Der Chor der Erben

Christiane Rösinger: „Eigentumswohnung“ (2017)

„Der Kapitalismus ist an allem Schuld
Wir sind am Ende mit unsrer Geduld
Wir leben eigentlich selber prekär
Wenn nur das mit der Wohnung nicht wär“

Christiane Rösinger: „Eigentumswohnung“
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Die Mieterin hat sich den Wecker gestellt. Noch kurz Zähne putzen, da klingelt es schon an der Tür. Eine ganze Kolonne von Menschen schlurft in die Wohnung, alle ungefähr in der Lebensmitte, ein paar Kinder sind dabei, und alle schauen sich unverhohlen um, als würde das alles schon ihnen gehören. Die Mieterin, die hier immerhin noch wohnt, beachten sie gar nicht.

Christiane Rösinger singt dazu: „Von den Eltern zur Belohnung/und zur eigenen Nervenschonung/und zur ständigen Naherholung/kriegen wir jetzt eine Eigentumswohnung.“ Die etwas verschämte Formulierung, wir „kriegen“ eine Eigentumswohnung, zeigt schon: So ganz wohl ist ihnen bei der Sache nicht, aber was soll man tun, wenn die Eltern es nur gut meinen mit einem? Lakonisch lässt Rösinger den Chor der Erben singen: „Wir leben eigentlich selber prekär, wenn nur das mit der Wohnung nicht wär.“ Da steht sie im Raum, die Klassenfrage.

Christiane Rösinger wuchs auf einem Bauernhof bei Rastatt auf. Mitte der 1980er Jahre zog sie, alleinerziehend, zum Studium nach Berlin. Mit Almut Klotz und Funny van Dannen gründete sie die Lassie Singers. Mit rumpeligem DIY-Indie-Charme beklagte die Band das Nervpotenzial öffentlich zur Schau gestellter Zweierbeziehungen („Pärchen verpisst euch, keiner vermisst euch!“), verweigerte sich demonstrativ dem Leistungsdenken („Wir wollen nämlich gar nicht besser sein“) und genoss in Studi-Kreisen schnell Kultstatus.

Berlin-Kreuzberg, damals ein armer Randbezirk im Schatten der Mauer, zieht Paradiesvögel und Verrückte aus der ganzen Bundesrepublik an, Kreative und Alternative sowie Männer, die hier dem Wehrdienst entgehen. Das Leben ist so günstig, dass ein Nebenjob reicht, die Selbstverwirklichung zu finanzieren. Das gilt sogar noch einige Jahre nach dem Mauerfall. „Damals war es einfacher, den Lebensunterhalt zu verdienen. Die Leute hatten weniger Angst, ihre Wohnung zu verlieren. Es war eine unbeschwertere Zeit“, erinnert sich Rösinger in einem Radiointerview.

Mittlerweile veröffentlicht sie Alben unter eigenem Namen, schreibt Bücher und Zeitungsartikel, kuratiert die Veranstaltungs- reihe „Flittchenbar“, schreibt und inszeniert Musicals und Theaterstücke, zuletzt die Agitpropshow „Die große Klassenrevue“. An zwei Tagen in der Woche gibt sie Geflüchteten Deutschunterricht. Nichts, womit man reich werden würde.

„Wenn man jünger ist, sieht man die Klassenunterschiede nicht“, erklärt Rösinger einmal. „Da haben halt alle wenig Geld und spartanische Wohnungen.“ Schon damals, meint sie, hätte auffallen können, dass einige gar nicht arbeiten mussten.

Doch jetzt, wo eine Generation in das Alter kommt, in dem man erbt, wird das Machtgefälle sichtbar: Wer hat, kann die anderen verdrängen. Dass sich in den Nachkriegsjahren im Westen deutlich mehr Wohlstand zum Vererben angesammelt hat als im Osten, ist dabei noch nicht einmal erwähnt.

Seit 1986 wohnt Rösinger in der gleichen Kreuzberger Wohnung – zur Miete. Vor ein paar Jahren wurden die Wohnungen in ihrem Haus einzeln verkauft und in Eigentum umgewandelt. Auch bei ihr liefen schon Kaufinteressenten durch die Zimmer. Es ist die Wohnung, die im Video zu sehen ist.

Martin Kaluza, Mai 2024

Eine Zukunft für den Jungen mit dem Lumpenball

Victor Jara: „Luchín“ (1972)

„Wenn es doch Kinder gibt wie Luchín
Die sich Erde und Würmer in den Mund stecken
Dann lasst uns alle Käfige öffnen
Damit sie fliegen wie Vögel“

Victor Jara: „Luchín“
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Ein Unwetter im Winter 1970 lässt den Río Mapocho in Santiago de Chile anschwellen. Das Wasser überschwemmt die „poblaciónes callampas“, Armensiedlungen, die am Stadtrand wie Pilze aus dem Boden schießen. An der Kunstfakultät der Universidad de Chile tun sich Freiwillige zusammen, um in der Siedlung Barrancas bei den Aufräumarbeiten zu helfen.

Einer Tanzstudentin fällt in den schlammigen Straßen ein kleiner Junge auf, kaum ein Jahr alt. Es ist das zehnte Kind eines Ehepaars, das in dieser Armut lebt, und braucht dringend medizinische Hilfe. Die Professorin der Studentin, Joan Jara, und ihr Mann Victor nehmen sich des Jungen an, bringen ihn ins Krankenhaus und adoptieren ihn schließlich.

Victor Jara, ursprünglich Theaterautor und Regisseur, ist einer der bekanntesten Liedermacher in Chile. Über die Armut, in die sein Adoptivsohn Luis, den er zärtlich „Luchín“ nennt, geboren wurde, schreibt er eine sanft wiegende Folk-Ballade im Sechsachtelteltakt: „Zerbrechlich wie ein Drachen auf den Dächern von Barrancas spielte der Junge Luchín mit seinen violetten Händen mit dem Ball aus Lumpen, mit Katze und Hund, das Pferd sah ihm dabei zu.“

Das Lied soll Teil eines Konzeptalbums werden. „La población“ (die Siedlung) beschreibt das prekäre Leben der Ärmsten. In die Songs baut Jara Tonaufnahmen ein, die er vor Ort gesammelt hat – kurze Straßenszenen, Zitate von Bewohnern und Geräusche. Er nimmt damit eine Technik vorweg, die im Hiphop Jahre später als „Street Skit“ populär wird. Den Jungen Luchín lässt er ein Gedicht aufsagen.

