Der militärisch-industrielle Komplex

Bob Dylan: Masters of War (1963)

„You fasten the triggers
For the others to fire
Then you sit back and watch
When the death count gets higher
You hide in your mansion
As the young people’s blood
Flows out of their bodies
And is buried in mud“

Bob Dylan: Masters of War
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Am 17. Januar 1961 hält Dwight D. Eisenhower nach zwei Amtszeiten seine Abschiedsrede als Präsident der USA. Seine Präsidentschaft war geprägt vom Kalten Krieg und massiver Aufrüstung auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs. Das Wettrüsten nahm zu Beginn seiner Präsidentschaft Fahrt auf: USA und UdSSR bauten Atombomben, die zunächst nur von Langstreckenbombern aus abgeworfen werden konnten. 1957 bauten die Sowjets die erste Interkontinentalrakete der Welt. 1958 drohten sie, West-Berlin der DDR einzuverleiben – eine Spannung, die die Supermächte zunächst lösen konnten, durch eine Vereinbarung über den Kurs der „friedlichen Koexistenz“.

In seiner Abschiedsrede warnt Eisenhower nun zum Erstaunen vieler Zuhörer vor dem, was er den „militärisch-industriellen Komplex“ nennt: Obwohl er selbst Generalstabschef der Armee gewesen war, sieht in den Verflechtungen von Rüstungsindustrie und Politik eine Gefahr für die demokratischen Institutionen. Er fürchtet, dass ein massiv aufgerüstetes Land Konflikte vorschnell militärisch auszutragen bereits ist statt diplomatische Lösungen zu suchen.

Eisenhower sagt: „Nur wachsame und informierte Bürger können die angemessene Verknüpfung der gigantischen industriellen und militärischen Verteidigungsmaschinerie mit unseren friedlichen Methoden und Zielen erzwingen, so dass Sicherheit und Freiheit zusammen wachsen und gedeihen können.“

Eine Woche nach Eisenhowers Rede zieht Robert Zimmermann, ein Junge aus dem kargen Norden der USA, nach New York und mischt mit seiner Gitarre die Musikkneipen und Bars der Folk-Szene auf. Unter seinem Künstlernamen Bob Dylan spielt der 21-Jährige die Songs seines Vorbilds Woody Guthrie. Bald schreibt er eigene Lieder, politisch und engagiert. „The Ballad of Donald White“ oder „The Death of Emmett Till“ sind, ganz der Folk-Tradition folgend, um das Schicksal einer bestimmten Person herum gestrickt.

Doch Dylan will sich weiter entwickeln und schreibt neue Songs. Er wagt den Blick auf das Große Ganze: „Blowin‘ in the Wind“, das sein größter Hit werden wird, ist ein Schrei nach Freiheit und nach Frieden, und damals so ungewöhnlich, dass er auch von der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung angenommen wird.

Dylan verfasst, inspiriert von Eisenhowers Rede, einen noch expliziteren Antikriegssong, die Melodie entlehnt er dem Folksong „Nottamun Town“: In „Masters of War“ klagt Dylan gegen Kriege, die von den jungen Menschen nicht gewollt werden; er wettert gegen die Schreibtischtäter, die ungerührt zuschauen, während andere sterben; er ätzt gegen den Zynismus der Kriegsgewinnler, für die Menschenleben nichts zählen. In der letzten Strophe wünscht er ihnen den Tod und malt sich aus, er würde ihrem Sarg folgen und auf dem Grab stehen, um sicher zu gehen, dass sie tot sind.

Solche boshaften Gedanken sind eigentlich nicht Dylans Stil. Man kann sie als Rollenprosa lesen und als erschütterte Feststellung, was die Hilflosigkeit angesichts des Krieg aus friedlichen Menschen macht – sie wünschen den Kriegsherren den Tod. Man könnte auch sagen: Die letzte Strophe malt aus, wie das Gift, vor dem Eisenhower gewarnt hatte, seine Wirkung auch im Privaten entfaltet.

Kurze Zeit später wird Dylans Song zunächst zum Soundtrack der Kuba-Krise und zum Protestlied gegen den Vietnamkrieg. Der schwelt zwar bereits seit 1955, doch zum Trauma für die US-amerikanische Gesellschaft wird er erst 1965, als die USA sich aktiver als bisher am Krieg beteiligen und Nordvietnam bombardieren. Der militärisch-industrielle Komplex hat einen fatalen Weg eingeschlagen, der zehn Jahre später mit einem verlorenen Krieg enden wird.

Martin Kaluza, Juni 2022

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