Martin Kaluza, Jahrgang 1971, ist Autor und Musiker. Er hat in politischer Philosophie promoviert und liebt Songs, in denen viel „I love you“ und „Yeah yeah yeah!“ vorkommt. Für dieses blog hört er sich politische Songs rund um den Globus an – denn Musik war immer auch kämpferisch!
Am 30.3. treten wir in der BAR in Stuttgart-West auf. Dort befassen wir uns mit Songs aus sechs Jahrzehnten (eigentlich sind es sogar sieben, aber der Flyer war schon fertig) und – ich habe nachgezählt – drei Jahrtausenden. Dieter Fischer ist mit dem Bass dabei, und vom Wirt hört man, er sei ein begnadeter Sänger.
Vor dem Start der Jubiläumsspielzeit im Sommer, ab Juni 2025 im Burghof, Burggraben und Gewölbe, laden die Burgfestspiele Jagsthausen am Samstag, 29. März 2025 mit „Say it Loud – Bauernkriegs-Edition“ zu einer besonderen Veranstaltung ins Gewölbe der Götzenburg ein.
„Say It Loud!“ heißt der politische Song-Salon des Gitarristen Jo Ambros und des Journalisten Martin Kaluza. In der musikalischen Bühnenshow dreht sich alles um Protestsongs, Revolutionslieder, Arbeiter- und überhaupt engagiertes Liedgut. Zum 500. Jahrestag der Bauernkriege nehmen sie das Publikum mit auf eine Zeitreise durch die Geschichte der Landkonflikte – von Geyers schwarzem Haufen über die Folksänger des 20. Jahrhunderts bis zu aktuellen Songs über Verdrängung.
Begleitet werden sie von Johann Polzer und Dieter Fischer. Es wird eine spannende Mischung aus Livemusik, Lesung, Videoabend und Karaoke.
„It’s not called an Indian victory But a bloody massacre And the General, he don’t ride well anymore There might have been more enthusing If us Indians had been loosing But the General, he don’t ride well anymore
Johnny Cash: „Custer“
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Ein „Massaker an unseren Truppen“ vermeldet die New York Times am 6. Juli 1876: „General Custer und siebzehn Offiziere in Schlacht am Little Horn hingemetzelt – Angriff auf überwältigend großes Camp von Wilden – 315 Tote und 31 Verwundete.“
Wenige Tage zuvor hatte General George Armstrong Custer die 7. Kavallerie im Kampf gegen die Sioux in den Untergang geführt. Die Zahl der Gegner, angeführt von den Häuptlingen Sitting Bull und Spotted Elk, Two Moons, Gall und Crazy Horse, hatte Custer trotz Vorwarnungen komplett unterschätzt.
Die militärisch wenig bedeutende Schlacht, unter Lakota und Cheyenne als Schlacht von Greasy Grass bekannt, wird schnell zum US-amerikanischen Mythos. General Custer gilt als Held.
Johnny Cash sieht das anders. Knapp neunzig Jahre nach der Schlacht verspottet er Custer in einer flotten Countrynummer, leichtfüßig und mit scharfer Ironie: „To some he was a hero / But to me his score was zero“: „Für einige war er ein Held, von mir bekommt er null Punkte“. Custer habe Frauen, Hunde und Kinder getötet, während die Männer auf der Jagd waren – das waren seine „Siege“.
Custers fatalen strategischen Fehler, das Regiment aufzuteilen, um von drei Seiten aus angreifen zu können, kommentiert Cash: „Custer split his men / Well he won’t do that again“. Vers um Vers demontiert er den General, jeder Zweizeiler endet lapidar: „The General, he don’t ride well anymore“ – „Der General sitzt nicht mehr gut im Sattel“.
Johnny Cash ist ist mit seinem Hit „Ring of Fire“ frisch zum Star aufgestiegen. Im Greenwich Village in New York lernt er die elektrisierende Folk-Szene kennen, freundet sich mit Bob Dylan an. Die Stimmung ist politisch. Man schreibt „Topical Songs“, Lieder, die bestimmte Ereignisse und Persönlichkeiten zum Gegenstand haben.
Joan Baez, Bob Dylan und Harry Belafonte engagieren sich für die Bürgerrechtsbewegung, stehen beim Marsch auf Washington neben Martin Luther King auf der Bühne. Cash beschließt, ebenfalls einer unterdrückten Gruppe eine Stimme zu geben. Den amerikanischen Ureinwohnern fühlt er sich besonders nah, schließlich fließt in seinen Adern – so glaubt er damals noch – auch das Blut der Cherokee. Cash ist in ärmsten Verhältnissen aufgewachsen. Dabei hat er erlebt, dass die indianischen Nachbarn noch schlechter behandelt wurden als seine eigene Familie.
Cash lernt den Sänger Peter La Farge kennen und ist gleich von einem seiner Protestsongs begeistert: „Tha Ballad of Ira Hayes“ erzählt die tragische Geschichte eines indianischen Weltkriegshelden. Das Thema liegt in der Familie: Der Songwriter ist Sohn des Anthropologen und Harvard-Absolventen Oliver La Farge, der 1930 mit „Indianische Liebesgeschichte“ den Pulitzer-Preis gewonnen hatte, einem Roman, in dem indigene US-Bewohner respektvoll und menschlich dargestellt werden.