Als Jara mit dem Lied im peruanischen Fernsehen auftritt, erzählt er von einem „kleinen Banditen“, den er ins Herz geschlossen hat: „Vielleicht wird er in 15 oder 20 Jahren einmal eine Fabrik leiten!“ Im Song drückt er es poetisch aus: Wenn es Kinder wie Luchín gibt, die wie ein Vogel Dreck und Würmer schlucken, dann sollen sie auch fliegen dürfen wie die Vögel – also lasst uns alle Käfige öffnen!

Das mit der Fabrik ist ein Traum dieser Zeit. Chile wird seit den Wahlen 1970 vom sozialistischen Präsidenten Salvador Allende regiert. Für die Wahlkampagne hat Victor Jara den Song „¡Venceremos!“ geschrieben. Er tritt vor Arbeitern in Bergwerken und in den Armensiedlungen auf.

Am 11. September 1973 putscht das Militär in Chile, General Augusto Pinochet übernimmt die Macht, und am nächsten Tag wird Victor Jara im Hof der Technischen Universität verhaftet. In einer Veranstaltungshalle pferchen die Militärs ihn mit Tausenden anderen Inhaftierten zusammen, foltern ihn vier Tage lang, verstümmeln seine Hände und ermorden ihn mit 44 Schüssen. Victors Frau Joan geht mit ihren Töchtern ins Exil. Der fünfjährige Luis bleibt in Chile, wird noch einmal adoptiert, von einer befreundeten Familie, und nimmt den Nachnamen Iribarren an.

Ein Fabrikdirektor ist aus Luis Iribarren nicht geworden, er ist heute Anwalt. „In Chile ist es schwierig, Gerechtigkeit zu bekommen“, sagt er in einer Talkshow über 20 Jahre nach Ende der Diktatur. Es war ein US-Gericht, das den ersten der damaligen Militärs verurteilt hat, die für den Tod Victor Jaras verantwortlich waren. Inzwischen hat Chiles Justiz nachgezogen: Ende August 2023, nach fast 50 Jahren, hat der oberste Gerichtshof des Landes die Haftstrafen gegen acht damalige Offiziere bestätigt.

In der Halle, in der der Liedermacher ermordet wurde, finden bis heute Konzerte und Sportveranstaltungen statt. Sie trägt seit 2004 den Namen „Estadio Victor Jara“.

Martin Kaluza, März 2024

Das Monopol des Deutschseins unterwandern

Advanced Chemistry: „Fremd im eigenen Land“ (1992)

„Ich hoffe, die Radiosender lassen diese Platte spiel’n
Denn ich bin kein Einzelfall, sondern einer von viel’n
Nicht anerkannt, fremd im eigenen Land
Kein Ausländer und doch ein Fremder“

Advanced Chemistry: „Fremd im eigenen Land“
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„Nach der vierten Krawallnacht rechnet die Polizei mit weiteren rechtsradikalen Ausschreitungen in Rostock. Die Stadt sei inzwischen ein Sammelplatz für Rechtsradikale aus dem ganzen Bundesgebiet geworden, sagte ein Polizeisprecher.“

Mit einem Ausschnitt aus der Tagesschau vom 26. August 1992 über die rechtsextremen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen beginnt der Song „Fremd im eigenen Land“ der Heidelberger Hip-Hop-Band Advanced Chemistry. Der Song war eigentlich schon fertig, doch der Nachrichtenmitschnitt passt perfekt ins Intro: Es geht um ein ernstes Thema.

Die drei Rapper Torch, Linguist und Toni-L rappen drei Strophen lang ausführlich über das, was Kindern aus Einwandererfamilien ständig entgegenschlägt, von herablassenden Sprüchen über Racial Profiling bis hin zu körperlicher Gewalt. Kurzum: Die ganze Palette des Alltagsrassismus. Jede Strophe beginnt mit: „Ich habe einen grünen Pass, mit nem goldenen Adler drauf“ und endet mit „Kein Ausländer – und doch ein Fremder.“

Die Musiker sind in Deutschland geboren, und doch werden sie ständig als „Ausländer“ gelesen. Die Eltern von Torch stammen aus Ostpreußen und Haiti, Toni-L ist italienischer Abstammung, die Familie von Linguist stammt aus Ghana, er ist dort und in Deutschland aufgewachsen. Ständig müssen sie sich erklären, rechtfertigen, fragen lassen, ob sie einmal in ihre Heimat zurück gehen möchten.

1992 kennt das Radiopublikum deutschen Rap nur von den Fantastischen Vier, die es grade mit dem harmlosen Mittelschichts-Ulk „Die da!?!“ in die Hitparaden geschafft haben. „Fremd im eigenen Land“ läuft zwar nicht so häufig im Radio – und doch schlägt der Song ein. MTV spielt ihn europaweit.

„Der Song war wirklich polarisierend“, erinnert sich Torch in einem Interview. „Es ist ja überhaupt kein Radiosong ‒ er hat nicht die richtige Länge, ist nicht nett, da passt gar nichts. Aber den Leuten hat das alles aus der Seele gesprochen.“ Sein Mitmusiker Linguist findet: „Mit seiner Mischung aus politischer Stellungnahme mit unmittelbarem Bezug auf den rassistischen Terror der Zeit und offensiver, wütender persönlicher Erzählung bekam ‚Fremd im eigenen Land‘ eine Anziehungskraft auf junge Leute – Migranten und Eingeborene gleichermaßen – wie wir sie selbst nicht erwartet hatten.“ Vor allem unterwandert der Song selbstbewusst das Monopol der „eingeborenen Deutschen“ zu bestimmen, was denn Deutschsein heißt.

Advanced Chemistry hatte sich 1987 in Heidelberg gegründet. Rund um den Standort des Hauptquartiers der U.S. Army hatte sich eine junge Hip-Hop-Szene zusammengefunden. Durch afroamerikanische GIs und ihre Familienangehörige waren sie mit Hip-Hop in Berührung gekommen und organisierten nun ihre eigenen Jams, Auftritte, auf denen oft spontan und im Stegreif gerappt wurde.

Zu Beginn rappt die Szene noch auf Englisch – viele Afro-Deutsche sprachen das ohnehin auch zu Hause. Deutsch hatte zu sehr den Beigeschmack schmerzhafter Erfahrungen mit Rassismus. „Oft wurde ihre Beherrschung einem sogar ganz abgesprochen“, erinnert sich Linguist. „’Woher kannst du denn so gut deutsch?’“

Doch irgendwann wechselt Torch die Sprache, streut deutsche Ansagen und Reime ein, bringt Freestyles auf Deutsch und gilt seitdem als der Erste, der auf Jams deutsch rappt.

