Die Jugend Chiles fordert Bildung

Ana Tijoux: Shock (2011)

„La calle no calla,
la calle se raya
la calle no calla“

Ana Tijoux: Shock

Im Vorspann steht: „Tausende Jugendliche haben ihre Schulen und Universitäten besetzt und mit ihrer Forderung, dass gute Bildung nichts kosten darf, ein ganzes Land aufgeweckt.“ Erst dann setzt die Musik ein, Streicher geben den Takt vor, eine Marschtrommel kommt dazu, schließlich ein Beat, stetig und entschlossen. Darüber tanzt leichtfüßig, aber bestimmt die Stimme der chilenischen Rapperin Ana Tijoux. Das Video zu ihrem Song „Shock“ zeigt Bilder von Besetzungen und Protesten, von Demonstranten und Unterstützern. Es ist Dokumentation und Soundtrack einer politischen Bewegung, die im März 2011 ihren Anfang genommen hatte.

Externer Link: Wenn Sie auf das Bild klicken, öffnet sich in einem neuen Tab ein youtube-Link mit dem Song

Der Anlass: Bildung ist in Chile teuer. Wer Geld hat, schickt seine Kinder auf eine Privatschule. Studieren kann nur, wer eine Zugangsprüfung besteht, auf die teure Privatkurse vorbereiten. Unis verlangen hohe Studiengebühren – eine eingespielte private Bildungsindustrie. „Die Bildung darf kein Geschäft mehr sein, sondern ein soziales Recht“, sagt ein Student in Tijouxs Musikvideo. Der damalige Präsident Sebastián Piñera hingegen sieht gebührenfreie Bildung als „Attentat auf die Freiheit“.

Ana Tijoux wurde 1977 in Paris geboren, im Exil der Eltern, die vor Pinochets Militärregime geflüchtet waren. Sie wuchs auf mit der Musik von Victor Jarra und Violeta Parra, den großen, tragischen politischen Songwritern Chiles. Aber eben auch mit den Rap-Pionieren Public Enemy. Als ihre Karriere in Schwung kommt, ist Tijoux mitte dreißig. Plötzlich wird sie von Radiohead-Sänger Thom Yorke und Iggy Pop bewundert, für Grammys nominiert. Wer ihr auf facebook folgt, sieht, wie politisch aktiv sie ist: Gerade in diesem Jahr unterstützte Tijoux im Süden des Landes Proteste gegen industrielle Lachsfarmen, deren Dreck die Existenz der Fischer bedroht.

2011 reagiert der Staat mit Wasserwerfern und Schlagstöcken auf die Proteste. Die Solidarität in der Bevölkerung ist groß, Gewerkschaften unterstützen die Studenten. Es geht längst um mehr als das Bildungssystem. Das Land, obwohl eine der stabilsten Demokratien des Kontinents, ist auf Vetternwirtschaft gebaut. Medien, Banken und Land gehören einer handvoll Familien, religiöse Hardliner haben großen Einfluss auf die Politik. „Verfassung aus der Zeit Pinochets / das Recht bestimmt vom Opus Dei / das Buch faschistisch / der Putschist durch einen Gnadenakt der Elite kaschiert.“ In so knappen Worten bringt Tijoux die Machtverhältnisse 21 Jahre nach Pinochets Abdankung auf den Punkt.

Präsident Piñera war als einer der reichsten Männer der Landes ins Amt gekommen, Besitzer eines Fernsehkanals, eines Fußballclubs und Anteilseigner der größten Fluggesellschaft – ein südamerikanischer Berlusconi. Ana Tijoux meint genau ihn, wenn sie singt: „Wir marschieren und singen mit einer Stimme, in der Überzeugung, dass wir oft genug bestohlen wurden! Wir sagen nein zu deinem Kontrollstaat, zu deinem verfaulten Thron aus Gold, zu deiner Politik, zu deinem Reichtum, zu deinen Schätzen!“

Die Proteste haben ihr vordergründiges Ziel nicht erreichen können, Schule und Studium sind in Chile nach wie vor privat und teuer. Doch sie haben vieles bewegt. Sie haben eine Generation politisiert und solidarisiert. Die drängt nun in die Institutionen: 2013 zogen vier Anführer der Studentenproteste – unter anderem die über die Landesgrenzen hinaus bekannte Camila Vallejo – in das chilenische Parlament ein. Kein Wasserwerfer wird sie dort wegspülen.