Cash beschließt, ein Konzeptalbum aufzunehmen, das je zur Hälfte aus eigenen Songs und denen von La Farge besteht: Auf „Bitter Tears: Ballads of the American Indian“ singt Cash zum hittauglichen Country-Sound, der ihn berühmt gemacht hat, über das Massaker von Wounded Knee, er beklagt Zwangsadoptionen und den vertragswidrigen Bau eines Staudamms auf dem Land der Seneca.
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Das von La Farge geschriebene „Custer“ ordnet die Schlacht von Little Bighorn neu ein: Nicht ein Massaker an Custers Truppe war sie, sondern ein Sieg der Indianer. Cash stellt sich selbst auf ihre Seite, spricht als einer von ihnen: „There might have been more enthusing / If us Indians had been loosing“.
Einige Country-Sender weigern sich, Songs vom Album „Bitter Tears“ zu spielen. Das Billboard Magazine veröffentlicht nur eine kleine Notiz und keine ausführliche Plattenkritik, die bei einem solchen Star selbstverständlich wäre. In einem offenen Brief, den er als Anzeige veröffentlicht, antwortet Cash dem Magazin und Radio-DJs: „Habt Ihr denn gar keine Courage?“
Mit dem Album „Bitter Tears“ ist Johnny Cash ein Vorreiter, der den Indigenen in der breiten Öffentlichkeit Gehör verschafft. Fünf Jahre später erscheinen zwei einflussreiche Bücher, Dee Browns „Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses“, eine Geschichte der Indianerkriege auf dem Gebiet der USA, und „Custer starb für eure Sünden“, der Essay-Band des indianischen Politikwissenschaftlers und Aktivisten Vine Deloria junior.
Johnny Cashs Engagement hallt bis heute in der indigenen Community nach. Am 25. Juni 1966, zwei Jahre nach Veröffentlichung des Albums, wird Johnny Cash in einer öffentlichen Zeremonie vor 1.500 Menschen vom Seneca-Turtle-Stamm adoptiert. Er bekommt den Stammesnamen „Hago’ata“ verliehen: Geschichtenerzähler.
„And there won’t be snow in Africa this Christmas time The greatest gift they’ll get this year is life (Ooooh) Where nothing ever grows, no rain or river flows Do they know it’s Christmas time at all?“
Band Aid: „Do They Know It’s Christmas“
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Am Bob Geldof, der Sänger der Boomtown Rats, sieht eine BBC-Doku über die Hungersnot im Norden Äthiopiens. Eine heftige Dürre hat das Land ausgetrocknet, die Militärregierung trägt nichts dazu bei, den acht Millionen Betroffenen zu helfen, im Gegenteil, sie steckt alles Geld in den Kampf um die inzwischen unabhängige Region Eritrea.
Der Reporter Michael Buerk berichtet aus einem Flüchtlingslager in der nordäthiopischen Stadt Korem und spricht von einer Hungersnot „biblischen Ausmaßes“. Bis zu einer Million Menschen verhungern, es ist schwer zu schätzen. Die Bilder der BBC gehen um die Welt.
Geldof will etwas gegen den Hunger unternehmen: Er schreibt einen Song mit Midge Ure, dem Sänger von Ultravox, und trommelt dutzende Stars zusammen, um ihn einzusingen: U2, Bananarama, Duran Duran, Spandau Ballet, Status Quo, Sting, Boy George und Paul Young.
In der ersten Strophe beschwören Paul Young und Boy George den Geist einer friedlichen Weihnacht in unserer Welt des Überflusses. George Michael und Simon LeBon bringen eine neue Perspektive ins Spiel: „But say a prayer / Pray for the other ones“.
Noch bevor im Refrain die Dürre in Afrika erwähnt wird, singt Bono die etwas unglücklichen Zeilen: „Well, tonight thank God it’s them instead of you“ – „Heute trifft es Gott sei Dank sie, nicht dich“. Die musikalische Klimax ist mit der rhetorischen Frage erreicht: Wissen sie überhaupt, dass Weihnachten ist?
Die Beteiligten verzichteten auf ihre Gagen. Geldof telefoniert Kaufhausketten und Plattenhändler ab, um sicherzustellen, dass auch sie auf ihren Anteil verzichten. Allein Margret Thatcher kann er nicht überzeugen, die Erlöse von der Umsatzsteuer zu befreien.
„Do They Know It’s Christmas“ springt in UK direkt auf Platz 1, es wird der erfolgreichste britische Song der 1980er Jahre. Harry Belafonte ist so beeindruckt von dem Benefiz-Song, dass er mit Michael Jackson, Lionel Ritchie und vielen anderen US-Stars im Folgejahr ebenfalls einen aufnimmt: „We Are the World“.
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Damit ist es nicht zu Ende: Am 13. Juli 1985 findet mit „Live Aid“, ebenfalls von Geldof und Ure organisiert, parallel in London und Philadelphia das größte Rockkonzert der Welt statt. In Radio und Fernsehen hören weltweit 1,5 Milliarden Menschen zu, auch hier fließen die Erlöse in die Hungerhilfe.
