Ein Song für die Unsichtbaren

Xenia Rubinos: „Mexican Chef“ (2016)

„Brown walks your baby
Brown walks your dog
Brown raised America in place of its mom
Brown cleans your house
Brown takes your trash
Brown even wipes your granddaddy’s ass“

Xenia Rubinos: „Mexican Chef“
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Xenia Rubinos ist in Brooklyn unterwegs, um Besorgungen zu machen. Die Restaurants, die entlang der Straße liegen, bereiten sich auf den Abend vor, als der Musikerin etwas auffällt: Es sind vor allem Latinos, die im Hintergrund als Köche, Helfer und Barpersonal arbeiteten. Die vorderen Gasträume hingegen werden von weißen Kellnern hergerichtet. „Ich sah immer wieder die gleiche Szene,“ erklärt sie in einem Interview. „Von hinten war komplett andere Musik zu hören: Ranchera, mexikanische Musik, und Bachata. Vorne lief aktuelles Zeug, irgendwelche Indie-Musik.“

Rubinos muss lachen. Auf dem Weg nach Hause gehen ihr Reime durch den Kopf, sie überlegt, eine Kurzgeschichte zu schreiben. Als sie später mit ihrem Schlagzeuger Marco Buccelli im Proberaum sitzt, wird aus der Idee binnen zwei Stunden ein Song. Zu einem rohen Funk-Beat skandiert Rubinos: „French bistro, Dominican chef / Italian restaurant, Boricua chef / Chinese takeout, Mexican chef / Nouveau America, bachata in the back“.

„Boricua“ ist eine Selbstbezeichnung der Puerto Ricaner. Und „Bachata“, das ist eine Tanzmusik aus der Dominicanischen Republik, in der ganzen Karibik so populär wie hierzulande Schlager. Xenia Rubinos, in Connecticut geboren, hat selbst Wurzeln in der Karibik. Ihr Vater ist Kubaner, die Mutter Dominikanerin.

In Strophen, die an Kinderreime erinnern, zählt Rubinos auf, wie Arbeitskräfte aus Lateinamerika, und generell People of Color, den Laden am Laufen halten: Braun führt deinen Hund gassi, Braun putzt das Haus, Braun wischt deinem Opa den Hintern ab. Braun hat Amerika großgezogen, als die Mama nicht da war. Wir bauen die Ghettos und reißen sie wieder ab. „Wir dachten, der Song wäre ein Witz. Ich dachte, er wäre ein Witz,“ sagt Rubinos. „Aber er ist eine Art Gruß an die unsichtbaren Arbeitskräfte, die unsere Stadt am Laufen halten.“

Das Kostüm, das Rubinos in dem Video trägt, erinnert an Judy Garlands Performance des Songs „Get Happy“ aus dem Film „Summer Stock“ von 1950. Rubinos: „Sie singt dort vor allem übers Sterben, aber sie tut es in einem völlig überdrehten fröhlichen Song und tanzt dabei so, dass man das leicht übersehen kann.“

Eine zweite Inspiration für das Video ist die kubanische Sängerin La Lupe, die Königin des Latin-Soul. La Lupe, ein Freigeist und ein unchoreografiertes Naturtalent, streut in ihre Tanzeinlagen gern Bewegungen ein, als würde sie Wäsche waschen, ihren Schmuck fortwerfen oder ihren Kragen zurechtzupfen.

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In „Mexican Chef“ singt Rubinos zwei Zeilen auf Spanisch: „Toma chocolate / paga lo que debes“. Das heißt wörtlich: „Trink deine Schokolade, zahl, was du schuldig bist.“ Sie stammen aus dem Song „El Bodeguero“, „Der Lebensmittelhändler“, der kubanischen Band Orchesta Aragón. In den USA hat Nat King Cole ihn in den 1950er Jahren bekannt gemacht. Die Zeilen sind in Lateinamerika zum geflügelten Wort geworden: Wenn du genießt, musst du auch die Verantwortung übernehmen. Das ist mehr als ein Wink. In Xenia Rubinos‘ Song werden sie zum Aufruf, die Arbeitskräfte aus dem Globalen Süden angemessen zu behandeln.

Martin Kaluza, Februar 2026

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