2020 stellt Advanced-Chemistry-Mitglied Torch der Stadt Heidelberg für die Gründung eines Hip-Hop-Archivs 5.000 Stücke aus seiner Sammlung zur Verfügung, darunter Drum-Computer und Texthefte. Im Jahr drauf zeichnet die Stadt Heidelberg ihn mit der Richard-Benz-Medaille aus. 2023 wird die „Hip-Hop-Kultur in Heidelberg und ihre Vernetzung in Deutschland“ in das Bundesweite Verzeichnis Immaterielles Kulturerbe aufgenommen.

Die Pioniere aus Heidelberg, die im Hip-Hop ein Zuhause fanden, haben ihr Land geprägt.

Martin Kaluza, Januar 2024

Das Gebet der Gefangenen

Beth Gibbons, Krzysztof Penderecki – Henryk Górecki: „3. Sinfonie – Symfonia pieśni żałosnych“ (2019)

„Nein, Mutter, weine nicht
Reinste Königin des Himmels
Beschütze mich immer
Ave Maria“

Henryk Górecki: „3. Sinfonie – Symfonia pieśni żałosnych“
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Beth Gibbons sitzt vor den Violinen, gekrümmt, so wie eine klassische Sopranistin nie sitzen würde. Aus einfachen Melodielinien weben die Streicher eine hypnotische, albtraumhaft spannende Begleitung, die nur selten den Akkord wechselt. Zum Singen beugt sich Gibbons mit runden Schultern zum Mikrofon vor: „Mamo, nie płacz, nie. Niebios Przeczysta Królowo“ – „Nein, Mutter, weine nicht! Reinste Königin des Himmels.“

Der Text ist das Gebet einer jungen Gefangenen. Der polnische Komponist Henryk Górecki hat die Zeilen bei einem Besuch im ehemaligen Hauptquartier der Gestapo in Zakopane abgeschrieben, wo sie in eine Kellerwand geritzt waren. Darunter die Signatur: „Helena Wanda Błażusiak, 18 Jahre, inhaftiert seit dem 25. September 44“.

Beth Gibbons ist bekannt als Sängerin der britischen Trip-hop-Band Portishead. Für die Aufführung von Góreckis 3. Sinfonie in Warschau hat sie den polnischen Text gelernt und mit einem Coach an der Aussprache gefeilt. Dirigent ist Krzysztof Penderecki, ein Avantgarde-Komponist, dessen Musik auch in den Soundtracks von Shining und Der Exorzist zu hören ist.

Górecki komponiert die Sinfonie 1976 als Auftragsarbeit für den Südwestfunk Baden-Baden. Er ist bekannt für avantgardistische, dissonante Kompositionen. Mit der 3. Sinfonie schlägt er einen neuen Weg ein. Rhythmischer wird seine Musik, auch minimalistischer und kontemplativer. Górecki öffnet sie für Einflüsse aus der Volksmusik. Das zeigt sich auch im Libretto: Den Text des ersten Satzes entnimmt er einem Klagelied aus dem 15. Jahrhundert. Den dritten Satz bildet ein Volkslied aus Schlesien, in dem eine Mutter nach ihrem Sohn sucht, der in Aufständen getötet wurde. Beide Sätze haben die Trauer von Müttern zum Thema, sie Rahmen das Gebet der Gefangenen aus Zakopane ein.

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Góreckis 3. Sinfonie trifft bei der Kritik auf wenig Zuspruch. Der Komponist Pierre Boulez soll während der Premiere laut „Merde!“ gerufen haben. Ist Góreckis Komposition zu simpel gestrickt? Unter Musikern gilt sie grade wegen ihres Minimalismus, des langsamen Tempos und der sich über lange Zeiträume aufbauenden Dynamik als anspruchsvoll zu spielendes Stück.

Die Sinfonie ist schon fast vergessen, als Robert Hurwitz, der Chef der US-Plattenfirma Nonesuch, sie auf einem Festival in Polen hört. Er gibt, fünfzehn Jahre nach ihrer Uraufführung, eine Neuaufnahme mit dem Dirigenten David Zinman und der Sopranistin Dawn Upshaw in Auftrag. Hurwitz erinnert sich: „Nach den Aufnahmen dachte ich: Das war noch besser als erwartet. Das wird ein Erfolg – vielleicht verkaufen wir 25.000 Stück!“ Die Verkäufe übertreffen die optimistische Prognose um das 40-Fache, es werden über eine Millionen Exemplare. Góreckis 3. Sinfonie steht elf Wochen lang in den britischen Pop-Charts zwischen Alben von Paul McCartney und REM, im Februar 1993 erreicht sie Platz 6. Mehrfach wird sie als Filmmusik eingesetzt.

Górecki fremdelt mit dem Erfolg, einerseits. Andererseits ist er gerührt von den Reaktionen, die ihm zeigen, dass er ein völlig neues Publikum erreicht und berührt. In einem Radiointerview liest er den Brief eines schwedischen Mädchens vor, das bei einem Brand seine Mutter verlor, selbst nur knapp überlebte und aus der Trauersinfonie neue Kraft schöpfte.

Eine Coda. 2020, zehn Jahre nach Góreckis Tod, hat das katholische Nachrichtenmagazin Gość Niedzielny die Tochter von Helena Błażusiak ausfindig gemacht. Lange hatte man angenommen, dass die junge Gefangene die Haft in Zakopane nicht überlebt hatte. Nun erfährt die Journalistin, dass sie überlebte, fünf Kinder hatte und Jahrzehnte lang nicht über die Zeit ihrer Gefangenschaft sprach. Sie verwischte ihre Spuren regelrecht, indem sie ihren ersten Vornamen ablegte.

Błażusiak war Mitglied der polnischen Heimatarmee (AK), die während der Zeit des Zweiten Weltkriegs gegen die Deutschen Besatzer Widerstand leistete. Im Juli 1944 schloss sie sich der Aktion Burza an und wurde später von der Gestapo festgenommen, vermutlich nach einem Verrat. Die AK fiel nach dem Einmarsch der Roten Armee in Ungnade, weil sie inoffiziell weiter kämpfte – diesmal gegen das kommunistische Regime.

Erst in den letzten Lebensjahren erzählt Helena Błażusiak ihrem Schwiegersohn von der Haft. Ein Detail: Die Zeilen, die der Komponist Górecki in Zakopane von der Wand abschreibt und die Beth Gibbons so eindrücklich singt, hatte Helena mit einem Zahn in die Wand geritzt, den ein Gestapo-Offizier ihr ausgeschlagen hatte.

Helena Wanda Błażusiak-Pawlik starb am 25. Juli 1999.