Zu den Jubiläen 1989 und 2004 und 2014 erscheinen neue Fassungen von „Do They Know It’s Christmas“. Zum 40. Jubiläum erscheint 2024 ein Remix aus den vorigen Fassungen. In einem Interview zum 35-jährigen Erscheinen schätzt Geldof, dass über die Jahre 200 Millionen Pfund an Einnahmen zusammengekommen seien. Doch der Song zieht auch Kontroversen nach sich. Der erste Vorwurf trifft die Stars bereits damals: Sie machten das doch nur, um sich im Gespräch zu halten und ihre eigenen Plattenverkäufe zu verbessern.
Ein BBC-Korrespondent meldet aus Äthiopien: Natürlich wissen die Menschen dort, dass Weihnachten ist. Die Hungersnot treffe vor allem die christlich-orthodoxe Region Tigray.
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Mit den Jahren wird ein anderer Vorwurf immer lauter: Afrika werde in dem Song stereotyp als Ort des Hungers und des Schreckens dargestellt, die Perspektive sei letztlich eine koloniale. Die Hungersnot betraf den Norden Äthiopiens, doch im Song wird das Land gar nicht genannt. Die Rede ist nur von: Afrika.
„Ich bin für zwei der schlimmsten Songs in der Geschichte verantwortlich“, sagt Bob Geldof einmal über „Do They Know It’s Christmas“ und „We Are The World“. Er brauche nur im Supermarkt an die Fleischtheke zu gehen, und da werden sie unweigerlich gespielt: „Every fucking Christmas.“
„Freiheit, Freiheit, Freiheit Sie beginnt in unseren Herzen Freiheit, Freiheit, Freiheit Sie macht uns keine Angst“
Soolking: „Liberté“
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Am 10. Februar 2019 verkündet Algeriens greiser Präsident Abdelasis Bouteflika, dass er bei den im April stattfindenden Wahlen erneut antreten werde. Da hat er schon zwanzig Jahre als Staatschef hinter sich, und in der letzten Zeit ist sich die Öffentlichkeit gar nicht mehr sicher, ob er überhaupt noch in der Lage ist, Regierungsgeschäfte zu führen. Nach mehreren Schlaganfällen saß der 82-Jährige im Rollstuhl und konnte kaum noch sprechen. Zuletzt hatte man ihn drei Jahre lang nicht im Fernsehen gesehen.
In vier Amtszeiten hat Bouteflika Milliarden an Staatsgeldern außer Landes geschafft. Die Ankündigung seiner erneuten Kandidatur löst Massenproteste aus, die größten seit dem Bürgerkrieg in den 1990er Jahren. Die Menschen demonstrieren in Algier und anderen großen Städten, immer Freitags.
Ein melancholisch-souliger Song mit Akustikgitarre, reduziertem Stolper-Beat und ordentlich Autotune-Effekt auf dem Gesang begleitet die Demonstrationen. Das Lied im Stil des algerischen Raï wird an Straßenecken und auf Plätzen gespielt. „Es scheint, dass die Macht käuflich ist“, singt Soolking, einer der größten Popstars Algeriens auf Französisch. Die Macht, „le pouvoir“, damit sind die mächtigen Greise gemeint, die die Geschicke des Landes bestimmen. Weiter singt er: „Wenn ich sage, dass ich mit dir glücklich bin, lüge ich.“
Auf den Demos geht es um mehr als Bouteflikas Kandidatur. Die Proteste, in Algerien unter dem Namen „Hirak“ („Bewegung“) bekannt, richten sich friedlich gegen die Machtelite und fordern mehr Demokratie. Die Bilder von jungen Leuten, die Blumen an Polizisten verteilen, gehen um die Welt. Bis zu einer Million Menschen versammeln sich an manchen Tagen. „Gib mir meine Freiheit zurück, ich bitte dich freundlich“, singt Soolking in „Liberté“.
Der Ursprung des Songs liegt in der Fußball-Fanszene. „Das Original stammt von Ouled El Bahdja, einer Gruppe, die im Stadion Musik macht“, erklärt Soolking dem Guardian. „Ich habe den Text geschrieben, die Musik mit ihnen ein bisschen bearbeitet, und dann wurde es mehr als ein Stadionsong. Jetzt ist es ein internationaler Song.“ Mit inzwischen über 380 Millionen Klicks allein auf Youtube ist „Liberté“ einer der meistgestreamten Songs des Landes.
Algerische Fußballfans gelten seit jeher als musikalisch, unabhängig und kreativ. Besonders die Gruppe Ouled El Bahdja, Fans des Hauptstadt-Clubs USMA, schreibt lieber eigene Songs als bekannte Hits umzutexten. Ein lockerer Kreis von rund zwanzig Mitgliedern trifft sich regelmäßig, um zu komponieren und Textideen zu besprechen. Sie nehmen sogar Songs im Studio auf. Ein erstes Album, das 2013 erscheint, wird gleich zum Hit.
