männer kosten“.

Externer Link: Wenn Sie auf das Bild klicken, öffnet sich in einem neuen Tab ein youtube-Link mit dem Song

Die insgesamt elf Titel bieten Einführungen in den Umgang mit Gewehren, Munition und Sprengstoff. Die im ersten Stück besungene „El Garand“ ist das halbautomatische Gasdruckladegewehr Garand M-1, weitere Songs widmen sich der Karabinerversion des M-1 und dem „FAL“, einem Sturmgewehr aus belgischer Produktion, das in Deutschland unter der Bezeichnung G-1 bekannt ist und aufgrund seiner großen Verbreitung als „Kalaschnikow der westlichen Welt“ gilt.

Eingeschoben ein melancholisches Lied, das in Frage-Antwort-Form (ein klassisches Stilmittel, das in der spanischen romance ebenso bekannt war wie in mexikanischen corridas) das Schicksal der Songwriterin Arlen Siu beschreibt, die sich 1970 den Sandinisten angeschlossen hatte und zwei Jahre darauf im Kampf gegen Somozas Truppen gestorben war. Die Hymne der sandinistischen Einigkeit, die ebenfalls aus der Feder Carlos Mejía Godoys stammt, beschließt das Album. „Guitarra Armada“ ist – bei allem revolutionärem Nutzwert – eine Sammlung von Songs auf musikalisch hohem Niveau, abwechslungsreich und stilsicher produziert.

Carlos Mejía Godoy, die meisten Stücke des Albums schrieb, war damals schon lange eine bekannte Stimme. Er war Protagonist der Nueva Canción in Nicaragua gewesen, einer Form des politischen Liedes, das seine Wurzeln in der Folklore hatte und in ganz Lateinamerika verbreitet war. Mercedes Sosa und Pedro Aznar in Argentinien, Victor Jara und Violetta Parra in Chile wandten sich mit ihren Liedern gegen Armut und Unterdrückung. Mit ihnen riefen Musiker von Uruguay bis Guatemala zum Kampf für bessere Lebensbedingungen auf.

Außerdem hatte Mejía Godoy als Radiomoderator seit Ende der 60er Jahre nahezu täglich einen bekannten Song parodiert. Er stand damit auch in einer pikaresken Tradition anspielungsreicher Musik und Poesie. Der um scheinbar unschuldige Figuren aus dem Volk gestrickte schelmische Humor erlaubte es ihm, Missstände anzuprangern oder sich ganz einfach über die Unterdrücker lustig zu machen. Auch die Songs der „Guitarra Armada“ sind so humorvoll, dass man sie sich heute als ausgesprochen unterhaltsames Kuriosum anhören kann.

Im Juli 1979, kurze Zeit nachdem die „Guitarra Armada“ erschienen war, besiegten die Sandinisten Somoza. Sergio Ramírez Mercado, nicaraguanischer Schriftsteller und Menschenrechtler, sagte drei Jahre später: „Ich weiß gar nicht, wie viel die Revolution den Liedern Carlos Mejía Godoys verdankt. Sie erzeugten unter den Leuten ein Gemeinschaftsgefühl. Ihre Themen und Harmonien bezogen sie aus der Tiefe unserer Wurzeln. Sie bereiteten dieses Gemeinschaftsgefühl auf den Kampf vor.“

(Text: Martin Kaluza, Oktober 2016)

2020 in einem Song zusammengefasst

Anderson .Paak: Lockdown (2020)

„You should have been downtown
The people are risin‘
We thought it was a lockdown
They opened the fire
Them bullets was flyin‘
Who said it was a lockdown?
Goddamn lie!“

Anderson .Paak: Lockdown
Externer Link: Wenn Sie auf das Bild klicken, öffnet sich in einem neuen Tab ein youtube-Link mit dem Song

Am 25. Mai 2020 nehmen vier Polizeibeamte in Minneapolis den 46-jährigen Afroamerikaner George Floyd fest. Der Kassierer eines Ladens hatte die Polizei gerufen und angegeben, der Mann habe mit einem gefälschten 20-Dollar-Schein einkaufen wollen. 17 Minuten nachdem das erste Einsatzfahrzeug eintrifft, liegt Floyd leblos am Boden. Einer der Beamten kniet auf seinem Hals und hat ihm acht Minuten lang die Luft abgedrückt.

Eine Passantin hat den Todeskampf des unbewaffneten Mannes dokumentiert: sein Flehen, den gleichgültigen Blick des Polizisten, die Bitten der Zeugen, er solle von dem wehrlosen Mann ablassen. Über zwanzig Mal presst Floyd hervor: „I can’t breathe“ – „Ich kriege keine Luft“. Das Video ist kaum zu ertragen.

In Minneapolis und im ganzen Land ziehen Menschen, vor allem schwarze US-Bürger, auf die Straße, um gegen die Polizeigewalt zu protestieren, die einfach nicht enden will. Eine über viele Jahre aufgestaute Wut entlädt sich in Ausschreitungen. „I can’t breathe“ steht auf den Plakaten und „Black Lives Matter“ – „Die Leben von Schwarzen zählen“. Rund um den Globus finden aus Solidarität Demonstrationen statt.

Die Proteste fallen mitten in die Zeit der Covid19-Pandemie. Die USA haben längst Italien als das Land mit der höchsten Infektionszahl abgelöst. Rund 1,7 Millionen Infizierte und über 100.000 Tote zählen die USA Ende Mai. Während die Neuinfektionen in den meisten europäischen Ländern stark zurückgehen, sind sie in den USA noch immer hoch. Die Infektionen treffen besonders häufig Afroamerikaner. US-Präsident Trump betreibt eine irrlichternde Politik und droht Gouverneuren, die Maßnahmen zum Schutz ihrer Bürger verordnen.