Martin Kaluza, November 2023

Superstar gegen Verdrängung

Bad Bunny: „Apagón“ (2022)

„Ich will von hier nicht weggehen
Nein, ich will von hier nicht weggehen
Sollen sie doch abhauen“

Bad Bunny: „Apagón“
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Die Nachbarn in Santurce, einem Stadtteil der Puertoricanischen Hauptstadt San Juan, haben sich zur Krisensitzung getroffen. Maricusa, die seit 26 Jahren in ihrer Wohnung lebt, hat einen Zettel an der Tür gefunden. Ihr bleiben 30 Tage, sie zu räumen. Das Schreiben endet knapp: „Danke für Ihre Zeit, wir wünschen Ihnen das Beste.“ Den berüchtigten 30-Tage-Brief bekommen in letzter Zeit immer mehr Mieter in der Gegend.

Der knapp zwanzigminütige Dokumentarfilm „Aquí vive gente“ – Hier leben doch Leute! von Bianca Gralau erzählt Maricusas Geschichte: Das Haus wurde unlängst verkauft, der neue Eigentümer des Hauses will die Miete auf 2.500 Dollar im Monat anheben. Maricusa, die als Haushaltshilfe jobbt, hat zuletzt 600 gezahlt, im Durchschnitt hat ein Haushalt 1.750 Dollar im Monat. Kündigungsschutz hat hier niemand. Nach und nach werden die alten Bewohner des Stadtteils verdrängt. Was die Entwicklung noch beschleunigt: Die Regierung von Puerto Rico hat in den letzten 20 Jahren 1.000 Sozialwohnungen abgerissen und die Insel gleichzeitig zum Steuerparadies gemacht.

13 Millionen Aufrufe hat das Video schon, das ist eine ganze Menge für eine Doku über soziale Probleme aus Puerto Rico. Es liegt an den dreieinhalb Minuten Musik, die ihr vorangeht: Die Doku ist Teil des offiziellen Musikvideos zum Song „Apagón“ des Reggaetón-Sängers und Rappers Bad Bunny.

Benito Antonio Martínez Ocasio, wie er bürgerlich heißt, stammt aus Puerto Rico und ist derzeit einer der weltweit größten Stars der Musikszene. Drei Jahre in Folge war er der Musiker mit den meisten Streams auf Spotify, von 2020 bis 2022. Als Schauspieler hatte er eine Nebenrolle in der Serie Narcos, und auch als Wrestler betätigte er sich schon. Bad Bunny singt ausschließlich auf Spanisch, das macht ihn in und außerhalb der USA zur Identifikationsfigur.

Lange galt: Wer in der Popmusik Erfolg haben will und aus Lateinamerika stammt, muss irgendwann auf Englisch singen – von Gloria Estefan bis Shakira. Aber Bad Bunny denkt gar nicht daran und baut keck die Zeilen ein: „Ahora todos quieren ser latinos, pero les falta sazón, batería y reggaetón“ – Jetzt wollen alle Latinos sein, aber ihnen fehlen die Würze, Drums und Reggaetón.

Das Genre Reggaetón ist in Lateinamerika umstritten. Die Texte sind oft sexistisch und einfältig, zu groß die Dominanz der Dicke-Hose-Machos. Auch die Texte von Bad Bunny drehen sich oft um Sex und Partys, aber sie sind nie respektlos. Die Videos und Bühnenshows sind divers besetzt. Und „Apagón“, eine dreiteilige Party-Suite, ist nicht der erste Song mit sozialem Anspruch.

Im ersten Teil besingt Bad Bunny, was das Leben in Puerto Rico so sympathisch macht: ein Schwätzchen mit den Nachbarn, ein Küsschen für die Oma. Aber da: Schon wieder einen Stromausfall, otro apagón! Auch das wird im Video mit News-Ausschnitten dokumentiert: Der Strom fällt in Puerto Rico häufig aus, seit die Netze privatisiert wurden. Die Strompreise steigen trotzdem immer weiter, die Chefs bekommen Boni in Millionenhöhe.

Der zweite Teil des Song feiert das Lebensgefühl Puerto Ricos, speziell die Partyszene. Wer will da schon freiwillig weg? Das dritte Thema schließlich ist die Verdrängung. Bad Bunnys Partnerin, die ebenfalls aus Puerto Rico stammende Schmuckdesignerin und Model Gabriela Berlingeri, singt: „Sollen sie doch gehen. Ich bin von hier. Das ist mein Strand. Das ist meine Sonne. Das ist mein Land. Das bin ich.“

Martin Kaluza, Oktober 2023

Die geplatzte DDR-Tournee

Bap: „Deshalv spill mer he“ (1984)

„Un nocht jet, falls es nit schon ohnehin bekannt,
Dat ahn die Clique, die sich ‚Volksvertreter‘ nennt:
Uns kritt ihr vüür kein offizielle Kaar jespannt,
He, wo jet andres unger unsre Näjel brennt.“

Bap: „Deshalv spill mer he“
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1983 ist Bap die Band der Stunde. Wolfgang Niedecken singt durchweg in einem kölschen Dialekt, der außerhalb des Rheinlandes kaum verstanden und trotzdem innig geliebt wird. Die Alben „für usszeschnigge“ und „vun drinne noh drusse“ belegen über Wochen Platz 1 der deutschen Charts und werden mit jeweils doppelt Platin ausgezeichnet – den LPs sind Textblätter mit Verständnishilfen beigelegt. Auf der Tournee 1982/83 spielt die Band 126 Konzerte. Am 10. Juni tritt Bap auf der Demo gegen den Besuch des US-Präsidenten Ronald Reagan auf, es ist die größte Friedensdemo der Bundesrepublik.

Bap hat auch in der DDR viele Fans. Die staatliche Plattenfirma Amiga hat das letzte Album „vun drinne noh drusse“ in Lizenz veröffentlicht, 15.000 Exemplare waren binnen Stunden vergriffen. Die Band plant mit der Künstleragentur der DDR für die zweite Januarhälfte 1984 eine Tournee mit 14 Auftritten in 13 Städten. Den Auftakt soll ein Auftritt beim Festival „Rock für den Frieden“ im Palast der Republik bilden. Für das Konzert werden 5.000 Karten ausgegeben – 4.300 „auf Anrecht“, also an ausgewählte FDJler und Parteimitglieder, und 700 gehen in den freien Verkauf. Die Schlange, berichtet ein Fan, war anderthalb Kilometer lang.

Wenige Wochen vor Tourbeginn wird Bap zu einem Auftritt in der Jugendsendung „rund“ nach Magdeburg eingeladen. Der Bundestag hat gerade dem NATO-Doppelbeschluss zugestimmt: Die USA und ihre Verbündete wollen neue atomare Mittelstrecken in Westeuropa aufstellen, um die Sowjetunion zu Abrüstungsverhandlungen zu zwingen.

