Fans der Freiheit

Soolking: „Liberté“ (2019)

„Freiheit, Freiheit, Freiheit
Sie beginnt in unseren Herzen
Freiheit, Freiheit, Freiheit
Sie macht uns keine Angst“

Soolking: „Liberté“
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Am 10. Februar 2019 verkündet Algeriens greiser Präsident Abdelasis Bouteflika, dass er bei den im April stattfindenden Wahlen erneut antreten werde. Da hat er schon zwanzig Jahre als Staatschef hinter sich, und in der letzten Zeit ist sich die Öffentlichkeit gar nicht mehr sicher, ob er überhaupt noch in der Lage ist, Regierungsgeschäfte zu führen. Nach mehreren Schlaganfällen saß der 82-Jährige im Rollstuhl und konnte kaum noch sprechen. Zuletzt hatte man ihn drei Jahre lang nicht im Fernsehen gesehen.

In vier Amtszeiten hat Bouteflika Milliarden an Staatsgeldern außer Landes geschafft. Die Ankündigung seiner erneuten Kandidatur löst Massenproteste aus, die größten seit dem Bürgerkrieg in den 1990er Jahren. Die Menschen demonstrieren in Algier und anderen großen Städten, immer Freitags.

Ein melancholisch-souliger Song mit Akustikgitarre, reduziertem Stolper-Beat und ordentlich Autotune-Effekt auf dem Gesang begleitet die Demonstrationen. Das Lied im Stil des algerischen Raï wird an Straßenecken und auf Plätzen gespielt. „Es scheint, dass die Macht käuflich ist“, singt Soolking, einer der größten Popstars Algeriens auf Französisch. Die Macht, „le pouvoir“, damit sind die mächtigen Greise gemeint, die die Geschicke des Landes bestimmen. Weiter singt er: „Wenn ich sage, dass ich mit dir glücklich bin, lüge ich.“

Auf den Demos geht es um mehr als Bouteflikas Kandidatur. Die Proteste, in Algerien unter dem Namen „Hirak“ („Bewegung“) bekannt, richten sich friedlich gegen die Machtelite und fordern mehr Demokratie. Die Bilder von jungen Leuten, die Blumen an Polizisten verteilen, gehen um die Welt. Bis zu einer Million Menschen versammeln sich an manchen Tagen. „Gib mir meine Freiheit zurück, ich bitte dich freundlich“, singt Soolking in „Liberté“.

Der Ursprung des Songs liegt in der Fußball-Fanszene. „Das Original stammt von Ouled El Bahdja, einer Gruppe, die im Stadion Musik macht“, erklärt Soolking dem Guardian. „Ich habe den Text geschrieben, die Musik mit ihnen ein bisschen bearbeitet, und dann wurde es mehr als ein Stadionsong. Jetzt ist es ein internationaler Song.“ Mit inzwischen über 380 Millionen Klicks allein auf Youtube ist „Liberté“ einer der meistgestreamten Songs des Landes.

Algerische Fußballfans gelten seit jeher als musikalisch, unabhängig und kreativ. Besonders die Gruppe Ouled El Bahdja, Fans des Hauptstadt-Clubs USMA, schreibt lieber eigene Songs als bekannte Hits umzutexten. Ein lockerer Kreis von rund zwanzig Mitgliedern trifft sich regelmäßig, um zu komponieren und Textideen zu besprechen. Sie nehmen sogar Songs im Studio auf. Ein erstes Album, das 2013 erscheint, wird gleich zum Hit.

Die USMA-Fankurve ist seit Jahrzehnten politisch. Während des Unabhängigkeitskriegs von 1954 bis 1962 starben dutzende Widerstandskämpfer aus dem Umfeld des Clubs. 1988 nahmen Kundgebungen gegen die Einparteienherrschaft in den Hochburgen der USMA-Fans ihren Anfang. Und während des Bürgerkriegs, der zwischen 1991 und 2002 rund 150.000 Menschen das Leben kostete und mit einem Sieg der Regierungstruppen endete, wurden mehrere Anhänger des Clubs wegen ihrer politischen Lieder verhaftet. „In den Neunzigerjahren“, berichtet die algerische Journalistin Lynda Abbou, „wurden in den Stadien Lieder improvisiert, die nach und nach politisch immer engagierter wurden.“

In der letzten Strophe des Soolking-Songs sind die Gesänge der Ouled El Bahdja-Fans zu hören, auf Arabisch fordern sie die Freilassung von Inhaftierten.

Tage vor Ablauf seiner Amtszeit erklärt Bouteflika seinen Rücktritt, doch die Proteste gegen „le pouvoir“ gehen noch über Monate weiter. Als im März 2020 auch in Algerien Corona-Schutzmaßnahmen verhängt werden, bitten prominente Unterstützer der Proteste, die Großdemonstrationen einzustellen.

Martin Kaluza, September 2024

Regenbogenflagge in der AfD-Hochburg

Maurice Conrad & Bruneau: „CSD in Sonneberg“ (2023)

„Es ist CSD in Sonneberg
Und die AfD empört
Überall ist Party
Weil den Landrat unsre Party stört“

Maurice Conrad & Bruneau: „CSD in Sonneberg“
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25. Juni 2023, die Stimmen der Kommunalwahl im Landkreis Sonneberg sind ausgezählt: Robert Sesselmann, der Kandidat der AfD, hat die Stichwahl gegen den amtierenden CDU-Landrat Jürgen Köpper, der von einer Parteienkoalition unterstützt wurde, mit 52,8% gewonnen. Damit steht fest: Die AfD erringt zum ersten Mal ein kommunales Spitzenamt.

Der neue Landrat gilt als Anhänger des rechtsextremen Landesparteichefs Bernd Höcke und bedient das ganze rechtspopulistische Vokabular von „Altparteien“ bis „Systemmedien“. Seine Stimmen hat Sesselmann mit den Slogans „Grenzen schließen“, „Frauen vor dem Islam schützen“ und „Gegen Windräder – für Diesel“ geholt. Seine Wahl ist ein Schock, Medien berichten weit über die Landesgrenzen hinaus.