(Text: Martin Kaluza, Juli 2016)

Weiterbildung für Revolutionäre

Carlos Mejía Godoy: „El Garand“ (1979)

„Entre todos los fusiles
Este Garand es la ley
El cañón de su calibre tiene .30-06
Si usted quiere desarmarlo
Siga al pelo esta instrucción
Levante bien las dos cejas
Pare las orejas y oiga esta canción“

Carlos Mejía Godoy: El Garand

Die Gitarren geben einen flotten Dreivierteltakt vor, wie er auf Dorffesten in Mittelamerika sofort zum Tanzen anregt. Eine männliche Stimme variiert dazu geschickt zwischen lang geschmetterten und fröhlich hüpfenden Tönen. Das Liedchen klingt für europäische Ohren ein bisschen nach Buena Vista, ein bisschen nach Mariachi – volkstümlich lateinamerikanisch. Im Text wird erklärt, wie man das Sturmgewehr Garand M-1 auseinandernimmt und wieder zusammenbaut.

Externer Link: Wenn Sie auf das Bild klicken, öffnet sich in einem neuen Tab ein youtube-Link mit dem Song

„El Garand“ erschien 1979 auf dem Album „Guitarra Armada“ der nicaraguanischen Liedermacher Carlos Mejía und Luis Enrique Godoy. Der Albumtitel ist ein Wortspiel: Er lässt an eine Armada von Gitarren denken, kann aber auch heißen: „die bewaffnete Gitarre“ oder „die zusammengebaute Gitarre“. Veröffentlicht wurde es von der Sandinistischen Nationalen Befreiungsfront FSLN.

Als die „Guitarra Armada“ herauskam, befand sich das Land im Klammergriff des Somoza-Clans, der seit Anastacio Somozas Putsch im Jahr 1937 an der Macht gewesen war. Von den USA protegiert, ließen die Somozas keine Gelegenheit aus, sich zu bereichern. Als Weihnachten 1972 ein Erdbeben die Hauptstadt Managua zerstörte, leitete die Familie im großen Stil internationale Hilfsgelder auf ihre eigenen Konten um. Damit begann ihr Stern zu sinken. Die Sandinistische Nationale Befreiungsfront gewann täglich Unterstützer.

In der zunehmend heißen Phase nahmen die Sandinisten den Truppen der Nationalgarde in Straßenkämpfen immer wieder Gewehre ab. Um die Gewehre nutzen zu können, mussten militärisch unausgebildete Kämpfer geschult werden. Die Hälfte der Bevölkerung Nicaraguas waren damals Analphabeten. Die Musikkassetten der „Guitarra Armada“ erreichte auch diejenigen, die kein Flugblatt hätten lesen können. Das Bildungsziel war klar, der Refrain des Songs „Carabina M-1“ etwa lautete: „Cada mazurquita que aprendas, te digo/ Será un hombre menos para el enemigo“. Das heißt sinngemäß: „Jedes Tänzchen, das du lernst, mein Lieber/ wird den Feind einen seiner Männer kosten“.

Externer Link: Wenn Sie auf das Bild klicken, öffnet sich in einem neuen Tab ein youtube-Link mit dem Song

Die insgesamt elf Titel bieten Einführungen in den Umgang mit Gewehren, Munition und Sprengstoff. Die im ersten Stück besungene „El Garand“ ist das halbautomatische Gasdruckladegewehr Garand M-1, weitere Songs widmen sich der Karabinerversion des M-1 und dem „FAL“, einem Sturmgewehr aus belgischer Produktion, das in Deutschland unter der Bezeichnung G-1 bekannt ist und aufgrund seiner großen Verbreitung als „Kalaschnikow der westlichen Welt“ gilt.

Eingeschoben ein melancholisches Lied, das in Frage-Antwort-Form (ein klassisches Stilmittel, das in der spanischen romance ebenso bekannt war wie in mexikanischen corridas) das Schicksal der Songwriterin Arlen Siu beschreibt, die sich 1970 den Sandinisten angeschlossen hatte und zwei Jahre darauf im Kampf gegen Somozas Truppen gestorben war. Die Hymne der sandinistischen Einigkeit, die ebenfalls aus der Feder Carlos Mejía Godoys stammt, beschließt das Album. „Guitarra Armada“ ist – bei allem revolutionärem Nutzwert – eine Sammlung von Songs auf musikalisch hohem Niveau, abwechslungsreich und stilsicher produziert.