Die USMA-Fankurve ist seit Jahrzehnten politisch. Während des Unabhängigkeitskriegs von 1954 bis 1962 starben dutzende Widerstandskämpfer aus dem Umfeld des Clubs. 1988 nahmen Kundgebungen gegen die Einparteienherrschaft in den Hochburgen der USMA-Fans ihren Anfang. Und während des Bürgerkriegs, der zwischen 1991 und 2002 rund 150.000 Menschen das Leben kostete und mit einem Sieg der Regierungstruppen endete, wurden mehrere Anhänger des Clubs wegen ihrer politischen Lieder verhaftet. „In den Neunzigerjahren“, berichtet die algerische Journalistin Lynda Abbou, „wurden in den Stadien Lieder improvisiert, die nach und nach politisch immer engagierter wurden.“
In der letzten Strophe des Soolking-Songs sind die Gesänge der Ouled El Bahdja-Fans zu hören, auf Arabisch fordern sie die Freilassung von Inhaftierten.
Tage vor Ablauf seiner Amtszeit erklärt Bouteflika seinen Rücktritt, doch die Proteste gegen „le pouvoir“ gehen noch über Monate weiter. Als im März 2020 auch in Algerien Corona-Schutzmaßnahmen verhängt werden, bitten prominente Unterstützer der Proteste, die Großdemonstrationen einzustellen.
Maurice Conrad & Bruneau: „CSD in Sonneberg“ (2023)
„Es ist CSD in Sonneberg Und die AfD empört Überall ist Party Weil den Landrat unsre Party stört“
Maurice Conrad & Bruneau: „CSD in Sonneberg“
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25. Juni 2023, die Stimmen der Kommunalwahl im Landkreis Sonneberg sind ausgezählt: Robert Sesselmann, der Kandidat der AfD, hat die Stichwahl gegen den amtierenden CDU-Landrat Jürgen Köpper, der von einer Parteienkoalition unterstützt wurde, mit 52,8% gewonnen. Damit steht fest: Die AfD erringt zum ersten Mal ein kommunales Spitzenamt.
Der neue Landrat gilt als Anhänger des rechtsextremen Landesparteichefs Bernd Höcke und bedient das ganze rechtspopulistische Vokabular von „Altparteien“ bis „Systemmedien“. Seine Stimmen hat Sesselmann mit den Slogans „Grenzen schließen“, „Frauen vor dem Islam schützen“ und „Gegen Windräder – für Diesel“ geholt. Seine Wahl ist ein Schock, Medien berichten weit über die Landesgrenzen hinaus.
Der Mainzer Kommunalpolitiker und Aktivist Maurice Conrad überlegt sich, was eine angemessene Antwort wäre. Wie könnte man der AfD und ihrer Wählerschaft möglichst plakativ zeigen, dass man ihr das Feld nicht überlässt? Ganz klar: Es bräuchte einen CSD in Sonneberg!
Conrad, Jahrgang 2000, steht für praktisch alle Werte, die die AfD ablehnt. Er setzt er sich für Klimaschutz und Seenotrettung ein und macht sich für LGBTQ*-Anliegen stark. Als Gründungsmitglied der Klimaliste Rheinland-Pfalz sitzt er seit 2019 im Mainzer Stadtrat. Früher war er Mitglied der Piraten, inzwischen ist er bei den Grünen und zur grünen Fraktion gewechselt.
Conrad tut sich mit dem Musiker Bruneau zusammen. Sie produzieren einen Song, in dem sie sich einen CSD in der Thüringer Kleinstadt herbeiwünschen. „AfD tut es weh, wenn du Glitzer im Gesicht hast“ rappt Bruneau, und Conrad über den neuen Landrat: „Doch er ist frustriert, denn er hat nicht in der Hand / Wie wir aussehen, wen wir lieben, wie wir uns kleiden.“ Die Kernbotschaft lautet: „Straight oder Queer oder Ally, egal / Hauptsache wir zeigen, wir sind noch da.“
Conrad und Bruneau fahren nach Sonneberg, um vor Ort das Video zu dem Song zu drehen – Conrad im bauchfreien Top und Shorts, alle Beteiligten geschminkt, die Pride Flag immer dabei. Sie überkleben demonstrativ die Toilettentüren am Rathaus mit genderneutralen Symbolen. Und dann läuft tatsächlich Landrat Robert Sesselmann mit seiner Aktentasche durchs Bild, während Conrad im Hintergrund rappt.
Eine einschüchternde Atmosphäre liegt während des Videodrehs über der Stadt. „Bruneau und ich konnten wieder abfahren, zurück nach Köln und Mainz“, schreibt Conrad in seiner Taz-Kolumne „Änder studies“. „Aber was ist mit den Menschen vor Ort? Mit denen, die sich gar nicht erst trauen, auf dem Rathausplatz ihrer Heimatstadt in einem Musikvideo mitzuwirken, weil sie Angst haben, ihre Beteiligung könnte für sie zum Problem werden?“
Einer der ersten Kommentare zu dem Video stammt von User 777MelB: „Hey guyys, ich feiere euch!!!! Ich komme aus Südthüringen, habe viele Jahre in Sonneberg gelebt und habe da immer noch Familie. In der Zeit damals habe ich einige heimlich (!) Schwule und Lesben kennengelernt! Ein echter CSD, wenn auch nur mit 10 Teilnehmern, wäre echt der burner!!“
Ein Jahr später wird der Wunsch Wirklichkeit: Aus der Thüringer Kleinstadt heraus organisiert, mit Unterstützung der Community aus dem 25 Kilometer entfernten Coburg, findet am 20. Juli 2024 erstmals ein CSD in Sonneberg statt.