Der Mainzer Kommunalpolitiker und Aktivist Maurice Conrad überlegt sich, was eine angemessene Antwort wäre. Wie könnte man der AfD und ihrer Wählerschaft möglichst plakativ zeigen, dass man ihr das Feld nicht überlässt? Ganz klar: Es bräuchte einen CSD in Sonneberg!

Conrad, Jahrgang 2000, steht für praktisch alle Werte, die die AfD ablehnt. Er setzt er sich für Klimaschutz und Seenotrettung ein und macht sich für LGBTQ*-Anliegen stark. Als Gründungsmitglied der Klimaliste Rheinland-Pfalz sitzt er seit 2019 im Mainzer Stadtrat. Früher war er Mitglied der Piraten, inzwischen ist er bei den Grünen und zur grünen Fraktion gewechselt.

Conrad tut sich mit dem Musiker Bruneau zusammen. Sie produzieren einen Song, in dem sie sich einen CSD in der Thüringer Kleinstadt herbeiwünschen. „AfD tut es weh, wenn du Glitzer im Gesicht hast“ rappt Bruneau, und Conrad über den neuen Landrat: „Doch er ist frustriert, denn er hat nicht in der Hand / Wie wir aussehen, wen wir lieben, wie wir uns kleiden.“ Die Kernbotschaft lautet: „Straight oder Queer oder Ally, egal / Hauptsache wir zeigen, wir sind noch da.“

Conrad und Bruneau fahren nach Sonneberg, um vor Ort das Video zu dem Song zu drehen – Conrad im bauchfreien Top und Shorts, alle Beteiligten geschminkt, die Pride Flag immer dabei. Sie überkleben demonstrativ die Toilettentüren am Rathaus mit genderneutralen Symbolen. Und dann läuft tatsächlich Landrat Robert Sesselmann mit seiner Aktentasche durchs Bild, während Conrad im Hintergrund rappt.

Eine einschüchternde Atmosphäre liegt während des Videodrehs über der Stadt. „Bruneau und ich konnten wieder abfahren, zurück nach Köln und Mainz“, schreibt Conrad in seiner Taz-Kolumne „Änder studies“. „Aber was ist mit den Menschen vor Ort? Mit denen, die sich gar nicht erst trauen, auf dem Rathausplatz ihrer Heimatstadt in einem Musikvideo mitzuwirken, weil sie Angst haben, ihre Beteiligung könnte für sie zum Problem werden?“

Einer der ersten Kommentare zu dem Video stammt von User 777MelB: „Hey guyys, ich feiere euch!!!! Ich komme aus Südthüringen, habe viele Jahre in Sonneberg gelebt und habe da immer noch Familie. In der Zeit damals habe ich einige heimlich (!) Schwule und Lesben kennengelernt! Ein echter CSD, wenn auch nur mit 10 Teilnehmern, wäre echt der burner!!“

Ein Jahr später wird der Wunsch Wirklichkeit: Aus der Thüringer Kleinstadt heraus organisiert, mit Unterstützung der Community aus dem 25 Kilometer entfernten Coburg, findet am 20. Juli 2024 erstmals ein CSD in Sonneberg statt.

Martin Kaluza, Juli 2024

Das lange Warten auf die Aufarbeitung

Walter Andreas Schwarz: „Im Wartesaal zum großen Glück“ (1956)

„Und man baute am Kai der Vergangenheit
Einen Saal mit Blick auf das Meer
Und mit Wänden aus Träumen gegen die Wirklichkeit
Denn die liebte man nicht sehr“

Walter Andreas Schwarz: „Im Wartesaal zum großen Glück“
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Am 24. Mai 1956 findet im Kursaal von Lugano erstmals der Grandprix Eurovision de la Chanson statt, der Vorläufer des heutigen ESC. Jedes der damals sieben Teilnehmerländer schickt zwei Lieder ins Rennen. Der neue Wettbewerb soll das Fernsehen populärer machen, bislang haben nur sehr wenige Haushalte einen eigenen Apparat.

Für Deutschland startet der damals unbekannte Freddy Quinn mit dem flott swingenden „So geht das jede Nacht“. Doch zuvor trägt der noch unbekanntere Walter Andreas Schwarz das düstere Chanson „Im Wartesaal zum großen Glück“ vor. Ein wehmütiges Akkordeon suggeriert Seefahrerromantik. Arrangement und Sprechgesang erinnern an die Theatermusik von Brecht und Weill.

Der Wartesaal, um den geht, steht am Kai der Vergangenheit und bietet einen Blick auf ein Meer, auf dem kein Schiff kommt. Oder hat gerade eines abgelegt? Die Leute, die dort sitzen, warten auf das große Glück. „Die armen, armen Leute“, singt Schwarz.

Das Mitleid ist ironisch gemeint, denn die Wartenden haben es nicht anders verdient. Die Wände des Saals sind aus Träumen gemacht, „gegen die Wirklichkeit, denn die liebte man nicht sehr.“ Darum geht es also: Die Wartenden wollen die Vergangenheit nicht sehen. Im Deutschland der 1950er versteht das Publikum unmittelbar, dass die Verbrechen der Nazizeit gemeint sind.

Eine ambivalente Erlöserfigur taucht auf und kommt „mit gläserner Fracht von den Sternen.“ Er erleuchtet aber nicht die Wartenden, sondern die Fischer draußen auf dem Meer. Eine Figur wie bei Kafka, schwer zu fassen.

Die Jury befindet: Der Schweizer Beitrag „Refrain“ von Lys Assia gewinnt. Für die anderen Songs wird gar keine Rangfolge bekanntgegeben, die Stimmzettel werden vernichtet. Es halten sich Gerüchte, Schwarz hätte den 2. Platz belegt – das kann aber auch daran liegen, dass alle Titel, die nicht gewonnen haben, als 2. Platz aufgeführt werden.

Walter Andreas Schwarz ist jüdischer Abstammung, 1938 war er mit seiner Familie in das Konzentrationslager Holzen in Niedersachsen verschleppt worden. Seine Eltern werden ermordet, Schwarz überlebt, weil er den Lagerkommandanten aus der Schule kennt.