Carlos Mejía Godoy, die meisten Stücke des Albums schrieb, war damals schon lange eine bekannte Stimme. Er war Protagonist der Nueva Canción in Nicaragua gewesen, einer Form des politischen Liedes, das seine Wurzeln in der Folklore hatte und in ganz Lateinamerika verbreitet war. Mercedes Sosa und Pedro Aznar in Argentinien, Victor Jara und Violetta Parra in Chile wandten sich mit ihren Liedern gegen Armut und Unterdrückung. Mit ihnen riefen Musiker von Uruguay bis Guatemala zum Kampf für bessere Lebensbedingungen auf.

Außerdem hatte Mejía Godoy als Radiomoderator seit Ende der 60er Jahre nahezu täglich einen bekannten Song parodiert. Er stand damit auch in einer pikaresken Tradition anspielungsreicher Musik und Poesie. Der um scheinbar unschuldige Figuren aus dem Volk gestrickte schelmische Humor erlaubte es ihm, Missstände anzuprangern oder sich ganz einfach über die Unterdrücker lustig zu machen. Auch die Songs der „Guitarra Armada“ sind so humorvoll, dass man sie sich heute als ausgesprochen unterhaltsames Kuriosum anhören kann.

Im Juli 1979, kurze Zeit nachdem die „Guitarra Armada“ erschienen war, besiegten die Sandinisten Somoza. Sergio Ramírez Mercado, nicaraguanischer Schriftsteller und Menschenrechtler, sagte drei Jahre später: „Ich weiß gar nicht, wie viel die Revolution den Liedern Carlos Mejía Godoys verdankt. Sie erzeugten unter den Leuten ein Gemeinschaftsgefühl. Ihre Themen und Harmonien bezogen sie aus der Tiefe unserer Wurzeln. Sie bereiteten dieses Gemeinschaftsgefühl auf den Kampf vor.“

(Text: Martin Kaluza, Oktober 2016)

Punkrock für die Bergarbeiter

Billy Bragg: „There is Power in a Union“ (1986)

There is power in a factory, power in the land
Power in the hand of the worker
But it all amounts to nothing if together we don’t stand
There is power in a union.

Billy Bragg: There is Power in a Union

1984, Großbritannien ist tief gespalten. Margret Thatcher will landesweit Zechen stilllegen und die Wirtschaft des Königreichs dauerhaft umbauen. Sie hat den Gewerkschaften, die ihr schon immer ein Dorn im Auge waren, den Kampf angesagt. Thatcher ist auf eine lange Auseinandersetzung gefasst: Eine Kommission der konservativen Partei hatte schon seit Jahren empfohlen, für den Streikfall Kohlevorräte anzulegen und die Umstellung auf Ölbefeuerung zu fördern. Der Arbeitskampf sollte fast ein Jahr lang dauern.

Externer Link: Wenn Sie auf das Bild klicken, öffnet sich in einem neuen Tab ein youtube-Link mit dem Song

Billy Bragg, ein wütender junger Mann aus einem Vorort von London, fährt mit seiner E-Gitarre nach Nordengland, um mit lauter Stimme und dem Feuer des Punkrock die Streikenden zu unterstützen. „Ich hatte immer Musik gehört, in der es um politischen Wandel ging. Hier gab es die Möglichkeit herauszufinden, ob meine Musik in einem wirklichen politischen Kampf irgendeine Bedeutung haben könnte“, erinnert sich Bragg. „Ich war an vorderster Front, und ich wollte wissen, ob Pop und Politik zusammenpassen.“

Bei Bragg passte es. In der Zeit der Streiks veröffentlicht er zwei Alben, die inzwischen gemeinsam unter dem Titel „Back to Basics“ zum Klassiker geworden sind. Die Hälfte der Songs transportiert leidenschaftliche politische Botschaften, die andere Hälfte sind fein beobachtete Beschreibungen zwischenmenschlicher Beziehungen und Schicksale. Mit „A New England“ hatte Bragg einen kleinen Hit.

Auf seinem dritten Album „Talking With the Taxman About Poetry“ singt Bragg eine flammende Hymne auf die Gewerkschaften. Er beschwört die Macht, die Arbeiter ausüben können, wenn sie sich nur gegen die „Bosse“ organisieren: „But it all amounts to nothing if together we don’t stand / There is power in a union“.