Der Sänger, Rapper und Schlagzeuger Anderson Paak schließt sich den Protestmärschen an. Er arbeitet gerade an einem Song, der eigentlich fast fertig ist. Paak hält inne, um die Ereignisse auf sich wirken zu lassen, und schreibt einen neuen Text. Der Musiker beschreibt einen Wendepunkt: „Time heals all / but you’re out of time now“ – „Die Zeit heilt alle Wunden, doch die Zeit läuft nun ab“. „Ich habe gemerkt, dass das Problembewusstsein zunimmt“, erklärt er in einem Interview. „Die Leute lassen sich nicht mehr vormachen, alles sei ok. Es ist einfach so offensichtlich. Sie haben genug!“

Den Song „Lockdown“ veröffentlicht Paak am 18.6., dreieinhalb Wochen nach George Floyds gewaltsamem Tod. Paak singt über die Proteste und Covid, über Arbeitslosigkeit und die Polizei, die mit Gummigeschossen und Tränengas gegen die Demonstranten vorgeht. Mit seinem Song fängt er einen Moment ein, in dem alles zusammen kommt: Polizeigewalt, Rassismus, die Kriminalisierung der legitimen Black Lifes Matter-Proteste, die Pandemie. 2020 in a nutshell.

Während die große Mehrheit friedlich demonstriert, nehmen Ausschreitungen und Plünderungen in der Berichterstattung einen großen Raum ein. Paak zeigt in wenigen Worten, wie bequem und einseitig das ist: „Stayin‘ quiet when they killin‘ niggas, but you speak loud / When we riot, got opinions from a place of privilege.“ („Du bleibst stumm, wenn Schwarze ermordet werden, doch du erhebst deine Stimme, wenn wir randalieren. Deine Meinung zeigt, wie gut du es hast.“) Aus „Lockdown“ spricht die Hoffnung, dass nun endlich über den Rassismus und die Brutalität gesprochen wird, unter denen Afroamerikaner seit langem leiden.

Der Refrain gibt die ganze Zerrissenheit der Lage wieder: „Du hättest in der Stadt sein müssen / die Menschen lehnen sich auf / wir dachten, es wäre Lockdown / sie haben auf uns geschossen“. „Ob es Gummigeschosse sind, scharfe Munition oder das Hinknien auf dem Hals eines Typen – wir sollten doch eigentlich drinnen sein, wir sollten sicher sein, wir sollten doch versuchen, durch die Pandemie zu kommen“, sagt Paak. „Aber aus irgendwelchen Gründen werden jeden Tag People of Color auf der Straße getötet. Dafür ist immer noch Zeit, trotz Lockdown.“

Anderson .Paak erzählt die Entstehungsgeschichte des Songs
Externer Link: Wenn Sie auf das Bild klicken, öffnet sich in einem neuen Tab ein youtube-Link mit dem Song

Martin Kaluza, Dezember 2020

Politisch wider Willen

Pharrell Williams: Happy (2013)

„Clap along if you feel like a room without a roof
Clap along if you feel like happyness is the truth
Clap along if you know what happyness is to you
Clap along if you feel like that’s what you wanna do“

Pharrell Williams: Happy
Externer Link: Wenn Sie auf das Bild klicken, öffnet sich in einem neuen Tab ein youtube-Link mit dem Song

Donald Trump ist zu Scherzen aufgelegt. Auf einer Tagung der Future Farmers of America in Indianapolis berichtet er, jemand hätte ihm gesagt, seine Haare sähen heute irgendwie anders aus. „Ich sagte ihm: Ich habe heute morgen unter dem Flügel der Präsidentenmaschine eine Pressekonferenz gegeben, eine sehr unerfreuliche Konferenz.‘ Der Wind blies, es regnete, und ich war klatschnass. Deshalb sieht es heute so aus. Ich meinte: ‚Vielleicht sollte ich diesen Termin absagen, weil ich einen Bad-hair-day habe.’“

Trump ist im Wahlkampf, in weniger als zwei Wochen die Wahlen zum Repräsentantenhaus an, die „Midterm“-Wahlen. Am gleichen Abend tritt der US-Präsident noch auf einer Wahlkampfveranstaltung in Murphysboro in Illinois auf. Sein Team beschallt die Arena mit „Happy“, dem gut gelaunten Welthit des Popstars und Produzenten Pharrell Williams.

Der eingängige Song ist eine Hymne an die Lebenslust. Im dazugehörigen Video tanzen Menschen aus aller Welt und jeden Alters. Das Video, von dem Williams sogar eine 24-Stunden-Version produziert, feiert, was die Menschen eint. In jeder einzelnen Hinsicht repräsentiert der Song das genaue Gegenteil zu der provokativen, spaltenden, von Hass getriebenen Rhetorik und Politik unter Trump.

Doch heute, am 27. Oktober 2018, ist es besonders unpassend, den Song zu spielen. Am Vormittag war ein 46-jähriger Attentäter in die Tree of Life-Synagoge in Pittsburgh eingedrungen und hatte elf Menschen erschossen. Er hatte gezielt den Sabbat gewählt, den besucherreichsten Tag. Zuvor hatte er auf dem unter Rechtsradikalen populären sozialen Netzwerk Gab Hassbotschaften verbreitet und seine Tat unmittelbar angekündigt.