Für Schwarz bleibt der Song ein seltener Ausflug in musikalische Gefilde. Schwarz ist Radioautor und Sprecher – einer der profiliertesten. Nach dem Krieg hat er einige Jahre in England verbracht und für die deutschsprachige Sparte der BBC gearbeitet, bevor er nach Deutschland zurückkehrte.

Bis zu seinem Tod 1992 spricht Schwarz 200 Hörspiele ein und produziert Hörbücher. Er schreibt Radiofassungen von Cervantes‘ „Don Quijote“, Heinrich Manns „Untertan“ und Lion Feuchtwangers „Jud Süß“. Er ist für die deutsche Fassung von „Per Anhalter durch die Galaxis“ verantwortlich. Daneben tritt er als Kabarettist auf.

1966, rund zehn Jahre nach seinem Grandprix-Auftritt, beschäftigt ihn die Vergangenheitsbewältigung der Deutschen erneut. Für WDR und HR produziert Schwarz eine Radiosendung unter dem Titel „Wiedergutmachung“, in der er, leicht fiktionalisiert, auch über seine eigenen Erfahrungen mit der schmerzhaft trägen und oft widersprüchlichen Entschädigungs-Bürokratie der Bundesrepublik spricht.

Die autobiographisch geprägte Figur George Kansky, wie Schwarz NS-Opfer und zwischenzeitlich nach England emigriert, hat auch achtzehn Jahre nach dem Krieg noch nicht das Recht bekommen, dass sie „zu finden hoffte“. Und gerade hat die Bundesregierung beschlossen, einen Teil der Zahlungen um weitere zwei Jahre aufzuschieben, um Haushalt und Währung nicht zu schaden. Stattdessen hat man ihm eine Abschlagszahlung aus einem Vergleich angeboten, um den Fall abschließen zu können. „Wie ist es möglich, dass die Wiedergutmachung so lange dauert?“ Kansky/Schwarz akzeptiert den Vergleich, kauft sich von dem Geld ein Auto – und zieht damit Neid auf sich.

Während noch viele der 3 Millionen Geschädigten des NS-Regimes auf materielle Wiedergutmachung warten müssen, geht es mit der Bearbeitung der Versorgungsansprüche der „Parteibuchbeamten“ viel schneller voran – also von Beamten, die in der NS-Zeit Mitglied der NSDAP waren.

„Wieso sitzen solche Leute heute noch immer als Beamte in den Ämtern?“

Kansky erfährt, dass der Hauptschuldige an der Verschleppung der holländischen Juden, der auch für den Tod von Anne Frank verantwortlich war, als Beamter mit größerer Verantwortung in der bayrischen Finanzverhaltung arbeitete – bis er kürzlich verhaftet wurde. „Wieso sitzen solche Leute heute noch immer als Beamte in den Ämtern?“

Debatten und Hängepartien um die materielle Entschädigung verstellen Kanskys Ansicht nach den Blick auf die noch tiefer greifende Frage nach der moralischen Wiedergutmachung. Die Frage will er erst beantworten, wenn sich nach ein paar Jahren die Debatten um die materielle Wiedergutmachung gelegt haben, „wenn nicht mehr jemand halb gelangweilt, halb verdrossen sagt: ‚Wir zahlen ja.‘ (…) Wenn die Stacheldrahtzäune menschlicher Unzulänglichkeit fallen, hinter denen eine Vergangenheit gefangen gehalten wird, die den Menschen von heute und morgen ihre redliche Unbefangenheit und ihre Freude am Leben streitig macht; den Unschuldigen von heute und den Verfolgten von gestern.“

Walter Andreas Schwarz‘ Song über den Wartesaal wird noch hin und wieder im Fernsehen ausgestrahlt, gerät allmählich in Vergessenheit. Eine bemerkenswerte Wiedergeburt erfährt er rund sechzig Jahre nach dem ersten Grandprix in Lugano. Der Liedermacher Hannes Wader erinnert sich an den Song, spielt ihn auf Konzerten und veröffentlicht 2015 eine Aufnahme auf dem Album „Live“. Und – ganz aktuell – in diesem Jahr findet sich der Wartesaal auf dem Stoppok-Album „Teufelsküche“, im Duett mit Alin Coen gesungen.

Martin Kaluza, Juli 2024

Der Chor der Erben

Christiane Rösinger: „Eigentumswohnung“ (2017)

„Der Kapitalismus ist an allem Schuld
Wir sind am Ende mit unsrer Geduld
Wir leben eigentlich selber prekär
Wenn nur das mit der Wohnung nicht wär“

Christiane Rösinger: „Eigentumswohnung“
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Die Mieterin hat sich den Wecker gestellt. Noch kurz Zähne putzen, da klingelt es schon an der Tür. Eine ganze Kolonne von Menschen schlurft in die Wohnung, alle ungefähr in der Lebensmitte, ein paar Kinder sind dabei, und alle schauen sich unverhohlen um, als würde das alles schon ihnen gehören. Die Mieterin, die hier immerhin noch wohnt, beachten sie gar nicht.

Christiane Rösinger singt dazu: „Von den Eltern zur Belohnung/und zur eigenen Nervenschonung/und zur ständigen Naherholung/kriegen wir jetzt eine Eigentumswohnung.“ Die etwas verschämte Formulierung, wir „kriegen“ eine Eigentumswohnung, zeigt schon: So ganz wohl ist ihnen bei der Sache nicht, aber was soll man tun, wenn die Eltern es nur gut meinen mit einem? Lakonisch lässt Rösinger den Chor der Erben singen: „Wir leben eigentlich selber prekär, wenn nur das mit der Wohnung nicht wär.“ Da steht sie im Raum, die Klassenfrage.

Christiane Rösinger wuchs auf einem Bauernhof bei Rastatt auf. Mitte der 1980er Jahre zog sie, alleinerziehend, zum Studium nach Berlin. Mit Almut Klotz und Funny van Dannen gründete sie die Lassie Singers. Mit rumpeligem DIY-Indie-Charme beklagte die Band das Nervpotenzial öffentlich zur Schau gestellter Zweierbeziehungen („Pärchen verpisst euch, keiner vermisst euch!“), verweigerte sich demonstrativ dem Leistungsdenken („Wir wollen nämlich gar nicht besser sein“) und genoss in Studi-Kreisen schnell Kultstatus.