Der Song ist Braggs Bearbeitung des patriotischen „The Battle Cry of Freedom“, das während des amerikanischen Bürgerkriegs von den Soldaten der Nordstaaten gesungen wurde. Bragg übernahm die Melodie und verpasste ihr einen auf den Arbeitskampf gemünzten, neuen Text. So steht das „union“ nicht mehr wie im Original für die Union der Staaten, die sich gegen die Konföderation stellen und die Sklaverei abschaffen wollen, sondern für die Gewerkschaft.

Externer Link: Wenn Sie auf das Bild klicken, öffnet sich in einem neuen Tab ein youtube-Link mit dem Song

Als Billy Braggs Song erscheint, ist der große Arbeitskampf bereits verloren. Thatcher hat sich durchgesetzt, die britischen Gewerkschaften haben sich bis heute nicht von der Niederlage erholt. Braggs Entschlossenheit tut das keinen Abbruch. Gewerkschaften sind Bragg zunehmend wichtiger als politische Parteien. In den ersten Jahren seiner Karriere unterstützt er noch die Labour Party, in einem seiner Songbücher findet sich sogar ein Beitrittsformular. Doch spätestens als Premierminister Tony Blair in den Neunzigern Labour eine wirtschaftsliberale Politik verpasst, sind die Zeiten vorbei.

Billy Braggs Auftritte sind legendär. Meist ist er ohne Band unterwegs, er singt einfach zu seiner E-Gitarre, die er so rotzig spielt wie eh. Seine Ansagen sind oft länger als die Songs, eine unterhaltsame Mischung aus Anekdoten und politischer Agitation. „There is Power in a Union“ spielt er bis heute bei jedem seiner Konzerte. Bragg: „Niemand, keine politische Partei sagt, wir müssen die Arbeiter angemessen bezahlen. Das sagen nur die Gewerkschaften. Mein Song ist heute zu 100 Prozent genauso wichtig wie damals als ich ihn schrieb.“

(Text: Martin Kaluza, Mai 2016)

Auf den Straßen marschiert der rechte Mob

Udo Lindenberg: „Sie brauchen keinen Führer“ (1984)

Nein, sie brauchen keinen Führer
nein, sie können’s jetzt auch alleine
Nein, sie brauchen ihn nicht mehr
diese neuen Nazi-Schweine

Udo Lindenberg: Sie brauchen keinen Führer

„Musikalisch ist das Konzert von Udo Lindenberg und seinem Panikorchester so ziemlich das Dürftigste, das ich in den letzten Jahren von einer Profi-Gruppe gehört habe“, schreibt ein Kritiker der „Zeit“ im Oktober 1985. Die Musiker lieferten „Akkordgerüste, die sich voneinander kaum mehr unterscheiden als die Rohbauten einer Reihenhaussiedlung,“ wettert der Rezensent. „Unter ihren Händen klingt die Musik so unwichtig wie sie tatsächlich ist.“ Einen „Alt-Rockstar“ nennt er Lindenberg, den „Senior der deutschen Rockmusik“ – und das vor jetzt auch schon wieder dreißig Jahren. Den Sänger aus Gronau, den mag er wirklich nicht.

Externer Link: Wenn Sie auf das Bild klicken, öffnet sich in einem neuen Tab ein youtube-Link mit dem Song

Die Kritik gipfelt in einer bösen Gleichsetzung: „In seinem Beitrag zum Thema ‚Ausländerfeindlichkeit und Neonazis‘, dem Song ‚Sie brauchen keinen Führer‘, wird gerade dieser Refrain, der eigentlich die Gefährlichkeit der neuen Nazis beweisen möchte (‚Denn sie brauchen keinen Führer/diese neuen Nazi-Schweine‘), vom Publikum so mitgegrölt, als sei es selbst gemeint, das fortschrittliche, aufgeklärte linke Publikum, das wahrhaftig keinen Führer braucht.“ Der Kritiker, selbst studierter Kontrabassist und Pianist, hat inzwischen den Beruf gewechselt und verdient sein Geld mit der Anleitung esoterischer Tanzkurse. Aber das ist eine andere Geschichte.