Walter Andreas Schwarz: „Im Wartesaal zum großen Glück“ (1956)
„Und man baute am Kai der Vergangenheit Einen Saal mit Blick auf das Meer Und mit Wänden aus Träumen gegen die Wirklichkeit Denn die liebte man nicht sehr“
Walter Andreas Schwarz: „Im Wartesaal zum großen Glück“
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Am 24. Mai 1956 findet im Kursaal von Lugano erstmals der Grandprix Eurovision de la Chanson statt, der Vorläufer des heutigen ESC. Jedes der damals sieben Teilnehmerländer schickt zwei Lieder ins Rennen. Der neue Wettbewerb soll das Fernsehen populärer machen, bislang haben nur sehr wenige Haushalte einen eigenen Apparat.
Für Deutschland startet der damals unbekannte Freddy Quinn mit dem flott swingenden „So geht das jede Nacht“. Doch zuvor trägt der noch unbekanntere Walter Andreas Schwarz das düstere Chanson „Im Wartesaal zum großen Glück“ vor. Ein wehmütiges Akkordeon suggeriert Seefahrerromantik. Arrangement und Sprechgesang erinnern an die Theatermusik von Brecht und Weill.
Der Wartesaal, um den geht, steht am Kai der Vergangenheit und bietet einen Blick auf ein Meer, auf dem kein Schiff kommt. Oder hat gerade eines abgelegt? Die Leute, die dort sitzen, warten auf das große Glück. „Die armen, armen Leute“, singt Schwarz.
Das Mitleid ist ironisch gemeint, denn die Wartenden haben es nicht anders verdient. Die Wände des Saals sind aus Träumen gemacht, „gegen die Wirklichkeit, denn die liebte man nicht sehr.“ Darum geht es also: Die Wartenden wollen die Vergangenheit nicht sehen. Im Deutschland der 1950er versteht das Publikum unmittelbar, dass die Verbrechen der Nazizeit gemeint sind.
Eine ambivalente Erlöserfigur taucht auf und kommt „mit gläserner Fracht von den Sternen.“ Er erleuchtet aber nicht die Wartenden, sondern die Fischer draußen auf dem Meer. Eine Figur wie bei Kafka, schwer zu fassen.
Die Jury befindet: Der Schweizer Beitrag „Refrain“ von Lys Assia gewinnt. Für die anderen Songs wird gar keine Rangfolge bekanntgegeben, die Stimmzettel werden vernichtet. Es halten sich Gerüchte, Schwarz hätte den 2. Platz belegt – das kann aber auch daran liegen, dass alle Titel, die nicht gewonnen haben, als 2. Platz aufgeführt werden.
Walter Andreas Schwarz ist jüdischer Abstammung, 1938 war er mit seiner Familie in das Konzentrationslager Holzen in Niedersachsen verschleppt worden. Seine Eltern werden ermordet, Schwarz überlebt, weil er den Lagerkommandanten aus der Schule kennt.
Für Schwarz bleibt der Song ein seltener Ausflug in musikalische Gefilde. Schwarz ist Radioautor und Sprecher – einer der profiliertesten. Nach dem Krieg hat er einige Jahre in England verbracht und für die deutschsprachige Sparte der BBC gearbeitet, bevor er nach Deutschland zurückkehrte.
Bis zu seinem Tod 1992 spricht Schwarz 200 Hörspiele ein und produziert Hörbücher. Er schreibt Radiofassungen von Cervantes‘ „Don Quijote“, Heinrich Manns „Untertan“ und Lion Feuchtwangers „Jud Süß“. Er ist für die deutsche Fassung von „Per Anhalter durch die Galaxis“ verantwortlich. Daneben tritt er als Kabarettist auf.
1966, rund zehn Jahre nach seinem Grandprix-Auftritt, beschäftigt ihn die Vergangenheitsbewältigung der Deutschen erneut. Für WDR und HR produziert Schwarz eine Radiosendung unter dem Titel „Wiedergutmachung“, in der er, leicht fiktionalisiert, auch über seine eigenen Erfahrungen mit der schmerzhaft trägen und oft widersprüchlichen Entschädigungs-Bürokratie der Bundesrepublik spricht.
Die autobiographisch geprägte Figur George Kansky, wie Schwarz NS-Opfer und zwischenzeitlich nach England emigriert, hat auch achtzehn Jahre nach dem Krieg noch nicht das Recht bekommen, dass sie „zu finden hoffte“. Und gerade hat die Bundesregierung beschlossen, einen Teil der Zahlungen um weitere zwei Jahre aufzuschieben, um Haushalt und Währung nicht zu schaden. Stattdessen hat man ihm eine Abschlagszahlung aus einem Vergleich angeboten, um den Fall abschließen zu können. „Wie ist es möglich, dass die Wiedergutmachung so lange dauert?“ Kansky/Schwarz akzeptiert den Vergleich, kauft sich von dem Geld ein Auto – und zieht damit Neid auf sich.