Berlin-Kreuzberg, damals ein armer Randbezirk im Schatten der Mauer, zieht Paradiesvögel und Verrückte aus der ganzen Bundesrepublik an, Kreative und Alternative sowie Männer, die hier dem Wehrdienst entgehen. Das Leben ist so günstig, dass ein Nebenjob reicht, die Selbstverwirklichung zu finanzieren. Das gilt sogar noch einige Jahre nach dem Mauerfall. „Damals war es einfacher, den Lebensunterhalt zu verdienen. Die Leute hatten weniger Angst, ihre Wohnung zu verlieren. Es war eine unbeschwertere Zeit“, erinnert sich Rösinger in einem Radiointerview.

Mittlerweile veröffentlicht sie Alben unter eigenem Namen, schreibt Bücher und Zeitungsartikel, kuratiert die Veranstaltungs- reihe „Flittchenbar“, schreibt und inszeniert Musicals und Theaterstücke, zuletzt die Agitpropshow „Die große Klassenrevue“. An zwei Tagen in der Woche gibt sie Geflüchteten Deutschunterricht. Nichts, womit man reich werden würde.

„Wenn man jünger ist, sieht man die Klassenunterschiede nicht“, erklärt Rösinger einmal. „Da haben halt alle wenig Geld und spartanische Wohnungen.“ Schon damals, meint sie, hätte auffallen können, dass einige gar nicht arbeiten mussten.

Doch jetzt, wo eine Generation in das Alter kommt, in dem man erbt, wird das Machtgefälle sichtbar: Wer hat, kann die anderen verdrängen. Dass sich in den Nachkriegsjahren im Westen deutlich mehr Wohlstand zum Vererben angesammelt hat als im Osten, ist dabei noch nicht einmal erwähnt.

Seit 1986 wohnt Rösinger in der gleichen Kreuzberger Wohnung – zur Miete. Vor ein paar Jahren wurden die Wohnungen in ihrem Haus einzeln verkauft und in Eigentum umgewandelt. Auch bei ihr liefen schon Kaufinteressenten durch die Zimmer. Es ist die Wohnung, die im Video zu sehen ist.

Martin Kaluza, Mai 2024

Eine Zukunft für den Jungen mit dem Lumpenball

Victor Jara: „Luchín“ (1972)

„Wenn es doch Kinder gibt wie Luchín
Die sich Erde und Würmer in den Mund stecken
Dann lasst uns alle Käfige öffnen
Damit sie fliegen wie Vögel“

Victor Jara: „Luchín“
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Ein Unwetter im Winter 1970 lässt den Río Mapocho in Santiago de Chile anschwellen. Das Wasser überschwemmt die „poblaciónes callampas“, Armensiedlungen, die am Stadtrand wie Pilze aus dem Boden schießen. An der Kunstfakultät der Universidad de Chile tun sich Freiwillige zusammen, um in der Siedlung Barrancas bei den Aufräumarbeiten zu helfen.

Einer Tanzstudentin fällt in den schlammigen Straßen ein kleiner Junge auf, kaum ein Jahr alt. Es ist das zehnte Kind eines Ehepaars, das in dieser Armut lebt, und braucht dringend medizinische Hilfe. Die Professorin der Studentin, Joan Jara, und ihr Mann Victor nehmen sich des Jungen an, bringen ihn ins Krankenhaus und adoptieren ihn schließlich.

Victor Jara, ursprünglich Theaterautor und Regisseur, ist einer der bekanntesten Liedermacher in Chile. Über die Armut, in die sein Adoptivsohn Luis, den er zärtlich „Luchín“ nennt, geboren wurde, schreibt er eine sanft wiegende Folk-Ballade im Sechsachtelteltakt: „Zerbrechlich wie ein Drachen auf den Dächern von Barrancas spielte der Junge Luchín mit seinen violetten Händen mit dem Ball aus Lumpen, mit Katze und Hund, das Pferd sah ihm dabei zu.“

Das Lied soll Teil eines Konzeptalbums werden. „La población“ (die Siedlung) beschreibt das prekäre Leben der Ärmsten. In die Songs baut Jara Tonaufnahmen ein, die er vor Ort gesammelt hat – kurze Straßenszenen, Zitate von Bewohnern und Geräusche. Er nimmt damit eine Technik vorweg, die im Hiphop Jahre später als „Street Skit“ populär wird. Den Jungen Luchín lässt er ein Gedicht aufsagen.

Als Jara mit dem Lied im peruanischen Fernsehen auftritt, erzählt er von einem „kleinen Banditen“, den er ins Herz geschlossen hat: „Vielleicht wird er in 15 oder 20 Jahren einmal eine Fabrik leiten!“ Im Song drückt er es poetisch aus: Wenn es Kinder wie Luchín gibt, die wie ein Vogel Dreck und Würmer schlucken, dann sollen sie auch fliegen dürfen wie die Vögel – also lasst uns alle Käfige öffnen!

Das mit der Fabrik ist ein Traum dieser Zeit. Chile wird seit den Wahlen 1970 vom sozialistischen Präsidenten Salvador Allende regiert. Für die Wahlkampagne hat Victor Jara den Song „¡Venceremos!“ geschrieben. Er tritt vor Arbeitern in Bergwerken und in den Armensiedlungen auf.

Am 11. September 1973 putscht das Militär in Chile, General Augusto Pinochet übernimmt die Macht, und am nächsten Tag wird Victor Jara im Hof der Technischen Universität verhaftet. In einer Veranstaltungshalle pferchen die Militärs ihn mit Tausenden anderen Inhaftierten zusammen, foltern ihn vier Tage lang, verstümmeln seine Hände und ermorden ihn mit 44 Schüssen. Victors Frau Joan geht mit ihren Töchtern ins Exil. Der fünfjährige Luis bleibt in Chile, wird noch einmal adoptiert, von einer befreundeten Familie, und nimmt den Nachnamen Iribarren an.