Im Interview mit der DDR-Jugendsendung bemerkt Niedecken, wie der Moderator ihn immer wieder in eine Richtung locken möchte: „Wir machten Interviewproben. Man wollte wohl von unbedingt von mir hören, dass SS20 Friedensraketen sind und Pershings Kriegsraketen. Das war fast Loriot-verdächtig.“ Am Ende spielt die Band drei Songs zum Playback, das Interview wird nicht gesendet.

Zurück in Köln schreibt die Band einen Song. Es geht um den Rüstungswahn auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs. Niedecken erträumt sich, dass SS20-Raketen zu einem Traktor umgeschmiedet werden und Pershings zu einer Lok. Der Refrain schließlich ist eine Breitseite gegen Zensur und DDR-Regime: „Hey du da und du – wann ist es hier so weit, dass man das Maul aufmachen darf, wenn man etwas sagen will? Es wird höchste Zeit!“

Der Song „Deshalv spill mer he“ hat seine Premiere am Tag vor Beginn der DDR-Tour in der Stadthalle Wolfsburg. Im Publikum: neben den westdeutschen Fans auch zwei Vertreter der DDR-Jugendorganisation FDJ.

Noch im Bus auf der Transitstrecke sagt Percussionist Manfred Boecker einem Reporter, er habe „ein bisschen Angst, dass wir die Tour nicht durchziehen können. Wenn wir uns so verhalten wie wir das vorhaben, so wie auch hier in der Bundesrepublik, dann sehe ich da Schwierigkeiten.“ Sänger Wolfgang Niedecken redet sich Mut zu: „Wenn wir bei uns kritisch sind, dann müssen wir da genauso kritisch sein.“

Als die Band im Hotel Unter den Linden in Berlin einquartiert wird, hat sie noch immer keinen offiziellen Vertrag für die Konzerte der Tournee. Die Künstleragentur besteht darauf, den Text des neuen Songs vorab zu lesen. Während die Band Kaffee trinkt, entziffern Mitarbeiter am Nebentisch Zeile für Zeile Niedeckens Kölsch. In den Verhandlungen wird schnell klar: Die Band darf den Song nicht in der DDR spielen. Die Band sagt: „Wir spielen den oder wir fahren ab.“

Das Festival „Rock für den Frieden“ findet ohne Bap statt. „Ihr wisst, heute sollte an dieser Stelle die Gruppe Bap aus der BRD auftreten“, erklärt der Ansager des Festivals. „Die Gruppe hat es allerdings vorgezogen, gestern wieder abzureisen. Sie wollten nicht unter dem Symbol der weißen Taube unter blauem Grund auftreten.“ Stattdessen springt die auch im Westen bekannte DDR-Rockband „Puhdys“ ein.

Wolfgang Niedecken wird von einem West-Reporter noch vor der Rückreise in Ost-Berlin konfrontiert: Ob nicht von Beginn an klar gewesen sei, dass man das fragliche Stück hier nicht spielen könne. Niedecken antwortet: „Jetzt müssen wir unheimlich aufpassen, dass wir uns ein paar hundert Meter weiter nicht vor einen [anderen] Karren spannen lassen von den kalten Kriegern, die da sitzen und sagen: Siehste, ätsch, da habt ihr’s, ihr Alternativis, ihr Linken.“ Auf die Frage, wie sich das alles anfühle, entgegnet Niedecken: „Beschissen.“

Das Politbüro beschließt am 17. Januar, dass Rockgruppen aus dem Westen nicht mehr in der DDR auftreten können. In den nächsten beiden Jahren werden auch keine West-Bands mehr zum Festival Rock für den Frieden eingeladen. Eine bereits geplante Tour von Udo Lindenberg für das Jahr 1984 wird ebenfalls abgesagt.

Puhdys-Sänger Dieter Birr, der mit seiner Band auf dem Festival für Bap einsprang, fand die Reaktion der Kölner „bescheuert und unfair dem Publikum gegenüber“. Wolf Biermann, aus der DDR ausgebürgerter Liedermacher, sagte Jahre später einmal dem Spiegel: „Die Kulturbonzen der DDR haben eben vor ein paar kölschen Wahrheiten mehr Angst als vor einem Skandal, der entstand, als die Bap-Leute sich entschlossen, keine DDR-Zensur zu dulden. Und auf längere Sicht haben Wolfgang Niedecken und seine Freunde mit guter Nase den besseren Fehler gemacht.“

Durch Ostdeutschland tourt Bap schließlich doch noch, 1991, nach dem Fall der Mauer.

Niedecken sagt später einmal über die Rückreise von der geplatzten DDR-Tournee: „Wir fühlten uns deshalb beschissen, weil wir mittlerweile kapiert hatten, dass die Leute sowieso wussten, wieso wir da spielen. Das Lied wäre gar nicht nötig gewesen.“

Martin Kaluza, Mai 2023

Neues vom Universal Soldier

Buffy Sainte-Marie: The War Racket (2017)

„And war is never, ever holy. It’s just the greedy man’s dream
And you two-faced crusaders: Both sides are abscene
War’s not made by God: War’s made by men
Who misdirect our attention while you thieves do your thing

Buffy Sainte-Marie: „The War Racket“
Buffy Sainte-Marie – The War Racket
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Buffy Sainte-Marie wartet auf dem Flughafen von San Francisco auf ihren Anschlussflug. Sie ist auf dem Weg aus Mexiko zurück nach Toronto, und mitten in der Nacht beobachtet sie, wie Verletzte aus einem Flugzeug getragen werden. Sie fragt einen Arzt, der mit ihnen aus dem Flugzeug stieg, was es mit ihnen auf sich habe. Das seien, erklärt er, Soldaten, die in Vietnam verwundet wurden.

In der US-amerikanischen Öffentlichkeit wird kaum über Verwundete und Gefallene gesprochen. Die Regierung inszeniert sich noch als Macht, die eine Eskalation des Kriegs vermeidet, während sie in Wirklichkeit genau das betreibt. Die junge Sängerin ist erschüttert und schreibt einen Song. Sie fragt sich, wer die Verantwortung für den Krieg hat, und sieht sie selbstkritisch bei uns allen. Über den „Universal Soldier“, der für alle Länder und auf allen Seiten käpft, singt sie: „Er weiß, er sollte nicht töten, und er weiß, er wird immer tun – dich für mich, mein Freund, und mich für dich.“ Zum weltweiten Hit wird der Song ein Jahr nachdem Sainte-Marie ihn veröffentlicht hat, in der Interpretation des britischen Folk-Sängers Donovan.

