Der Krieg schafft Arbeitsplätze

Elvis Costello: Shipbuilding (1983)

„Is it worth it?
A new winter coat and shoes for the wife
And a bicycle on the boy’s birthday
It’s just a rumour that was spread around town
By the women and children
Soon we’ll be shipbuilding“

Elvis Costello: Shipbuilding
Elvis Costellos Version des Songs.
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Elvis Costello ist mit seiner Band The Attractions auf Tournee in Australien, als ihn die Anfrage erreicht, einen Text zu schreiben. Die Melodie gibt es schon, Robert Wyatt wird die melancholische Ballade singen. Die Nachrichten kennen gerade kaum ein anderes Thema als die Eskalation des Streits zwischen Argentinien und Großbritannien über die kleine Inselgruppe im Südwestatlantik, die von den Briten „The Falklands“ genannt wird und von den Argentiniern „Las Malvinas“.

Als am 2. Mai 1982 ein britisches Atom-U-Boot den argentinischen Kreuzer General Belgrano versenkt, steht auf der Titelseite der Londoner Boulevardzeitung ‚The Sun‘ die Schlagzeile „Gotcha!“ – „Erwischt!“ Bei dem Angriff verloren 323 Menschen ihr Leben. Costello ist entsetzt, über das Ereignis ebenso wie über die Form der Berichterstattung.

Noch während der Tournee schreibt Costello eine Geschichte aus seiner Heimat, ohne die Premierministerin Margaret Thatcher oder auch nur den Falkland-Krieg wörtlich zu erwähnen. Costello stammt aus Birkenhead, einer Industriestadt am Mersey River, die direkt gegenüber von Liverpool am Mersey liegt und ebenfalls vom Schiffsbau lebt. Doch in den letzten Jahren ging es kontinuierlich abwärts, Werften haben geschlossen, Familien ihren Lebensunterhalt verloren. „1982 hatten die meisten Geschäfte die Stadt verlassen. Du konntest die gesamte Laird Street langlaufen und bist kaum einer Seele begegnet,“ schriebt Costello.

In seinem Songtext stellt er sich vor, wie plötzlich das Gerücht die Runde macht, bald würden die Werftarbeiter wieder Schiffe bauen. Auf den gleichen Schiffen ziehen die Söhne der Arbeiter schließlich in den Krieg – und hoffen, vor Weihnachten zurück zu sein. Schon die allererste Zeile des Songs stellt die entscheidende Frage: Ist es das wert?

Robert Wyatts Version des Songs.
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„Shipbuilding“ wird ein Erfolg für Robert Wyatt, und Costello findet den Song so gelungen, dass er ihn selbst noch einmal aufnimmt.

Mit seiner Band bucht er einen Raum in den AIR-Studios in London, nebenan arbeiten Paul McCartney, Quincy Jones und Michael Jackson an gemeinsamen Songs, zwei Zimmer weiter wechseln sich Duran Duran und Alice Cooper ab. Für seine eigene Version von „Shipbuilding“ wünscht sich Costello ein Trompetensolo. Costello spricht in einem Londoner Jazzclub den legendären Trompeter Chet Baker an, der gerade für magere Gagen durch Europa tingelt. Costello zahlt ihm das Doppelte des in den USA üblichen Tariflohns und bereut später, dass der Produzent Baker einen etwas kitschigen Hall auf die Trompete gelegt hat.

Die Studioaufnahme von Elvis Costello mit Chet Baker an der Trompete.
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Und der Krieg? Ein paar Tage nachdem Costello den Text im Juni 1982 fertig hat, schweigen die Waffen. Als „Shipbuilding“ 1983 erscheint, ist der Falklandkrieg schon vorbei, nach zweieinhalb Monaten. In der kurzen Zeit erlebten die Werften keinen Aufschwung, die jungen Männer waren noch auf den alten Schiffen in den Krieg gefahren. Thatchers innenpolitisches Kalkül geht indessen auf, die Unterhauswahlen 1983 werden der größte Erfolg der konservativen Partei unter ihrer Führung.

In seiner Autobiographie schreibt Costello, er sei Protestsongs gegenüber immer skeptisch gewesen. Eine Welt ohne „Ohio“ und „Free Nelson Mandela“ mag er sich trotzdem nicht vorstellen. Er fragt sich: „Kann ein Song verändern, was die Menschen denken? Ich bezweifle das, aber ein Song kann dein Herz infiltrieren, und das Herz kann verändern, was du denkst.“ Mit „Shipbuilding“ habe er erreichen wollen, dass die Zuhörer sich weniger einsam fühlen.

Ein paar Jahre später, 1989, schreibt Costello einen expliziteren Song, in dem er sich vorstellt, dass er lange genug lebt, um eines Tages die Erde auf dem Grab einer nur bei ihrem Vornamen Margaret genannten Politikerin fest zu trampeln: „Tramp the Dirt Down“.

Martin Kaluza, August 2022

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