Ein Fabrikdirektor ist aus Luis Iribarren nicht geworden, er ist heute Anwalt. „In Chile ist es schwierig, Gerechtigkeit zu bekommen“, sagt er in einer Talkshow über 20 Jahre nach Ende der Diktatur. Es war ein US-Gericht, das den ersten der damaligen Militärs verurteilt hat, die für den Tod Victor Jaras verantwortlich waren. Inzwischen hat Chiles Justiz nachgezogen: Ende August 2023, nach fast 50 Jahren, hat der oberste Gerichtshof des Landes die Haftstrafen gegen acht damalige Offiziere bestätigt.

In der Halle, in der der Liedermacher ermordet wurde, finden bis heute Konzerte und Sportveranstaltungen statt. Sie trägt seit 2004 den Namen „Estadio Victor Jara“.

Martin Kaluza, März 2024

Das Monopol des Deutschseins unterwandern

Advanced Chemistry: „Fremd im eigenen Land“ (1992)

„Ich hoffe, die Radiosender lassen diese Platte spiel’n
Denn ich bin kein Einzelfall, sondern einer von viel’n
Nicht anerkannt, fremd im eigenen Land
Kein Ausländer und doch ein Fremder“

Advanced Chemistry: „Fremd im eigenen Land“
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„Nach der vierten Krawallnacht rechnet die Polizei mit weiteren rechtsradikalen Ausschreitungen in Rostock. Die Stadt sei inzwischen ein Sammelplatz für Rechtsradikale aus dem ganzen Bundesgebiet geworden, sagte ein Polizeisprecher.“

Mit einem Ausschnitt aus der Tagesschau vom 26. August 1992 über die rechtsextremen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen beginnt der Song „Fremd im eigenen Land“ der Heidelberger Hip-Hop-Band Advanced Chemistry. Der Song war eigentlich schon fertig, doch der Nachrichtenmitschnitt passt perfekt ins Intro: Es geht um ein ernstes Thema.

Die drei Rapper Torch, Linguist und Toni-L rappen drei Strophen lang ausführlich über das, was Kindern aus Einwandererfamilien ständig entgegenschlägt, von herablassenden Sprüchen über Racial Profiling bis hin zu körperlicher Gewalt. Kurzum: Die ganze Palette des Alltagsrassismus. Jede Strophe beginnt mit: „Ich habe einen grünen Pass, mit nem goldenen Adler drauf“ und endet mit „Kein Ausländer – und doch ein Fremder.“

Die Musiker sind in Deutschland geboren, und doch werden sie ständig als „Ausländer“ gelesen. Die Eltern von Torch stammen aus Ostpreußen und Haiti, Toni-L ist italienischer Abstammung, die Familie von Linguist stammt aus Ghana, er ist dort und in Deutschland aufgewachsen. Ständig müssen sie sich erklären, rechtfertigen, fragen lassen, ob sie einmal in ihre Heimat zurück gehen möchten.

1992 kennt das Radiopublikum deutschen Rap nur von den Fantastischen Vier, die es grade mit dem harmlosen Mittelschichts-Ulk „Die da!?!“ in die Hitparaden geschafft haben. „Fremd im eigenen Land“ läuft zwar nicht so häufig im Radio – und doch schlägt der Song ein. MTV spielt ihn europaweit.

„Der Song war wirklich polarisierend“, erinnert sich Torch in einem Interview. „Es ist ja überhaupt kein Radiosong ‒ er hat nicht die richtige Länge, ist nicht nett, da passt gar nichts. Aber den Leuten hat das alles aus der Seele gesprochen.“ Sein Mitmusiker Linguist findet: „Mit seiner Mischung aus politischer Stellungnahme mit unmittelbarem Bezug auf den rassistischen Terror der Zeit und offensiver, wütender persönlicher Erzählung bekam ‚Fremd im eigenen Land‘ eine Anziehungskraft auf junge Leute – Migranten und Eingeborene gleichermaßen – wie wir sie selbst nicht erwartet hatten.“ Vor allem unterwandert der Song selbstbewusst das Monopol der „eingeborenen Deutschen“ zu bestimmen, was denn Deutschsein heißt.

Advanced Chemistry hatte sich 1987 in Heidelberg gegründet. Rund um den Standort des Hauptquartiers der U.S. Army hatte sich eine junge Hip-Hop-Szene zusammengefunden. Durch afroamerikanische GIs und ihre Familienangehörige waren sie mit Hip-Hop in Berührung gekommen und organisierten nun ihre eigenen Jams, Auftritte, auf denen oft spontan und im Stegreif gerappt wurde.

Zu Beginn rappt die Szene noch auf Englisch – viele Afro-Deutsche sprachen das ohnehin auch zu Hause. Deutsch hatte zu sehr den Beigeschmack schmerzhafter Erfahrungen mit Rassismus. „Oft wurde ihre Beherrschung einem sogar ganz abgesprochen“, erinnert sich Linguist. „’Woher kannst du denn so gut deutsch?’“

Doch irgendwann wechselt Torch die Sprache, streut deutsche Ansagen und Reime ein, bringt Freestyles auf Deutsch und gilt seitdem als der Erste, der auf Jams deutsch rappt.

2020 stellt Advanced-Chemistry-Mitglied Torch der Stadt Heidelberg für die Gründung eines Hip-Hop-Archivs 5.000 Stücke aus seiner Sammlung zur Verfügung, darunter Drum-Computer und Texthefte. Im Jahr drauf zeichnet die Stadt Heidelberg ihn mit der Richard-Benz-Medaille aus. 2023 wird die „Hip-Hop-Kultur in Heidelberg und ihre Vernetzung in Deutschland“ in das Bundesweite Verzeichnis Immaterielles Kulturerbe aufgenommen.

Die Pioniere aus Heidelberg, die im Hip-Hop ein Zuhause fanden, haben ihr Land geprägt.