Während noch viele der 3 Millionen Geschädigten des NS-Regimes auf materielle Wiedergutmachung warten müssen, geht es mit der Bearbeitung der Versorgungsansprüche der „Parteibuchbeamten“ viel schneller voran – also von Beamten, die in der NS-Zeit Mitglied der NSDAP waren.
„Wieso sitzen solche Leute heute noch immer als Beamte in den Ämtern?“
Kansky erfährt, dass der Hauptschuldige an der Verschleppung der holländischen Juden, der auch für den Tod von Anne Frank verantwortlich war, als Beamter mit größerer Verantwortung in der bayrischen Finanzverhaltung arbeitete – bis er kürzlich verhaftet wurde. „Wieso sitzen solche Leute heute noch immer als Beamte in den Ämtern?“
Debatten und Hängepartien um die materielle Entschädigung verstellen Kanskys Ansicht nach den Blick auf die noch tiefer greifende Frage nach der moralischen Wiedergutmachung. Die Frage will er erst beantworten, wenn sich nach ein paar Jahren die Debatten um die materielle Wiedergutmachung gelegt haben, „wenn nicht mehr jemand halb gelangweilt, halb verdrossen sagt: ‚Wir zahlen ja.‘ (…) Wenn die Stacheldrahtzäune menschlicher Unzulänglichkeit fallen, hinter denen eine Vergangenheit gefangen gehalten wird, die den Menschen von heute und morgen ihre redliche Unbefangenheit und ihre Freude am Leben streitig macht; den Unschuldigen von heute und den Verfolgten von gestern.“
Walter Andreas Schwarz‘ Song über den Wartesaal wird noch hin und wieder im Fernsehen ausgestrahlt, gerät allmählich in Vergessenheit. Eine bemerkenswerte Wiedergeburt erfährt er rund sechzig Jahre nach dem ersten Grandprix in Lugano. Der Liedermacher Hannes Wader erinnert sich an den Song, spielt ihn auf Konzerten und veröffentlicht 2015 eine Aufnahme auf dem Album „Live“. Und – ganz aktuell – in diesem Jahr findet sich der Wartesaal auf dem Stoppok-Album „Teufelsküche“, im Duett mit Alin Coen gesungen.
„Der Kapitalismus ist an allem Schuld Wir sind am Ende mit unsrer Geduld Wir leben eigentlich selber prekär Wenn nur das mit der Wohnung nicht wär“
Christiane Rösinger: „Eigentumswohnung“
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Die Mieterin hat sich den Wecker gestellt. Noch kurz Zähne putzen, da klingelt es schon an der Tür. Eine ganze Kolonne von Menschen schlurft in die Wohnung, alle ungefähr in der Lebensmitte, ein paar Kinder sind dabei, und alle schauen sich unverhohlen um, als würde das alles schon ihnen gehören. Die Mieterin, die hier immerhin noch wohnt, beachten sie gar nicht.
Christiane Rösinger singt dazu: „Von den Eltern zur Belohnung/und zur eigenen Nervenschonung/und zur ständigen Naherholung/kriegen wir jetzt eine Eigentumswohnung.“ Die etwas verschämte Formulierung, wir „kriegen“ eine Eigentumswohnung, zeigt schon: So ganz wohl ist ihnen bei der Sache nicht, aber was soll man tun, wenn die Eltern es nur gut meinen mit einem? Lakonisch lässt Rösinger den Chor der Erben singen: „Wir leben eigentlich selber prekär, wenn nur das mit der Wohnung nicht wär.“ Da steht sie im Raum, die Klassenfrage.
Christiane Rösinger wuchs auf einem Bauernhof bei Rastatt auf. Mitte der 1980er Jahre zog sie, alleinerziehend, zum Studium nach Berlin. Mit Almut Klotz und Funny van Dannen gründete sie die Lassie Singers. Mit rumpeligem DIY-Indie-Charme beklagte die Band das Nervpotenzial öffentlich zur Schau gestellter Zweierbeziehungen („Pärchen verpisst euch, keiner vermisst euch!“), verweigerte sich demonstrativ dem Leistungsdenken („Wir wollen nämlich gar nicht besser sein“) und genoss in Studi-Kreisen schnell Kultstatus.
Berlin-Kreuzberg, damals ein armer Randbezirk im Schatten der Mauer, zieht Paradiesvögel und Verrückte aus der ganzen Bundesrepublik an, Kreative und Alternative sowie Männer, die hier dem Wehrdienst entgehen. Das Leben ist so günstig, dass ein Nebenjob reicht, die Selbstverwirklichung zu finanzieren. Das gilt sogar noch einige Jahre nach dem Mauerfall. „Damals war es einfacher, den Lebensunterhalt zu verdienen. Die Leute hatten weniger Angst, ihre Wohnung zu verlieren. Es war eine unbeschwertere Zeit“, erinnert sich Rösinger in einem Radiointerview.
Mittlerweile veröffentlicht sie Alben unter eigenem Namen, schreibt Bücher und Zeitungsartikel, kuratiert die Veranstaltungs- reihe „Flittchenbar“, schreibt und inszeniert Musicals und Theaterstücke, zuletzt die Agitpropshow „Die große Klassenrevue“. An zwei Tagen in der Woche gibt sie Geflüchteten Deutschunterricht. Nichts, womit man reich werden würde.