Pharrell Williams wehrt sich gegen die Vereinnahmung seines Songs. Über seinen Anwalt schickt er dem Präsidenten eine Unterlassungsaufforderung. Darin heißt es: „Am Tag des Massenmords an 11 Menschen durch einen verwirrten ‚Nationalisten‘ spielten Sie dem Publikum einer politischen Veranstaltung in Indiana den Song ‚Happy‘ vor. Es ist nichts Fröhliches an der Tragödie, die unser Land am Samstag traf, und Sie hatten keine Erlaubnis, den Song zu diesem Anlass zu spielen.“

Williams ist nicht der erste Musiker, der mit Trumps Kampagnen nichts zu tun haben will. Auch Neil Young, R.E.M., Aerosmith, Adele, Elton John, Queen, Earth, Wind & Fire, die Beatles, Rihanna und Guns N‘ Roses wollten nicht, dass ihre Songs dort gespielt werden.

Der Unwillen der Musiker trifft auch andere Politiker. 2005 ließen die Rolling Stones der CDU befremdet ausrichten, die Band hätte ihr nicht erlaubt, auf Parteitagen „Angie“ zu spielen. Die Elektropop-Band MGMT verklagte Nicolas Sakorzys Partei UMP, weil sie den Song „Kids“ im Wahlkampf nutzte. Und selbst Barack Obama, der sonst von vielen Musikern unterstützt wird, erhielt 2008 eine Abfuhr: Sam Moore, eine Hälfte des Soul-Duos Sam & Dave, bat ihn, den Song „Hold On I’m Coming“ nicht mehr auf Wahlveranstaltungen zu spielen.

Rechtlich können Musiker wenig ausrichten. Die Kampagnenteams kaufen von den Verwertungsgesellschaften ASCAP und BMI, die in Deutschland etwa der GEMA entsprechen würden, Lizenzpakete für unzählige Songs.

Im Juli 2020 setzt schließlich die Artist Rights Alliance (ARA) einen offenen Brief auf. Über 50 Musiker und Bands – von den Rolling Stones über Adele bis zu Rihanna – fordern klare Regeln für Republikaner und Demokraten gleichermaßen: Wer einen Song für Kampagnen nutzen will, soll grundsätzlich um Erlaubnis fragen.

Martin Kaluza, Oktober 2020

Trauer und Wut

Azzi Memo: Bist du wach? (2020)

„Überall Missgunst, Ausgrenzung und Rassismus
Der Struggle endet niemals, es geht in die falsche Richtung
Jeden Tag wird’s schlimmer, unsre Welt zerbricht in Trümmern
Werden ohne Grund gehasst, was erzähl‘ ich meinen Kindern?“

Mortel in: Aizzi Memo – Bist Du wach?
Externer Link: Wenn Sie auf das Bild klicken, öffnet sich in einem neuen Tab ein youtube-Link mit dem Song

Am Abend des 19. Februar 2020 steht das Handy von Mehmet Seyitoglu nicht mehr still. Ein Freund schreibt ihm: „Wo bist du gerade, lass‘ dich draußen besser nicht blicken, da dreht einer komplett durch!“ Auf twitter kursieren schon Gerüchte, er sei Opfer eines Anschlags geworden. Seyitoglu hat in ganz Deutschland Fans: Sie kennen ihn als Rapper Azzi Memo.

Gegen 22 Uhr erschießt an diesem Abend ein 42-jähriger Attentäter vier junge Menschen in einer Shisha-Bar in Hanau. Er fährt weiter in den Stadtteil Kesselstadt und ermordet auf einem Parkplatz und in einem Kiosk mit angeschlossenem Café weitere fünf Menschen. Der Attentäter geht gezielt vor: Alle Opfer haben einen Migrationshintergrund. Am Ende fährt er nach Hause, wo er seine Mutter und sich selbst erschießt.

Der Reporter des vom Springer-Konzern neu geschaffenen Kanals „Bild live“ spekuliert in der Nacht der Tat wiederholt über eine „Schießerei“ im kriminellen Milieu – Russen seien es vielleicht gewesen oder Schutzgelderpresser. In den Wochen zuvor hatten Politiker der AfD gegen Shisha-Bars gehetzt, zuletzt im Wahlkampf in Hamburg. Doch schnell ist klar: Der Täter von Hanau ist ein Rechtsextremer mit psychischen Problemen, der aus rassistischen Motiven handelt.

Seyitoglu ist in Hanau aufgewachsen. Er kennt das Viertel, in dem die Shisha-Bar liegt, und er kennt einen guten Teil der Menschen, die dort am 19. Februar den Abend verbracht haben. Unter den Opfern ist der Sohn seines Cousins. Ein Freund wird an der Schulter getroffen und überlebt.

Seyitoglu ist kurdischer Abstammung, kam mit seinen Eltern zunächst in ein Asylbewerberheim in Deutschland, dann zog die Familie in ein hanauer Hochhaus. Er ist das älteste Kind, kümmert sich um die Geschwister und übersetzt für seine Eltern. Er kommt in der Schule ins Schlingern, holt später sein Abitur nach, macht eine Ausbildung als Einzelhandelskaufmann. Unter dem Künstlernamen Azzi Memo beginnt er eine Karriere als Rapper.

Nach dem Anschlag spürt Seyitoglu, dass er etwas unternehmen muss. Er versammelt 17 Rapper und die Sängerin Rola um sich und nimmt mit ihnen den Song „Bist du wach?“ auf. Den Erlös spenden die Musiker der Antonio Amadeu-Stiftung, die den Überlebenden und den Angehörigen der Opfer des Anschlags von Hanau hilft.