Martin Kaluza, Januar 2024

Das Gebet der Gefangenen

Beth Gibbons, Krzysztof Penderecki – Henryk Górecki: „3. Sinfonie – Symfonia pieśni żałosnych“ (2019)

„Nein, Mutter, weine nicht
Reinste Königin des Himmels
Beschütze mich immer
Ave Maria“

Henryk Górecki: „3. Sinfonie – Symfonia pieśni żałosnych“
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Beth Gibbons sitzt vor den Violinen, gekrümmt, so wie eine klassische Sopranistin nie sitzen würde. Aus einfachen Melodielinien weben die Streicher eine hypnotische, albtraumhaft spannende Begleitung, die nur selten den Akkord wechselt. Zum Singen beugt sich Gibbons mit runden Schultern zum Mikrofon vor: „Mamo, nie płacz, nie. Niebios Przeczysta Królowo“ – „Nein, Mutter, weine nicht! Reinste Königin des Himmels.“

Der Text ist das Gebet einer jungen Gefangenen. Der polnische Komponist Henryk Górecki hat die Zeilen bei einem Besuch im ehemaligen Hauptquartier der Gestapo in Zakopane abgeschrieben, wo sie in eine Kellerwand geritzt waren. Darunter die Signatur: „Helena Wanda Błażusiak, 18 Jahre, inhaftiert seit dem 25. September 44“.

Beth Gibbons ist bekannt als Sängerin der britischen Trip-hop-Band Portishead. Für die Aufführung von Góreckis 3. Sinfonie in Warschau hat sie den polnischen Text gelernt und mit einem Coach an der Aussprache gefeilt. Dirigent ist Krzysztof Penderecki, ein Avantgarde-Komponist, dessen Musik auch in den Soundtracks von Shining und Der Exorzist zu hören ist.

Górecki komponiert die Sinfonie 1976 als Auftragsarbeit für den Südwestfunk Baden-Baden. Er ist bekannt für avantgardistische, dissonante Kompositionen. Mit der 3. Sinfonie schlägt er einen neuen Weg ein. Rhythmischer wird seine Musik, auch minimalistischer und kontemplativer. Górecki öffnet sie für Einflüsse aus der Volksmusik. Das zeigt sich auch im Libretto: Den Text des ersten Satzes entnimmt er einem Klagelied aus dem 15. Jahrhundert. Den dritten Satz bildet ein Volkslied aus Schlesien, in dem eine Mutter nach ihrem Sohn sucht, der in Aufständen getötet wurde. Beide Sätze haben die Trauer von Müttern zum Thema, sie Rahmen das Gebet der Gefangenen aus Zakopane ein.

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Góreckis 3. Sinfonie trifft bei der Kritik auf wenig Zuspruch. Der Komponist Pierre Boulez soll während der Premiere laut „Merde!“ gerufen haben. Ist Góreckis Komposition zu simpel gestrickt? Unter Musikern gilt sie grade wegen ihres Minimalismus, des langsamen Tempos und der sich über lange Zeiträume aufbauenden Dynamik als anspruchsvoll zu spielendes Stück.

Die Sinfonie ist schon fast vergessen, als Robert Hurwitz, der Chef der US-Plattenfirma Nonesuch, sie auf einem Festival in Polen hört. Er gibt, fünfzehn Jahre nach ihrer Uraufführung, eine Neuaufnahme mit dem Dirigenten David Zinman und der Sopranistin Dawn Upshaw in Auftrag. Hurwitz erinnert sich: „Nach den Aufnahmen dachte ich: Das war noch besser als erwartet. Das wird ein Erfolg – vielleicht verkaufen wir 25.000 Stück!“ Die Verkäufe übertreffen die optimistische Prognose um das 40-Fache, es werden über eine Millionen Exemplare. Góreckis 3. Sinfonie steht elf Wochen lang in den britischen Pop-Charts zwischen Alben von Paul McCartney und REM, im Februar 1993 erreicht sie Platz 6. Mehrfach wird sie als Filmmusik eingesetzt.

Górecki fremdelt mit dem Erfolg, einerseits. Andererseits ist er gerührt von den Reaktionen, die ihm zeigen, dass er ein völlig neues Publikum erreicht und berührt. In einem Radiointerview liest er den Brief eines schwedischen Mädchens vor, das bei einem Brand seine Mutter verlor, selbst nur knapp überlebte und aus der Trauersinfonie neue Kraft schöpfte.

Eine Coda. 2020, zehn Jahre nach Góreckis Tod, hat das katholische Nachrichtenmagazin Gość Niedzielny die Tochter von Helena Błażusiak ausfindig gemacht. Lange hatte man angenommen, dass die junge Gefangene die Haft in Zakopane nicht überlebt hatte. Nun erfährt die Journalistin, dass sie überlebte, fünf Kinder hatte und Jahrzehnte lang nicht über die Zeit ihrer Gefangenschaft sprach. Sie verwischte ihre Spuren regelrecht, indem sie ihren ersten Vornamen ablegte.

Błażusiak war Mitglied der polnischen Heimatarmee (AK), die während der Zeit des Zweiten Weltkriegs gegen die Deutschen Besatzer Widerstand leistete. Im Juli 1944 schloss sie sich der Aktion Burza an und wurde später von der Gestapo festgenommen, vermutlich nach einem Verrat. Die AK fiel nach dem Einmarsch der Roten Armee in Ungnade, weil sie inoffiziell weiter kämpfte – diesmal gegen das kommunistische Regime.

Erst in den letzten Lebensjahren erzählt Helena Błażusiak ihrem Schwiegersohn von der Haft. Ein Detail: Die Zeilen, die der Komponist Górecki in Zakopane von der Wand abschreibt und die Beth Gibbons so eindrücklich singt, hatte Helena mit einem Zahn in die Wand geritzt, den ein Gestapo-Offizier ihr ausgeschlagen hatte.

Helena Wanda Błażusiak-Pawlik starb am 25. Juli 1999.

Martin Kaluza, November 2023

Superstar gegen Verdrängung

Bad Bunny: „Apagón“ (2022)

„Ich will von hier nicht weggehen
Nein, ich will von hier nicht weggehen
Sollen sie doch abhauen“

Bad Bunny: „Apagón“
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Die Nachbarn in Santurce, einem Stadtteil der Puertoricanischen Hauptstadt San Juan, haben sich zur Krisensitzung getroffen. Maricusa, die seit 26 Jahren in ihrer Wohnung lebt, hat einen Zettel an der Tür gefunden. Ihr bleiben 30 Tage, sie zu räumen. Das Schreiben endet knapp: „Danke für Ihre Zeit, wir wünschen Ihnen das Beste.“ Den berüchtigten 30-Tage-Brief bekommen in letzter Zeit immer mehr Mieter in der Gegend.