Buffy Sainte-Marie – The Universal Soldier
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Sainte-Marie wird in einem Reservat in der kanadischen Provinz Saskatchewan geboren. Unter Umständen, die nicht bekannt sind, wird sie von ihren Eltern, die dem Volk der Cree angehören, getrennt und von einer Familie in den USA adoptiert. Sie gehört zu den ersten Stimmen, die darüber singen, wie der Staat die Kultur der indigenen Bevölkerung bekämpft, und von den Schicksalen der Kinder, die wie sie selbst ihren Familien weggenommen wurden. Mit eindringlichem Vibrato singt ihrem oft weißen Publikum ins Gewissen. Im Song „My Country ‚Tis of Thy People You’re Dying“ rechnet sie furios mit der kolonialen Geschichte der USA ab, die ihren Anfang in der Ankunft Kolumbus‘ und dem folgenden Völkermord an den ursprünglichen Bewohnern des Kontinents sieht.

Buffy Sainte-Marie – My Country Tis of Thy People You’re Dying
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Das Engagement bringt ihr auch Ärger ein, vor allem in den USA: Unter den Präsidenten Nixon und Johnson werden ihre Lieder aus dem Radio verbannt – darin teilt sie das Schicksal ihres Freundes Pete Seeger.

Als Songwriterin macht sie sich dennoch einen Namen. Sie ist mit Bob Dylan befreundet. Zu ihren Fans zählt eine noch unbekannte kanadische Liedermacherin namens Joni Mitchell, die einmal sagen wird, dass Sainte-Marie, eine der wenigen Frauen in der Musikszene, ihr Vorbild war. Janis Joplin singt Sainte-Maries Song „Codine“. Ihre Ballade „Until It’s Time For You To Go“ wird von Elvis Presley, Neil Diamond, Barbra Streisand, Cher, Nancy Sinatra, Roberta Flack und Shirley Bassey gecovert. Und für ihre Beteiligung am Filmsong „Up Where We Belong“, gesungen von Joe Cocker und Jennifer Warnes, gewinnt sie als erste indigene Person einen Oscar.

Von 1975 bis 1981 gehört Sainte-Marie sogar dem Ensemble der Sesamstraße an. Sie nutzt die Gelegenheit, der Mehrheitsgesellschaft zu zeigen, das in ihrem Land indigene Menschen leben. Und nebenbei bringt sie ein feministisches Anliegen an: Im Gespräch mit dem großen, gelben Vogel Bibo stillt sie vor laufender Kamera ihr Baby – in der US-Öffentlichkeit bis heute ein Tabu.

Ihr Einfluss reicht, zumindest in den USA und Kanada, bis heute. 2018 baut der so erfolgreiche wie umstrittene Rap-Star Kanye West einen Ausschnitt aus Sainte-Maries „Lazarus“ in seinen Song „Dead or Alive“ ein. 2019 wählt Quentin Tarantino ihre Interpretation des Joni Mitchell-Klassikers „The Circle Game“ für den Soundtrack seines Films „Once Upon A Time In Hollywood“ aus.

50 Jahre nach Beginn ihrer Karriere lebt Sainte-Marie auf Hawaii, züchtet Ziegen und beschäftigt sich als Künstlerin und Musikerin noch immer mit der Frage nach Krieg und Verantwortung. 2017 veröffentlicht sie den Song „The War Racket“, der wie die Fortsetzung des Universal Soldier wirkt. Inzwischen ist Donald Trump Präsident der USA, und seine Frisur taucht auch als Karikatur im Video auf. Doch Sainte-Marie richtet sich vor allem an die Protagonisten des Irak-Kriegs: „You Saddams and you Bushes, you Bin Ladens and snakes!“

Der Titel geht zurück auf den Essay „War Is A Racket“ („Krieg ist ein schmutziges Geschäft“), den der ehemalige Generalmajor der Marines Smedley D. Butler 1935 veröffentlichte. Butler rechnete mit den Kriegen ab, die die USA in der Karibik führten, kritisierte den Kriegseintritt im Ersten Weltkrieg und warnte vor einer sich anbahnenden Auseinandersetzung mit Japan.

Die Kapitelüberschriften lesen sich wie die Gliederung des Songs: „Krieg ist ein schmutziges Geschäft.“ „Wer verdient daran?“ „Wer bezahlt die Rechnung?“ Sainte-Maries antwortet in präzisem Sprechgesang: Krieg wird nicht von den Menschen gemacht, auch nicht von Gott. Sondern von den Politikern und Profiteuren. Die Mächtigsten der Welt, sie machen gemeinsame Sache mit den Verbrechern, und die Armen bezahlen dafür. Sie beschreibt, wie sich die Muster mit trauriger Regelmäßigkeit wiederholen, alle dreißig Jahre: „When all sides are dying in the patriot game / It’s the war racket.“ Wenn alle Seiten in dem patriotischen Spiel sterben – das ist das schmutzige Geschäft des Kriegs.

Martin Kaluza, April 2023

Ein ukrainisches Volkslied geht um die Welt

Andriy Khlyvnyuk: Chervona Kalyna (2022)

„Ach, auf der Wiese steht der rote Schneeball tief geneigt.
Unsere ruhmreiche Ukraine ist betrübt.
Und wir werden diesen roten Schneeball wieder aufrichten,
Und wir werden unsere ruhmreiche Ukraine, hej-hej, aufmuntern!

Chervona Kalyna (Der rote Schneeball)
Pink Floyd – Hey Hey Rise Up feat. Andriy Khlyvnyuk of Boombox (7.4.2022)
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Als das Telefon klingelt, ist Andriy Khlyvnyuk vorsichtig. Der Anrufer gibt sich als David Gilmour aus, Gitarrist und Sänger der legendären Rockband Pink Floyd. Khlyvnyuk hat selbst eine Band, er ist Sänger bei BoomBox, einer der bekanntesten Gruppen der Ukraine. Doch seit ein paar Tagen herrscht Krieg: Russland hat das Land angegriffen, während Khlyvnyuk in den USA war. Er hat die Tournee sofort abgebrochen und sich dem Militär angeschlossen, um seine Heimat zu verteidigen.

Khlyvnyuk hat eine sehr lose Verbindung zu Gilmour. Seine Band hatte nämlich 2015 einmal in London mit dem Gitarristen zusammen gespielt, bei einem Benefiz-Konzert für das Freie Theater Belarus, dessen Mitglieder verhaftet worden waren. BoomBox stand auf der Bühne, nur Khlyvnyuks Visum war nicht rechtzeitig gekommen. Die Band spielte damals zusammen mit Gilmour den Pink Floyd-Song „Wish You Were Here“ – für ihn.

