Von den Blättern tropft das Blut

Billy Holiday: Strange Fruit (1939)

„Southern trees bear a strange fruit
Blood on the leaves and blood on the root
Black body swinging in the southern breeze
Strange fruit hanging from the poplar trees

Abel Meeropol: Strange Fruit
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Immer, wenn im New Yorker Nachtclub „Café Society“ am Sheridan Square das Ende von Billie Holidays Auftritts naht, hören die Kellner auf, die Tische zu bedienen. Das Licht wird ausgeschaltet, bis auf einen einzelnen Spot auf die Sängerin. Holiday schließt die Augen, wie im Gebet versunken.

Der Song, zu dem sie anhebt, beschwört eine ländliche Südstaatenidylle, in der die grausamsten Verbrechen stattfinden. Sie singt von den seltsamen Früchten, die in den Pappeln hängen. Über die Blätter rinnt Blut auf die Wurzeln, in der Brise des Südens schwingen schwarze Körper, an denen Krähen picken. Sie braucht das Wort „Lynchmorde“ gar nicht zu erwähnen.

Holiday besingt im Jahr 1939 ein Tabuthema. Fast 4.000 Menschen wurden in den USA seit Ende des 19. Jahrhunderts gelyncht. 90 Prozent dieser Morde fanden in den Südstaaten statt, vier Fünftel der Opfer waren Afroamerikaner.

Der Ort, an dem sie den Ort singt, versteht sich als explizit politisch. Der Betreiber Barney Josephson setzt sich über die Rassengesetze hinweg und erlaubt Schwarzen genauso Zutritt wie Weißen – anders etwa als im berühmten Cotton Club, wo Schwarze zwar auftreten, aber nicht im Publikum zugelassen sind.

Ihren bekanntesten Song hat ein Weißer geschrieben, der jüdische Lehrer Abel Meeropol, auch bekannt unter dem Pseudonym Lewis Allan und Mitglied der kommunistischen Partei. 1936 war er auf ein Bild des Fotografen Lawrence Beitler gestoßen, das die Lynchmorde an den schwarzen Teenagern Thomas Shipp und Abram Smith zeigte. Verstört von dem Foto schrieb Meeropol das Gedicht „Bitter Fruit“ und veröffentlichte es im Magazin der New Yorker Lehrergewerkschaft. Später komponierte er auch die Melodie, führte den Song im Madison Square Garden auf und bot ihn über den Betreiber des „Café Society“ Billie Holiday an.

Songwriter Abel Meeropol steht in der McCarthy-Ära noch einmal in der Öffentlichkeit: Mit seiner Frau Anne adoptiert er 1953 die Kinder des auf dem elektrischen Stuhl hingerichteten Ehepaars Ethel und Julius Rosenberg, das beschuldigt worden war, für das sowjetische Atomprogramm zu spionieren.

Billie Holiday singt „Strange Fruit“ jeden Abend. Gerne hätte sie den Song bei Columbia Records aufgenommen, doch ihre Plattenfirma lehnt ihn ab – zu heikel. Schließlich nimmt sie ihn beim Label Commodore auf, zusammen mit drei weiteren Songs. Die Band ist ihr achtköpfiges Orchester aus dem Nachtclub. Produzent und Labelbetreiber Milt Gabler sagt später, er glaube, das sei die erste wirklich moderne Blues-Session gewesen.

Vor allem gilt „Strange Fruit“ als der erste Song der Bürgerrechtsbewegung. Nach seinem Erscheinen erreicht er Platz 16 der US-amerikanischen Pop-Hitparade. Noch im Jahr der Veröffentlichung schreibt die New York Post: „Wenn die Wut der Ausgebeuteten im Süden jemals groß genug wird, hat sie jetzt ihre Marseillaise.“ Sechzig Jahre später kürt das Time-Magazine die Originalaufnahme von „Strange Fruit“ zum Song des Jahrhunderts.

Der Vergleich zur Marseillaise hinkt ein bisschen. Zwar ist sie eine Art Prototyp des Protestsongs, für schwungvolle, beherzte Lieder, die schlechte Arbeitsbedingungen und Unterdrückung anprangern und zum Mitmarschieren aufrufen.

„Strange Fruit“ hingegen ist in seiner Ruhe aufwühlend, der Song packt die Menschen emotional. Der Musikkritiker Dorian Lynsek drückt es so aus: Bis dahin waren Protestsongs Propaganda. „Strange Fruit“ war der Beweis, dass sie Kunst sein konnten.

Martin Kaluza, August 2025

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