„Wenn man jünger ist, sieht man die Klassenunterschiede nicht“, erklärt Rösinger einmal. „Da haben halt alle wenig Geld und spartanische Wohnungen.“ Schon damals, meint sie, hätte auffallen können, dass einige gar nicht arbeiten mussten.
Doch jetzt, wo eine Generation in das Alter kommt, in dem man erbt, wird das Machtgefälle sichtbar: Wer hat, kann die anderen verdrängen. Dass sich in den Nachkriegsjahren im Westen deutlich mehr Wohlstand zum Vererben angesammelt hat als im Osten, ist dabei noch nicht einmal erwähnt.
Seit 1986 wohnt Rösinger in der gleichen Kreuzberger Wohnung – zur Miete. Vor ein paar Jahren wurden die Wohnungen in ihrem Haus einzeln verkauft und in Eigentum umgewandelt. Auch bei ihr liefen schon Kaufinteressenten durch die Zimmer. Es ist die Wohnung, die im Video zu sehen ist.
„Wenn es doch Kinder gibt wie Luchín Die sich Erde und Würmer in den Mund stecken Dann lasst uns alle Käfige öffnen Damit sie fliegen wie Vögel“
Victor Jara: „Luchín“
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Ein Unwetter im Winter 1970 lässt den Río Mapocho in Santiago de Chile anschwellen. Das Wasser überschwemmt die „poblaciónes callampas“, Armensiedlungen, die am Stadtrand wie Pilze aus dem Boden schießen. An der Kunstfakultät der Universidad de Chile tun sich Freiwillige zusammen, um in der Siedlung Barrancas bei den Aufräumarbeiten zu helfen.
Einer Tanzstudentin fällt in den schlammigen Straßen ein kleiner Junge auf, kaum ein Jahr alt. Es ist das zehnte Kind eines Ehepaars, das in dieser Armut lebt, und braucht dringend medizinische Hilfe. Die Professorin der Studentin, Joan Jara, und ihr Mann Victor nehmen sich des Jungen an, bringen ihn ins Krankenhaus und adoptieren ihn schließlich.
Victor Jara, ursprünglich Theaterautor und Regisseur, ist einer der bekanntesten Liedermacher in Chile. Über die Armut, in die sein Adoptivsohn Luis, den er zärtlich „Luchín“ nennt, geboren wurde, schreibt er eine sanft wiegende Folk-Ballade im Sechsachtelteltakt: „Zerbrechlich wie ein Drachen auf den Dächern von Barrancas spielte der Junge Luchín mit seinen violetten Händen mit dem Ball aus Lumpen, mit Katze und Hund, das Pferd sah ihm dabei zu.“
Das Lied soll Teil eines Konzeptalbums werden. „La población“ (die Siedlung) beschreibt das prekäre Leben der Ärmsten. In die Songs baut Jara Tonaufnahmen ein, die er vor Ort gesammelt hat – kurze Straßenszenen, Zitate von Bewohnern und Geräusche. Er nimmt damit eine Technik vorweg, die im Hiphop Jahre später als „Street Skit“ populär wird. Den Jungen Luchín lässt er ein Gedicht aufsagen.
Als Jara mit dem Lied im peruanischen Fernsehen auftritt, erzählt er von einem „kleinen Banditen“, den er ins Herz geschlossen hat: „Vielleicht wird er in 15 oder 20 Jahren einmal eine Fabrik leiten!“ Im Song drückt er es poetisch aus: Wenn es Kinder wie Luchín gibt, die wie ein Vogel Dreck und Würmer schlucken, dann sollen sie auch fliegen dürfen wie die Vögel – also lasst uns alle Käfige öffnen!
Das mit der Fabrik ist ein Traum dieser Zeit. Chile wird seit den Wahlen 1970 vom sozialistischen Präsidenten Salvador Allende regiert. Für die Wahlkampagne hat Victor Jara den Song „¡Venceremos!“ geschrieben. Er tritt vor Arbeitern in Bergwerken und in den Armensiedlungen auf.
Am 11. September 1973 putscht das Militär in Chile, General Augusto Pinochet übernimmt die Macht, und am nächsten Tag wird Victor Jara im Hof der Technischen Universität verhaftet. In einer Veranstaltungshalle pferchen die Militärs ihn mit Tausenden anderen Inhaftierten zusammen, foltern ihn vier Tage lang, verstümmeln seine Hände und ermorden ihn mit 44 Schüssen. Victors Frau Joan geht mit ihren Töchtern ins Exil. Der fünfjährige Luis bleibt in Chile, wird noch einmal adoptiert, von einer befreundeten Familie, und nimmt den Nachnamen Iribarren an.
Ein Fabrikdirektor ist aus Luis Iribarren nicht geworden, er ist heute Anwalt. „In Chile ist es schwierig, Gerechtigkeit zu bekommen“, sagt er in einer Talkshow über 20 Jahre nach Ende der Diktatur. Es war ein US-Gericht, das den ersten der damaligen Militärs verurteilt hat, die für den Tod Victor Jaras verantwortlich waren. Inzwischen hat Chiles Justiz nachgezogen: Ende August 2023, nach fast 50 Jahren, hat der oberste Gerichtshof des Landes die Haftstrafen gegen acht damalige Offiziere bestätigt.