Der knapp zwanzigminütige Dokumentarfilm „Aquí vive gente“ – Hier leben doch Leute! von Bianca Gralau erzählt Maricusas Geschichte: Das Haus wurde unlängst verkauft, der neue Eigentümer des Hauses will die Miete auf 2.500 Dollar im Monat anheben. Maricusa, die als Haushaltshilfe jobbt, hat zuletzt 600 gezahlt, im Durchschnitt hat ein Haushalt 1.750 Dollar im Monat. Kündigungsschutz hat hier niemand. Nach und nach werden die alten Bewohner des Stadtteils verdrängt. Was die Entwicklung noch beschleunigt: Die Regierung von Puerto Rico hat in den letzten 20 Jahren 1.000 Sozialwohnungen abgerissen und die Insel gleichzeitig zum Steuerparadies gemacht.

13 Millionen Aufrufe hat das Video schon, das ist eine ganze Menge für eine Doku über soziale Probleme aus Puerto Rico. Es liegt an den dreieinhalb Minuten Musik, die ihr vorangeht: Die Doku ist Teil des offiziellen Musikvideos zum Song „Apagón“ des Reggaetón-Sängers und Rappers Bad Bunny.

Benito Antonio Martínez Ocasio, wie er bürgerlich heißt, stammt aus Puerto Rico und ist derzeit einer der weltweit größten Stars der Musikszene. Drei Jahre in Folge war er der Musiker mit den meisten Streams auf Spotify, von 2020 bis 2022. Als Schauspieler hatte er eine Nebenrolle in der Serie Narcos, und auch als Wrestler betätigte er sich schon. Bad Bunny singt ausschließlich auf Spanisch, das macht ihn in und außerhalb der USA zur Identifikationsfigur.

Lange galt: Wer in der Popmusik Erfolg haben will und aus Lateinamerika stammt, muss irgendwann auf Englisch singen – von Gloria Estefan bis Shakira. Aber Bad Bunny denkt gar nicht daran und baut keck die Zeilen ein: „Ahora todos quieren ser latinos, pero les falta sazón, batería y reggaetón“ – Jetzt wollen alle Latinos sein, aber ihnen fehlen die Würze, Drums und Reggaetón.

Das Genre Reggaetón ist in Lateinamerika umstritten. Die Texte sind oft sexistisch und einfältig, zu groß die Dominanz der Dicke-Hose-Machos. Auch die Texte von Bad Bunny drehen sich oft um Sex und Partys, aber sie sind nie respektlos. Die Videos und Bühnenshows sind divers besetzt. Und „Apagón“, eine dreiteilige Party-Suite, ist nicht der erste Song mit sozialem Anspruch.

Im ersten Teil besingt Bad Bunny, was das Leben in Puerto Rico so sympathisch macht: ein Schwätzchen mit den Nachbarn, ein Küsschen für die Oma. Aber da: Schon wieder einen Stromausfall, otro apagón! Auch das wird im Video mit News-Ausschnitten dokumentiert: Der Strom fällt in Puerto Rico häufig aus, seit die Netze privatisiert wurden. Die Strompreise steigen trotzdem immer weiter, die Chefs bekommen Boni in Millionenhöhe.

Der zweite Teil des Song feiert das Lebensgefühl Puerto Ricos, speziell die Partyszene. Wer will da schon freiwillig weg? Das dritte Thema schließlich ist die Verdrängung. Bad Bunnys Partnerin, die ebenfalls aus Puerto Rico stammende Schmuckdesignerin und Model Gabriela Berlingeri, singt: „Sollen sie doch gehen. Ich bin von hier. Das ist mein Strand. Das ist meine Sonne. Das ist mein Land. Das bin ich.“

Martin Kaluza, Oktober 2023

Say It Loud! Folge 4: ¡Venceremos! Ein chilenischer Abend

Ihr beautiful people!

Unsere kleine Bühnenshow, in der sich alles um Protestsongs und Revolutionslieder, um Arbeiter- und überhaupt engagiertes Liedgut dreht, geht in die vierte Runde. Jo spielt Gitarre, ich lese Texte aus meinem Blog, wir schauen Videos und quatschen – und das in der schönsten Lese- und Auftrittslocation im ganzen Prenzlauer Berg! Am Kontrabass haben wir Lutz Weinmann zu Gast.

Am 14.9.23 dreht sich in „Say It Loud!“ alles um Chile, denn am 11. September jährt sich der Putsch des Militärs gegen die Regierung Salvador Allendes zum 50. Mal. Wir hören Lieder der Nueva Canción aus der damaligen Zeit, engagierten DDR-Rock, und wir feiern die Gegenwart mit Reggaetón, denn die Geschichte geht ja weiter. Über allem steht wie immer die Frage, wie die Message in den Song kam.

Das Publikum darf, weil es das die letzten Male so schön hinbekommen hat, auch wieder singen (die Bar hilft gerne, Hemmungen abzubauen).

Kommt alle! 
(Bringt Geld mit)

*

joambros.net
daspolitischelied.de

Donnerstag, 14.9.2023 um 20 Uhr

REH, Kopenhagener Str. 17, 10437 Berlin

Die geplatzte DDR-Tournee

Bap: „Deshalv spill mer he“ (1984)

„Un nocht jet, falls es nit schon ohnehin bekannt,
Dat ahn die Clique, die sich ‚Volksvertreter‘ nennt:
Uns kritt ihr vüür kein offizielle Kaar jespannt,
He, wo jet andres unger unsre Näjel brennt.“

Bap: „Deshalv spill mer he“
Externer Link: Wenn Sie auf das Bild klicken, öffnet sich in einem neuen Tab ein youtube-Link mit dem Song

1983 ist Bap die Band der Stunde. Wolfgang Niedecken singt durchweg in einem kölschen Dialekt, der außerhalb des Rheinlandes kaum verstanden und trotzdem innig geliebt wird. Die Alben „für usszeschnigge“ und „vun drinne noh drusse“ belegen über Wochen Platz 1 der deutschen Charts und werden mit jeweils doppelt Platin ausgezeichnet – den LPs sind Textblätter mit Verständnishilfen beigelegt. Auf der Tournee 1982/83 spielt die Band 126 Konzerte. Am 10. Juni tritt Bap auf der Demo gegen den Besuch des US-Präsidenten Ronald Reagan auf, es ist die größte Friedensdemo der Bundesrepublik.