In vielen Zeilen bricht hervor, was sich schon lange angestaut hat: Trauer, Fassungslosigkeit, auch Wut. Azzi Memos Part eröffnet den Song mit der Erinnerung an vorangegangene Anschläge in Limburg, Fulda, Kassel, und Halle. Milonair rappt: „Ich dachte, meine Söhne wären sicher hier. 33 Jahre in diesem Land, was ist passiert?“ Und Sinan-G, wie Milonair deutscher Rapper mit iranischen Wurzeln: „So viele Opfer, keiner schafft es mehr sie aufzuzähl’n. Ich würd die Kugeln, die sie trafen, so gern auf mich nehm’n“.

„Die meisten Rassisten werden Rassisten bleiben“, sagt Azzi Memo über den Song. „Gerade ihnen jedoch sollten wir zeigen: wir gehören dazu. Und wir sind mehr als ihr.“

Martin Kaluza, August 2020

Die Befreiung des Hurricans

Bob Dylan: Hurricane (1975)

„Here comes the story of the Hurricane
The man the authorities came to blame
For somethin‘ that he never done
Put in a prison cell, but one time he could-a been
The champion of the world“

Bob Dylan: Hurricane

Am Morgen des 17. Juni 1966 erschießen zwei schwarze Männer in einer Bar in der Kleinstadt Paterson in New Jersey drei Weiße: den Barkeeper und zwei Gäste. Die Polizei hat schnell einen Verdacht. Eine Streife greift Rubin Carter auf, der mit seinem Freund John Artis in einem Dodge Straßenkreuzer unterwegs ist. Beide sind schwarz. Schon bei der ersten Gegenüberstellung ist sich ein schwer verletzter Augenzeuge aus der Bar sicher: Die beiden waren es nicht. Die Polizei lässt Carter und seinen Freund gehen. Vorerst.

Die Kleinstadtpolizisten kennen Carter, seit er ein Kind war – ein oft unbeherrschtes und manchmal gewalttätiges Kind, das seine Eltern in die Obhut der Behörden gaben, als sie nicht mehr weiter wussten mit ihm. Nun ist der schwierige schwarze Junge zu einem recht erfolgreichen Boxer herangewachsen (Spitzname: „Hurricane“) und kurvt in teuren Autos durch die Stadt. So einen ziehen sie nur zu gern aus dem Verkehr.

Externer Link: Wenn Sie auf das Bild klicken, öffnet sich in einem neuen Tab ein youtube-Link mit dem Song

Vier Monate nach Carters Freilassung behauptet der vorbestrafte Kriminelle Alfred Bello, er hätte ihn zur Tatzeit in der Nähe des Tatorts gesehen. Das reicht als Belastung. Carter und Artis werden erneut festgenommen, vor Gericht gestellt und von den ausnahmslos weißen Geschworenen des dreifachen Mordes für schuldig befunden: Lebenslang für beide.

Carters Fall wird zum Symbol für eine rassistische Justiz. Doch er gibt sich nicht geschlagen. Im Gefängnis studiert er juristische Fachbücher. Er schreibt seine Autobiographie „Die 16. Runde – vom Herausforderer Nummer eins zur Nummer 45472“. Ein Exemplar schickt er dem Sänger Bob Dylan. Da sitzt er schon acht Jahre im Gefängnis.

Dylan liest das Buch, und bevor ein Monat vergangen ist, besucht er den Häftling. Schwer beeindruckt von der Geschichte und der Persönlichkeit Carters schreibt Dylan einen Song über den Fall, ausgerollt in über 90 Zeilen, halb Moritat, halb Protestsong. „Hurricane“ dauert acht Minuten und ist dem Sänger so wichtig, dass er als Single veröffentlicht wird, in zwei Teilen, auf A- und B-Seite. Der Song verschafft dem fast vergessenen Fall bei einem breiten Publikum neue Aufmerksamkeit.

Dylan startet eine Kampagne für Carters Freilassung. Mit seiner berühmten Tournee „Rolling Thunder Revue“, an der auch Joan Baez, Joni Mitchell, Roberta Flack und der Beat-Dichter Allen Ginsberg mitwirken, gastiert er Ende 1975 sogar in dem Gefängnis, in dem Carter einsitzt.

Carters Fall geht so irrwitzig weiter wie er begonnen hatte. Zwei Monate nach Dylans Gefängnisauftritt räumt Belastungszeuge Alfred Bello in der New York Times ein, dass er gelogen hatte, weil er sich davon Vorteile versprach. Der Surpreme Court von New Jersey hebt das Urteil daraufhin auf. Doch noch 1976 werden Carter und Artis erneut verhaftet, weil die Staatsanwaltschaft erstmals ein Motiv benennt: Der Mord sei die Rache für einen in der gleichen Nacht von Weißen begangenen Mord an einem Schwarzen gewesen.

Diesen Schlag verkraftet Carter nicht mehr, er gibt sich auf. Doch 1980 liest ein Teenager aus Brooklyn sein Buch und mobilisiert kanadische Bürgerrechtler. Dank ihrer Unterstützung erreichen Carters Anwälte die Wiederaufnahme des Verfahrens. Diesmal entscheidet kein Provinzgericht aus New Jersey, sondern ein Bundesrichter. Ende 1985, nach 19 Jahren Haft, kommt Rubin Carter endgültig frei.

