Drei Streik-Klassiker

„Wo ist das Politische Lied, wo sind die Protestsongs, wo ist die Revolution in der Musik?“ fragt sich Gitarrist Jo Ambros im Jahr 2020. „Was ist die gesellschaftliche Funktion von Musik, was ist meine gesellschaftliche Aufgabe als Musiker? Bin ich nur Schmuck, Unterhaltung, trage zur Kontemplation bei? Oder muss ich mich als öffentliche Person äußern, positionieren, in Stellung bringen?“

Die Fragen nimmt Jo zum Anlass, eine Reihe alter Songs neu zu interpretieren. Er interpretiert die „Internationale“ als Reggae, „We Shall Overcome“ als Rockungetüm, das Streiklied „Bread and Roses“ als sachwebende Ballade. Sein Trick ist, die Songs instrumental zu spielen. So führt er uns vor, dass gute Protestlieder die Zeit nicht nur wegen ihrer Texte und wegen ihres Anliegens überdauern – sondern dass in den besten auch eine großartige Melodie steckt.

Zu seiner CD „Bread and Roses“ habe ich – wir kennen uns schon lange – die Linernotes geschrieben. Hier sind drei Liveversionen von Songs aus dem Album, aufgenommen im Deutschen Bauernkriegsmuseum in Böblingen (of all places). „Die Internationale“, „Bread and Roses“ und „We Shall Overcome“ haben einen verwandten Ursprung. Alle drei sind aus der Arbeiterbewegung heraus entstanden, als Gewerkschafts- und Streiklieder (auf dem Album sind auch andere Themen vertreten).

Die Internationale:

T Eugène Pottier
M Pierre Degeyter

Mitte Juni 1888 setzt sich Pierre Degeyter mit seinem Akkordeon hin, um einen Text zu vertonen. Ein Arbeiterlied soll es werden, und der Autor Eugène Pottier hatte ganz offensichtlich die Marseillaise im Kopf gehabt, als er den Text schrieb, denn die Versmaße gleichen sich auffällig. Bestellt ist ein Stück mit „lebendigem und mitreißendem Rhythmus“. Von einem Gewerkschafterchor wird es bei einer Versammlung der Zeitungsverkäufer in Lille am 23. Juli uraufgeführt. Die Erstauflage der Partitur erscheint in 6.000 heimlich gedruckten Exemplaren. Titel: „Die Internationale“.
1896 wird das Lied zur offiziellen Hymne der Revolutionäre, drei Jahre später schließen sich alle sozialistischen Organisationen Frankreichs an. 1910 erklärt der Internationale Kongress von Kopenhagen es zum Lied aller Arbeiter, und 1919 erklärt Lenin die „Internationale“ zur Nationalhymne der Sowjetunion. 1928, vierzig Jahre nach seiner Entstehung, dirigiert Pierre Degeyter persönlich den Chor auf dem VI. Kongress der Kommunistischen Internationale in Moskau, mit Tränen in den Augen.

Externer Link: Wenn Sie auf das Bild klicken, öffnet sich in einem neuen Tab ein youtube-Link mit dem Song

We Shall Overcome:

Anfang des 20. Jahrhunderts singen amerikanische Bergarbeiter während eines Streiks „We Will Overcome“. 1945 singen ihn Tabakarbeiterinnen in South Carolina, ebenfalls als Streiklied. Seit 1959 schließlich steht „We Shall Overcome“ vor allem für die amerikanische Bürgerrechtsbewegung, die, angeführt von Martin Luther King, friedlich für die Aufhebung der gesetzlich festgeschriebenen „Rassentrennung“ kämpft. Pete Seeger und Joan Baez machen den Song in der Popmusik bekannt.
Aber wer hat das Lied geschrieben? Meist wird die Hymne „I’ll Overcome Someday“ des Methodistenpredigers und Gospelkomponisten Charles Albert Tindley als Vorbild genannt. 2012 legte Musikproduzent Isaias Gamboa nahe, der Protestsong gehe auf die Hymne „If My Jesus Wills“ von Louise Shropshire zurück, die später mit Martin Luther King befreundet war. Sicher ist: Einer der bekanntesten Protestsongs überhaupt hat seinen Ursprung im Gospel – und er hat sich, bevor die ganze Welt ihn kennen lernte, mehrfach gewandelt.

Externer Link: Wenn Sie auf das Bild klicken, öffnet sich in einem neuen Tab ein youtube-Link mit dem Song

Bread and Roses:

T James Oppenheim 
M Caroline Kohlsaat

„Die Arbeiterin braucht Brot, aber sie braucht auch Rosen!“ 1911 bringt die Frauenrechtlerin und Gewerkschafterin Rose Schneiderman in einer Streikrede auf den Punkt, woran es Textilarbeiterinnen in New York mangelte: Brot – das steht für gerechten Lohn, erträgliche Arbeitszeiten und Sicherheit am Arbeitsplatz. Und Rosen – damit ist ein menschenwürdiges Leben außerhalb der Betriebe gemeint. Solidarität in den Gewerkschaften müssen sich die meist frisch eingewanderten Arbeiterinnen, die zum Teil wenig Englisch sprechen und als Lohndrückerinnen abgestempelt werden, erst erkämpfen.
1912 steht Schneidermans Zitat auf den Bannern des Streiks von 20.000 Textilarbeiterinnen in Lawrence (Massachusetts), der als „Bread and Roses Strike“ in die Geschichte der Arbeiterbewegung eingeht. James Oppenheim schreibt um den Slogan herum ein Gedicht, 1917 komponiert Caroline Kohlsaat die Musik. Manchmal wird Martha Coleman als Komponistin genannt – möglicherweise ist das dieselbe Person. Nach dem 2. Weltkrieg vertonen erst Mimi Fariña (Joan Baez‘ Schwester) und später Folksänger John Denver den Song erneut. Das Lied steht für zwei politische Bewegungen: Es wird in der Frauen- und in der internationalen Gewerkschaftsbewegung gesungen.

Externer Link: Wenn Sie auf das Bild klicken, öffnet sich in einem neuen Tab ein youtube-Link mit dem Song

Mehr dazu: joambros.de/revolutionslieder/

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s