Khlyvnyuk bittet den Anrufer, sich noch einmal per Videoanruf zu melden. Er will sichergehen, dass er keinem schlechten Scherz aufsitzt. Im Telefon erscheint der echte David Gilmour.

Der Gitarrist bittet den verwundeten Sänger um Erlaubnis, ein Instagram-Video zu nutzen, das er am 27. Februar aufgenommen hatte, drei Tage nach Beginn des russischen Überfalls. Khlyvnyuk singt darin die erste Strophe des Volksliedes „Der rote Schneeball auf der Wiese“. Es stammt aus der Zeit des Ersten Weltkriegs und erinnert an die Ukrainische Legion, einen Freiwilligenverband Österreich-Ungarns, der vom ukrainischen Hauptrat in Galizien gegründet wurde, noch bevor sich mit der Ukrainischen Volksrepublik erstmals ein ukrainischer Staat von Russland unabhängig machte.

Andriy Khlyvnyuk – Chervona Kalyna (27.2.2022)
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Gilmour hat das Video von seiner Schwiegertochter zugeschickt bekommen, sie ist Ukrainerin. Khlyvnyuks Gesang berührt ihn: „Er steht dort auf einem Platz in Kiew vor der Kirche mit dieser wundervollen goldenen Kuppel und singt in der Stille einer Stadt, in der Verkehr und Hintergrundgeräusche wegen des Krieges verstummt sind. Ich wollte Musik zu diesem kraftvollen Moment schreiben.“

Gilmour ist nicht der erste, der diesen Gedanken hat. Kurz nach Khlyvnyuks Instagram-Post hatte der südafrikanische Produzent „The Kiffness“ den Song bereits am 4. März mit einem Beat unterlegt und weltweit bekannt gemacht.

Andriy Khlyvnyuk x The Kiffness – Ukrainian Folk Song Army Remix (4.3.2022)
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Nur wenige Tage vor dem russischen Angriff war das ukrainische Eistanz-Paar Oleksandra Nasarowa und Maksym Nikitin von den Olympischen Winterspielen aus Peking nach Charkiw zurückgekehrt – eine Stadt, die gleich zu Beginn schwer von den Kampfhandlungen betroffen war. Als das Eistanzpaar einen Monat später an der Weltmeisterschaft in Montpellier teilnahm, wählte es die von The Kiffness bearbeitete Version – etwas beschleunigt – als Musik für den Rhythmischen Tanz. Der ursprünglich eingeplante Song „Hit the Road, Jack“ erschien ihnen inzwischen als unpassend.

Oleksandra Nasarowa und Maksym Nikitim auf der Eislauf-WM in Montpellier (26.3.2022)
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David Gilmour jedenfalls analysiert den A cappella-Gesang, vergleicht ihn mit anderen Interpretationen desselben Liedes und schreibt um die Stimme herum eine Begleitung. Er strickt noch einen Instrumentalteil daran, in dem er, wie er es ausdrückt, „der Rockgitarrengott“ sein kann. Als Intro sucht er eine Aufnahme des ukrainischen Chors Veryovka heraus.

Drummer Nick Mason ist sofort einverstanden, den Song unter dem Namen der alten Band zu veröffentlichen. Eine musikalische Sensation: Es ist der erste neue Pink Floyd-Song seit 1994. Die Musiker spielen das Stück an einem Tag in der Scheune ein, in der sie schon während des Corona-Lockdowns Online-Konzerte gespielt hatten. „Wir haben diesen Namen, und wir haben unsere Plattform, und die wollten wir nutzen“, sagt Gilmour. „Wir wollen diese Friedensbotschaft verbreiten, und wir wollen die Moral der Menschen heben, die für ihre Heimat kämpfen.“

Als Gilmour den Sänger Andriy Khlyvnyuk das nächste Mal kontaktiert, liegt dieser im Krankenhaus. Er zeigt ein Stück Schrapnell vor, das sich in seine Wange gebohrt hatte und das er nun in einer Plastiktüte aufbewahrt.

Während David Gilmour die Ukrainerinnen und Ukrainer unterstützt, geht sein ehemaliger Bandkollege Roger Waters den umgekehrten Weg. Im September veröffentlicht er auf facebook einen offenen Brief an Olena Selenska, die Frau des ukrainischen Präsidenten. Er wirft ihrem Ehemann vor, er habe sich totalitären, antidemokratischen Bestrebungen angeschlossen, die den Willen der Menschen in der Ukraine missachten, die Ukraine werde von extrem nationalistischen Kräften beherrscht. Den US-Präsidenten Joe Biden bezeichnet er als Kriegstreiber, und die Verantwortung, den Krieg schnell zu beenden, liege bei Selenskyi.

Martin Kaluza, Februar 2023

Feminismus auf dem Dancefloor

Eurythmics & Aretha Franklin: „Sisters Are Doin‘ It For Themselves“ (1985)

„We got lawyers, doctors, politicians, too (…)
Sisters are doin‘ it for themselves
Standin‘ on their own two feet
And ringin‘ on their own bells

Eurythmics & Aretha Franklin: „Sisters Are Doin‘ It For Themselves“
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Schon mit dem ersten Hit der Eurythmics fällt Annie Lennox auf. Im Video zu „Sweet Dreams (Are Made of This)“ trägt die Sängerin kurze, knallorange gefärbte Haare und einen Männeranzug. Ein gefälliges Popstar-Lächeln spart sie sich. Mit dem androgynen Look wird Lennox 1983 aus dem Stand zur Ikone: Sie schafft es, alle Blicke auf sich zu ziehen, aber gleichzeitig entzieht sie sich dem männlichen Blick. Lennox selbst erklärt: „Es ging darum zu sagen: Ich bin weiblich, aber ich habe eine maskuline Seite, und diesen Teil von mir will ich nicht leugnen.“

In der Zeit ihres künstlerischen Durchbruchs interessiert sich Lennox für die Bewegung der Suffragetten, die in Großbritannien und den USA Anfang des 20. Jahrhunderts mit Protestmärschen und Hungerstreiks das Frauenwahlrecht erkämpft hatten. Und sie stellt sich selbst eine Aufgabe: „Die Herausforderung lautete, einen Popsong zu schreiben, der im Radio gespielt wird und trotzdem eine feministische Hymne ist. Eines Morgens habe ich den Text in einem Rutsch geschrieben.“

Der neue Song heißt „Sisters Are Doin‘ In For Themselves“, „Die Schwestern machen das für sich selbst“. Früher habe man gesagt, hinter jedem stehe Mann stehe eine starke Frau, schreibt Lennox. Doch die Zeiten haben sich geändert, die Frauen stehen nun für sich selbst und ihre eigenen Anliegen ein. Sie lassen die Küche hinter sich, und man muss sich nur umsehen: Die Ärztinnen, Anwältinnen und Politikerinnen sind schon da. Das Ganze verpacken die Eurythmics in einen munteren Popsong, der auf den Dancefloor.