Er zieht nach Toronto, setzt sich für zu Unrecht Verurteilte ein und bekommt dafür zwei Ehrendoktorwürden verliehen. Im Februar 2014, kurz vor seinem Tod, schreibt er: „Ich habe 49 Jahre in der Hölle gelebt, und in den letzten 28 Jahren im Himmel.“

Martin Kaluza, April 2020

Ugandas Popstar-Demokrat

Bobi Wine: Dembe (2016)

„We should build useful foundations for Uganda as an example to our children
So they know it no longer requires bloodshed for one to ascend to power
So they know that candidates campaign and the masses pick one
And the winner leads them, the loose congratulates the winner“

Bobi Wine: Dembe

Am 15. August 2018 ist Yoweri Museveni, der Präsident Ugandas, in der Stadt Arua unterwegs, um die Kampagne seines Kandidaten zu unterstützen. Der Abgeordnete Ibrahim Abiriga war ermordet worden, nun finden Nachwahlen statt. Mit Abiriga hat der Präsident, der Uganda seit 1986 regiert, einen loyalen Unterstützer verloren. Museveni bestreitet gerade seine siebte Amtszeit in Folge. Er will die Altersgrenze für Präsidentschaftskandidaten, die einer achten im Weg stehen würde, streichen lassen. Abiriga hatte zu den Befürwortern gezählt.

Auch die Gegner des Präsidenten machen Wahlkampf in Arua. Die Stimmung ist aufgeheizt. Steine fliegen auf das Auto des Staatschefs, die Lage eskaliert, Sicherheitskräfte schießen. Die Kugeln treffen das Auto von Robert Kyagulanyi Ssentamu, einem der schärfsten Gegner des Präsidenten. In den sozialen Medien postet Ssentamu das Foto seines blutüberströmten, leblosen Fahrers. Er schreibt: „Sie dachten, sie hätten mich getroffen.“ Minuten nach der Schießerei wird Ssentamu verhaftet und in ein Militärgefängnis gebracht. Die Polizei behauptet, in seinem Hotelzimmer Gewehre und Munition gefunden zu haben.

Externer Link: Wenn Sie auf das Bild klicken, öffnet sich in einem neuen Tab ein youtube-Link mit dem Song

Ssentamu kennt in Uganda jeder. Unter dem Künstlernamen Bobi Wine ist er der größte Popstar des Landes, er gilt als Stimme der Jugend. Bobi Wine singt an gegen Armut und Ungerechtigkeit, und er setzt sich dafür ein, dass Wahlen friedlich und fair verlaufen. Die jungen Leute fordert er auf, Personalausweise zu beantragen, damit sie wählen gehen können. Sein Song „Dembe“ ist ein urdemokratischer Ruf nach funktionierenden Strukturen: „Wir sollten Fundamente bauen, die Uganda nutzen und unseren Kindern ein Vorbild geben, damit sie wissen, dass man kein Blut mehr vergießen muss, um an die Macht zu kommen.“

Und Wine geht selbst in die Politik. 2016 erringt er einen Sitz im Parlament. Auf den Straßen der Hauptstadt Kampala hat er längst einen Spitznamen, der noch mehr verspricht: Ghetto-Präsident.

Seine Festnahme in Arua löst unter Popmusikern weltweit eine Welle der Solidarität aus: Peter Gabriel und Chrissie Hynde, U2 und Coldplay – sie alle protestieren, gemeinsam mit afrikanischen Musikerkollegen wie Angelique Kidjo und Femi Kuti. Der Druck im In- und Ausland ist groß, das Militär lässt Wine frei. Doch er wird gleich wieder verhaftet, diesmal lautet der Vorwurf Landesverrat. Als Bobi Wine erneut freigelassen wird, fliegt er in die USA, um sich in einer Klinik behandeln zu lassen. Sein Körper ist von Haft und Folter schwer mitgenommen.

Bobi Wine lässt sich nicht einschüchtern. Bei den Wahlen 2021 will er wieder kandidieren – diesmal als Präsidentschaftskandidat. „Es ist immer gefährlich, gegen einen Diktator anzutreten,“ sagt er in einem Interview mit der BBC. „Aber es ist gefährlicher, herumzusitzen und sich seinem Schicksal zu fügen.“

Der Sänger weiß, dass auch Präsident Musenevi einst als Hoffnungsträger angetreten war. „Immer, wenn ich Präsident Museveni in den Fernsehnachrichten sehe, frage ich mich, wie ein derart gepriesener Revolutionär willentlich zu einem der am meisten verachteten Diktatoren der Welt werden konnte“, sagt Bobi Wine. „Das ist eine Lektion, die uns daran erinnert, dass uns nur die Idee starker Institutionen vor uns selbst schützen kann.“

Martin Kaluza, Februar 2020

Protest gegen die Macho-Kultur

Miss Bolivia: Paren de matarnos (2017)

„Si tocan a una nos tocan a todas
El femicidio se puso de moda
El juez de turno se fue a una boda
La policía participa en la joda“

Miss Bolivia: Paren de matarnos

Chiara Páez, ein 14-jähriges Mädchen aus der Kleinstadt Rufino in der argentinischen Provinz Santa Fe, ist im dritten Monat schwanger, als sie am 9. Mai 2015 nicht mehr nach Hause kommt. Bereits am nächsten Tag wird ihre Leiche gefunden. Páez wurde von ihrem 16-jährigen Freund ermordet, dem Vater des ungeborenen Kindes.

Das Land ist erschüttert. Unter dem Namen „Ni Una Menos“ („Nicht eine weniger“) schließen sich Frauen und feministische Initiativen zusammen und planen einen Protestmarsch. Auch die Gewerkschaften beteiligen sich. Vier Wochen nach Páez’ Tod versammeln sich 300 000 Menschen vor dem Kongress in Buenos Aires, um gegen Gewalt gegen Frauen zu protestieren.