In der Halle, in der der Liedermacher ermordet wurde, finden bis heute Konzerte und Sportveranstaltungen statt. Sie trägt seit 2004 den Namen „Estadio Victor Jara“.
Advanced Chemistry: „Fremd im eigenen Land“ (1992)
„Ich hoffe, die Radiosender lassen diese Platte spiel’n Denn ich bin kein Einzelfall, sondern einer von viel’n Nicht anerkannt, fremd im eigenen Land Kein Ausländer und doch ein Fremder“
Advanced Chemistry: „Fremd im eigenen Land“
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„Nach der vierten Krawallnacht rechnet die Polizei mit weiteren rechtsradikalen Ausschreitungen in Rostock. Die Stadt sei inzwischen ein Sammelplatz für Rechtsradikale aus dem ganzen Bundesgebiet geworden, sagte ein Polizeisprecher.“
Mit einem Ausschnitt aus der Tagesschau vom 26. August 1992 über die rechtsextremen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen beginnt der Song „Fremd im eigenen Land“ der Heidelberger Hip-Hop-Band Advanced Chemistry. Der Song war eigentlich schon fertig, doch der Nachrichtenmitschnitt passt perfekt ins Intro: Es geht um ein ernstes Thema.
Die drei Rapper Torch, Linguist und Toni-L rappen drei Strophen lang ausführlich über das, was Kindern aus Einwandererfamilien ständig entgegenschlägt, von herablassenden Sprüchen über Racial Profiling bis hin zu körperlicher Gewalt. Kurzum: Die ganze Palette des Alltagsrassismus. Jede Strophe beginnt mit: „Ich habe einen grünen Pass, mit nem goldenen Adler drauf“ und endet mit „Kein Ausländer – und doch ein Fremder.“
Die Musiker sind in Deutschland geboren, und doch werden sie ständig als „Ausländer“ gelesen. Die Eltern von Torch stammen aus Ostpreußen und Haiti, Toni-L ist italienischer Abstammung, die Familie von Linguist stammt aus Ghana, er ist dort und in Deutschland aufgewachsen. Ständig müssen sie sich erklären, rechtfertigen, fragen lassen, ob sie einmal in ihre Heimat zurück gehen möchten.
1992 kennt das Radiopublikum deutschen Rap nur von den Fantastischen Vier, die es grade mit dem harmlosen Mittelschichts-Ulk „Die da!?!“ in die Hitparaden geschafft haben. „Fremd im eigenen Land“ läuft zwar nicht so häufig im Radio – und doch schlägt der Song ein. MTV spielt ihn europaweit.
„Der Song war wirklich polarisierend“, erinnert sich Torch in einem Interview. „Es ist ja überhaupt kein Radiosong ‒ er hat nicht die richtige Länge, ist nicht nett, da passt gar nichts. Aber den Leuten hat das alles aus der Seele gesprochen.“ Sein Mitmusiker Linguist findet: „Mit seiner Mischung aus politischer Stellungnahme mit unmittelbarem Bezug auf den rassistischen Terror der Zeit und offensiver, wütender persönlicher Erzählung bekam ‚Fremd im eigenen Land‘ eine Anziehungskraft auf junge Leute – Migranten und Eingeborene gleichermaßen – wie wir sie selbst nicht erwartet hatten.“ Vor allem unterwandert der Song selbstbewusst das Monopol der „eingeborenen Deutschen“ zu bestimmen, was denn Deutschsein heißt.
Advanced Chemistry hatte sich 1987 in Heidelberg gegründet. Rund um den Standort des Hauptquartiers der U.S. Army hatte sich eine junge Hip-Hop-Szene zusammengefunden. Durch afroamerikanische GIs und ihre Familienangehörige waren sie mit Hip-Hop in Berührung gekommen und organisierten nun ihre eigenen Jams, Auftritte, auf denen oft spontan und im Stegreif gerappt wurde.
Zu Beginn rappt die Szene noch auf Englisch – viele Afro-Deutsche sprachen das ohnehin auch zu Hause. Deutsch hatte zu sehr den Beigeschmack schmerzhafter Erfahrungen mit Rassismus. „Oft wurde ihre Beherrschung einem sogar ganz abgesprochen“, erinnert sich Linguist. „’Woher kannst du denn so gut deutsch?’“
Doch irgendwann wechselt Torch die Sprache, streut deutsche Ansagen und Reime ein, bringt Freestyles auf Deutsch und gilt seitdem als der Erste, der auf Jams deutsch rappt.
2020 stellt Advanced-Chemistry-Mitglied Torch der Stadt Heidelberg für die Gründung eines Hip-Hop-Archivs 5.000 Stücke aus seiner Sammlung zur Verfügung, darunter Drum-Computer und Texthefte. Im Jahr drauf zeichnet die Stadt Heidelberg ihn mit der Richard-Benz-Medaille aus. 2023 wird die „Hip-Hop-Kultur in Heidelberg und ihre Vernetzung in Deutschland“ in das Bundesweite Verzeichnis Immaterielles Kulturerbe aufgenommen.
Die Pioniere aus Heidelberg, die im Hip-Hop ein Zuhause fanden, haben ihr Land geprägt.
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