Regenbogenflagge in der AfD-Hochburg

Maurice Conrad & Bruneau: „CSD in Sonneberg“ (2023)

„Es ist CSD in Sonneberg
Und die AfD empört
Überall ist Party
Weil den Landrat unsre Party stört“

Maurice Conrad & Bruneau: „CSD in Sonneberg“
Externer Link: Wenn Sie auf das Bild klicken, öffnet sich in einem neuen Tab ein youtube-Link mit dem Song

25. Juni 2023, die Stimmen der Kommunalwahl im Landkreis Sonneberg sind ausgezählt: Robert Sesselmann, der Kandidat der AfD, hat die Stichwahl gegen den amtierenden CDU-Landrat Jürgen Köpper, der von einer Parteienkoalition unterstützt wurde, mit 52,8% gewonnen. Damit steht fest: Die AfD erringt zum ersten Mal ein kommunales Spitzenamt.

Der neue Landrat gilt als Anhänger des rechtsextremen Landesparteichefs Bernd Höcke und bedient das ganze rechtspopulistische Vokabular von „Altparteien“ bis „Systemmedien“. Seine Stimmen hat Sesselmann mit den Slogans „Grenzen schließen“, „Frauen vor dem Islam schützen“ und „Gegen Windräder – für Diesel“ geholt. Seine Wahl ist ein Schock, Medien berichten weit über die Landesgrenzen hinaus.

Der Mainzer Kommunalpolitiker und Aktivist Maurice Conrad überlegt sich, was eine angemessene Antwort wäre. Wie könnte man der AfD und ihrer Wählerschaft möglichst plakativ zeigen, dass man ihr das Feld nicht überlässt? Ganz klar: Es bräuchte einen CSD in Sonneberg!

Conrad, Jahrgang 2000, steht für praktisch alle Werte, die die AfD ablehnt. Er setzt er sich für Klimaschutz und Seenotrettung ein und macht sich für LGBTQ*-Anliegen stark. Als Gründungsmitglied der Klimaliste Rheinland-Pfalz sitzt er seit 2019 im Mainzer Stadtrat. Früher war er Mitglied der Piraten, inzwischen ist er bei den Grünen und zur grünen Fraktion gewechselt.

Conrad tut sich mit dem Musiker Bruneau zusammen. Sie produzieren einen Song, in dem sie sich einen CSD in der Thüringer Kleinstadt herbeiwünschen. „AfD tut es weh, wenn du Glitzer im Gesicht hast“ rappt Bruneau, und Conrad über den neuen Landrat: „Doch er ist frustriert, denn er hat nicht in der Hand / Wie wir aussehen, wen wir lieben, wie wir uns kleiden.“ Die Kernbotschaft lautet: „Straight oder Queer oder Ally, egal / Hauptsache wir zeigen, wir sind noch da.“

Conrad und Bruneau fahren nach Sonneberg, um vor Ort das Video zu dem Song zu drehen – Conrad im bauchfreien Top und Shorts, alle Beteiligten geschminkt, die Pride Flag immer dabei. Sie überkleben demonstrativ die Toilettentüren am Rathaus mit genderneutralen Symbolen. Und dann läuft tatsächlich Landrat Robert Sesselmann mit seiner Aktentasche durchs Bild, während Conrad im Hintergrund rappt.

Eine einschüchternde Atmosphäre liegt während des Videodrehs über der Stadt. „Bruneau und ich konnten wieder abfahren, zurück nach Köln und Mainz“, schreibt Conrad in seiner Taz-Kolumne „Änder studies“. „Aber was ist mit den Menschen vor Ort? Mit denen, die sich gar nicht erst trauen, auf dem Rathausplatz ihrer Heimatstadt in einem Musikvideo mitzuwirken, weil sie Angst haben, ihre Beteiligung könnte für sie zum Problem werden?“

Einer der ersten Kommentare zu dem Video stammt von User 777MelB: „Hey guyys, ich feiere euch!!!! Ich komme aus Südthüringen, habe viele Jahre in Sonneberg gelebt und habe da immer noch Familie. In der Zeit damals habe ich einige heimlich (!) Schwule und Lesben kennengelernt! Ein echter CSD, wenn auch nur mit 10 Teilnehmern, wäre echt der burner!!“

Ein Jahr später wird der Wunsch Wirklichkeit: Aus der Thüringer Kleinstadt heraus organisiert, mit Unterstützung der Community aus dem 25 Kilometer entfernten Coburg, findet am 20. Juli 2024 erstmals ein CSD in Sonneberg statt.

Martin Kaluza, Juli 2024

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