Externer Link: Wenn Sie auf das Bild klicken, öffnet sich in einem neuen Tab ein youtube-Link mit dem Song

Die argentinische Musikerin Paz Ferreyra, die unter dem Künstlernamen Miss Bolivia auftritt, spricht der Bewegung mit einem Song aus dem Herzen: „Wenn ihr eine von uns anfasst, fasst ihr alle an. Der Femizid ist in Mode gekommen. Der diensthabende Richter ist auf einer Hochzeit. Die Polizei macht mit bei dem Mist.“ Die Strophen sind aus Sicht einzelner Frauen geschrieben. Im Refrain schließen sie sich zum Plural zusammen: „Hört auf, uns umzubringen!“

Das Demonstrationsmotto „Ni Una Menos“ geht auf eine Zeile der mexikanischen Schriftstellerin und Aktivistin Susana Chávez zurück. 1995 hatte sie gegen Morde an Frauen in Ciudad Juárez protestiert: „Ni una muerta más!“ („Nicht eine einzige weitere Tote!“) In der Grenzstadt waren über Jahre Hunderte Frauen ermordet worden. Die offensichtliche Untätigkeit von Polizei und Justiz stieß international auf Kritik. 2011 wurde die couragierte Dichterin selbst Opfer eines Mordes.

Die Demonstration in Buenos Aires, die Chávez’ Worte vier Jahre später aufgreift, wird zum Beginn einer Bewegung. Erst in Argentinien, schließlich in ganz Lateinamerika und darüber hinaus. Lange galten Morde an Frauen als „Einzelfälle“, als „Privatsache“, als „Beziehungstat“. Doch nun wird im Land über die Macho-Kultur diskutiert, die Frauen als minderwertig ansieht. In dem Land, das seit dem Zusammenbruch des Finanzsystems 2001 in der Krise steckt, ist es für Frauen doppelt schwer, finanziell unabhängig zu sein.

Miss Bolivias Song diagnostiziert der Gesellschaft, dass sie nur fügsamen Frauen einen Wert beimisst: „Ich sollte immer Ja sagen/Sie haben mich umgebracht, seit ich geboren bin/Sie haben mich versklavt/Ich sollte waschen und waschen und gebären“. Verónica Gago, Professorin für Sozialwissenschaften und Mitglied der „Ni Una Menos“-Initiative, sieht die Protestmärsche und Streiks gegen die Macho-Kultur in der Tradition der Mütter von der Plaza de Mayo, die Ende der 1970er Jahre gegen den Staatsterrorismus der Militärregierung demonstrierten: „Sie sind ein Vorbild. Damals traten Frauen als politische Protagonistinnen auf. Ihre Taktik, zum Beispiel Straßen zu besetzen, ist bis heute ein wichtiges Mittel.“

Am 3. Juni 2016, zum Jahrestag der ersten Großdemonstration, versammeln sich erneut 200 000 Menschen in Buenos Aires, diesmal unter dem Motto „Vivas nos queremos!“ („Wir wollen uns lebendig!“) Im selben Jahr ruft das Bündnis zu Frauenstreiks auf, an denen sich zwei Jahre später bereits Frauen in 57 Ländern beteiligen.

(Text: Martin Kaluza, Dezember 2019)

Die Stadt des Lichts

Maurice Chevalier: Paris sera toujours Paris (1939)

„Paris sera toujours Paris!
La plus belle ville du monde
Malgré l’obscurité profonde
Son éclat ne peut être assombri“

Maurice Chevalier: Paris sera toujours Paris

Als der Zweite Weltkrieg beginnt, bleibt die Lage in Paris erst einmal ruhig. Zwar erklären Frankreich und Großbritannien Deutschland nach dem Angriff auf Polen am 3. September 1939 den Krieg. Doch entlang der Saar und der Maginot-Linie denken weder deutsche noch französische Soldaten daran, zu schießen. Monate dauert dieser seltsame Zustand, der als „Sitzkrieg“ in die Geschichte eingehen wird. In Frankreich wähnt man sich für einen Krieg gewappnet. Hatte man nicht schon den letzten gewonnen?

Externer Link: Wenn Sie auf das Bild klicken, öffnet sich in einem neuen Tab ein youtube-Link mit dem Song

Die Stadtverwaltung von Paris verpackt unterdessen Statuen, um sie zu schützen. Museen hängen Bilder ab, nachts werden Straßen und Häuser verdunkelt. An die Bevölkerung werden Gasmasken verteilt, die Bewohner nötigt man, bei Probealarm ihre Zeit in Kellern zu verschwenden – im Pyjama. Am 24. November 1939 nimmt ein sonniger Entertainer mit Strohhut einen beschwingten Song über all das auf. Maurice Chevalier singt: „Paris wird immer Paris bleiben! / Die schönste Stadt der Welt / Trotz tiefer Finsternis / Kann ihr Glanz nicht verdunkelt werden“. Die Kriegsvorbereitungen können der Stadt überhaupt nichts anhaben. Der Song wird zum Hit des Herbstes 1939.

Im Mai 1940 greifen die deutschen Truppen schließlich an. Frankreich kapituliert binnen Wochen, am 14. Juni marschieren die Besatzer in Paris ein. Chevalier spielt zunächst weiter Revuen im Casino de Paris. In seinen Erinnerungen schreibt er: „Paris ist keineswegs trist.“ Doch schon bald gerät der Entertainer in die Klemme: „Die deutschen Behörden versprechen mir den größten Triumph, den man sich vorstellen könne, wenn ich ein Engagement in der Scala in Berlin annähme.“

Chevalier weigert sich, sagt aber einen anderen Auftritt zu: ohne Presse, ohne Ankündigung. Er singt vor französischen Kriegsgefangenen im Lager Alten-Grabow, in dem er selbst im Ersten Weltkrieg gesessen hatte. Chevalier handelt aus, dass als Gegenleistung zehn französische Gefangene frei gelassen werden. Im besetzten Paris spielt er nicht mehr.