Bap hat auch in der DDR viele Fans. Die staatliche Plattenfirma Amiga hat das letzte Album „vun drinne noh drusse“ in Lizenz veröffentlicht, 15.000 Exemplare waren binnen Stunden vergriffen. Die Band plant mit der Künstleragentur der DDR für die zweite Januarhälfte 1984 eine Tournee mit 14 Auftritten in 13 Städten. Den Auftakt soll ein Auftritt beim Festival „Rock für den Frieden“ im Palast der Republik bilden. Für das Konzert werden 5.000 Karten ausgegeben – 4.300 „auf Anrecht“, also an ausgewählte FDJler und Parteimitglieder, und 700 gehen in den freien Verkauf. Die Schlange, berichtet ein Fan, war anderthalb Kilometer lang.

Wenige Wochen vor Tourbeginn wird Bap zu einem Auftritt in der Jugendsendung „rund“ nach Magdeburg eingeladen. Der Bundestag hat gerade dem NATO-Doppelbeschluss zugestimmt: Die USA und ihre Verbündete wollen neue atomare Mittelstrecken in Westeuropa aufstellen, um die Sowjetunion zu Abrüstungsverhandlungen zu zwingen.

Im Interview mit der DDR-Jugendsendung bemerkt Niedecken, wie der Moderator ihn immer wieder in eine Richtung locken möchte: „Wir machten Interviewproben. Man wollte wohl von unbedingt von mir hören, dass SS20 Friedensraketen sind und Pershings Kriegsraketen. Das war fast Loriot-verdächtig.“ Am Ende spielt die Band drei Songs zum Playback, das Interview wird nicht gesendet.

Zurück in Köln schreibt die Band einen Song. Es geht um den Rüstungswahn auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs. Niedecken erträumt sich, dass SS20-Raketen zu einem Traktor umgeschmiedet werden und Pershings zu einer Lok. Der Refrain schließlich ist eine Breitseite gegen Zensur und DDR-Regime: „Hey du da und du – wann ist es hier so weit, dass man das Maul aufmachen darf, wenn man etwas sagen will? Es wird höchste Zeit!“

Der Song „Deshalv spill mer he“ hat seine Premiere am Tag vor Beginn der DDR-Tour in der Stadthalle Wolfsburg. Im Publikum: neben den westdeutschen Fans auch zwei Vertreter der DDR-Jugendorganisation FDJ.

Noch im Bus auf der Transitstrecke sagt Percussionist Manfred Boecker einem Reporter, er habe „ein bisschen Angst, dass wir die Tour nicht durchziehen können. Wenn wir uns so verhalten wie wir das vorhaben, so wie auch hier in der Bundesrepublik, dann sehe ich da Schwierigkeiten.“ Sänger Wolfgang Niedecken redet sich Mut zu: „Wenn wir bei uns kritisch sind, dann müssen wir da genauso kritisch sein.“

Als die Band im Hotel Unter den Linden in Berlin einquartiert wird, hat sie noch immer keinen offiziellen Vertrag für die Konzerte der Tournee. Die Künstleragentur besteht darauf, den Text des neuen Songs vorab zu lesen. Während die Band Kaffee trinkt, entziffern Mitarbeiter am Nebentisch Zeile für Zeile Niedeckens Kölsch. In den Verhandlungen wird schnell klar: Die Band darf den Song nicht in der DDR spielen. Die Band sagt: „Wir spielen den oder wir fahren ab.“

Das Festival „Rock für den Frieden“ findet ohne Bap statt. „Ihr wisst, heute sollte an dieser Stelle die Gruppe Bap aus der BRD auftreten“, erklärt der Ansager des Festivals. „Die Gruppe hat es allerdings vorgezogen, gestern wieder abzureisen. Sie wollten nicht unter dem Symbol der weißen Taube unter blauem Grund auftreten.“ Stattdessen springt die auch im Westen bekannte DDR-Rockband „Puhdys“ ein.

Wolfgang Niedecken wird von einem West-Reporter noch vor der Rückreise in Ost-Berlin konfrontiert: Ob nicht von Beginn an klar gewesen sei, dass man das fragliche Stück hier nicht spielen könne. Niedecken antwortet: „Jetzt müssen wir unheimlich aufpassen, dass wir uns ein paar hundert Meter weiter nicht vor einen [anderen] Karren spannen lassen von den kalten Kriegern, die da sitzen und sagen: Siehste, ätsch, da habt ihr’s, ihr Alternativis, ihr Linken.“ Auf die Frage, wie sich das alles anfühle, entgegnet Niedecken: „Beschissen.“

Das Politbüro beschließt am 17. Januar, dass Rockgruppen aus dem Westen nicht mehr in der DDR auftreten können. In den nächsten beiden Jahren werden auch keine West-Bands mehr zum Festival Rock für den Frieden eingeladen. Eine bereits geplante Tour von Udo Lindenberg für das Jahr 1984 wird ebenfalls abgesagt.

Puhdys-Sänger Dieter Birr, der mit seiner Band auf dem Festival für Bap einsprang, fand die Reaktion der Kölner „bescheuert und unfair dem Publikum gegenüber“. Wolf Biermann, aus der DDR ausgebürgerter Liedermacher, sagte Jahre später einmal dem Spiegel: „Die Kulturbonzen der DDR haben eben vor ein paar kölschen Wahrheiten mehr Angst als vor einem Skandal, der entstand, als die Bap-Leute sich entschlossen, keine DDR-Zensur zu dulden. Und auf längere Sicht haben Wolfgang Niedecken und seine Freunde mit guter Nase den besseren Fehler gemacht.“

Durch Ostdeutschland tourt Bap schließlich doch noch, 1991, nach dem Fall der Mauer.

Niedecken sagt später einmal über die Rückreise von der geplatzten DDR-Tournee: „Wir fühlten uns deshalb beschissen, weil wir mittlerweile kapiert hatten, dass die Leute sowieso wussten, wieso wir da spielen. Das Lied wäre gar nicht nötig gewesen.“

Martin Kaluza, Mai 2023