Lindenbergs Neonazi-Song erschien 1984 auf der LP „Götterhämmerung“. Er stand neben dem Spaßsong „In 15 Minuten sind die Russen auf dem Kurfürstendamm“ und der Ankündigung „Hallo DDR“, in Erwartung einer Tournee durch das andere Deutschland, die jedoch von den dortigen Behörden abgesagt wurde. Lindenberg hatte sich in den siebziger Jahren ein ganzes Ensemble von Kunstfiguren geschaffen, eine Rockrevue geschrieben, die Theaterregisseur Peter Zadek inszenierte, und einen grotesk schrägen Film gedreht. Doch er erinnerte sich regelmäßig daran, dass Rock immer auch eine Musik der Auflehnung und der politischen Anliegen gewesen war.

Und das war die Lage in Deutschland: Den Regierungswechsel von der sozial-liberalen Koalition unter Helmut Schmidt zur schwarz-gelben Koalition bezeichnete die erste Regierung Helmut Kohl hochtrabend als „geistig-moralische Wende“. Und die bedeutete eine populistische Politik auf dem Rücken der Zuwanderer. In die Koalitionsvereinbarung schrieben CDU/CSU und FDP 1982: „Die Bundesrepublik Deutschland ist kein Einwanderungsland. Es sind daher alle humanitär vertretbaren Maßnahmen zu ergreifen, um den Zuzug von Ausländern zu unterbinden.“

Seit 1980 hatte sich eine Welle rechtsextremer Terroranschläge über der Bundesrepublik ausgebreitet. Bei Brand- und Sprengstoffanschlägen wie dem auf das Münchner Oktoberfest starben dutzende Menschen. In Hamburg und Nürnberg kam es zu Anschlägen und Amokläufen.

Lindenberg wusste, dass nicht alle Neonazis organisiert waren: „Sie marschieren nicht in der Reihe/doch die Front steht wie ein Mann/ja, früher waren’s die Juden/und heute sind die Türken dran“. Zwar waren Ende der siebziger Jahre einige Neonazi-Organisationen aktiv, etwa die sogenannten Wehrsportgruppen oder Michael Kühnens „Aktionsfront Nationales Sozialisten“ (ANS). Doch gleichzeitig gab es eine Szene gewaltbereiter rechtsextremer Skinheads und Hooligans, die organisierte Neonazis als „Scheitelträger“ und Hitler-Nostalgiker verspotteten. Ihre Lust auf Alkoholexzesse und Randale passte nicht in das Schema von Disziplin und Ordnung – trotzdem sahen sie sich als „Kämpfer“ für die Nation: „Nein, sie brauchen keinen Führer/nein, sie können’s jetzt auch alleine“.

Während die linksextreme RAF entschlossen bekämpft wurde, zeigten sich Polizei und Bundesbehörden gegenüber Verbrechen aus der rechten Szene auf geradezu provokative Weise entspannt. Die Bedrohung, die von der Neonaziszene ausging, wurde damals in der breiten Öffentlichkeit längst nicht so deutlich wahrgenommen wie es später in den Jahren nach der Wiedervereinigung mit den Pogromen in Hoyerswerder und Rostock-Lichtenhagen der Fall war. Im Gegenteil, die Bedrohung wurde oft heruntergespielt. Lindenberg singt: „…und viele sagen immer noch: /So schlimm ist das doch wirklich nicht/es ist doch hier weit und breit/kein neues Drittes Reich in Sicht“.

Lindenberg hatte enormen Erfolg. Doch er war noch nicht der allseits anschlussfähige Star, zu dem er nach Bundesverdienstkreuz, Wiedervereinigung und seiner Ballade „Horizont“ wurde. Er galt als links. Die bürgerliche Presse eines verstaubten Westdeutschlands nahm ihm das krumm. Ohnehin waren Rockmusiker damals in den Feuilletons nicht wohlgelitten.

Die FAZ ätzte 1979 gegen Veranstalter und Teilnehmer des ersten „Rock gegen Rechts“-Festivals in Frankfurt, bei dem auch Lindenberg auftrat. Die Zeitung nannte das Publikum „politischen Abschaum“ und schwang sich, ähnlich wie es sechs Jahre später die Zeit in ihrer Konzertkritik tun sollte, zu einer beißenden Gleichsetzung auf, die die Verhältnisse komplett verkehrte: „Die wie uniformiert wirkenden ‚Demonstranten‘ rufen kaum weniger Abneigung hervor als das Auftreten wohlrasierter, stramm gescheitelter Träger von Schaftstiefeln.“

(Text: Martin Kaluza, März 2016)

Soul Brother Number One

James Brown: Say It Loud – I’m Black and I’m Proud (1968)

„We rather die on our feet,
Than keep living on our knees“

James Brown: Say It Loud – I’M Black and I’m Proud

Als am 4. April 1968 der Bürgerrechtler Martin Luther King in Memphis erschossen wird, bricht sich die Wut bahn. Krawalle in 110 Städten, 39 Tote, tausende Verletzte, unzählige Verhaftungen sind die Folge. In Boston hingegen verlaufen die Nächte nach dem Attentat auffällig ruhig. Der Grund dafür ist ein Mann, den die Boulevardpresse gern als unkontrollierbaren Wilden darstellt: James Brown.