Eine Zeitung erfährt von dem Auftritt, die Gerüchte überschlagen sich. Es heißt, Chevalier habe eine Tournee durch Deutschland gemacht. In einem Londoner Radiosender wird er, der im besetzten Frankreich geblieben ist, von einem Franzosen der Kollaboration bezichtigt. Mit Mühe kann Chevalier seinen Ankläger überzeugen, dass die Gerüchte nicht stimmen.

Externer Link: Wenn Sie auf das Bild klicken, öffnet sich in einem neuen Tab ein youtube-Link mit dem Video

1944 wird Paris befreit. Chevalier tritt wieder auf. In alter Leichtigkeit repräsentiert er noch Jahrzehnte lang den Pariser Charme, dreht dutzende Filme und gewinnt 1959 den Ehrenoscar. Casimir Oberfeld, der Komponist des Paris-Songs, erlebt das erneute Erstrahlen des Glanzes nicht mehr. Er stirbt Anfang 1945 in Auschwitz bei einem Todesmarsch.

„Paris sera toujours Paris“ hat eine Coda. 2014 geht die Sängerin Zaz mit dem legendären Quincy Jones ins Studio – ein Star, der auch Michael Jacksons „Thriller“ produziert hatte. Sie nehmen Chevaliers Stück für ein Album mit Paris-Songs auf. Das Video ist süßlich auf nostalgischen Charme getrimmt.

Externer Link: Wenn Sie auf das Bild klicken, öffnet sich in einem neuen Tab ein youtube-Link mit dem Song

Nur Monate später erschüttern Anschläge erst auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo, später auf Cafés, Supermärkte und die Konzerthalle Bataclan die Stadt. In einem Interview erinnert sich Zaz: „Das war schrecklich, und in meiner Umgebung kennt jeder ein Opfer. Aber wenn uns das von der Kultur abhalten würde, hätten die ja gewonnen. Nein, diese Leute gewinnen auf keinen Fall. Ich sehe nur noch Menschen, die sich nicht unterkriegen lassen, die weitermachen – für die Freiheit.“

Martin Kaluza, Dezember 2019

Des Kaisers Rede als Reggae

Bob Marley: War (1976)

„Until the philosophy which holds one race superior
And another inferior
Is finally and permanently
Discredited and abandoned
Everywhere is war“

Bob Marley: War

Am 4. Oktober 1963 hält der äthiopische Kaiser Haile Selassie I. in New York vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen ein flammendes Plädoyer für den Weltfrieden. Afrika ist gerade voller Hoffnung. Allein im Jahr 1960 haben 17 Staaten ihre Unabhängigkeit erklärt. Nur wenige Monate vor seiner Rede durfte der Kaiser die Gründung der Organisation für Afrikanische Einheit erleben, und zwar in Addis Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens. Die Geschichte des Landes ist einzigartig – es ist der einzige afrikanische Staat, der niemals kolonisiert worden ist.

Externer Link: Wenn Sie auf das Bild klicken, öffnet sich in einem neuen Tab ein youtube-Link mit dem Song

In seiner Rede lobt Haile Selassie die Anstrengungen von US-Präsident John F. Kennedy, die Rassendiskriminierung in den USA zu beenden. Gleiches fordert er auch für Afrika: „Bis die Ideologie, nach der eine Rasse der anderen überlegen ist, endgültig und dauerhaft verdammt und abgeschafft ist (…) und bis die Hautfarbe eines Menschen nicht mehr Bedeutung hat als die Farbe seiner Augen (…), wird der afrikanische Kontinent keinen Frieden kennen.“ Er zielt mit diesen Sätzen insbesondere auf Staaten wie Angola, Mosambique und Südafrika, wo noch immer Rassentrennung herrscht. 13 Jahre später, 1976, wird die Rede des äthiopischen Kaisers zum Hit. Der Reggaemusiker Bob Marley vertont die Ansprache, ändert Details und ersetzt die Worte „kein Frieden“ durch ein stärkeres Wort: Krieg. Der Song „War“ ist ihm so wichtig, dass er ihn fortan auf fast allen Konzerten spielt.

Bob Marley, aufgewachsen in den Slums von Kingston, ist gerade mit seinem Hit „No Woman, No Cry“ zum Weltstar aufgestiegen – dem ersten übrigens, der aus einem Land der Dritten Welt stammt. Er singt gegen die andauernde Ausbeutung der Schwarzen an, gegen Kolonialismus und Hunger, er fordert soziale Gerechtigkeit und macht sich für ein schwarzes Selbstbewusstsein stark.

Dass Marley die Rede Haile Selassies vertont, ist eine politische Botschaft, aber auch eine religiöse. Der Musiker ist bekennender Anhänger der Rastafari, einer in den 1930er Jahren in Jamaika aus dem Christentum entstandenen Religion, die an die Wiederkehr des Messias glaubt. Und die ist nach Überzeugung der Rastafari bereits eingetreten: Sie verehren Haile Selassie als ihren Erlöser und lebendigen Gott auf Erden. Der Name ihrer Bewegung leitet sich aus dem Prinzennamen ab, den er vor seiner Krönung führte: Ras Tafari Makonnen. „Ras“ bedeutet in der Landessprache Äthiopiens „Kopf“ und ist ein Ehrentitel. Haile Selassie lehnt es übrigens zeit seines Lebens ab, „Jah“ zu sein, der Messias. Das aber tut der Verehrung keinen Abbruch.

