„Wir sind des Geyers schwarzer Haufen“ (1919)
„Wir sind des Geyers schwarzer Haufen, heio-heio
„Wir sind des Geyers schwarzer Haufen“
Und wollen mit Tyrannen raufen, heio-heio
Spieß voran, drauf und dran
Setz auf’s Klosterdach den roten Hahn!“

Am Ostermontag 1525 lassen aufständische Bauern den Grafen Ludwig von Helfenstein und seine Begleiter vor den Toren der Stadt Weinsberg durch die Spieße laufen. Die „Weinsberger Bluttat“, ein Höhepunkt des Bauernkriegs, zieht die Rache des Adels nach sich.
Seit Bauernvertreter in Memmingen in Zwölf Artikeln Religionsfreiheit, das Jagdrecht und die Abschaffung der Leibeigenschaft gefordert haben, erobern Bauernheere in Süddeutschland, der Schweiz und Tirol Klöster und Burgen – angestachelt auch dank eines neuen Mediums, des Buchdrucks. Bis zur Französischen Revolution wird in Europa es keinen größeren Volksaufstand geben.
Der an der Weinsberger Bluttat beteiligte Anführer Florian Geyer entstammt einer reichen Familie aus dem unterfränkischen Giebelstadt. Der kriegserfahrene Adlige hat die Mittel, eine eigene Streitmacht aufzustellen und auszubilden. Sie ist von weitem an ihrer schwarzen Kleidung zu erkennen. Warum Geyer die Seiten wechselte und sich den Bauern anschloss? Möglich, dass er es aus Überzeugung tat. Vielleicht handelte er aber schlicht eigennützig, weil die erstarkenden Fürsten und Städtebünde Raubritter wie ihn zunehmend überflüssig machten.
Von ihm berichtet das Lied „Wir sind des Geyers schwarzer Haufen“ in bis zu 13 ziemlich brutalen Strophen. Als es geschrieben wird, ist Geyer fast 400 Jahre tot – und längst mythisch überhöht. Es entsteht 1919 im Umfeld der Bündischen Jugend, der überwiegend völkisch-national eingestellten Jugendbewegung, die aus Pfandfindern und Wandervogel hervorgegangen war.
Der Text ist aus mehreren Quellen zusammengetragen. Der größte Teil leitet sich aus dem Gedicht „Der arme Kunrad“ des dichtenden Offiziers Heinrich von Reder aus dem Jahr 1888 ab. Die Zeilen „Als Adam grub und Eva spann / Wo war denn da der Edelmann?“ stammen aus dem Englischen Bauernaufstand von 1381 und tauchen auch in anderen Liedern auf. Die Passage „Wir wollen’s Gott im Himmel klagen, dass wir die Pfaffen nicht dürfen totschlagen“ wird Niklas Böhm zugeschrieben, einem Viehhirten, der 1476 die Menschen zur Wallfahrt aufrief, ihnen Ablass von ihren Sünden versprach und die soziale Gleichheit der Menschen verkündete.

Im 19. Jahrhundert beginnen die Deutungskämpfe um den Bauernkrieg. Friedrich Engels erklärt ihn zum Klassenkampf, Geyer ist für ihn ein Vorläufer des proletarischen Revolutionärs. Der Literaturnobelpreisträger Gerhart Hauptmann schreibt sich in einem langen Epos Geyer als einigenden Helden zurecht. Bei der Kritik fällt das Stück durch, und sein Gegenspieler Thomas Mann ätzt: Auf die Bühne hätten eigentlich die geknechteten und revoltierenden Bauern gehört, und nicht der abtrünnige Ritter. Im 20. Jahrhundert vereinnahmen die Nazis Geyer. Der Bauernstand ist nach völkischer Lehre eine der Urkräfte des deutschen Volkes, da lässt sich ein solcher Held gut einbauen.
In der DDR sieht man in Geyer einen Kämpfer gegen den Feudalismus, benennt Straßen, Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften (LPGs) und ein Grenzregiment nach ihm. „Wir sind des Geyers schwarzer Haufen“ steht in Liederbüchern der Nationalen Volksarmee.
Es scheint, als würde sich jede politische Weltanschauung ihren Geyer zurecht interpretieren. Und so kommt es, dass Heino, der grenzgruselige Kitschsänger der bundesrepublikanischen Konservativen, ein Lied aufnimmt, das bereits der kommunistische Sänger und Schauspieler Ernst Busch sang und von dem Hanns Eisler eine Chorfassung schuf.

Martin Kaluza, Februar 2026