Externer Link: Wenn Sie auf das Bild klicken, öffnet sich in einem neuen Tab ein youtube-Link mit dem Song

Für den 5. April hatte Brown schon lange ein Konzert in Boston geplant. Sollte man es absagen? Brown und der Bürgermeister werden sich schnell einig, es sogar im Fernsehen zu übertragen. Das soll die Fans von der Straße locken. Der Plan geht auf. In Boston werden an diesem Abend weniger Delikte begangen als in einer normalen Freitagnacht. Brown steht im Zenith seiner Popularität.

Der „Soul Brother Number One“ liefert den Soundtrack zur schwarzen Bürgerrechtsbewegung. In ihr hat sich ein breites Spektrum gebildet. James Brown gehört zu den Gemäßigten. Bei Präsidentschaftswahlen unterstützt er mal den demokratischen Präsidentschaftskandidaten Hubert Humphrey, mal den Republikaner Richard Nixon – was ihm Boykottaufrufe einbringt.

Brown hat seine Kindheit in Armut verbracht. Von der Mutter verlassen, wuchs er bei seinem Vater in einer Hütte im Wald auf, später bei seiner Tante, in einem Bordell. Er erlebt, wie Schwarze im Alltag drangsaliert oder zusammengeschlagen werden. Während des Zweiten Weltkrieges tanzt Brown auf der Straße zur Unterhaltung vorbeiziehender Soldaten. Ihm entgeht nicht, dass deutsche Kriegsgefangene auf den Farmen besser behandelt werden als schwarze US-Bürger. „Die US-Regierung zahlte ihnen 80 Cents pro Tag. Das ist mehr als mein Vater meistens bekam“, erinnert sich Brown später.

Erst 1964 hebt Präsident Johnson die Rassentrennung zwischen Schwarzen und Weißen auf. James Brown arbeitet besessen an seiner Karriere. Er ist ein begnadeter Entertainer, verausgabt sich in jeder Show. Und er revolutioniert die Musik. Der Mann, der mit Gospel aufgewachsen und mit Soul groß geworden ist, überführt nun den Soul in den Funk. Seine Musik wird immer rhythmischer, Melodien verlieren an Bedeutung. Oft schreit er mehr als er singt.

Sein stärkstes politisches Statement nimmt James Brown am 7. August 1968 auf, vier Monate nach dem Mord an King. Sein „Say It Loud! I’m Black and I’m Proud“ singt er nicht, er predigt: „Sagt es laut! Ich bin Schwarz und stolz darauf! Immer habe ich für andere gearbeitet. Jetzt ist die Zeit, etwas für uns selbst zu tun!“ Den Refrain bildet immer wieder Brown’s Ausruf „Say It Loud!“, gefolgt von einem Dutzend Kindern, die im Chor antworten: „I’m Black and I’m Proud!“

Brown will schwarze US-Bürger ermutigen, sich nicht unterkriegen zu lassen. Er ist mittlerweile selbst ein erfolgreicher Geschäftsmann. Er besitzt einen Radiosender, einen Musikverlag, fungiert als Veranstalter seiner eigenen Konzerte, und er gründet eine Schnellrestaurantkette, deren Filialen er von Schwarzen leiten lässt. In den besten Jahren ist er im Privatjet unterwegs.

„Say it Loud!“ wird nicht von allen geliebt. Zeilen wie „Wir sterben lieber aufrecht als weiter auf Knien zu leben“ kosten James Brown einen Teil seines weißen Publikums. Ironie der Geschichte: Die Kinder, die den Refrain des Songs riefen, hatten die Musiker spontan am Tag der Aufnahme auf der Straße zusammen gerufen. Brown erinnert sich: „Das war ulkig, weil die meisten von ihnen gar nicht schwarz waren. Die meisten waren Weiße oder Asiaten.“

(Text: Martin Kaluza, Januar 2016)