Lennox findet von Beginn an, dass eine zweite Stimme dem Song guttun würde. Auf der Suche nach einer Duettpartnerin holen sich die Eurythmics zunächst eine Abfuhr: Tina Turner mag den Song nicht singen, der Inhalt ist ihr zu feministisch. Aretha Franklin hingegen sagt zu. Annie Lennox muss nur noch Franklins Bedenken ausräumen, ob es in dem Song etwa um weibliche Selbstbefriedigung gehe.

Aretha Franklin, eine Generation älter als Annie Lennox, hatte 1967 mit „Respect!“ einen ihrer größten Hits und gilt seitdem weltweit als Fürsprecherin der Frauen- und der Bürgerrechtsbewegung. Das Video zeigt im Wechsel die Sängerinnen auf der Bühne und eine Kollage von Filmschnipseln. Sie reichen von Frauen, die von einem Steinzeitmann mit Keule an den Haaren herumgeschleift werden, bis hin zu Frauen, die als Mechanikerin, Ärztin, Astronautin arbeiten. Einige Passagen sind dem britischen Nouvelle Vague-Film „Nur ein Hauch Glückseligkeit“ von 1962 entliehen.

Ein Detail im Video zu „Sisters“ wird von vielen weißen Fans übersehen, doch das schwarze Publikum erkennt das Signal sofort: Franklin trägt an der linken Hand einen schwarzen Handschuh – ein Erkennungszeichen der Black-Power-Bewegung, das zurückgeht auf die Siegerehrung des 200-Meter-Laufs bei den Olympischen Spielen von 1968 in Mexiko. Damals reckten der Sieger Tommie Smith und der Drittplatzierte John Carlos ihre Faust mit Handschuh in den Himmel. Dass Aretha Franklins im Video auch einen trägt, ist eine Erinnerung, dass sich der Kampf für Frauenrechte nicht vom Kampf gegen Rassismus trennen lässt.

2022, vier Jahre nach Franklins Tod, veröffentlicht das FBI Akten, aus denen hervorgeht, dass sie wegen ihrer Nähe zur Bürgerrechtsbewegung 40 Jahre lang überwacht wurde.

Martin Kaluza, Januar 2023

Friedensengel, auf den Kopf gestellt

Panzerballett: Ein bisschen Frieden (2009)

„Ein bisschen Frieden, ein bisschen Sonne
Auf dieser Erde, auf der wir wohnen
Ein bisschen Frieden, ein bisschen Freude
Ein bisschen Wärme, das wünsch ich mir“

Panzerballett: Ein bisschen Frieden
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Am 24. April 1982 ist die englische Kleinstadt Harrogate Schauplatz des größten europäischen Songwettbewerbs. Der Abend ist schon fast schon rum, nur noch der Song aus Deutschland steht aus, da betritt Nicole Hohloch, eine 17-jährige Abiturientin aus dem Saarland, die Bühne. Im biederen Pünktchenkleid sitzt sie fast schüchtern auf der Bühne, klammert sich an eine riesige, weiße Gitarre, das blonde Haar wallt über die Schultern. „Ein bisschen Frieden“ heißt ihr Song – und sieht sie nicht selbst ein bisschen aus wie ein Friedensengel?

Der Song passt in die Zeit. Drei Wochen zuvor ist der Krieg zwischen dem Gastgeberland und Argentinien um eine Inselgruppe im südwestlichen Atlantik eskaliert. Gleichzeitig liegt Angst vor dem Atomkrieg liegt in der Luft. Die Sowjetunion hatte Mitte der siebziger Jahre mit SS20-Mittelstreckenraketen aufgerüstet. Kanzler Helmut Schmidt drängte auf den „Nato-Doppelbeschluss“. Die Vereinbarung sah Verhandlungen mit dem Warschauer Pakt über die Begrenzung von Mittelstreckenraketen vor. Sollten die jedoch scheitern, würde die Nato mit eigenen Raketen atomar nachrüsten.

„Ich weiß, meine Lieder, die ändern nicht viel“, singt Nicole. Sie wirkt dabei nicht wie die zeittypische Friedensaktivistin. Die 400.000 jedenfalls, die keine zwei Monate später in Bonn gegen die Nachrüstung und den Besuch des US-Präsidenten Ronald Reagan demonstrieren, sehen ganz anders aus. Nicht so bieder. Nicht so katholisch. Und im Gegensatz zu Bands wie Bap und dem Künstler Joseph Beuys tritt Nicole bei der großen Friedensdemo gar nicht auf. Und warum eigentlich fordert sie nur „ein bisschen“ Frieden?

Doch immerhin, das muss man an dem Abend in Harrogate ihr und Grandprix-Dauerteilnehmer Ralph Siegel lassen: Nicole und ihr Song sind eine Botschaft an die Europäischen Nachbarn. Von einem Deutschland, das einen solch harmlosen Engel ins Finale schickt, muss sich nun wirklich niemand mehr fürchten. Und es würde sicher auch keine Inseln im Südatlantik angreifen.

Das Lied gewinnt mit großem Vorsprung, es bekommt von allen Ländern Punkte – mit der Ausnahme Luxemburgs. In der Wiederholung singt Nicole es viersprachig auf Deutsch, Französisch, Englisch und Niederländisch.

Das Lied wird ein Nummer-1-Hit und sticht 1982 unter den hedonistischen Krachern an der Spitze der Charts – „Polonäse Blankenese“, „Skandal im Sperrbezirk“, „Der Kommissar“, „Ich will Spaß“ und „Adios Amor“ – deutlich hervor.

Wir spulen vor ins Jahr 2009. Auftritt Jan Zehrfeld. Der 1977 geborene Münchner hatte zunächst Cello gelernt und dann auf Jazz- und Metall-Gitarre umgeschult. Ein guter Teil des Repertoirs seiner Band Panzerballett besteht aus Coverversionen bekannter Songs, die Zehrfeld komplett gegen den Strich bürstet. Seine Technik, Songs zu bearbeiten, bezeichnet er als „Verkrassung“. In den meisten Fällen ist das einfach ein Spaß auf hohem Niveau.

Doch als er sich den Nicole-Song von 1982 vornimmt, passiert etwas Magisches: „Ein bisschen Frieden“, nun gesungen von Conny Kreitmeier, wird aller Spuren von Naivität beraubt.

Martin Kaluza, Dezember 2022