Als „War“ veröffentlicht wird, ist der Kaiser bereits Geschichte. 1974 wurde er bei einem Militärputsch abgesetzt. Im Jahr darauf verstarb er. Heute vermutet man, dass er mit einem Kissen erstickt wurde. Selassies Grab wird nie gefunden. 1997, inzwischen ist auch Marley seit 16 Jahren tot, veröffentlicht ein jamaikanisches Plattenlabel eine neue Version von „War“, auf der die Stimme Haile Selassies zu hören ist: Zu Marleys Musik ist ein Mitschnitt der UN-Rede von 1963 im Original zu hören, auf Amharisch, Selassies Muttersprache.

(Text: Martin Kaluza, Juli 2019)

Externer Link: Wenn Sie auf das Bild klicken, öffnet sich in einem neuen Tab ein youtube-Link mit dem Song

Dieses Land wurde nie verkauft

Yothu Yindi: Treaty (1991)

„This land was never given up
This land was never bought and sold
The planting of the Union Jack
Never changed our law at all.“

Yothu Yindi: Treaty

Zufällig erfährt eine Handvoll Ältester des Yolngu-Volkes im Jahr 1963, dass die Regierung ihr Land auf der Gove-Halbinsel im äußersten Norden Australiens zum Bauxit-Abbau freigeben will. Die Aborigines wollen das nicht hinnehmen. In zweifacher Ausfertigung reichen sie eine Petition ein: Sie malen sie mit Ocker auf eine Baumrinde und fügen ihr eine maschinengetippte englische Übersetzung bei. Die „Yolngu Bark Petition“ gilt heute als Meilenstein im Kampf um Landrechte. Die Yolngu verklagen das Bergbauunternehmen NABALCO und das Commonwealth of Australia, verlieren aber den Prozess. Der Richter sieht keine Möglichkeit, die Landrechte der Yolngu unter australischem Recht anzuerkennen. Doch die Initiative zeigt Wirkung: 1977 tritt der „Aboriginal Land Rights Act“ in Kraft. Die Aborigines im Landesteil Northern Territory bekommen einen großen Teil ihres Landes zurückübertragen und können dort die Vergabe von Schürfrechten selbst verhandeln.

Externer Link: Wenn Sie auf das Bild klicken, öffnet sich in einem neuen Tab ein youtube-Link mit dem Song

1988 begeht Australien das 200-jährige Jubiläum der Ankunft der „First Fleet“ – den Beginn der Kolonisierung durch die britische Krone. Der Sohn eines der Autoren der Yolngu Bark Petition nimmt das zum Anlass für eine neue Initiative: Galarrwuy Yunupingu fordert Wiedergutmachung für den gescheiterten Prozess gegen die Mine. Als er Premierminister Robert Hawke auf den Jubiläumsfeiern im Örtchen Barunga eine Erklärung überreicht, versichert der: „Es wird einen Vertrag zwischen dem Australien der Aborigines und dem weißen Australien geben.“

Drei Jahre vergehen. Nichts passiert. Nun wird ein drittes Familienmitglied aktiv: Bakamana Yunupingu, Bruder des Verfassers der Barunga-Erklärung und Sohn des Autors der Rindenpetition, ist Sänger und Gitarrist in der Band Yothu Yindi. Seine Mitmusiker sind Aborigines und weiße Australier, sie spielen traditionelle Lieder und Popsongs. Yunupingu wird ungeduldig.

„Wann kommt der Vertrag? Welche Form hat er? Ich schrieb den Song ‚Treaty‘ als eine freundliche Erinnerung an uns alle“, sagt er später in einem Interview. Er singt: „This land was never given up/This land was never bought and sold.“ Und er singt einige Passagen in Yolngu-Matha, seiner Muttersprache. Bevor er als Sänger bekannt wurde, war er der erste indigene Schuldirektor Australiens. Er hatte eine eigene bikulturelle Lehrmethode entwickelt, die Aborigine-Kindern nicht die eigene Herkunft abtrainieren will, sondern nach Art beider Kulturen unterrichtet. In „Treaty“ singt er nun: „Now two rivers run their course/Seperated for so long/I’m dreaming of a brighter day/When waters will be one“. „Treaty“ wird zum ersten Hitparadenerfolg, in dem eine Aborigine-Sprache zu hören ist. Bekannter als das Original wird der Dance-Remix, in der die politisch scharfen Textpassagen aber nicht vorkommen.

Trotzdem kommt die Botschaft an, eine ganze Generation tanzt zu den Zeilen „Treaty yeah, treaty now!“ Der Guardian nannte den Remix einmal ein „trojanisches Pferd im Kulturkampf“. 1992 wird Yunupingu, wie vier Jahre zuvor sein um Landrechte kämpfender Bruder, zum Australier des Jahres gewählt. Er wird Ehrendoktor der Queensland University. Seine Band tourt um den Globus, tritt bei der Sydney-Olympiade und den Paralympics auf. Als Yunupingu 2013 stirbt, ist „Treaty“ in Australien längst zur inoffiziellen Hymne der Versöhnung geworden.

Der Song im Dance-Remix:

Externer Link: Wenn Sie auf das Bild klicken, öffnet sich in einem neuen Tab ein youtube-Link mit dem Song

(Text: Martin Kaluza, Mai 2019)